Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 3 (21.1.1937)
- Date
- 1937-01-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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* C-V.-Zeitung Nr. 3 3. Beiblatt DAS NEUE BUCH 21. Januar, 1937 Theologische Schriften Religion und Zeit Simon Schwab: Heimkehr ins Judentum. Hermon-V erlag, Frankfurt a. M. Schwab ist einer der vielen Rufer zum „Zurück", wie sie uns seit dem Jahre 1933 in grosser Zahl geschenkt worden sind. Er glaubt das Ziel nur erreichen zu können, indem er die letzten 150 Jahre jüdischer Geschichte in Westeuropa in. Bausch und Bogen verdammt. Heilung kann nur kommen durch die A n t i a s s i m i 1 sTt i o n, durch Abbruch der Brücken, auf denen Juden bisher allzu leicht den Weg zum goitentfremdeten Weltanschauungsgelände der Neuzeit gefunden haben. Rückzug auf ein autochthones. in sich selbst gegründetem, von sich selbst erfülltem Judentum. Also Zionismus? Alles andere denn dies. Der Zionismus fällt dem gleichen Verdammungsurteil anheim wie der jüdisch-religiöse Liberalismus. Beide werden als illegitime Zwillingsbrüder des echten Judentums abgetan. Handelt es sich bei dem einen um die Üeberspitzung des persönlichen Individuums, so bei dem anderen um die Ueberbelonung des menschlichen Kollektivs. Bleibt als einzige Rettung die 0 r t h o d o x i e. Und hier beginnt der erfreuliche Teil des mit dem Gluthauch begeistertster Judentumsliebe geschriebenen Buches. Simon Schwab schlägt nicht nur seine Gegner mit der harten Geissei seines Zornes, sondern er legt die kritische Sonde auch an die Anschauungsweise der jüdischen Richtung an, der er sich selbst zuzählt. Er sieht klaren Blicks, wie der von ihm und seinen Freunden über alles gepriesene „Führer der Verirrten" in der Neuzeit, wie Samson Raphael Hirsch im Ueberschwang seiner Begeisterung für die von ihm verehrte europäische Geisteswelt demselben Fehler anheimfiel wie seine reformerischen Gegner. Auch S. R. Hirsch glaubte — wenn auch auf seine Weise — Judentum mit der Kultur der Umwelt unter der Zauberformel „Thora im Dereeh Erez" vereinigen zu können. Interessant ist nun zu beobachten, wie der nachgeborene Jünger sich mit dieser „Fehlleistung" des Meisters auseinandersetzt. Er glaubt, Hirsch habe mit dieser Erlaubniserteilung zur gleichwertigen Aneignung des weltlichen Bildungsgutes neben dem Thora-Lernen nur eine „Horaath- Schaa", eine „Notstands-Entscheidung" getroffen. Seine eigentliche Absicht sei es gewesen, den Teufel mit dem Beizebub auszutreiben, „mit der Kultur gegen die Assimilation anzuspringen". Hirsch dürfte daher nicht als statisches Phänomen betrachtet werden. Das sei der Fehler so vieler seiner Nachbeter. Als Forisetzer des in S. R. Hirsch dynamisch angelegten Gedankengutes vom totalen Judentum wird in dieser Schrift sein Nachfolger auf dem Frankfurter Rabbinerstuhl Salomen Breuer gepriesen. Ihm. war. europäisches Bildungsgut im Hinblick auf das Jeschiwah-Studium bereits wieder zum- Unwichtigen und Untergeordneten geworden. Die Vollendung dieser Rückwärtsbewegung bringt nun Simon Schwab, indem er einen' grossangelegten Lehrplan einer autonomen jüdischen Schule vorlegt, in der das Kind bis zu 10 Jahren ausschliesslich Thora-Unterricht, aufbauend auf dem lebendigen hebräischen Sprechen und Schreiben, und nebenbei allgemeinen Anschauungsunterricht und Rechnen erhalten soll. Erst die Fortgeschrittenen (10 bis 15 Jahre) sollen auch zur Beherrschung der Landessprache in Wort und Schrift angehalten werden. Es besteht nicht die Absieht, auf den ganzen Lehrplan hier im einzelnen einzugehen. Gefragt darf nur werden, was wohl Männer wie Salomo ihn Gabriol, Jehuda Halevy und der