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Central-Verein-Zeitung · 1937-02-18 · 7 (18.2.1937) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
7 (18.2.1937)
Date
1937-02-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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nicht, dass mich das Gespräch ziemlich mitgerissen hat. Aber ich rede mir nichts vor: ich glaube kaum, dass ich 6obald hin- oder mein Junge herkommen kann. Aber ist es nicht besser, ich bekomme von ihm Briefe mit.guten Berichten — und er wird sich schon durchsetzen, mein Junge —, als dass er hier neben mir sitzt und wir beide jammern uns was vor?" So sprach Frau X., die 69 Jahre alt ist, in einem möblierten Zimmer wohnt, den Mann verloren, die Tochter in Paris verheiratet und den Sohn unterwegs in das fremde, ferne Land hat. Und keiner am ganzen Tisch hat in ihren guten Augen eine Träne gesehen. Was ist weiter zu sagen zu dieser Haltung .feiner jüdischen Mutter? H. M. Kleine Anleitung zum Glücklichsein In einem Vorort Berlins lebt ein älteres jüdisches Ehepaar. Ihre einzige Tochter Ruth ist erst zur Welt gekommen, als die Eltern keineswegs mehr jung waren. Um so heisser war die Liebe zu ihrem Kinde und um so grösser der Schmerz, als Ruth vor etwa zwei Jahren nach Buenos Aires heiratete. Die Eltern werden kaum Die Schneiderin MOlfeHafelier SChÜIer Der Schneider für die elegant gekleidete Dame Berlin NW6, Schiffbauerdamm 12a, a.BhlFriedrichstr.,D2Weidend.2137 jemals mehr imstande sein, ihre Tochter in der neuen Heimat zu besuchen. Das junge Paar aber, das versprochen hatte, nach längstens anderthalbjähriger Trennung zu Besuch zu kommen, wurde durch Erwartung eines Kindes an der Reise verhindert. Nachdem die werdenden Grosseltern die Enttäuschung darüber, dass sie die Tochter nun nicht so bald wiedersehen sollten, etwas überwunden hatten, siegte die Vorfreude auf das Enkelkind und Frau Mayer schrieb sofort an ihre Tochter, sie wolle für die Säuglingswäsche, Körbchen usw. mit Begeisterung sorgen. Ruth möchte doch schleunigst antworten, ob sie blaue oder rosa Schleifchen und Verzierungen vorziehe. Bis der nächste Brief aus Südamerika einlief, waren beide Mayers ganz Leben und Tätigkeit. Kein Geschäft, das mit Babyartikeln zu tun hatte, war vor ihnen sicher. Das erste Enkelchen sollte 60 ausgestattet ins Leben treten, dass es sich sehen lassen konnte! Und dann kam der Brief. Zunächst teilte Ruth mit. dass sie den Eltern von Herzen für ihren guten Willen danke. Dann, 'dass sie gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Babys Erstlingsgarderobe bereits fast fertiggestellt habe. „Dem heissen Klima entsprechend, geliebte Mumm, gibt es hier für kleine Kinder ganz andere Stoffe und Modelle, wie zu Hause. Aber Heinz und ich haben einen Gedanken für euch gefasst, der euch hoffentlich ebenso zusagt wie uns. Wir erwarten unser Kind Ende Dezember. Wie wäre es, wenn ihr das, was ihr uns so liebevoll zugedacht habt, einer jungen Frau zuwenden würdet, die um die gleiche Zeit wie ich ihr Kindchen erwartet, und es finanziell weniger gut hat? Denkt doch mal an, wie ihr an diesem kleinen .Enkel-Ersatz4 miterleben würdet, wie das ferne Bübchen oder Mädelchen sich entwickelt? Ich habe mit unserem Arzt gesprochen, der meint, 'dass die körperliche Entwicklung eines gesunden Der Maler Von Alice Stein-Landesmann Gegen 4 Uhr pflegte Ulrich das kleine Atelier zu verlassen: frühe Dunkelheit überfiel dann zumeist rasch und drohend den Raum. Das Herannahen des Abends brachte dem jungen Menschen ein lähmendes Gefühl der Unlust: In einer Müdigkeit, die jedoch auf den letzten Treppenstufen zu verfliegen schien, ging Ulrich hinunter — jedesmal meinte er beim Verlassen des Hauses sich einer feindlichen Umwelt auszuliefern. Meist ging er ziellos umher; fast täglich wiederholte sich sein Vorsatz, Freunde aufzusuchen, und fasi täglich blieb der Plan unausgeführt. Mit 23 Jahren ist man entweder von leidenschaftlicher Beharrlichkeit oder man ist jähem Stimmungswechsel unterworfen. Von quälenden Problemen bewegt, fühlte Ulrich einen beinahe schmerzlich starken Wunsch nach Alleinsein. Er litt unter dieser selbstgewählten Einsamkeit und doch mied er Gesellschaft. Den Uebermut sorgloser Kinderjahre hatte er abgelegt — er war ihm vielmehr verloren gegangen, und er trauerte der entschwundenen Leichtigkeit nicht nach--vielleicht empfand er, dass dieses ,.-Täglich-sichneu-behaupten-müssen" ebenso wie der wirtschaftliche Kampf seine Augen für vieles geschärft hatten. — — Er trieb sich jetzt viel in Lesesälen, auf Plätzen und in Wärmehallen umher — er zeichnete nun Köpfe, und mit einer hungerähnlichen Gier schlürften seine Blicke diese fremden Gesichter in sich hinein. Wie auf eine Platte eingeritzt, hafteten die Bilder in seinem Gedächtnis: Stirn mit Leidensfalten, ein Wimpernschatten oder die eigensinnige Linie einer Mädchenschläfe--Er pflegte dann daheim in unbewusster Sicherheit diese Eindrücke mit Kohle hinzusetzen — Der Februarnachmittag war trübe; lauer Wind, der ieise Frühlingsahnung wie einen Duft in sich barg, strich über die Stadt Der Spaziergänger liess sich treiben — die Luft war Kindes überall in zivilisierten Gegenden 'die gleiche ist. Noch ist ja Zeit genug, dass unsere Säuglingsfürsorge in Berlin euch mit einem gesunden, zukünftigen Elternpaar bekanntmacht. ' Oh Mummi, lieber Vater, macht Heinz und mir und vor allem euch doch diese Freude. Natürlich wird das fremde-Kind nie ganz die Stelle in eurem Herzen einnehmen, wie das unsere. Das wissen wir recht genau, und unser Kleines wird auch stets hocherfreut Geschenke von den Grosseltern, die so weit weg leben, empfangen. Schliesslich werden wir ja auch zu Dritt einmal nach Europa kommen. Aber bis dahin — ihr" versucht es einmal mit dem Ersatzenkelchen, gelt?" Bei Ruths Mutter fasste die Anregung von Tochter und Schwiegersohn schneller festen Fuss, als sie es erwartet hatten. Die jüdische Säuglingsfürsorge unterstützte die Wünsche der alten Dame und man fand wirklich ein jüdisches Baby, das am 27. Dezember in Berlin geboren wurde — am 29. traf in Buenos Aires die ersehnte kleine Ursula ein . . . Die Eltern des hiesigen Säuglings, gesunde junge Menschen, die um ihre Existenz kämpfen, sind beglückt durch die unverhoffte Fürsorge, die ihnen zuteil wird. Das junge Paar in Südamerika aber hat die grosse Freude, zu wissen, dass es für die Grosseltern hier einen winzigen „Ursel-Ersatz" gibt K. W. Gebet um Ruhe Ich weiss, die Welt ist gross und weit Und manchmal trägt sie ein leuchtendes Kleid, Es lacht und locket ihr goldener Glanz Sich steigernd zu Frohsinn und lustigem Tanz! --Ich halte mir Augen und Ohren zu Und such5 einen Winkel und wünsche mir Ruh'.-- Ich weiss, die Welt hat viel Weite und Raum Ihre Länder durchleb' ich bei Tag und im Traum. Mein Herze erzittert in tiefstem Weh' Wenn ich im Geiste mich wandern seh' Und weiter zieht mich mein müder Schuh', Ich schliesse die Augen und — find' keine Ruh'. Ich weiss, die Welt ist voll Hoffen und Bangen, Schicksal hält Brüder und Schwestern umfangen. Eiserne Kette, du Glaubensband, Jude an Jude und Länder an Land. Jude, ich ruf dich, denn ich bin du, Herrgott erhör' mich — und schenke uns Ruh'! Else Leeser. Anna Joachimsthal- Schwabe Anna Joachimsthal-Schwabe, die Verfasserin bedeutender religiöser Lyrik, ist, wie wir in der vorigen Nummer der C.