Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 2 (14.1.1937)
- Date
- 1937-01-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr, 2*5. Beiblatt CYZeitunq 14 Januar 1937 Ibn Sauds Weg zur Von Dr. Fritz Friedlaender Grösse wegs ein finsterer Gewaltherrscher, sondern Beglücker seines. Volke?, Mehrer seines nationalen Vermögens sein. Zu diesem Zwecke sucht er wandernde Beduinen an den Oasen und Wasserstellen der Wüste anzusiedeln. Die Angesiedelten werden Iehwan, d. b. .Brüder", genannt. Sie bilden seitdem die Kerntruppe in der Kriegsschar Ibn Sauds. Mit dem Weltkrieg beginnt eine neue Phase seines Lebens. Ibn ~ Saud hatte ihn vorausgeahnt: War es doch der vordere Orient, die Zone der Bagdad-Balm, wo die Interessen der britischen und der deutschen Weltpolitik auieinanderstiessen. Ibn Saud ist unschlüssig. Weder nach der einen,.noch nach der anderen Seite hin will er sich binden. Der plötzliche Eintritt de« Weltkriegs überrascht ihn. Vergeblich sucht er eine nationale Einheitsfront der Araber herzustellen. England sucht ibn auf seine Seite zu ziehen. Er verhält sich abwartend; und erst als die Türken im Verein mit seinen Feinden ihm eine Niederlage bereiten, lehnt er sich an England an. Eine schwere Zeit bricht für ihn an; eine Zeit, die alles bisher Errungene in Frage stellt. Untertänige Stämme der Araber fallen von ihm ab. Ihre Wiederunterwerfung, die erst im Jahre 1916 gelingt, kostet ibn unsägliche Mühe. Inzwischen haben sich die Engländer, von Oberst Lawrence beraten, für den Scherifen Hussein vou Mekka erklärt. Nicht der schwankende und zögernde Ibn Saud, sondern Hussein, der als erster von den Türken abfiel, soll mit dem Königstitel Arabiens belohnt werden. Ibn Saud ist weit davon, entfernt, den von ihm verachteten und gehassten Hussein als nationalen Führer Arabiens anzuerkennen. Denn er fühlt im Innern, dass er selbst dazu ausersehen ist. Ein ungemein kluger Unterhändler Englands, St. John Philby, kommt zu ihm, um ihn zum Anschluss an sein Vaterland zu bewegen. Es ist zunächst vergeblich; Ibn Saud bleibt weiterhin neutral, obzwar mit England befreundet. Der Ausgang des Weltkrieges bringt ihm schwerstes Ungemach. Seine königliche Gemahlin und der Thronerbe erliegen der damals wütenden Grippe-Epidemie. Auch politisch steht es nicht zum besten. Die Engländer unterstehen noch dem Einfluss des Obersten Lawrence. Infolgedessen unterschätzen sie die Persönlichkeit und politische Stosskraft Ibn Sauds. Sie planen einen panarabischen Staatenbund unter Husseins Leitung und geben, als der Plan sich nicht verwirklichen lässt, das Königreich Irak an Husseins Sohn Feisal und das Emirat Transjordanien an Abdullah, einen anderen Sohn Husseins. Ibn Saud, durch den Verlust seiner Lieblingsfrau und seines Nachfolgers seelisch erschüttert, hat immer noch mit der Niederhaltung widerspenstiger Araberhorden zu tun. Er bleibt auf Zentralarabien beschränkt und. muss, von Englands Weltmacht eingeengt, die arabischen Neustaaten, Irak und Transjordanien, notgedrungen anerkennen. Allmählich spitzt sich die gesamte politische Entwicklung auf einen Zweikampf zwischen ihm und Hussein zu. Hussein, Herr des Hedschas am Roten Meer, ein mürrischer, jähzorniger, moralisch skrupelloser Mann, hat sowohl durch seine Misswirtschaft als Regent wie durch seine religiöse Laxheit das Missfallen der islamischen Welt erregt, so dass die Engländer allmählich ihre schützende Hand von ihm abziehen. Seine eigenen, neu gefürsleten Söhne werden an ihm irre. Ibn Saud sieht seine Stunde gekommen. Schon als Hüter des wahren Glaubens hält er es für seine Pflicht, den ungläubigen Hussein zu beseitigen. Schritt für Schritt geht er vor. Als er zupacken will, da weicht der Gegner dem Kampfe aus. dankt ab und flieht nach Cypem. Mekka und Hedschas liegen Ibn Saud zu Füssen- Die Inbesitznahme des Landes zieht sich vom Jahre 1924 bis zum Jahre 1926 hin. Ibn