Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 6 (11.2.1937)
- Date
- 1937-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277516-2277522--11597-2281147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XVI, Jahrgang / Nr. 0 Berlin, 11. Februar 1937 reis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme, Vertriebsabteilung): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postami und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RMCumgerechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienänzeigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluß: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Phantasien um Monte Carlo A. H. Eine" Meldung von nur wenigen Zeilen war vor ein paar Tagen in der Presse zu finden. Sie konnte die jüdische Phantasie aufs stärkste anregen. An sich ein alltäglicher Vorgang: Zwei Aussenminister empfinden nach den anstrengenden Monaten verwickelter europäischer Politik das Bedürfnis nach ein paar Ruhetagen in sonniger Landschaft. Es kommen im Februar nicht viele Orte in Frage, es kommen für solche Gäste nur sehr wenige Hotels in Betracht. Und so treffen sich die beiden Herren. Natürlich kennen sie sich vom Genfer Verhandlungszimmer und von der Downing Street her, die Herren Anthony Eden und Oberst Beck. Und weshalb dadurch Anregung gerade der jüdischen Phantasie? Nun, man erinnert sich, dass die grosse polnische Kampagne für ein weiter und breiter geöffnetes Palästina nach einem Besuche Minister Becks in London ein schnelles Ende gefunden hat; und auch die "Reden und Interviews des polnischen Aussenministers bei der letzten und vorletzten Genfer Ratstagung sind dem aufmerksamen und besorgten jüdischen Leser noch in dem durch die jüngsten innerpolnischen Ereignisse und Debatten geschärften Gedächtnis. Auf Aussenminister aus der Metternich- Zeit würde die Möglichkeit, Reize in der Art wie sie Monte Carlos Kasino bietet, zu gemessen, eine starke Anziehungskraft ausgeübt haben, und es fällt sicherlich nicht schwer, aus dem Anekdotenumkreis jener Zeit Geschichten hervorzuholen, wie in geistvollem Gespräch beim Hasard auch mit dem Schicksal von Menschen und Ländern gespielt worden ist. Aber das ist lange her. Herr Beck und Herr Eden, sind ihren Parlamenten verantwortlich, und man wird sie hier und da ihren Einsatz machen sehen, ohne in Sorge geraten zu müssen, dass damit in grossen Dingen die Würfel gefallen seien. In vielen jüdischen Herzen wird der Wunsch auftauchen, die Müsse der Minister möge der privaten Erörterung mancher Fragen zugute kommen, Fragen, die nicht sofort Wolken am politischen Horizont entstehen lassen, die aber immerhin verdienten, ganz inoffiziell von der Peripherie in das Zentrum der Betrachtungen geholt zu werden, auch wenn sie in die helle Rivierasonne vorübergehend den Schatten hineintrügen, der ihnen ünablösbar anzuhaften scheint. Wir denken an die p o 1 n i s c h e Judenfrage. Präliminarien wären nicht erforderlich. Man hat sich vor wenigen Monaten gründlich ausgesprochen. Und Herr Eden wird auch während seiner Reisevorbereitungen nicht verabsäumt haben, die „Time s" zu Blick auf Rumänien In dieser 22seitigen Nummer finden' unsere Leser u. a.z Köln,BÜd einerGemeinde von Dr. Margarete Edelheim. Bruno Weil: Wanderung und Wirtschaft in Chile. — Juden aus Deutschland in Palästina. — Dr. Erich Eyck: Das neue Aktienrecht. Ferner die Beilagen: Palästina-Umschau. — Sportblatt. — Wirtschaft der Woche. — Schachecke. Zu den nicht abreissenden Sorgen, die die jüdische Welt über Polen erfüllen, scheinen Ereignisse zu treten, die die Aufmerksamkeit auf die Lage der rumänischen Juden lenken. Nachdem bereits der rumänische Anwaltsverband verlangt hatte, die Zulassung jüdischer Anwälte zu beschränken, hat jetzt auch die Bukarester Advokatenkammer in ihrer Generalversammlung diese Forderung in noch schärferer Form wiederholt. Der Vorsitzende, Professor Istrate M i c e s c u, der seinerzeit unter Terrorisierung der jüdischen Mitglieder der Advokatenkammer gewählt worden war, forderte den Ausschluss der Juden aus der Kammer. Eine Entschliessung in diesem Sinne wurde angenommen. Sie kann nur den Zweck haben, den bisherigen judenfeindlichen Massnahmen der Kammer den Anschein der Rechtmässigkeit zu verleihen. An der Bukarester