Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 7 (18.2.1937)
- Date
- 1937-02-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Blatt der jüdischen Trau Kummer 7 3. Beiblatt der G-V.-Zeitung 18. Februar 1937 Tinte, Feder und Kartei im Haushalt Von Meta Samson Der tägliche Haushalt nimmt heute die Zeit rieler jüdischer Frauen in so übermässiger Weise :n Anspruch, .dass sie zuerst bekümmert und später mit Resignation feststellen, dass sie ihre [nteressen und Neigungen den veränderten Umständen opfern müssen. Dabei ist ihnen zumute, als ob für sie die Tür, die ins Freie führen würde, für immer ins Schloss gefallen wäre. Der Schlüssel aber, der ihnen helfen könnte, besteht aus Tinte und Feder zur Einrichtung eines häuslichen Büros. Mit der besseren Uebersicht und Verwertung allen vorhandenen Materials, aus dem sich überhaupt erst das Gesicht des Haushalts formen lässt, geben sie dem schwankenden Haushaltkörper ein festes Rückgrat. Aus dem Grad der Vergeistigung ergibt sich dann die individuelle Prägung. Dass das häusliche Büro mit der Führung des Wirtschaftsbuches beginnt, wird manche Hausfrau bitter enttäuschen. Ein grosser Teil aller weiblichen Kontobücher im Haushalt würden gewiss dem Psychiater interessante Unterlagen bieten Vom eigensinnigen Unterlassen allen Aufschreibens bis zur ängstlichen Eintragung, von der kleinen Mogelei bis zur Beichte, würde. er alle Formen der Selbsttäuschung in ihnen finden. Gerade aber die sachliche, unbeeinflussbare Eintragung aller Posten macht es möglich, die Tragbarkeit oder Untragbarkeit eines Unternehmens festzustellen, den Punkt des geringsten Widerstandes in der Haushaltführung zu entdecken und dafür zu sorgen, dass im Rahmen der täglich sich wiederholenden Ausgaben Platz geschaffen wird für die Erfüllung individueller Bedürfnisse. Eine Buchführung muss — im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung — das Ziel haben, jedes starre Schema, jede quälende Einengung aus den Zahlen zu erkennen und nach Möglichkeit zu überwinden. Notizen als Gedächtnisstütze werden viel und von jungen Menschen oft mit einer gewissen Leidenschaft gemacht; erst aber, wenn diese Schnellverbindung zu unserem Gedankenschatz' immer wieder hergestellt und erweitert werden lcann, erfüllen diese Notizen — und zwar die stets handbereiten — ihren Zweck. Die Wichtigkeit einer solchen Stütze erweist sich bereits beim Einkaufszettelchen, mit dem sich die Hausfrau unnötige Wege oder planloses Hin- und Herlaufen erspart. Ordner und Kartei übernehmen dann jede Notiz, die über den Tag hinaus ihren ßVert behält. Der Ordner mit seiner alphabetischen Einteilung umfasst alle Arten von Briefen, Schriftstücken, Rechnungen, Dokumente, die aufgehoben werden sollen. Genauere Auskunft für die verschiedenen Gesichtspunkte, nach denen man sichten und einreihen kann, gibt das Heftchen: Sammeln und Ordnen, um nicht zu vergessen, von Heinrich Lotze. (Hans Bott Verlag.) Wäre doch jedes Ordnen recht einfach, wenn nicht z. B. irgendein Zeitungsausschnitt, den wir sachgemäss am angeklebten Papierstreifen durchlocht haben, für mehrere Mappen in Betracht käme. Hier dürfen entsprechende Hinweise nicht fehlen. Mehr noch als der Ordner kann die Kartei auf kleinstem Raum Uebersicht und Klarheit für Gedanken und jeden geistigen oder materiellen Besitz schaffen, indem sie Vergangenes bewahrt, Gegenwärtiges belebt und Zukünftiges vorbereitet. Sie wächst mit dem Bedarf und kann Ueberholtes sofort ausschalten. Frau Frederick, eine der Vorkämpferinnen rationeller Haushaltführung in Amerika, widmet der Kartei ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie gruppiert sie nach den verschiedenen Gebieten, die in der Hausgemeinschaft zu umgrenzen sind. Nachweise für den Haushalt, für Bücher, für den Arzt, für Adressen, für Winke, für Dokumente, für eine Generalinventur werden gesondert eingerichtet und nach den verschiedensten Richtungen