Saud wird zum König des Hedschas erkoren. Damit rückt er in den Mittelpunkt der mohammedanischen Welt uud in den Vordergrund der internationalen Politik- Er ordnet die Verhältnisse des verwahrlosten Hedschas; sftrgt für Sicherheit der nach den heiligen Städten wallfahrenden Pilger. Während seiner langen Abwesenheit gärt es in seinem Kernland, dem "Nedsch; Empörung bricht aus. Rasch zurückgekehrtmuss er unter grössten Anstrengungen den Aufstand niederwerfen. Jetzt siehter die Notwendigkeit ein, seine Macht ein für allemal zu konsolidieren. Dazu gibt es nur einen Weg, der unter möglichster Schonung der religiösen Empfindlichkeit seiner Wabhabiten beschritten werden müsse die technischen Errungenschaften der europäischen Neuzeit. Radio^T Auto, Flugzeug, vor allem ein kleines schlagfertiges, auch motorisiertes stehendes Heer geben ihm von nun an die Möglichkeit sein weitgedehntes Reich in ständigem Gehorsam zu erhalten. Die grossen Mächte des Erdballs erkennen ihu als König des Nedsch und des Hedschas an. Er steht im Zenit der Macht. Das Geheimnis seines Erfolges ist in seiner Persönlichkeit beschlossen. Eine ungeheure physische Stärke bildet die Grundlage der soldatischen Tugenden des auch körperlich riesenhaften Mannes. Er ist nicht nur ein todesverachtender Krieger, der sich mitten ins Gewühl der Schlacht stürzt, sondern auch ein weitschauender Feldherr, der sich gerade nach erlittener Niederlage am gefasstesten erweist. Seine Arbeitskraft ist bei sehr geringem Schlafbedürfnis ebenso gross wie seine Klugheit in der Kunst der Menschenbehandlung. Nur einem Psychologen, der so tief in die Seele seines Volkes schaut, wie Ibn Saud, konnte es gelingen, die Araber zur staatlichen Einheit zu zwingen. Dieselben psychologischen und diplomatischen Fähigkeiten — Urteilskraft, Instinkt für das Erfordernis der Stunde, Selbstbeherrschung und weise Mässigung — beweist er in seiner Aussenpolitik. Die klare Erkenntnis der Grenzen seiner Macht bewahrt ihn vor gefährlichen Abenteuern und diplomatischen Niederlagen. So nahm er es zähneknirschend hin, als England seinen Rivalen Hussein begünstigte. So widerstand er der Versuchung, während des italienisch-abessinischen Krieges an die Seite des letzteren zu treten, obwohl gefühlsmässige Gründe dafür sprachen- Dass er nach dem siegreichen Kriege gegen Jemen. (1934) darauf verzichtete, das arabische Nachbarland am Roten Meer völig zu usurpieren, dass er vielmehr mit ihm ebenso einen Freundschaftsvertrag schloss wie mit dem Irak, in dem Husseins Enkel regiert: das wirft auf die kommende Phase seiner Entwicklung ein bezeichnendes Schlaglicht. Er hat auf kleinere Vorteile Verzicht geleistet, um dem grossen Ziele näher zu kommen: der Bildung einer nationalen Einheitsfront der Araber — einer panarabischen Politik — unter seiner Führung. ..Ein Riese, der aus dem Chaos und Elend der Wüste aufgestiegen ist — um zu herrschen." — Es ist ein nüchterner Engländer, frei von Pathos und Ueberschwang, der so urteilt. Ein Mann, der gewohnt ist, seine Worte bedächtig zu wählen. Der neueste Biograph des heutigen Beherrschers von Arabien kommt am Ende «einer Erzählung zu jenem Urteilsspruch. (H. C Armstrong ..Ibn Saud, König im Morgenland" Deutsche Ausgabe von Paul Fohr und Dagobert v. M i k u s c h, Paul List Verlag, Leipzig). Bedarf es heute noch eines Hinweises darauf, dass die Persönlichkeit dieses Herrschers für das Schicksal Palästinas von -Tösster Bedeutung zu werden verspricht? Stand bei den schwer durchsichtigen Ereignissen, die zur Abbrechung des arabischen Streiks in Palästina führten, der mächtige Araberkönig im Hintergrund, so wird seine Hand bei den künftigen Entwicklungen und Verwicklungen wahrscheinlich noch viel deutlicher /.u spüren seiu. Somit ist Ibn Saud nicht nur i'ine allgemein ' weltgeschichtlich interessante Figur, sondern auch ein Machtfaktor, der die jüdische