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Central-Verein-Zeitung · 1937-02-18 · 7 (18.2.1937) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
7 (18.2.1937)
Date
1937-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XVI. Jahrgang / Nr. 7 Berlin, 18. Februar 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme. Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141-45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin <0344. Die C.-V.-Zeituag erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschlüsse Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren duren den t ostboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzüel. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren, fcinzeinumaier 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. - Anzeigengebühren: Preisliste 5 gmtig. Die 12gespaltene mm-^eüe _u «pu, für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigensehluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne verDindiicnKeit. Jabotinsky Rechenschaft, Rückschau. Ausblick A. H. In einem Zimmer in London im House of Lords sitzt Wladimir Jabotinsky vor e der Königlichen Kommission, macht seine Aussagen und diskutiert in Form des Kreuzverhörs über seine Anschauung vom Wesen und von der Lösung der Judenfrage. In der Palästina-Umschau. unseres Blattes ist das im einzelnen nachzulesen. Der VerständigungsPolitiker Weizmann konnte wenigstens im Lande der Väter für dieses Land plädieren; dem Macht politiker Jabotinsky verschliesst ein Befehl des Mandatars die Pforten, die er für alle Juden aller Länder weit geöffnet haben möchte. Es ist nicht ganz ohne Vorbild, dass ein jüdischer Führer das Land der Verheissung nicht betreten darf — wer dächte nicht an unseren Lehrer Moses. Aber welcher Unterschied der Instanz und der Begründung! Uns scheint, als ob in diesem Unterschied mehr nur als ein solcher der Quantität zwischen irdischer und überirdischer Macht läge, vielmehr die Qualitäten der echten überzeitlichen und die des politisierten zeitlichen Judentums und Judeseins um die Geltung rängen. Jabotinsky setzt an die Stelle des liberalen jüdischen Nationalismus, wie er im 19. Jahrhundert aus der Zeit heraus gewachsen und auch verständlich war, den totalen Nationalismus des 20. Jahrhunderts. Es ist bekannt, welche räumlich begrenzte Wirkung innerhalb, einer ihm verwandten Welt jener Nationalismus haben konnte und gehabt hat, und wie er, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, letzten Endes stark umgeformt, mehr zur Renaissance jüdischen Bewusstseins in der Diaspora beigetragen hat als zur Schaffung eines der Diaspora entfremdeten und aus ihr entfernten jüdischen Volkes. Jüdische Fähigkeit zur Auslese von Ideen, verbunden mit natürlichen Empfindungen für Haltung und Selbsterhaltung waren dabei wirksam, wie es seit je gewesen ist. Der jüdische Nationalismus Jabotinskys beruht auf einer Fiktion, trotz der kraftvollen Wirklichkeit, die dieser Mann und seine Anhänger als Persönlichkeiten darstellen mögen. Es ist fast so, als ob er mit der starken Leuchtkraft seiner Propaganda in die Versammlung der um Macht und Boden ringenden Völker sein jüdisches Volk hineinprojizierte. Aus der Entfernung mag die Illusion wirken, in der Nähe wird niemand die fehlende Dimension dieses Schemens übersehen. Die Schatten der Toten im Tartarus der griechischen Sage gewannen vorübergehend Leben, als Odysseus ihnen Opferblut zu trinken gab. Jabotinsky spricht von der Bereitschaft, jüdisches Blut für jüdisches Land fliessen zu lassen.. Wenn jüdisches Blut, für eine