Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 6 (11.2.1937)
- Date
- 1937-02-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6*3. Beiblatt CYZeihinq 11. Februar 1937 ^Israel III Ägypten" / Aufführung imBerliner Kulturbund Handels „Israel in Aegypten* weist gegenspricht auch die deklamatorische Art der Rhythüher anderen Oratorien des Meisters einige scharfmik. Die Musik überschwemmt nicht den Text «mrissene Eigenheiten auf. Von diesen ist die mit ihrer Eigengesetzlichkeit, sondern sie gegrosse Zahl der Entlehnungen aus fremden Werbärdet sich durchaus als seine Dienerin. Solche ken, durch die überaus rasche Entstehung be- Haltung Händeis wurzelt im 17. Jahrhundert, vor dingt, nach damaligen Begriffen ohne Belang und allem in dem Genius Heinrich Schütz', wie überkann es auch für uns bleiben. Wesentlicher ist haupt der „Israel" bis in die polyphone Struktur die opernferne Haltung: die Personen der und die Kadenzbildungen hinein oft ein merk- Pessachgescbichte treten nicht auf, wie., sich ja würdig archaistisches Gepräge zeigt, auch Händel den ■ Text des ersten, erzählenden Teils aus Psalmworten, und nicht aus dem Kurt Singers Auffassung trifft den Monu- Exodus zusammengestellt hat.- Entfällt hierdurch mentalcharakter und damit das Wesentliche. Der jede Dramatik im strengeren Sinne, so ist ander- Gefahr einer Ueberanstrengung des ungewöhnseits auch das lyrische Moment in den Hinterlieh beanspruchten Chores — Kurt Singergrund getreten: die Arie als Träger stimmungsscher und Kulturbundchor — begegnet voller religiöser Betrachtung spielt hier eine geer nicht nur durch die unumgänglichen Kürzunringe Rolle.' Die Vorherrschaft gehört dem Chor, gen, sondern durch eine sorgsame Verteilung des und dieser steht im Dienst einer Freskomanier, Gleichgewichts zwischen einer durchgehenden einer Monumentalität, die selbst bei Händel lapidaren Wucht und den besonderen Aufgipfeihresgleichen sucht. Diese Monumentalität hebt lungen der krönenden Schlüsse und anderer Höheden Auszug Israels aus allen Besonderheiten des punkte, in denen sich die majestätische Leiden- Geschichtlichen, aus der geschichtlichen Sphäre schaft Händeis zusammenballt. Die merkliche überhaupt ■■ und rückt ihn in den Bereich der echte Hingabe des Dirigenten an das Ethos Hänüebergeschichte, der Heilsgeschichte. Dies war dels überträgt sich auf Chor und Orchester; aber wohl nur durch . Verzicht1 auf die übliche kleine Unebenheiten des Instrumentalparts' werdramätische Form zu erreichen. den sich ausgleichen lassen; nur mit der un- Die äusserst sinnfällige Darstellung der zehn seligen Neigung, an Stelle des legitimen Cembalos Plagen wird manchen Hörer vielleicht befremden. den wesensfremden . modernen Flügel in das Es handelt sich aber nicht um spielerische Ton- Händel-Orchester zu verpflanzen, vermag selbst malerei, sondern um eine Symbolik, die der gedie diskrete Unterordnung von Gertrud Marcus samten Barockmusik eignet. Der Text wird genicht zu versöhnen. Erwin J o s p e s Orgelbegleiwissermassen in Musik. „übersetzt", wobei jeder tung fügte sich dem dynamischen Aufbau aufs wichtige Begriff, jede Anschauung eine besondere beste ein. Unter den Solisten überragend Paula musikalische Figur erzeugt. Dieser „Wort- Salomon (Lindberg) und'der für Peissachogezeugtheit" der musikalischen Erfindung ent-' witsch eingesprungene Wilhelm Guttmann, Fot. Kartin Dzubas Gedichte Von Anna Joachimstal-Schwabe Die begabte Lyrikerin Anna Joachimstal- Schwabe