bearbeitet und ergänzt. Besonders bewährte sich z. B. die Krankenkarte jedes Familienmitgliedes zur schnelleren Orientierung des Arztes, mit der besonderen Karte für den Augen- und den Zahnarzt. Im'Büchernachweis ist eine Karte für empfohlene und eine andere für entliehene Bücher der Nachahmung wert. In die Haushaltnachweise gehört nicht nur die bekannte Geburtstags- und Gedenkliste, sondern auch eine Karte mit den Grössen und Massen von Kleidern, Schuhen, Handschuhen, Kragen der einzelnen Hausgenossen, die jeden Einkauf erleichtern. Mit gleicher Absicht ist ein Leinennachweis eingerichtet worden, der auf seiner Karte Zahl, Grösse und Preis der gekauften Wäsche in Verbindung mit dem Einkaufstag vermerkt. Wieder eine andere Karte gibt über den Aufbewahrungsort fortgelegter Kleidungsstücke Auskunft, und Haushaltwinke alier Art, mögen sie sich um Kinderpflege, um Kosmetik, um Zimmer- und Hausputz handeln, werden als einzelne Bausteine zu einem grossen Haus der Anregung, Belehrung und schnellste Orientierung zusammengetragen. Auch an Stelle mühevollen Herumblätterns in einem Kochbuch wird für die häufig verwandten Rezepte eine Kochkartei empfohlen, die durch überstehende Leitkarten in ihre bestimmten Gruppen eingeteilt wird. An einem Häkchen wird das jeweils benutzte Rezept aufgehängt. Bei der Verwaltung geistigen Gutes ist mehr die mangelnde Technik als die mangelnde Zeit für Schwierigkeiten und Verwirrung aller Art verantwortlich. Geben wir-der Kartei unseren Vorrat von schnell Gehörtem und Gelesenem einstweilen zur Aufbewahrung, so wird der Augenblick kommen, in dem wir dem Hinweis folgen und ihn für uns ausnutzen können; denn Wünsche und Gedanken, die wir bewahren und pflegen, werden eines Tages geboren; sie werden „Wirklichkeit!" „Wir kochen Turm" Lehrküche für Auswanderinnen Ein Benzintank in einer Küche?! Sonderbare Sache! Diese kleine blitzblanke Küche in Berlin- Wilmersdorf sieht überhaupt recht sonderbar aus. Ein Gasherd — gut, das kennen wir. Aber' was ist das und das — und erst das? Die kleine Küche ist eine Schau- und Lehrküche. Frau Henriette Albach, Ernährungs- und Kochlehrerin aus Passion, hat alle Herde und sonstigen küchentechnischen Hilfsmittel zusammengetragen, die in Ländern oder Gegenden ohne Gas, Kohle, Kochstrom mit Nutzen gebraucht werden können. Nun erteilt sie praktischen Kochunterricht „auf" Benzin, Petroleum und Propan, wobei Voraussetzung ist, dass die Frauen bereits mit den gewohnten Heizstoffen kochen können. Ausserdem wird theoretische Unterweisung in Ernährungslehre gegeben. Muss das alles wirklich gelernt werden? Es kann gar nicht gründlich genug gelernt werden! Die Herde und Heizstoffe haben ihre Tücken. Das warme oder heisse Klima birgt gesundheitliche Gefahren, besonders für den unzweckmässig ernährten Menschen. Hitze, Staub und Ungeziefer sind Feinde der „südlichen" Küche, die man bekämpfen muss. Folgende Herde werden in der Lehrküche gezeigt und erprobt: ein Zweiflammen-Petroleumherd, verbesserte Auflage des vielgenannten „Primus"; ein weiterer Petroleumherd, der in 2 Einflammenkocher geteilt werden kann; eine Petroleumheizsonne, mit wenigen Handgriffen in einen einflammigen Kocher umzuwandeln; ein •Benzinherd, dessen Brenner mit Spiritus vorgewärmt werden; ein Benzinherd, der sich automatisch vorwärmt; ein mit flüssigem Gas (Propan) gespeister Rundbrenner für Waschautomaten. Diese Aufzählung zeigt schon, dass es im Einzelfall ohne Anleitung sehr schwer ist, eine Wahl zu treffen. Man spart Geld, wenn man gleich etwas Erprobtes kauft. Man erspart sich Aerger, Tränen, Misshelligkeiten, wenn man gelernt hat, mit den bisher unbekannten Apparaten umzugehen. Frau Albach gibt zugleich Anleitung zu zeitsparendem Kochen. „Wir kochen Turm", erklärt sie und baut einen Turm von drei Töpfen auf. So sei es möglich, auf Petroleum ein Essen für 4 Personen in 50 Minuten fertigzustellen. Der Turm besteht aus: Aluminiumtppf, Porzellantopf, Glastopf; obenauf noch das Wasserschiff. „ Das Koch- und Arbeitsgerät muss auch von bestimmter Art sein. Keine Emailletöpfe in südlichen Ländern! Möglichst nur Glas, Porzellan, Aluminium. Mülleimer und Vorratsgläser sind in „termiten- und ameisensicherer" Konstruktion zu wählen. Ein Mehlsieb und ein Wasserfiltrierapparat sollten möglichst nicht in der Küche in warmen Ländern fehlen. Die Lehrkurse, bei denen nur ein Unkostenbeitrag zu zahlen ist, finden begreiflicherweise regen Zuspruch. Frau Albach reist auch ins Reich und hält dort Vorträge und Kurzkurse. Dankbriefe und eine grosse Korrespondenz mit Blick auf die Frauenarbei t in der Welt In der Türkei ist zur Vorsitzenden des Kollegiums der Ge Werbeinspektoren eine Frau ernannt worden. Bekanntlich hat in der Türkei seit 1930 die Frau das aktive, seit 1934 auch das passive Wahlrecht für die Nationalversammlung. * In Amsterdam ist vor kurzem ein i n t e rnationales Archiv der Frauenbewegung angelegt worden. In ihm sollen Bücher, Broschüren, Bilder und andere Dokumente gesammelt werden, welche für die Frauenbewegung von Bedeutung sind. Ein Fonds wurde gegründet, um alljährlich die Veröffentlichung eines Jahrbuches zu ermöglichen, in dem über die Arbeit des Archivs und über alle einschlägigen Fragen berichtet werden soll. * In Oesterreich sind 9 Prozent alier Aerzte und 10 Prozent aller Zahnärzte Frauen. * Ende Februar findet in Zürich eine Studienkonferenz des Weltbundes für Frauenstimmrecht und staatsbürgerliche Frauenarbeit statt. Für den Eröffnungstag ist ein Rundgespräch über die Frage vorgesehen: „Wie können die Nationen heute ihre Freiheit und Unabhängigkeit sichern?" Weitere Rundgespräche über Frauenarbeit, Frauenstimmrecht, Arbeitslosigkeit usw. sind geplant. * In Dänemark hat ein Ausschuss der Hausfrauenvereinigung und der Hausangestelltengewerkschaft Richtlinien für die Ausbildung von Hausangestellten vorgelegt. Das Mädchen soll zunächst als Hauswirtschaftslehrling ein Jahr bei einer Hausfrau arbeiten. Verschiedene Bestimmungen sind vorgesehen, die eine wirklich gründliche Ausbildung gewährleisten sollen So muss z. B. die Hausfrau, welche einen Haushaltlehrling zur Ausbildung aufnehmen will, mindestens schon fünf Jahre einem Haushalt vorstehen. Die Wohnung darf, wenn keine weitere Hausangestellte vorhanden ist, nicht mehr als vier Zimmer und Küche umfassen. Die Arbeitszeit des Lehrlings soll täglich 6 bis 8 Stunden betragen und darf nicht in der Zeit vor 6 Uhr morgens und nach 8 Uhr abends fallen. Dem praktischen Jahr soll eine halbjährige Ausbildung in einer Haushaltungsschule folgen. Der Bund Schweizerischer Frauenvereine hat eine Enquete über die U n - ter stützungsleistungen berufstätiger Frauen veranstaltet. Diese soll den Nachweis erbringen, dass die Familie nicht ausschliesslich von dem Mann, sondern zu einem wesentlichen Teil durch die Beiträge unverheirateter weiblicher Familienmitglieder ernährt wird. * Mit Wirkung vom 1. Oktober 1938 an wird in Japan die Beschäftigung von Frauen und von Jugendlichen unter 16 Jahren in Bergwerken in der Zeit von 22 Uhr bis 5 Uhr verboten. * Die Führerin der brasilianischen Frauenbewegung, Dr. Bertha L u t z, ist als erste Frau in das brasilianische Parlament gewählt worden. Dr. Lutz ist schweizerischer Herkunft. * Nach Erhebungen des Jugendamtes Wien, die sich auf 67 524 Kinder und Jugendliche, d. i. 16 Prozent der Gesamtzahl des Stadtbezirkes, erstrecken, hatten von den erfassten Kindern nur 55 Prozent eine eigene Schlafstatte Das bedeutet aber nicht, dass sie ein eigenes Bett haben. Nur die Hälfte der erfassten Kinder hatten ein solches. * Marianne Weber, die in Aufsätzen und Büchern schon des öfteren zum Problem der Ethik des Geschlechtslebens Stellung genommen hat und dank der Tiefe ihrer Gedanken immer wieder aufhorchen lässt, hat in der Zeitschrift „Die Frau" in einer Auseinandersetzung mit einem Buche von