Universität kam es zu heftigen Ausschreitungen gegen jüdische Studenten und Studentinnen der medizinischen Fakultät. Mit schweren Knüppeln bewaffnete Posten misshandelten die jüdischen Hörer beim Betreten der Universität. Das Organ der Union rumänischer Juden, der „Curierul Israelit", veröffentlicht einen Aufruf des Verbandes jüdischer Hochschüler Rumäniens, in dem die Studenten ermutigt werden, für ihre Rechte zu kämpfen, ohne Rücksicht auf die Gefahren, denen sie sich aussetzen. Ein bezeichnendes Licht auf die gesundheitlichen Verhältnisse des Landes wirft der folgende Vorfall: In verschiedenen Teilen Rumäniens herrschen zurzeit Typhus-Epidemien. Zur systematischen Seuchenbekämpfung hatte das Ministerium für Volksgesundheit 120 Aerzte, unter ihnen 36 Juden, in die gefährdeten Gebiete entsandt. Nach einem Bericht der „Gazetta Basarabiei" wurde daraufhin eine heftige Pressekampagne gegen die jüdischen Aerzte entfesselt, die unter Einsatz ihres Lebens ihrem Beruf nachgehen. Der Minister Costinescu sah sich daher zu einer Erklärung veranlasst, in der er u. a. sagt: „In meiner Seele spielt sich ein wahres Drama ab. Dreissig Landkreise verlangen vergebens nach Aerzten, aber ich kann sie nicht besetzen, da mir nur Aerzte der Minderheitsnationen zur Verfügung stehen. Ich kann aber diese Hilferufe nicht unbeachtet lassen und bitte deshalb die nationalen Aerzte, sich in die bedrohten Gebiete zu begeben und so ihren Patriotismus zu beweisen." Ueber den Erfolg dieses Appells ist bisher noch nichts bekannt geworden. Inzwischen greift die Beunruhigung auch auf die jüdische Angestelltenschaft Rumäniens über. In der Oeffentlichkeit wird ein angeblicher Plan des Arbeitsministeriums diskutiert, nach dem mindestens 60 Prozent des Personals der Banken und Handelsunternehmungen ethnisch-rumänischer Herkunft sein müssen. Das Arbeitsministerium hat bereits mit statistischen Erhebungen nach dieser Richtung hin begonnen. Da die Juden von den öffentlichen Aemtern fast vollkommen ausgeschlossen und daher im städtischen Handel hauptsächlich konzentriert sind, würde die Durchführung dieses Planes Hunderte von jüdischen Existenzen vernichten. Alle diese Vorgänge haben zu einer verstärkten Aktivität der rumänischen Judenschaft geführt. Dr. Wilhelm Fild er mann, der Präsident der Union rumänischer Juden, hat erneut mit führenden Politikern, Ministern und Abgeordneten Fühlung genommen. Es verlautet, dass, zumindest der Plan für die Ueberprüfung der Einbürgerung, über den wir in unserer vorigen Nummer ebenfalls berichteten, in seiner jetzigen Form nicht verwirklicht werden soll. Das Zentralkomitee der Jüdischen Reichspartei Rumäniens hielt in Bukarest unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Dr. Theodor Fischer eine ausserordentliche Tagung ab, die aus allen Teilen des Landes mit hervorragenden Vertretern beschickt wurde. Dr. Fischer legte dar, dass die gegenwärtige liberale Regierung nur allzu geneigt sei, Forderungen der extremen Gruppen nachzukommen. Er und die anderen Delegierten berichteten über die Bemühungen, die man bei den Regierungsstellen zur Abwehr der drohenden Rechtsminderungen eingeleitet habe. Daneben trat aber die Auffassung in den Vordergrund, dass alle Gruppen des rumänischen Judentums sich in der Abwehr zusammenfinden müssten. Neben einer Aufklärung der Bevölkerung über Fragen des jüdischen Lebens und der jüdischen Lehre müsse die Belehrung der jüdischen Bevölkerung über ihre verfassungsmässigen Rechte und deren Verteidigung einhergehen. Auch die Frage einer angemessenen parlamentarischen Vertretung wurde lebhaft erörtert. — In einer Massenkundgebung im Jüdischen Volkshaus Barascheum wurden die Beschlüsse und Forderungen des Zentralkommitees der jüdischen Oeffentlichkeit bekanntgegeben. Sacliverstfäiidigeiik© zur Untersuchung von Einwanderungsmögliehkeiten Am 6. Februar hat der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes, wie der ITA aus Genf gemeldet wird, sich mit Auswanderungsproblemen befasst. Unter Mitwirkung der Regierungen der Mitgliedsstaaten soll eine Sachverständigenkommission eingesetzt werden zur Untersuchung der in einzelnen Ländern vorhandenen Einwanderungsmöglichkeiten. Der Bericht hierüber soll spätestens im Jahre 1938 vorliegen. Das Internationale Arbeitsamt wird