wurde am 2. Februar von langem schweren Leiden durch den Tod erlöst. Aus ihrem Nachlass veröffentlichen wir ihr zum Gedenken nachstehende zwei Gedichte. Tod Einmal wird es sein — dass alles schwindet, Dass wir nichts mehr wissen, nichts mehr fühlen, Dass uns nicht mehr Leid — nicht Liebe bindet, Erde — rein und kühl — wird uns umspülen. Schöpfung, die uns hielt in schweren Tagen — Einzig-liebenae ein ganzes Leben: Sie wird uns in ihre Mitte tragen, Sie wird heilende Verwandlung geben. Kleiner Dank Oh, ein Lächeln genügt, eine kleine Gebärde, oder im Wort eine Schwingung, dass aus der gebrochenen Seele das Leben aufsteht. Der dich begnadet, — fühle Seine Begnadung: wenn sich im Licht deiner Hilfe .schmerzverschlossene Herzen öffnen wie Blüten. — — Ist es sanfte Musik, die aus dunkler Tiefe des Kelches aufsteigt,. oder — ein Lächeln? Sieh es, — wie Blumen blühen sie dir entgegen, .— die Schmerzbefreiten im Dank. Die beiden Fingesten Der Maler-Radierer Michel Fingesten und sein junger Sohn, der Bildhauer Peter Fingesten, haben vor einem Jahre Wohnsitz und Arbeitsstätte nach Mailand verlegt. Mit dem Fleiss und der Energie, die wir von den beiden jüdischen Künstlern aus ihrer Berliner Tätigkeit kennen, sind sie dort an die gewiss nicht leichte Aufgabe herangetreten, in fremder Stadt und fremdem Lande ihre künstlerische Existenz neu aufzubauen. Eine Ausstellung des „pittore Michele" und des „scultore Pietro" hat bei den Mailänder Kunstfreunden viel Aufmerksamkeit und Beifall gefunden. Es ist überraschend, wie sich die ungewöhnliche Begabung des Sohnes, der immer noch nicht die Zwanzig erreicht hat, unter den neuen Eindrücken und Anregungen, die er jenseits der Alpen erfuhr, fortentwickelte. Auf ein so lebensvolles, noch unausgegorenes Talent konnte die neuere italienische Plastik nicht ohne Einfluss bleiben; die Freude an starkem Ausdruck und grosser Formgebung, die. dort herrscht, musste ihn mitreissen. Aber es ist bemerkenswert, wie er unter so imponierenden Einwirkungen seine eigene Art nicht verlor. Was Peter Fingestens Bildnerei von jeher auszeichnete und bestimmte, war seine seltene Fähigkeit, Figuren und Köpfe zu durchgeistigen, das geheime innere Leben zu deuten, das sie beseelt. Aber wenn sich das früher gleichsam in einem Stadium der Gebundenheit, der Verkapselung äusserte, so beginnt der Künstler in der „Freiheit südlichen Lebens", wie Hans von Marees einmal sagte, in eine gelöstere bildnerische Sprache vorzustossen. Davon mag unsere Abbildung Zeugnis ablegen, die Peter Fingesten bei der Arbeit an einem überlebensgrossen Moses-Kopf in Stein zeigt. Sie lässt erkennen, wie seine Hand eine barocke Bewegtheit angenommen hat, mit der er beherzt an die grosse Aufgabe herantrat. Die Kraft, mit der das Antlitz des kündenden, denkenden, zürnenden Heros seines Stammes entworfen und in die Strenge des harten Materials gebracht wurde, wird jeder mitempfinden. Mit derselben Eindringlichkeit hat Peter Fingesten die Porträtbüste eines italienischen Schriftstellers in höheren Jahren in W_achs gebildet, ein Beweis für die fortschreiin vorbildlicher Einfühlung in den Händel-Stil, im Einsatz - aller Kraft im Dienste der in ihrer Grösse gespürten Aufgabe zwingen sie ihre herrlich tragenden Stimmen zu hinreissender Leistung. Emmy Lussheimers schöner, milder Sopran wird durch Eindämmen des Vibratos noch etwas mehr Klarheit gewinnen. Kurt R a h m e r sollte seine Tongebung lockern und eine grosszügigere, glattere