Pr.ofes-sor D. Piper erneut zu diesem Thema das Wort ergriffen. Sie schreibt u. a.: „Auch unsereins kennt und bedenkt die ganze Wirklichkeit und weiss, dass, die herben Zumutungen einer religiösen oder idealistischen Ethik nur von einem kleinen Teil der Menschen und immer nur annäherungsweise erfüllt werden. Aber wir muten dennoch allen, die guten Willens sind — Christen und NichtChristen —, Verhaltensweisen zu, deren Sinn an eich und auch dann einsichtig ist, wenn sie nicht unmittelbar auf den unerforsehlichen Gott bezogen werden, sondern einfach auf die Verantwortung des Menschen vor einer, seines höheren Selbst würdigen Existenz und dann auf seine Verantwortung für das Schicksal der durch sein Handeln betroffenen Mitmenschen." H. St. Fot. Herbert Sonnenfeld Lily H. M o n t a g u e, Ehrensekretärin des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum, wurde zum Offizier des Ordens des British Empire ernannt. <KXX><XXX>0<>0<XX><XXX><>0^ ratsuchenden Frauen erweisen, dass hier etwas Praktisches durchaus praktisch und zweckmässig angefasst wird. Die jüdische Hausfrau lernt vor der Auswanderung auf neue Art kochen und wirtschaften. Die Töchter, schon auf Petroleum- oder Benzinherd trainiert, werden es einmal leichter haben als die Mütter, von denen ver-. langt wird, dass sie Vieles vergessen und ebenso* Vieles zulernen. Käte Marcus. Jüdische Mütter Auf einer Reise kam ich für 24 Stunden nacH der Stadt B. Ich bezog in einer jüdischen Pension ein Zimmer. Dort wohnen, als Dauermieter, elf alte Damen; die Jüngste von ihnen ist 69. Als ich morgens zum Frühstück in Speisezimmer kam, lag es wie ein Feierglanz im Raum: die Damen waren alle schon versammelt, und die weissen Köpfe schimmerten wundervoll im hellen Licht. Ein Platz war frei. „Frau X. ist eben ans Telephon gerufen worden", sagte mir meine Nachbarin; „ein Ferngespräch aus Paris. Sie hat dort ihre Tochter verheiratet, und ihr Sohn ist gerade da zu Besuch. Na, hoffentlich nichts Unangenehmes." Eine Minute später betrat Frau X. das Zimmer. Sie ging sehr gerade, fast ein wenig steif, auf ihren Platz zu und setzte sich, nahm die Serviette vor. Unter der Haut der Wangen spielte eine erregte Röte. Keine der Frauen stellte eine Frage. Aber alle Blicke hingen an Frau X., der 69jährigen. Da holte Frau X. einmal Atem, ein bisschen tiefer als gewöhnlich, dann blickte sie von ihrer Serviette auf und sagte §o in die Frühstücksrunde hinein: „Mein Sohn hat sich eben von mir verabschiedet. Uebermorgen geht sein Schiff von Bordeaux ab, nach Rio. Er dachte immer, er würde nochmal herkommen; aber er meint, es ist vielleicht doch besser so, und die Zeit drängt auch. Man kann da ja nichts tun, nicht wahr? Ich hab's ja bisher nie so ernst genommen, dass er wirklich gehen will. Es wird schon gut sein. Ja, übermorgen." Dann giesst sie sich Kaffee ein. Es dauert eine ganze Weile, ehe eine der Frauen ein Wort spricht. Aber dann beginnen sie ungefähr alle gleichzeitig, und alle dasselbe: es tauchen unzählige Verwandte auf, die auch dort und dort sind, es werden klimatische Verhältnisse gelobt und die guten und schnellen Schiffsverbindungen erwähnt und festgestellt, dass es ja keine Entfernungen mehr gäbe, und dass 69 Jahre kein Alter sei. Eine Weil'e lässt sich Frau.X. von dem Redeschwall umbranden. Dann hebt sie leicht abwehrend eine Hand, und im Augenblick ist alles ruhig. Und Frau X. sagt mit einer leisen, ganz leise nur zitternden Stimme: „Aber, meine Lieben, wollen Sie mich vielleicht trösten? Wieso denn? Ich muss selbst wissen, was das für mich ist. Gewiss, ich bin jetzt ganz allein hier, in einem gemieteten Zimmer, und meine beiden Kinder sind sehr weit. Ich leugne ja Fritz Baum Nachf. Inh. Hanna Löwenstein Waitzstrasse 1" J 6 0944 ■ Pfundwäsche la Ausführung RM0.28 WäscheatelierM.Fiedler, W30, Münchener- Str.24, Tel. B64355. Anfertig.sow.Verkauf rein. 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