-V.-Zeitung berichteten, 44jährig in Dresden einem heimtückischen langen und qualvollen Leiden erlegen. Ihre Gedichte fanden starken Widerhall, weil sich in ihnen eine tiefe Religiosität voll lebendiger messianischer Zukunftshoffnungen und ein unbedingtes ernst-gewaltiges Gottvertrauen kundtat. Die Bedeutung der Heimgegangenen lag beson- Wohltat nach den langen Stunden der Eingeschlossenheit. Plötzlich fand er sich vor der Synagoge — er besann sich, dass es ein Freitag war und zögerte. Er pflegte den Tempel nur selten zu besuchen, an den hohen Feiertagen aber mied er ihn bewusst: eine geheime Scheu hielt ihn von der Menge der Betenden zurück. Er folgte in religiösen Dingen fast fanatisch nur dem ehrlichsten Bedürfnis zur Andacht. Oft war er als Kind mit den Eltern dorthin gegangen — in einer Mischung von Stolz und Furcht hatte er die Hand der Mutter losgelassen, wenn sie sich von ihnen trennte, um sich zu den Frauen zu begeben. Noch jetzt, wenn er den Tempel besuchte, überkam ihn jenes eigentümliche Gefühlt geteilter Empfindung. Er schwankte, ob er eintreten sollte — es fehlte ihm an genügender Sammlung. Und so verharrte er am Fuss der Treppe, als sein Blick von einer jungen Mädchengestalt angezogen wurde, auf deren Gesicht Ulrich die gleiche Unschlüssigkeit wie einen feinen Schleier liegen sah. Die sehr einfache Kleidung deutete auf grösste Bescheidenheit. Das Mädchen — schon am Eingang für die Frauen — machte plötzlieh kehrt und wandte sich zur Seite, um einem hageren älteren Manne zuzunicken. Dann aber schüttelte sie, einer stummen Frage antwortend, den Kopf, und in diesem Augenblick schien sie durch ihr zärtliches Lächeln so zauberisch verwandelt, dass Ulrich sie hingerissen anstarrte. Da sie nun in die Strasse einbog, folgte er ihr, ohne nachzudenken. Der Strom der Passanten war jetzt wie fortgeweht; drüben schimmerte undeutlich, wie eine japanische Zeichnung hingetuscht, das dürre Geäst der Bäume, die den Park begrenzten. Ulrich ging nun neben der Fremden einher. Nach einigen Schritten hielt sie an und sagte ohne Zorn, aber entschieden: „Bitte nicht —!" Er zog den Hut, während Stimme und Augen unverkennbar die Ehrlichkeit seiner Worte unterstrichen: „Erlauben Sie mir ein paar Minuten, Sie anzusehen! Ich bin Maler, Ulrich Schall. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich ein Stückchen mit Ihnen gehen dürfte —!" 2,Es dürfte bessere Modelle geben e-" sagte ders auch in ihrem unermüdlichen Einsetzen für noch unbekannte Talente, die sie in zahlreichen öffentlichen Rezitationsabenden förderte und zu denen heute sehr anerkannte Autoren gehören (Heinicke, Carossa, Schnack, Le Fort u. a.). Ihre Abende im eigenen Hause gaben vielen schaffenden und produktiven Künstlern Gelegenheit, vor einem grösseren kunstinteressierten Kreise aufzutreten. Die Zugehörigkeit zum Judentum empfand sie als eine Auserwähltheit besonderer Art, um der Menschheit — wenn auch unter Kürzlich veranstaltete eine amerikanische Zeitschrift ein Preisausschreiben. Man sah in wunderschönen Photos die „bekannte" Tennismeisterin neben dem „unbekannten" Mädchen aus einer Bar, die chinesische Schauspielerin Anna May Wong neben einer der medinettes, der Nähmädchen in der Modestadt Paris, eine bekannte amerikanische Volkswirtschaf tierin neben der Lady Melchett, eine „grosse" Dame der New-Yorker Gesellschaft neben einer jungen Frau, der Vertreterin der „kleinen" Welt der Hausfrau, ein japanisches Teemädchen neben der Gattin eines berühmten Filmschauspielers. Die Bearbeiter des Preisausschreibens setzten unter diese vielen schönen Photographien das eine Wort: „Welche?" Sie vermieden die schon