Koloraturtechnik anstreben. Die Tenorrezitative waren einer Altistin des Chores übertragen; die Einlage zweier beliebter Arien („Kommt, all ihr Seraphim" und „Dank sei Dir") mag hingehen, da sie der Praxis der Händel-Zeit nicht widerspricht, dagegen erschien die solistische Besetzung am Schluss des Finsternis-Chores nicht begründet. Das Publikum würdigte Werk und Aufführung (die am ersten Abend zugunsten der Winterhilfe stattfand) durch langanhaltenden Beifall. H. Freyhan. Theater, Musik, Film Elisabeth Bergner: JDreamingLips" London, 1. Februar. Am 30. Januar spielte Elisabeth Bergner zum letzten Male den „Boy David". Nur wenige Tage später findet die Uraufführung ihres neuesten Films, „Dreaming Lips", statt, die als Wohltätigkeit»- und Festvorstellung ihre besondere Note durch das persönliche Erscheinen der Königin- Mutter erhält, die Elisabeth Bergner und ihren Gatten, Paul Czinner, zum Schluss mit ihren wärmsten Glückwünschen ehrt. Es handelt sich wiederum um die Verfilmung von Henri Bernsteins „Melo", das vor einigen Jahren in Deutschland unter dem Titel „Der träumende Mund", ebenfalls mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle, gelaufen ist. Der Film ist ein unbestritten grosser Erfolg für Elisabeth Bergner; trotzdem aber bleibt ein unbefriedigtes Gefühl in uns zurück. Ist unsere Zeit wirklich schon so arm an künstlerischer Intuition geworden, dass man eine Künstlerin vom Range Elisabeth Bergners vor keine neue Aufgabe zu stellen vermag, sondern sie nach nur wenigen Jahren den gleichen Film — allerdings in englischer Sprache — spielen lassen muss?! Königin Mary, die seit dem Tode König Georgs V. keiner Filmvorführung beigewohnt hat, war zu der Vorstellung erschienen. Die „Times" veröffentlicht eine Liste der übrigen hervorragenden Besuche, unter denen sich die Herzogin von Gloucester, der französische Botschafter,; die Gesandten der Tschechoslowakei und Oesterreichs befinden. Die Premiere fand zugunsten der Slums von Nord-London statt. Es konnten für dielen wohltätigen Zweck 5000 Pfund bei der Vorstellung aufgebracht werden. Barbara Bernstein. * Die Gesellschaft der Freunde der Wiener Nationalbibliothek veranstaltet gemeinsam mit dem Reinhardt -Seminar im Schönbrunner Schlosstheater eine Gedenkfeier für Hugo v Hofmannsthal. * Der bekannte Cellist Gregor Piatigorski hat sich in Amerika mit Jaqueiine Rothtende Gewissenhaftigkeit ■seines Naturstudiums, die ihm heute den Flächenbau eines solchen vom Alter durchgeformten Kopfes festzuhalten ermöglicht, ohne dass er seine Befähigung verlor, in der getreuen Wirklichkeitsnachbildung eigenes künstlerisches Erlebnis mitzuteilen. Auch der Vater, Michael Fingesten, ist in Mailand nicht müssig gewesen. Er hat dort vor allem die Reihe seiner geistvollen, mit vielfachen Gedankenbeziehungen spielenden Exlibris-Radierungen durch ausserordentlich reizvolle neue Blätter bereichert. Die Sammler, die seit Jahrzehnten Michel Fingestens Graphica dieser Art schätzen, werden mit Vergnügen zu den Bücherzeichen für bedeutende Persönlichkeiten unserer Tage greifen, deren geistige Welt der Künstler hier mit seiner zeichnerischen Erfindung umschrieb. Auch der Dreiundfünfzigjährige scheint bei allen Mühen, auf fremdem Boden Fuss zu fassen, durch die belebende Wirkung der italienischen Phantasieanregung verjüngt zu sein. M. 0. Peter Fingesten, an einer Steinplastik jjMoses" arbeitend suchofot, Mailand Ludwig Börne Zu seinem 100. Todestag am 12. Februar (Vcrgl. den Aufsatz zu Ludwig Börnes 150. Geburtstag in der Q.