Idee vergossen, hinreichte, um aus einem Stück Erde staatliche Heimat und aus einer Menschengruppe bestimmter Prägung ein Staatsvolk zu machen, käme Jabotinsky um einige Jahrtausende zu spät. Es ist jüdisches Blut in Strömen geflossen für die .Ehre des jüdischen Glaubens und um seiner Erhaltung willen und für die Ehre der Länder, die In dieser 20seitigen Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Bolivien, von Dt. Bruno Weil. — Nutzanwendungen einer Süd-Amerikareise, von Dr. Erich Bry. — Aus einem Prager Winkel, von Hilde Marx. Die Beilagen: Das Blatt der Jüdischen Frau. — Palästina-Umschau. — Wirtschaft der Woche. — Sportblatt. Eine Kundgebung der Reichsvertretnng Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist in letzter Zeit mit Kundgebungen selten an die Oeffentlichkeit getreten. So war es kein Wunder, dass ihrer Einladung zum Montag abend in den Berliner Brüdervereinssaal viele hundert Menschen folgten, um „Rechenschaft, Rückschau und Ausblick" führender Ratsmitglieder entgegenzunehmen. Das Orchester des Jüdischen Kulturbunds Berlin gab mit Beethovens Coriolan-Ouvertüre unter Leitung von Dr. Kurt Singer den musikalischen Auftakt. Rabbiner Dr. Leo B a e c k, der Präsident der Reichsvertretung, deutete diese überbrückenden Töne als Sinnbild der Forderungen, die die Männer vernommen hatten, die vor drei Jahren die Reichsvertretung gegründet haben. Diese Vertreter der drei Grossorganisationen hatten das Gebot erkannt, die Sonderpolitik ihrer Gruppen zurückzustellen und einer einheitlichen und einigen Arbeit den Weg zu bahnen. Ueber das Interesse ihrer Einzelorganisationen ging ihnen die moralische Notwendigkeit, . dem Judentum und sich selbst treu, aufrecht, rechtschaffen und dem Ganzen ergeben miteinander und füreinander zu wirken. Sie hatten auch das zweite Gebot erkannt, eine jüdische Jugend in Echtheit, Schlichtheit und Arbeitsamkeit zu erziehen, die, wohin immer sie geht, ohne Hassgefühl und Ressentiment dem Namen, den sie trägt, der Gemeinde, aus der sie stammt, und der Stätte, in der sie wiederaufbaut, zur Ehre gereichen soll. Und das dritte Gebot, das ihnen als Forderung des Tages erschienen war, war das Gebot der Hilfe, des Beistandes für den Bedürftigen mit Rat, Tat und Seele. Sie haben den Ruf verstanden, dass kommende Menschen kommende Tage bedeuten. Dr. Otto Hirsch,- geschäftsfüihrender Vorsitzender des Präsidialausschusses, schilderte zunächst wie, nachdem jahrelang die Gründung eines Reichsverbandes der Landesverbände an dem Individualismus der einzelnen Verbände gescheitert war, im Herbst 1933 durch die Initiative der Leitungen des Centrai-Vereins, der Zionisten und des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten die Reichsvertretung entstand. Ihr schlössen sich sehr bald die Liberale Vereinigung, der Frauenbund, die Landesverbände, Grossgemeinden und auch die Unabhängige Orthodoxie an. Im Laufe des nächsten Jahres erfolgte dann die Eingliederung des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau, der in sich bereits alle Stellen, die mit Wohlfahrt, Berufsumschichtung und Wanderung zu tun hatten, vereinte. So entstand jene dem Inland und Ausland gegenüber repräsentative Vertretung der Juden in Deutschland, wie sie heute durch fünfzehn Vertreter der Landesverbände und Gemeinden, je einen Vertreter der Grossorganisationen und fünf Einzelpersönlichkeiten verkörpert wird. Es sollte jetzt, so meinte Dr. Hirsch, an der Zeit sein, mit der Arbeit für das blosse Organisieren der Reichsvertretung Schluss zu machen, damit Zeit und Kraft voll der konstruktiven