Gegenwartsgeschichte aktiv mitgehalten wird; ein Mann, dessen Wesensart zu kennen, für uns unerlässlich ist. c Der höchst dramatische Werdegang des heute „sechsuadfünfzigjährigen Königs verschafft uns den besten Einblick in die ausserordentlichen Kräfte und Fähigkeiten seines Wesens; und die Lebensbeschreibung des Engländers Armstrong, die stets das Menschliche in den Vordergrund rückt, dabei trotz ihrer kritisch kühlen Haltung das Genialische unterstreicht, trägt sehr viel dazu bei, uns jenen Einblick zu verschaffen. Welch* ekie Weit, in der der W'üstenkönig aufwuchs! Das Innere Arabiens weithin Wüste, wasserarm, heiss brennende Sonne, zwischendurch kühle Winde. Armut der Menseben, ziehende Herden, da und dort Städte, armselige Dörfer. Dumpfer Aberglaube, verstockte Unbildung, Untreue. Tücke, Raub und Gewalttat, Faustrecht regiert; allgemeine Unsicherheit. Am schlimmsten aber hauste der Dämon der politischen Zwietracht. Mord, Raub, Plünderung, Arerrat und Grausamkeit führte er im Gefolge. Während des ganzen 19. Jahrhunderts sind die Stämme des unglücklichen Arabiens miteinander verfeindet; Bruderkrieg herrscht, Freund wird zum Feind. Nur eine einzige Macht wahrt in dem heillos zersplitterten arabischen Volke «inen festen Zusammenhang und bewahrt es vor dem Zerfall: die religiöse Ueberlieferuug, der Glaube an die Lehre des Propheten. Gerade im Herzland Arabiens, dem sogenannten Nedsch, der- Heimat Ibn Sauds, bestimmt die strenggläubige Sekte der Wahbabiten den Stil des Lebens. Unbedingte Befolgung der Gebote des Korans sowie, abgesehen vom Geschlechtlichen, puritanische Lebensführung machte sie zur Vorschrift. Hier in dieser Welt, als Nachkomme eines Herrschergeschlechts, das einst über Arabien das Zepter schwang, wurde Ibn Saud im November des Jahres 1880 in der Hauptstadt des Nedsch, Riad, geboren. Sein Vater, selber überaus fromm und gottesfürchtig, von der Sehnsucht nach dem Wiederaufstieg; Arabiens erfüllt, erzieht ihn nicht nur zum strenggläubigen Wahbabiten, sondern sorgt Englische Bücher i. In England sind in den letzten Jahren mehrere Werke und kritische Aufsätze erschienen, in denen die Stellung des englischen Judentums und seiner hervorragenden Vertreter innerhalb ies Empire untersucht werden. Die Kenntnis der englischen Geschichte des IS. Jahrhunderts, das Grossbritanniens Weltmacbtstellung begründete, ist Voraussetzung für das Verständnis jener Bücher. Denn ohne diese Ausweitung des englischen Weltbildes wäre die von M a n a s s e ben Israel bei C r o m w e 11 im Jahre 1665 erwirkte Wiederzulassung der Juden auf der britischen Insel ein mehr oder weniger theoretischer Akt geblieben. So aber fiel er zusammen mit eiuer Zeit des finanziellen Aufstiegs, in der die private Iuitiative, an ihrer' Spitze die Indische Handelsgesellschaft, zunächst den wirtschaftlichen und nach sich ziehend auch den politischen Einfluss Englands auf Indien ausdehnte. Dieser Besitz war in dem Augenblick gesichert, in dem Amerika den Abfall vom Mutterland vollzog. Dramatisch ist die Geschichte des Inselreichs durch die Jahrhunderte. Spannend und für den Europäer fantastisch wird sie in dem Augenblick, in dem England den „Griff nach Indien" wagt. So nennt K. L. Baggesen ein Buch, das in äusserst ansprechendem Gewand, klarem Druck und mit einigen iutruktiven"Tafeln versehen im Rotapfel-Verlag (Zürich/Leipzig) erschienen ist. Die Mäuner. die zupacken, sind Clive und Hastings. Es ist gewiss ein Wagnis nach Tb. B. Macaulays klassischen „Kritisch-historischen Aufsätzen", die auch die Porträts Clives und Hastings euthalten. diese Persönlichkeiten noch einmal biographisch uachzuschaffen. So durch schonungslose Abhärtung des Leibes auch dafür, dass der Sohn künftig in physischer Hinsicht Menschenmögliches beinah zu überbieten vermag. Da bricht schweres Unheil herein. Familienzwist. Ein feindlicher Stamm erobert Riad. Mit geraumer Not entkommt