-V.-Zeitung Nr. 19 vom 7. Mai 1936) Fot. Herbert Sonnenfeld, Berlin QiiiiiniiHiiiinniniiiHiiniuiniiiiiiiiiiiiiiiiiinHiiiiniiiiiininiiiinnQH schild, einer Tochter des Barons Eduard Rothschild, verheiratet. Piatigorski hat in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten mehr als 400 Konzerte gegeben. # Radio Paris veranstaltet am 14. Februar, 17 Uhr, eine „Stunde biblischer P o e s i e", in der Teile der Bibel gleichsam als Hörspiele zum Vortrag gelangen, so „Die Hochzeit Isaaks", „Ruth und Boas", „Der Prophet Ezechiel", „Das Hohelied". * Zwei Sätze aus der Suite „Viel Lärm um iNichts" von E. W. Korngold werden am 16. Februar, 12 Uhr 40, im Sender der italienischen Schweiz gespielt. * Conrad Veidt dreht für Erich Pommer demnächst den Film „Weihnachtsgeschenk". Ein Kulturbundtheater in Hamburg Von einem jüdischen Konsortium wurde ein Gebäude erworben, in dem für den Jüdischen Kulturbund Hamburg ein ständiges Theater mit etwa 450 Sitzplätzen errichtet werden kann. Das Haus soll auch als jüdisches Heim für Veranstaltungen aller Art dienen und wird zu diesem Zwecke mit verschiedenen Sälen, einem Restaurant, mit Cafe-, Lese- und Spielräumen ausgestattet werden. Auf das Hamburger jüdische Leben, das bisher an einem fühlbaren Mangel an geeigneten Räumen litt, wird die Neuerwerbung, die nicht zum geringsten Teil von heute im Ausland lebenden ehemaligen Angehörigen der Hamburger Gemeinde finanziert' wird, sehr belebend wirken. Februar-Ausstellung des Sekretariats für Bildende Kunst Drei Künstler ganz verschiedener Haltung geben dieses Mal im Klubheim in der Marburger Strasse 5 ihre Visitenkarte ab. Verschieden auch in Alter, Lebensschicksal, Berufswahl. Die Malerin Minna Lewi, die man als Graphikerin' hochschätzt und von der das Berliner Jüdische Museum soeben eine Radierung erwarb, stellt neben Federzeichnungen delikatester Art eine Anzahl Gemälde aus. Impressionistisch malt sie, ganz im Sinne der Zeit, in der sie aufgewachsen. Wie da ein junges Mädchen auf dem Sofa voller Bewegung in eine Sinfonie von Dunkeltönen gehüllt ist, wie ein Interieur atmosphärisch erfasst und wiedergegeben, wie ein Kaffeegarten auf der Insel Sylt die Luftspiegelungen des nahen Meeres in der Behandlung der Bäume zum Beispiel wiedergibt, wobei übrigens die Gesichter der kaffeetrinkenden Menschen ebenfalls etwas von der Atmosphäre in sich tragen — das ist überaus geschmackvoll anzusehen. Auch ein Berliner Strassenbild, eine Schneelandschaft, gehört in diesen Zusammenhang, obwohl koloristisch manches zu vervollkommnen bleibt. Aber da ist Ernst Rosenthal-Rosta, ein Maler, der zu gleichen Teilen Rätsel aufgibt und doch wieder kristallklar, allen verständlich, seine Sprache spricht. Die Ausstellungsleitung hat es uns leicht gemacht, sie hat das Bild „Sterbeszene" aus dem Jahre 1928 in unmittelbarste Nähe des „Mädchen mit dem roten Sweater" von 1936 gehängt. Wie ein Künstler sich im Laufe von acht Jahren verändern, um nicht zu sagen wandeln kann, das sagte diese Gegenüberstellung. Aus dem getreulich arbeitenden Impressionisten wurde der Vertreter der Sachlichkeit, der Naturalist, der ganz genau die Backenknochen dieses Mädchengesichts und ganz naturalistisch die Haarsträhnen, die es umrahmen, auf die Leinwand bringt. Aber er tut es nicht um der Natur wegen, er tut es auch — und das ist das Wesentliche — aus koloristischen, künstlerischen Beweggründen. Für ihn sind die