oft gehörte, fast stereotyp gewordene Frage: „Welches ist Ihr Typ?", aber es schien doch, als wollten sie Schlüsse auf die Zusammensetzung ihres Leserkreises ziehen, auf Grund der eingegangenen Antworten eine einheitliche Linie finden. Ich musste an die Frage denken, als ich die Galerie jüdischer Köpfe betrachtete, die Viola Böhm in ihrem Berliner Atelier gearbeitet hat. Es sind alles Frauengesichter, jüdisches Antlitz vieler Lebensalter, Menschen, die man auch nicht auf den Generalnenner „Typ" bringen kann. Kann man bei ihnen allen eine einheitliche Linie finden? Da ist das Frauenporträt aus Stucco. Seine energischen, angespannten Gesichtszüge lassen erkennen, dass dieser junge Mensch es nicht gar zu leicht hat im Leben. Aber doch liegt der Ausdruck von Beherrschung in den Zügen der tüchtigen Sprechstundenhilfe, die neben der ärztlichen Assistenz den Haushalt der Mutter versorgt, immer gleichmässiger Stimmung ist und ihren Mitmenschen ein guter Kamerad. Eigentlich hat es das junge Mädchen, das gerade fünfzehn Jahr geworden, leichter. Sie verbringt die Vorbereitungszeit für Palästina auf der Mittleren Hachschara, und sie berichtet freudig von den Dingen um sie herum, vom Waschtag, bei dem man früh um fünf Uhr aufstehen muss, und von den Freundschaften, die sie von der alten in die neue Heimat begleiten werden. Schon prägen sich auch in diesem Antlitz ernste Falten; die Bildhauerin, die um Mund und Nasenflügel ein leichtes Zucken legte, wusste um den Ernst des Menschenkindes, das ihr Modell sass. Und sie wusste auch, dass das Wort von der „Frau, wie sie in der Bibel steht"", ein wahres Wort ist. Deshalb porträtierte sie die noch gar nicht an Jahren alte jüdische Hausfrau und Mutter, die aufgeht in Mann und Kindern, im Haushalt mit seinen vielen kleinen und grossen Sorgen, die von früh bis spät arbeitet — eine Frau, wie sie in der Bibel das Mädchen ruhig; sie ging langsam weiter, dem Tiergarten zu. „Ich mache einige Skizzen zum Buche „Ruth" murmelte Ulrich, und im gleichen Moment hätte er geschworen, dass dieser Plan längst in ihm bestand. Er sah das Feld vor sich, sah, wie Ruth sich bückte und Aehren las. Die Linie der vorgeneigten Brust, der Schwung des ausgreifenden Armes — wie deutlich erlebte er die Bewegung. — Blendende Sonne legte goldenen Schein um die demütige Gestalt. — „Wollen Sie mich dafür haben? Für Ruth?" Das kindlich weiche Oval schien plötzlich verändert, die Stimme klang ernst und beinahe streng: „Ich wollte, Sie zeichneten Bilder zum Buche „Esther!" Er sah sie fragend an. „Erst gestern habe ich meinem Vater daraus vorgelesen — Hamann und Mardochai — die Königin Esther — eine grosse Frau." — Sie stockte. Sein Blick bat. Sie fuhr fort: „Seit meiner Kindheit liebe ich diese Gestalt — welcher Mut! Welche Klugheit! — Ich begreife nicht, dass sich kein Dichter gefunden hat, den es reizte, diese Menschen ins Heutige zu verwandeln — aber vielleicht würden sie ihr Format verlieren —?" Wieder brach sie ab. Er betrachtete staunend den leidenschaftlich bewegten Ausdruck dieses dunklen Kopfes. Wie hatte er sie nur für kindlich halten können? „Sie lieben die Bibel? Sie kennen Sie gut?" Sie nickte. Jetzt kreuzten sie den Damm, näherten sich dem Park, dessen Dämmerung sie aufnahm. Plötzlich schien es selbstverständlich, dass sie da gingen, zwei junge Menschen, beschwert von den Lasten einer kämpfenden Umwelt, beide voll geheimnisvoller Kräfte, deren Ausmasse ihnen selber noch unbekannt war. Wundersam und beglückend empfand Ulrich das Schweigen — er spürte in der fremden Gefährtin einen suchenden Menschen.. Wunschlos genoss er dies Nebeneinander. „Also Esther —?" sagte er tastend. Sie