Rambam zu den Vorschlägen dieses Buches gesagt hätten. Es wäre ihnen wohl um die weitabgewandte Einengung, die hier dem Judentum zudiktiert wird, etwas bange geworden. Simon Schwab ist durchaus Recht zu geben, wenn er das Jüdische als das tragende Moment unserer Existenz, fordert. Solche Neuformung des jüdischen Menschen kann aber nicht abseits der geistigen Strömungen der Welt, sondern nur in andauernder und immerwährender Auseinandersetzung; mit den Kulturgütern der Völker geschehen. Hier hilft keine Flucht und keine künstliche Abkapselung. Hier geht es um den Austrag geschichtlich gewordener Problematik, deren schicksalhafte Tatsächlichkeit man auch durch romantische Ghettohochstimmung nicht hinwegbagatellisieren kann. Wir kennen bis jetzt nur einen jüdischen Rückkehrer von Format: Franz Rosenzweig, und der ist nicht gegen, sondern m i t Europa heimgekehrt. Abraham Schlesinger: Im Zeichen der Wiedergeburt. Jüdische Essays. Verlag Kedem, Berlin. In diesem Buch ist eine Reihe von Aufsätzen, die der gelehrte Verfasser schon anderwärts veröffentlicht hat, gesammelt und übersichtlich zusammengestellt. Sein Zionismus, am Begriff des historisch gewordenen Judentums geschult, läuft nie Gefahr, die unabdingbare Notwendigkeit des religiösen Bereichs innerhalb des Gesamtbegriffs vom Judentum zu unterschlagen. Er lässt sich auch niemals dazu hinreissen, bei aller Betonung der vordringlichen Bedeutung eines jüdisch-kulturellen Zentrums in Palästina die Sinnhaftigkeit - --feiner starken jüdischen Diaspora zu leugnen. Im Mittelpunkt der Gedankenwelt Abraham Schlesingers steht die Gestalt Achad H a a m s, dessen Leben und Wirken ein Grossteil dieser Essays gewidmet ist. Es spricht für die durchaus selbständige Haltung des Autors, dass er auch diesem grossen Geist gegenüber seine Eigenmeinung zu wahren weiss. Seine Untersuchung über „Die Religionsauffassung Achad Haams" weitet sich zu einer prinzipiellen religionsphilosophischen Studie über die Tragfähigkeit des Entwicklungsgedankens innerhalb der Theologie aus. Es will etwas besagen, dass Schlesinger hier Achad Haam die Gefolgschaft aufsagt, um der Wahrheit und des Judentums willen. Erfreulich wirkt an diesen Aufsätzen die Geradheit des Stils, die wissenschaftliche Gediegenheit, mit der die Probleme angefasst werden, die logische Klarheit und Gründlichkeit, mit der auch schwierige Gedankengänge vorgetragen werden. Wie man auch letzte religiöse Fragen mit sachlicher Analyse zu erhellen vermag, das zeigt Schlesingers Arbeit über das „Problem der Säkularisierung des Judentums", die im Jahre 1927 geschrieben wurde und noch heute zum Gediegensten und Besten gehört, was zur Erkenntnis "dieses wichtigen Umbildungsprozesses innerhalb des neuzeitlichen Judentums geschrieben wurde. Hugo Sahn. „Nach'lath Z'wi." Monatsschrift für Judentum in Lehre und Tat. Im'Heft 11/12 der Zeitschrift rollt Dr. Isaac Breuer das Problem des jüdischen. Arbeiters für die Entwicklung des gesamten Judentums in Erez Jissroel wie. im; Galuth auf und weist insbesondere den geistigen Führern der Agudas Jissroel die Aufgabe "zu, das Missverhältnis zwischen Poalim und Zeirim aus der Welt zu schaffen. Von den anderen Arbeiten verdient besondere Erwähnung die Fortsetzung des Jacob K a t z s c h e n historisch nationalökonomischen Aufsatzes: „Die Entstehung der Judenassimilation und deren Ideologie". Der Verfasser zeigt, dass erst in dem Zeitpunkt die Assimilation beginnt, da von christlicher Seite eine Bekehrung nicht unmittelbar erstrebt wird und sich „auf einer neutralen Grundlage" ein gesellschaftlicher Verkehr mit den Juden entwickeln kann. Das Heft enthält ferner einen Aufruf des orthodoxen Rabbinerverbandes