Arbeit zugute kommen. Aber auf zwei Vorschläge, die von manchen Seiten immer wieder gemacht werden und eine Kritik in sich enthalten, sei es wichtig einzugehen: Ob es richtig sei, dass die Reiehsvertretung neben Landesverbänden und Gemeinden die Vertreter der Organisationen und Einzelpersönlichkeiten zur Arbeit mit heranziehe, und ob es nicht billiger wäre, wenn die Arbeit der Reichsvertretung durch die Verwaltung der Grossgemeinde Berlin miterledigt werde. Beide Vorschläge verneinte Dr. Hirsch. Es ist eine historische Tatsache, so begründete er seine Stellungnahme, dass die Reichsvertretung nicht zustande gekommen wäre, wenn die drei Grossorganisationen sich damals nicht selbstlos zu ihrer Gründung entschlossen hätten. Gewiss gewinnt die Gemeindearbeit immer mehr an Bedeutung im gesamten Judentum. Aber sie müsse ihrer Natur nach partikulare Interessen vertreten. Die Grossorganisationen dagegen haben r über diese partikularen hinaus universelle Interessen, und die Kräfte, die sich in ihnen regen, dürfen einer Reiehsvertretung, das heisst der Stelle, die für die Gesamtheit der Juden in Deutschland zu arbeiten hat, nicht vorenthalten werden. Den zweiten Vorschlag aber lehnte Dr. Hirsch mit der Begründung ab, dass zwar selbstverständlich die Arbeit der Reichsvertretung und der Gemeinden nicht gegeneinander und nicht nebeneinander, sondern miteinander sich vollziehen müsse; dass aber davon unabhängig auch die beste Gemeinde nicht in der Lage sein könnte, die Vertretung für die Gesamtheit der Juden in Deutschland zu übernehmen. Denn die Interessen der Grossgemeinde seien völlig andere als die der Mittel- oder Kleingemeinden oder gar die der Juden, die überall verstreut in Orten leben, wo es keine Gemeinden gibt, oder der Landesverbände, die, zumal in Süddeutschland,- Hort des jüdischen Lebens von altersher gewesen sind. Auch vom Gesichtspunkt der Einsparung lasse sich dieser Vorschlag nicht etwa rechtfertigen. Denn die Reichsvertretimg arbeite mit einem so kleinen Stab von Menschen, wie ihn auch die Berliner Jüdische Gemeinde zumindesten zusätzlich brauchen würde, wenn sie diese Aufgaben miterledigen wollte. Dr. Hirsch ging dann auf das Problem der Finanzierung der Arbeit der Reichsvertretung ein und schilderte die Quellen, aus denen die Mittel im Inland und Ausland geschöpft werden. Dem Ausland gebühre der grösste Dank der Judenheit in Deutschland für seine Hilfe und ebenso den vielen Menschen in Deutschland, die bis andie Grenzen ihres Könnens für die Gesamtheit opfern., Aber es gebe auch noch jüdische Menschen in Deutschland, die ihre Pflicht nicht ausreichend erfüllen, und an sie, vor allem an vermögende Auswanderer, richtete Dr. Hirsch einen energischen Appell. Den grundlegenden Darlegungen Dr. Hirschs folgten Berichte über die einzelnen Arbeitsgebiete der Reichsvertretung. Rabbiner Dr. Jakob Hoffmann, Frankfurt am Main, schilderte den umfassenden Ausbau auf wohlfahrtspflegerischem Gebiete, der dazu geführt hat, dass es heute keine jüdische Gemeinde ohne fürsorgerische Betreuung in Deutschland mehr gibt. Er Hess die vielfältige Arbeit der Schulkinderfürsorge, der Kinderverschickung, der Bärwald-Küchen, der Kriegsopferversorgung, der Fürsorge für all die Berufe, die durch die Ausgliederung der Juden in Not geraten sind, und schliesslich der Winterhilfe, an den aufmerksamen Hörern vorüberziehen. Dr. Julius L. Seligsohn gab dem Schulwerk der Reichsvertretung den tieferen Sinn, dass die Juden in Deutschland dazu erzogen werden müssten, sich auf ihr Schicksal einzustellen, um es als sinnvoll zu empfinden und