der Vater Ibn Sauds mit den Seinen. Zu den Beduinen der Wüste geht die Flucht. Hier lernt der Knabe das harte und verhärtende Dasein des Wüstenbewohners am eigenen Leibe kennen. Dann findet die vertriebene Familie in Koweit, einer Hafenstadt am Persischen Golf, Unterschlupf. Reges Leben herrscht dort Schiffsverkehr. Warenhaudel, ein ständiges Kommen und Gehen. Europäer, vor allem Engländer, tauchen im Strassenbild auf. Koweit am Wege vom Ostmittelmeer nach Indien gelegen, berührt die Interessensphäre des britischen Weltreichs. In diesem bescheidenen Ort lernt der heranwachsende Ibn Saud^ damals schon jung verheiratet das feine Triebwerk der Weltpolitik der britischen Weltmacht Im Gefühl der unbändigen Kraft der Jugend reift in ihm eine entscheidende Tat. Nach manchem Fehlscblag gelingt es ihm, mit einer Handvoll Leuten die Vaterstadt Riad unter persönlichstem Einsatz wiederzuerobern. Aus dem missaebteten Flüchtlingssohn ist ein allgemein geachteter Kriegsheld und Politiker geworden, ein Mann, der von nun an im Vordergrund der innerarabischen Auseinandersetzung steht. Nun galt es das Eroberte zu behaupten. In den Jahren 1902/03 hat Ibn Saud alle Hände voll zu tun, die Mächtstellung, die er durch einen kühnen Handstreich errungen hat, gegen die Rachsucht und Scheelsucht der feindlichen Nachbarstämme zu verteidigen. 1903 ist er endlich Herr des Nedsch: die Wahhabiten erkennen ihn als ihren Fürsten an. Da entsteht ein neuer Konflikt. Das Türkische Reich, dem Namen nach Souverän über Arabien, stellt sich auf die Seite seiner Feinde. Ibn Saud begegnet ihnen zunächst mit diplomatischen Waffen, er verhandelt mit den Türken, indem er sehr wirksam eine ideologische Karte ausspielt: die nationale Freiheit des Arabertums gegen die türkische Fremdherrschaft Als sein scharfes Auge die Risse im türkischen Staatsgebäude wahrnimmt, benutzt er die Schwäche des angeblichen Oberherrn, um ihm das wertvolle Küstenland am Persischen Golf, das Hasa-Gebiet zu entreissen. Die Zurückdrängung der Türken bedeutet sein erstes Heraustreten aus der rein arabischen Interessensphäre. Nach innen hin wird er sich seiner politischen und religiösen Sendung bewusst: er will die zersplitterten. Stämme der Araber zu einem grossen und mächtigen Reiche zusammenschweissen und die Lehre Mohammeds in ihrer unverfälschten Form wiederherstellen. Beide Aufgaben greifen ineinander. Er ist unbeschränkter Selbstherrscher, ein Monarch, der erst allmählich einen ihm unbedingt ergebenen Regierungs- und Verwaltungsapparat aufbaut. Persönlich spricht er das Recht; er hütet die Ordnung seines jungen Staatswesens, denn er weiss nur zu gut, dass man lediglich durch unerbittliche Strenge die zu Verrat neigenden Beduinen in Botmässigkeit erhalten kann. Jede Empörung wird mit drakonischen Strafen geahndet. Aber er will keinesfinden sieh denn auch in Baggesens Buch keine neuen Erkenntnisse. Aber die klare, nüchterne, sichtlich an Macaulay geschulte Sprache schildert diese abenteuerlichen Leben so einprägsam, dass der Leser sofort gefesselt wird. Vielleicht liegt die Stärke des Buches gerade in seinem Mangel an psychologischer Deutung. . Olive und Hastings werden geschildert, so wie sie waren. Abenteurer, die die Heimat von sich stiess, keine Engel, sondern Tatmenschen ohne Skrupel, Kolonisatoren mit dem Stolz des Europäers. Sie kanuten nur zwei Ziele: Geld in die Kassen der Ostindischen Kompagnie, Mehrung der englischen Macht. Es ist ein wildbewegtes Bild voll von grausamen Zügen, von Erpressung, Fälschung, Martern, Intrigen. Voll aber auch von menschlicher Leidenschaft, von Mut, Zähigkeit und — Erfolg. Auch die zarten Töne menschlicher Regungen fehlen nicht in dem Bild; es fehlt nicht die Liebe und es fehlt nicht das Leid des Individuums. In diese Welt, in der die Kämpfe um Indien und Amerika, der Streit zwischen Habsucht und Moral unerbittlich ausgetragen