an die Juden Deutschlands, dem heiligen Willen Gottes die Treue zu bewahren. Es folgt ferner eine wissenschaftliche Diskussion über die Marcussche Chronologie, die von den Rabbinern B. Cohen, Dr. Ph. Biberfeld und Dr. K Kahan geführt wird. Ein kurzer Nachruf auf den verdienten Schulmann Dr. Leo Deutschländer schliesst die Artikelserie, der noch eine Chronik und ein hebräisch geschriebener Aufsatz sozialhygienischen Inhalts des Berliner Arztes Dr. Jacob L e v y folgen. Das neueste Heft beginnt mit einem Aufsatz von Samson Raphael Hirsch „Von dem pädagogischen Werte des Judentums , der um das Jahr 1873 erschien und bezweckte, vor der nichtjüdischen Öffentlichkeit die Berechtigung einer spezifisch jüdischen höheren Schule darzulegen. Es ist gerade für unsere Zeit interessant, festzustellen, dass wir heute mehr denn je den grundlegenden Ideen der Hirschschen Schrift zustimmen müssen. Mit der zu einem geflügelten Wort gewordenen Devise Samson Raphael Hirschs „Thora im Derech Erez" setzt sich Dr. Maximilian Landau auseinander. Er hält das Prinzip nicht für zeitgebunden, wie es heute Stimmen in der deutschen Orthodoxie verkünden, sondern ist der Ansicht, dass die Einbeziehung der europäischen Kulturwerte in den jüdischen Kulturkreis für das deutsche, wie für das westliche Judentum überhaupt die Weiterentwicklung auch in der Zukunft ermöglichen wird. Jakob Katz setzt seinen interessanten Artikel über „Die Entstehung der Judenassimilation und deren Ideologie" weiter fort. Er beschäftigt sich mit der Zeit Mendelssohns, Wesselys, Dohms. Dem Juristen bringt der Beitrag Dr. Paul G a 1 e w s k i s Einblick in die Rechtsverhältnisse der biblisch-talmudischen Welt, und die Fortsetzung der gelehrten Studie „Das noachidische Urrecht" von Dr. Ph. B i b e r f e 1 d, das in diesem Heft noch nicht abgeschlossen ist, wird nicht nur den Juristen und Bibelforscher, sondern jeden jüdisch interessierten Leser anregen. Rabbiner Dr. B. Cohen setzt sich in Form eines Briefes mit Rabbiner Dr. Klein auseinander, der in seinem früheren Beitrage „Neue Wege" kabbalistische Studien verwirft. Das Heft enthält ferner wertvolle Beiträge von Rabbiner Dr. Joseph Breuer, Salonlon Speyer und Dr. G. 11 a 1 i e. . S. Jüdischer Glaube im Lichte der Umwelt Norbert Peters: Die soziale Fürsorge im Alten Testam«*it. Paderborn, Bonifacius- D ruckerei 1936.'; Diese volkstümliche Schrift des bekannten katholischen Theologen will „das Gute herausstellen, was die alttestamentliche Religion an Massnahmen für die soziale Fürsorge in Israel forderte". Der Verfasser erklärt, dass „der Geist der Gerechtigkeit und Liebe, aus dem sie vor Jahrtausenden im Volke der Offenbarung Gottes geboren sind, ewig die Grundlage für jede gesunde soziale Fürsorge bei jedem Volke imd in jedem Lande bleiben wird". Er schildert das Sozialrecht des Alten Testaments im allgemeinen, die Verhältnisse in bezug auf das Eigentum und seine Verteilung, die soziale Fürsorge durch das Bodenrecht, die Familienfürsorge, die Individualfürsorge, die Fürsorge für besondere Menschenklassen und verwendet hierzu nicht nur die Gesetze der Bibel, sondern auch das Gewohnheitsrecht im alten Israel, wie es sich in den biblischen Geschichtsbüchern, bei den Propheten und in den Weisheitsbüchern spiegelt. Die zahlreichen Bibelzitate werden in ansprechender Uebersetzung dargeboten. Die wissenschaftliche Literatur, auch jüdischer Autoren, ist in den Anmerkungen im Anhang weitgehend angeführt. Bei Gelegenheit der positiven Darstellung des Tatbestandes ergibt sich von neuem die Hinfälligkeit vieler Anwürfe gegen die Bibel, die ja schon immer von der ernsten Wissenschaft zurückgewiesen wurden. Aber was meint der Autor mit „talmudischer Doppelmoral"? (S. 28.) Und ob die Juden wirklich besonders sinnlich sind, wie es mit einem Zitat von Heinrich Heine (S. 61) behauptet wird? Hiervon abgesehen gebührt dem Ver- Mein Feigele Von Mordechai ben Hillel Hakohen Aus dem Memoirenwerk „Kwar" des hebräischen Dichters Hakohen, der, wie wir in der C.