so ertragen zu können. Diese Erziehung müsse beim Kinde beginnen. In welch grossem Umfang Schulen ausgebaut und errichtet, jüdische Lehrkräfte gesucht, gebildet und fortgebildet und völlig neues Lehrmaterial geschaffen werden muss, ergab sein umfangreicher Rechenschaftsbericht. Dr. FranzMeyer ging dann auf das Kernproblem der heutigen jüdischen Situation, auf die jüdische Wanderung ein. Mit ihr innig verbunden sei die Frage der Aenderung unserer jüdischen Struktur durch die Berufsumschichtung und, was immer wichtiger wird, ■ durch die Erstausbildung der Jugend. Hier hat die Reichsvertretung in enger Zusammenarbeit mit dem Pa- ' lästina-Amt und dem Hilfsverein sowie mit den Grossorganisationen des Auslands, vor allem der HICEM und der ICA, reiche Arbeit leisten können. Ueber die Einzelheiten dieser Arbeit wie über die anderen Teilgebiete gibt der Jahresbericht der Reichsvertretung und des Zentralausschusses, der in diesen Tagen vollendet worden ist, bis in die kleinsten Einzelheiten Auskunft. Wir werden darüber schon in der nächsten Woche an dieser Stelle schreiben. Das Interesse der Hörer an diesen Berichten und ihre Zustimmung war, wie der reiche Beifall nach jedem Vortrag und am Schluss der Veranstaltung zeigte, ausserordentlich stark; sie hatten erkannt, dass die Fragen, die behandelt worden waren, die Probleme sind, von denen das Dasein der Juden hier in Deutschland und später draussen abhängen, und sie gaben zu erkennen, dass sie von Vertrauen für die Führung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland durch die Reichsvertretung erfüllt sind. Noch einmal ergriff Rabbiner Dr. Baeck zu einem kurzen Dank an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Reichs Vertretung, die bekannten wie die unbekannten, das Wort. Dann spielte das Kulturbundorchester Carl Goldmarks Finale aus der Symphonie Es-Dur op. 26 und entliess damit die Menschen in einem ßefühl des Optimismus und der Lebensbejahung. Dr. M. E. Juden zur Heimat wurden, zu allen Zeiten und in allen Zonen. Juden und Judentum blieben dabei erhalten, weil hier nicht ein Volk wie andere Völker auf der Ebene von Raum und Zeit und Macht um sein Leben kämpfte, sondern weil eine Gemeinschaft in der tiefsten Gewissheit ihrer Unvergänglichkeit sich zeitlichen Verpflichtungen und Verknüpfungen hingeben konnte, ohne dass deren Ende ihr Ende wurde. Es kann nicht absolut Falsches an einer jüdischen Haltung sein, die dafür sorgt, dass die Hingabe des Juden an die Allgemeinheit dort endet, wo das Aufgehen des Judentums in die Allgemeinheit gefordert wird. Zu allen Zeiten wirkte eine restlose und hemmungslose Anpassung an die Umweltlage wie jüdischer Selbstmord jüdischer Menschen. Und immer, bis auf . den heutigen Tag, hat sich das Judentum davor bewahrt, durch hemmungslose Anpassung an politische Zeitvorstellungen nur mit diesen in Geltung zu sein und unterzugehen: Jabotinsky treibt jüdische Machtpolitik. Selbst wenn diese Macht da wäre, sollte man aus dem inneren Gesetz des Judentums heraus, das durch Geist und nicht durch Macht ist, nicht über ihren Einsatz diskutieren. Auch'nicht, wenn an sie geglaubt würde. Aber selbst, wenn wir uns ■einen Augenblick auf seinen Standpunkt stellten, die Judenfrage Hesse sich machtpolitisch lösen — läge darin nicht die Anerkennung, dass diese Form der Lösung auch g e g e n uns akzeptiert werden müsste? Jabotinsky muss sich Macht borgen, um gegen feindliche Ueber macht anzukommen. Vergisst er, dass man kaum Geld, geschweige denn Macht zinslos geliehen be-

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