wandte den Kopf und wieder flog dieses bezwingende Lächeln über das ernste Gesicht schmerzvollsten Schicksalen — die bedingungslose Hingabe an den göttlichen Willen und die messianische Erlösungszuversicht vorzuleben. Aus tiefem Verantwortungsgefühl verneinte sie deshalb scharf jede materialistische und oberflächliche Strömung im Judentum und wurde nicht müde, in Gesprächen, Aufsätzen, Briefen und in ihren religiösen Dichtungen zur Verinnerlichung und zur Verwirklichung der prophetischen Schau im jüdischen Leben aufzurufen. E. B. steht —, die aber auch das Herz auf dem rechten Fleck hat! Neben der Tochter steht das Porträt der Mutter. Es ist gewiss nicht so einfach, heute die jüdische Mutter charakteristisch zu porträtieren. Viola Böhm hat sich eine Mutter zum Viola Böhm bei der Arbeit Fot. Herbert Soimmfeld Modell genommen, die an der Wende steht von der alten zur neuen Zeit. Diesem Bildnis merkt man an, dass Mühe und Arbeit gepaart mit einem starken Geist das Leben erfüllen, es" aber gleichzeitig meistern helfen. Und wieder ein anderes Frauengesicht! Das ist die jüdische Wissenschaftlerin. Ihr Porträtaus Gips wurde grün getönt und wirkt daher fast wie aus Bronze. Die äussere Aufmachung; schon vermag etwas Tiefgründiges in die Züge-.- zu bringen, in denen sich das Wesen dieser Jüdin ausdrückt. •' Kann man bei all diesen Porträts eine einheitliche Linie finden? Schwerwiegende Frage, noch schwerwiegendere Antwort! Kürzlich sagte ein Rabbiner in der Festtagspredigt, es möchten doch alle jüdischen Frauen so eine innere Haltung widerspiegeln wie das Porträt „Dagmar", das in einer Ausstellung zu sehen' sei. Er meinte jene Vornehmheit, die in der schlichten Linie, in der Zurückhaltung dieses weiblichen Porträts der Viola Böhm zum Ausdruck kommt. Dr. Olga Bloch. „Wollten Sie nicht in den Tempel gehen?" Er schüttelte den Kopf: „Ich weiss das immer erst im letzten Augenblick. Nicht immer ist man bereit für das Gebet" „Nicht wahr? Und das kann Vater nicht begreifen. Auch ich muss manchmal umkehren, wenn ich ihn hinbegleitet habe. E r holt sich immer Trost von dort. — Vielleicht haben wir Jüngeren andere Gesetze in uns —?" Jetzt schien ihr Blick ihn zu befragen. „Frömmigkeit sieht bei jedem Menschen anders aus —" erwiderte er. Sein Hand berührte zart ihren Arm: „Wir wollen umkehren — es kommt Nebel vom Kanal herauf!" Mit zitternder. Freude ward er sich bewusst, dass er an dieses Mädchen dachte, als hätte er ein Anrecht, sie zu beschützen. Sie gingen den Weg zurück. Wieder fiel das Schweigen wie eine sanfte Zärtlichkeit über sie. Dann fanden sie sich in der nun schonerleuchteten Strasse, die grell und bewegt zur Wachheit aufrief. „Darf ich wissen, wie Sie leben, was Sie tun?" fragte Ulrich, während sie gerade an einer Blumenhandlung vorübergingen, deren Schaufenster sich in lockender Buntheif vor ihnen ausbreitete. Das Mädchen blieb stehen, und ihre Augen hefteten sich in einer leisen Trauer auf diese Fülle von Schönheit. Ulrich hatte seine Frage sofort bereut, und nun begriff er dankbar, dass die Gefährtin dieser' Dämmerstunde stumm blieb. Vielleicht hätte ein Wissen um kleinliche Dinge den Zauber gebrochen. Er nahm etwas Unsagbares mit — er hatte einen Menschen erlebt, von dem man träumen durfte. — Ulrich zog den Hut: „Sie haben mich beschenkt —" sagte er leise. „Nun wird es am Ende wirklich das Buch Esther werden! Ich danke Ihnen!" Noch immer starrte das Mädchen auf die lichte Blumenpracht hin. Sie sah sich nicht um; in dem überrieselten Fensterglas glaubte sie sekundenlang sein Bild wie in einem Spiegel wiederzufinden. — .—. .-- Frauenporträts

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