-V.-Zeitung, Nr. 50/1936, berichteten, in Haifa, SOjährig, gestorben ist, veröffentlichen wir nachfolgendes Kapitel: Eine Fülle von Wärme und Wonne umfängt mich, wenn ich aus dem Meer meiner Erinnerungen Feigele, meine Amme, auftauchen lasse, deren Denken bei Tag und deren Träume bei Nacht — das weiss ich bestimmt — ich mehr denn zwanzig Jahre war. Die vierzig Jahre, die seit dem Tage verflossen sind, da ich sie mit meiner Kindheit, meiner Jugend und meiner Vaterstadt verlassen habe, um mich in die tosenden Wogen der grossen Welt zu stürzen — jene ganze Periode ist wie weggeweht, wie auf einmal ausgelöscht; und all die vielen Tage sind, als wären sie nicht gewesen. Aber vor mir steht lebendig das Bild der kleinen, hageren Frau, voll Leben und schneller Bewegung, in ihrer betleckten Schürze, die gar nicht zu dem Seidenhäubchen passt, das nie von ihrem Kopfe wich — dieses Seidenhäubchen, das den Uebergang bildet zwischen der „tiefen Haube" und dem „Scheitel" — mit ihren Augen, die mich liebend und bittend anschauen — bittend, dass ich ihre Wünsche erfülle, liebend, weil ich i h r Kind bin, ihr Junge, denn mit ihrer Milch hat sie mich gesäugt... Welches waren ihre Wünsche? Dass ich den Becher Milch ganz austrinke bis zur : Neige,. dass ich nicht bocke, dass ich das Weissei und das Gelbei, das sie für mich gekocht hat, aufesse, dass ich mich ordentlich anziehe, wenn es kalt ist.und wenn ich auf die Strasse gehe, dass ich die Stufen vorsichtig hinuntergehe, damit ich Gott behüte nicht falle, dass ich nicht am heissen Kessel spiele und nicht mit Glasscherben mich vergnüge, dass ich nicht zurückzucke, wenn Frau Malka meinen schmerzenden Leib bespricht, und ich ihr Wort für Wort den Fluch allen Schedim, bösen Geistern und Krankheiten nachsprechen soll, wenn ich statt Zuckerwasser und Süssigkeiten einen Trank von Kräutern trinken soll, die sie selbst zwischen den Gräbern vor Morgengrauen gepflückt hat, dass ich ja nicht die Kamee abnehme, die das böse Auge abwehrt; sie hat sie für fünf Groschen von Reb Izili, dem Wunderrabbi, gekauft. Ihr welkes und hageres Gesicht leuchtete, wenn sie gelegentlich ins Cheder kam, da sie der Mutter Kaffee in den Laden brachte, und dann auch dem Rebbe eine Tasse eingoss und ihn sehr bat, ihr zu erlauben, eine WTeile zuzuhören, wie ihr Liebling lernt. Wie gross war ihre Freude, als es soweit war und sie nicht mehr irgendeinen beliebigen Mann sich zu holen brauchte, dass er ihr „Hallel"1) vorsage und Rosch Chodesch und „Anenu"2) an den Fasttagen, ich, ich sagte ihr vor und sie sprach mir Wort für" Wort nach. Kaum hatte ich geendet, da brachte sie mir Kuchchen und Plätzchen und Haut von gekochter Milch, die sie stets für mich zurückgestellt hatte. Als ich dann gar mit neun Jahren zum erstenmal „Schirhaschir i m"3) im Bet hamidrasch vorlas, da hatte sie kaum meine Stimme erkannt, als sie , sich durch die Frauenschul durchdrängte in die Synagoge und im Ueberschwang ihrer Gefühle alles vergass und sich mitten unter die Männer stellte: ihr Gesicht strahlte, wie sie mich, in das Tallit gehüllt, auf der Bima stehen sah — endlos war ihr Glück. Einmal konnte sie auch auf der Strasse ihre Gefühle nicht beherrschend Am Schabbat gegen Abend ging ich' mit meinem Vater spazieren und natürlich *) Ps. 113 ff. 2) „Erhöre uns", Gehet, das an .Fasttagen .eingeschaltet wird. 3} Das