dann positive Massnahmen auf dem Gebiet der Auswanderung treffen. Der polnische Delegierte Komarnicki. wies in der Aussprache darauf hin, dass der Bevölkerungszuwachs Polens seit dem Ende des Weltkrieges sieben Millionen Seelen ausmache, somit grösser sei als die Gesamtbevölkerung mancher Länder, z. B. grösser als die Gesamtbevölkerung aller baltischen Länder zusammen genommen. Polen sei bereit, an einer internationalen Lösung des Auswanderungsproblems mitzuarbeiten, setze hierbei aber voraus, dass es nicht bei grundsätzlichen Erörterungen bleibe, sondern zu praktischen Massnahmen komme. Wenn man die Sachverständigenkommission nicht verpflichte, spätestens im Jahre 1938 ihren Bericht fertigzustellen, dann sei es besser, auf die Schaffung einer solchen Kommission überhaupt zu verzichten. Die Vertreter Brasiliens und Argentiniens erklärten, dass ihre Länder im gegenwärtigen Augenblick nur landwirtschaftliche Arbeiter als Einwanderer aufnehmen könnten. Für Angehörige anderer Berufe seien Einwanderungsmöglichkeiten leider nicht vorhanden. Die südamerikanischen Delegierten fügten jedoch hinzu, dass auf der letzten, in Buenos Aires abgehaltenen panamerikanischen Konferenz, die teilnehmenden Staaten aufgefordert worden sind, auch die Möglichkeiten einer erhöhten Einwanderung verschiedener anderer Einwandererkate^orien zu studieren. lesen, deren Leitartikel ein sehr wichtiger Stimmungsbarometer für die Bedeutung der Fragen zu sein pflegen, denen Englands öffentliche Meinung ihre Aufmerksamkeit zuwendet. So konnte er die Haupttatsachen mühelos rekapitulieren: 3,5 Millionen Juden heute, aus der Einwanderung im 13. Jahrhundert. 13. Jahrhundert, mag Herr Eden denken, was war um diese Zeit in unserer englischen Geschichte? Die Magna Charta als Grundlage unserer Verfassung, die Unverletzlichkeit der Person. Und aussenpolitisch? Der Verlust der Festlandsbesitzungen, vor allem des französischen Gebiets mit Ausnahme von Calais. Wer würde in England daraus den Anspruch auf französischen Boden ableiten? — mag Herr Eden lächeln nach über einem halben Jahrtausend. Aber mit den Juden in Polen liegt es ja umgekehrt, mag sich Herr Eden klarmachen, sie sind nicht seit damals aus Polen fort und wollen jetzt wieder hinein, sondern sie sind ununterbrochen im Lande geblieben! Vielleicht existiert dieser kleine historische' Excurs nur in unserer Phantasie. Wir wollen sehen, was die „Times" ihrem Leser weiter mitteilt. Es gibt also Städte in Polen, die 80 Prozent Juden aufweisen, und sehr viele Grossstädte haben 30 bis 40 Prozent jüdische Einwohner. Von 1830 bis 1930 sind 4 215 000 jüdische Menschen aus diesem Gebiete abgewandert, davon 2 900 000 nach, den Vereinigten Staaten, 300 000 nach anderen Staaten Amerikas, 140 000 nach Frankreich und 260 000 nach England. An dieser Stelle wird man der jüdischen Phantasie verzeihen, wenn sie sich vorstellt, Herr Eden möge diese Zahlen mit dem Empfinden lesen, dass nach seiner Kenntnis der Dinge diese Millionenzuwanderung von Juden dem Aufstieg dieser Staa-: ten nicht abträglich gewesen ist. Insbesondere Polens Gebiete scheinen übrigens, so ist der Gedankengang in der - „Times" zu verfolgen, auch unier der Zarenherrschaft, niemals ausreichenden Nahrungsraum für den grossen Bevölkerungsüberschuss geboten zu haben, denn auch die nicht jüdische Bevölkerung ist zu Millionen in alle Welt fortgewandert. Aber bis zum Kriege ist der; Drang der Landbevölkerung in die Städte nicht so. stark gewesen, dass dadurch ein Kampf um die von Juden ausgeübten Berufe entständen wäre. Erst die Nachkriegszeiten haben das wiederhergestellte Polen die ganze. Last empfinden lassen, die aus dem Zusammentreffen der Sperrung der wichtigsten Länder für Masseneinwanderung, der Verluste durch die Kriegsfolgen, der Kapitalarmut, der Rohstoffknappheit verbunden mit einem ausserordentlichen Geburtenüberschuss erwachsen mussten. Nun drängte die Landbevölkerung in die Städte und der Kampf um den schmalen Nahrungsraum setzte ein; zwischen 1926 bis 1935 sind insgesamt 186365 Juden aus Polen ausgewandert, von ihnen etwa 100 000 nach dem amerikanischen Kontinent und 68 143 nach Palästina. Trotzdem stieg die jüdische Bevölkerung um 100 000 Menschen! Die jüdische Auswanderung ist nicht nur ein Palästina-Problem2 denn Palästina