wurden, kamen die Juden aus Holland und Spanien, aus Deutschland und Portugal. Vierzehn Jahre alt war D i s r a e 1 i. als Hastings starb, und 170 Jahre nach Hastings steht Reading als Vertreter Englands in Indien. Was Clive und Hastings mit Mitteln, die uns heute barbarisch erscheinen, dem Empire einverleibten, das suchten Reading und vor ihm Disraeli mit dem Geist der Menschlichkeit zu erfüllen. Waren jene Mehrer des Reiches, so diese Bewahrer und Erhalter seines Bestandes. Hans Oppenheimer II- Wer das Bedürfnis fühlt sich mit Wesen und Werden des weltumspannenden Britentums intensiver vertraut zu machen, wird sich nicht mit der Lektüre von Zeitungen und Zeitbüchern begnügen. Zur tieferen Kenntnis führen viele Wege; einen festen Lehrplan für die Hochschule der Erwachsenen (ohne Altersgrenze nach oben und unten) gibt es nicht Mancher versenkt sich mit besonderem Nutzen in die englische Bibel, wie umgekehrt Thomas Babiugton Macaulay,. der grosse Geschichtsschreiber, Luthers Üebertragung als Schlüssel zum deutschen Wesen benützte. Es geht aber auch ohne Sprachkenntnisse. Die deutsche, bei R. O I d e n b o u r g erschienene Ausgabe von George Macaulay Trevelyans historischer Darstellung des englischen Volkes und Reiches ersetzt fast das Original. Trevelyan hat von seinem Grossonkel nicht nur den zweiten Vornamen geerbt sondern auch den hohen Flug und den Selbstrespekt der den echten Historiker unbestechlich macht. Seine -.GeschichteEnglands" trägt denStempel der Persönlichkeit, aber sie gibt gleichzeitig den englischen Typus in seiner vornehmsten Prägung. Der Alltag ist auch im Bereich der über die ganze Welt verstreuten britischen Völkergemeinschaft hart rauh, trüb, bässlich, vulgär. Aber darüber stehen, wie Trevelyans Buch beweist, als ebenso lebendige Wirklichkeit höhere Werte, ewige Rechte, ererbte Pflichten. Freiheit erscheint dem Engländer als eine ebenso notwendige Grundlage des Imperiums, wie Macht und Reichtum. Auf achthundert Seiten entsteht in bewundernswerter Klarheit aus einer überraschenden Fülle von Einzelheiten, von denen keine ungeprüft blieb, das Gesamtbild eines Aufstiegs aus tiefster Barbarei zur kompliziertesten Zivilisation, eines ununterbrochenen Wachstums an Geld und Geltung, aber auch sn moralischen Antrieben und Hemmungen. Dass die Darstellung der jüngsten Vergangenheit anfechtbarer ist als die der früheren Jahrhunderte, ist unvermeidlich.- Aber selbst die paar Seiten über den Weltkrieg atmen den Geist freier Diskussion, der dem Urteil Mass und selbst dem Vorurteil noch eine gewisse Würde gibt Nur selten fällt eine Redewendung aus dem ausgeglichenen Rahmen; so, wenn der alternde Heinrich VIII. als „menschenscheuer Greis" bezeichnet wird, was bei einem Mann, der mit fünfundfünfzig Jahren starb, übertrieben klingt. Die Feststellung, dass der Historiker von der Zukunft nicht mehr sehe als andere, zeugt für die echte Bescheidenheit wahrer Wissenschaft Wer in der Geschichte nach Analogien sucht um daraus Schlüsse für sein praktisches Verhalten zu ziehen, kann ebensogut Astrologie studieren. Die englischen Einrichtungen und die englische Menschen sind mit ihren Vorzügen und ihren Mängeln auf dem Inselboden erwachsen und können nicht ohne weiteres verpflanzt und übernommen werden. Und schliesslich kommt alles darauf an, ob der rechte Mann zu rechten Zeit erscheint und die Zauberformel findet „Das Genie hat seine Vorrechte", sagt Trevelyan in seiner Würdigung D i s r a e 1 i s. „nur ein Genie kann Parlamentsverhandlungen ebenso anziehend machen wie die aufregenden Berichte über Krieg und Revolution." Ein sorgsames Register und eine grosse Zahl von Kartenskizzen erleichtert den praktischen Gebrauch, die Klarheit und Schönheit der Sprache vertieft den bleibenden Eindruck dieses stolzen Selbstporträts des englischen Menschen auf der Höhe des Lebens und Wirkens, (Fortsetzung folgt.} Julius Elbaii.