Hohelied. gaben wir nicht acht auf die Bäume,- die Blumen im Park und das schöne Wasser, das um den Park flöss, sondern mein Vater prüfte mich in dem Talmudabschnitt, den ich gerade im Laufe der Woche gelernt hatte. Indessen schlössen sich angesehene Leute unserer Synagoge an, darunter auch Reb Chaimke, der Sohn des Rabbiners. Ich war der Jüngste unter ihnen. Der Vater spann die Unterhaltung über den „Injan", das Thema, weiter, unsere Begleiter traten in die Diskussion ein, und ich breitete auch meine Kenntisse aus. Plötzlich kommt mein Feigele von hinten, sie hatte beobachtet, .wie ihr Liebling in der Toradebatte dem Reb Chaimke, dem Sohn des Rabbiners, überlegen war, da bedeckte sie mich über und über mit heissen Küssen, zum Erstaunen der Männer, die nicht wussten, wer sie war. — „Mein Raw, mein Raw!" — sagte sie ausser Atem, „wehe dem, der ihn böse anschaut!" - Sie nannte mich „Raw" schon, als ich noch an ihrer Brust lag. Es wrar einmal ein Begegnis zwischen ihr und einem Fuhrmann, der sie vor den Raw lud. „Ich," erklärte sie, „gehe zu keinem Raw. Ich — eine Amme kann den Säugling nicht verlassen und auf Gerichte und zu Rabbinern laufen. Ich habe keinen Raw, dies hier ist mein Raw." Seitdem nannte man mich in meinem Elternhause den „Raw", Raw von Obilowitz, dem kleinen Städtchen, der Vaterstadt meiner Amme. Sie war .eine von ihrem Gatten verlassene Frau; er war Buchhändler gewesen, der durch Dörfer und Städte zog. Wie es scheint, hatte-sie ihren Mann nicht sehr geliebt, denn sie gab sich nicht allzu grosse Mühe, den verlorenen Spuren nächzugehen. Ihr Kind starb und alle Muttergefühle übertrug sie auf mich allein. Nachdem ich entwöhnt war, blieb .sie in unserem Hause als Köchin. Meinetwegen hatte sie ständig Streitigkeiten mit allen Hausbewohnern, denn sie bevorzugte mich vor allen, Yon allen Leckerbissen, die man im Hause zubereitete, nahm sie den besten Teil und versteckte ihn für mich. Die verlorenen Eier und die Leber vom Geflügel, die besten Kuchchen und Plätzchen, das weisse Fleisch vom Schabbosessen, überhaupt alles Fette und Süsse fiel mir zu, zum Neide der Hausbewohner. Wenn die Brüder und Schwestern mich hintergehen wollten oder mir zunahe kamen, dann kannte ihr Zorn keine Grenzen und dann hatten sie es mit ihren Fäusten zu tun, die unberechenbar waren. Deswegen kam es bisweilen zu abscheulichen Szenen im Hause, und man versuchte, sie zu entlassen und sie fortzuschicken. Aber auch, als sie in anderen Häusern war, hat sie mir das Beste jener fremden Häuser nicht vorenthalten, und ich und mein Lehrer tranken mit Vergnügen den guten Kaffee bei ihren neuen Dienstherren. Ich musste auch dort hinkommen, um mit ihr „Hallel" und „Anenu" zu beten, und selbstverständlich schickte sie mich nicht leer weg, ohne Backwerk und Süssigkeiten. Aber schliesslich war ihre Sehnsucht zu mir so stark, dass sie nach zwei, drei Monaten sich mit dem Bruder oder der Schwester, die sie beleidigt hatten, versöhnte und zu uns zurückkam. In meiner Kindheit habe ich meistens zusammen mit meinen älteren Brüdern gelernt. Da war der Cheder bei uns im Hause. Die Lehrer, die mit ihrer Familie in kleinen Städtchen der Umgegend wohnten, logierten bei uns, damit wir ständig unter ihrer Aufsicht waren, da unsere Mutter im Laden tätig war und der Vater in Petersburg wohnte. Ich war sicher, dass der Stock des Lehrers und sein Riemen mich nicht berühren durfte, denn das Auge von Feigele schaute stets aus der nahen Küche heraus, um zu sehen, was der Lehrer mit mir mache. Sie schämte sich durchaus nicht, dem Lehrer ihre Meinung zu sagen, wenn sie auch nur die leiseste Empfindung hatte, dass zwischen mir und dem Lehrer" irgend etwas nicht stimmte.