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Central-Verein-Zeitung · 1937-01-14 · 2 (14.1.1937) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
2 (14.1.1937)
Date
1937-01-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 2 * 4. Beiblatt €Mlblt§i§§i 14. Januar 1937 Das Januarheft des „Morgen * Das Januarheft des ..Morgen" steht im Zeichen Her Wandlungen. Welche Art, jüdisches Geschehen und jüdisches Menschentum zu betrachten, könnte jüdischer sein, als: jene, die Wandlungen aufzeichnet und durch die Wandlungen das Bleibende erkennt! Max Eschelbacher findet in seinem Aufsatz ..Judentum und Umwelt in der Neuzeit" die treffenden Worte: ..Das Ende einer Gestalt unserer Existenz enthüllt sich immer als der Anfang einer neuen Erscheinungsform jüdischen Daseins-'* Er schildert, wie das Auf und Ab jüdischer Geschichte eng mit den allgemeingesichichtlichen Bewegungen verknüpft ist Wie das liberale Zeitalter die schöpferischen Kräfte anregte und die jüdische Lehre im orthodoxen und liberalen Lager neue Ausdrucksformen fand, so hat auch das Zeitalter der NationalitätenbeweguDg die nationale Idee im Judentum geweckt. Derselbe Gedanke der engen Verbindung des Judenschicksals mit den geschichtlichen Umweltströmungen ist unter Staats- und völkerrechtlichem Gesichtswinkel beleuchtet in dem Aufsatz von Kurt Stillsehweig „Staatsrechtliche Wandlungen". Der Verfasser, der in diesen Blättern sich wiederholt über einschlägige Probleme geäussert hat. skizziert die beiden gegen- .-ätziiehen Emanzipationstypen des west- und osteuropäischen Raumes: Im Westen: die individuelle, im Osten: kollektive Emanzipation (zumindest im Prinzip). Im Westen: unter der Herrschaft des Ideengutes der französischen Revolution: Gewährung der Bürgerrechte gegen Aufgabe der nationalen Sooderart Im Osten wurden die nicht nach westlichem Vorbild emanzipierten Juden in den Nachfolgestaaten Russlands und Oesterreich-Ungarns als nationale Minderheiten konstituiert. — Der resignierten Schlussfeststellung des Verfassers, sowohl bei dem westlichen wie bei dem östlichen Eingliederungsversuch sei die Unsicherheit des Diasporaschicksals geblieben, ist nur hinzuzufügen, dass diese Unsicherheit nur die Kehrseite des Strebens zu einer Sicherheit ist: nämlich der "Sicherheit der Existenz des Judentums überhaupt, gleichviel in weichen geschichtlich bedingten und zeitlich beschränkten Formen. Die Wandlungen jüdischen Seins im Zusammenhang mit der Umweltgeschichte beleuchtet schliesslich noch Bertha Badt-Straussin be- :/-ug auf die jüdische Frau in einem reizvollen Aufsatz. Gegegenübergestellt werden die grossen Jüdinnen der Romantik: Rahel Levin und Henriette Herz mit ihrer der Zeitströmung entsprechenden freischwärmenden, schönheitstrunkenen Geistigkeit und Frauengestalten eines nüchterneren, zum Sozialen und Praktischen hingewandten Zeitalters, das auch die Jüdin in die Frauenbewegung und die soziale Arbeit führt Die drei hier skizzierten Aufsätze schliessen sich gedanklich zu einer eindrucksvollen Einheit zusammen. Die übrigen Beiträge bringen eine Fülle wichtigen Stoffes verschiedenster Art. Erich Rosentbal zeigt in einer Untersuchung, wie sie meines Wissens erstmalig ist. aus den Erfahrungen der jüdischen Winterhilfe den ländlichen Notstand in einem industriell und landwirtschaftlich gemischten Gebiet auf. Die nüchterne und genaue ziffernmässig belegte Darstellung gibt ein erschütterndes Bild von einer Not die nicht nur Wirtschaftssorgen, sondern auch seelische Spannungen, Verbitterung und hier und da eine gemeinschaftswidrige Einstellung hervorbringt. — In einer knapp gefassten. aber sachlich aufhellenden Untersuchung, zeichnet Julius B a b ein Bild des jüdischen Lyrikers und kosmischen Sängers Alfred Mombert. dessen neuestes Versbuch ..Sfaira, der Alte" kürzlich erschienen ist. — Eine überaus fesselnde und fast abenteuerlich anmutende, aber wissenschaftlich gesichterte Geschichte erzählt Carl Cohen über das althochdeutsche Schiummerlied, das durch die — spätestens im 10. Jahrhundert — erfolgte Niederschrift eines unbekannten Juden als einziges Stück dieser Literaturgattung der Nachwelt erhalten blieb. — Im Novellenteil findet sich eine sprachlich sehr gelungene Erzählung von Mala Laaser von einem wunderlichen alten Juden, der als Narr verspottet, sieben Jahre geduldig und gläubig auf sein Recht wartet und darüber wegstirbt, seine Spötter aber noch nach seinem Tode besiegt. — Glossen und Buchbesprechungen schliessen das stofflich reiche und in seinen Beiträgen wohlabgewogene Tieft. Berthold Weinberg. Vorträge Julius Bab: Der Widerhall der Bibel in der europäischen Dichtung. In seinem dritten Berliner Kullurbundvortrage über den Widerhall der Bibel in der europäischen Dichtung ging Julius Bab von der Gestalt Moses aus, die, wie er bemerkt, oft Gegenstand dichterischer Darstellung gewesen sei, doch als solcher niemals die Bedeutung und das künstlerische Ausmass angenommen "habe wie Michelangelos Kolossalstatue in der bildenden Kunst Ein viel stärkeres Echo hat dann Moses Nachfolger J o s u a in der Dichtung gefunden — wie der Vortragende an zwei kurzen, lyrischballadenhaften Werken, an Victor Hugos auf ungewöhnliche rhetorische Wirkungen gestellten „Posaunen" und an Rainer Maria B. i 1 "k e s ungleich tieferem Josua-Gedicht, einem sprachgewaltigen Sinnbild des bezwingenden Allers, treffend illustrierte. Zum Buch der Richter überleitend, berührte Bab das von europäischen Dichtern vielfach behandelte Thema „Jephtas Tochter", liess jedoch „Deboras Triumphgesang", nach Bruno Kittels Worten eine Perle der Dichtung aller Zeiten und zumindest als textliche Grundlage für musikalische Werke öfters verwendet (Händel, Piazetti), ganz unberücksichtigt Eingehender beschäftigte sich der Redner "mit dem jüdischen Volkshelden Simson, der durch die Jahrhunderte hindurch bis in die moderne Zeit hinein die dichterische Phantasie immer wieder angeregt hat und für dessen Nachbildung er als Beispiel wirklicher Grösse und echter, von persönlicher Leidenschaft genährter Paihetik John M i 11 o n s (heute fast vergessenes) dramatisches Gedicht „Samson Agonistes" heranzog. An den Büchern der Könige stellte Bab fest, dass zwei so monumentale Gestalten wie Saul und David — ähnlich wie Moses — in keine wahrhaft grosse Dichtung eingegangen seien, die etwa an Reinbrandls ergreifendes "Gemälde heranreiche. Zum Schluss verweilte er bei den beiden bedeutendsten Dramatisierungen des Esther- Themas. bei dem Franzosen Racine und dem Oesterreicher Grillparzer, von denen der eine die biblische Ueberlieferung durch eine wundervoll geprägte Sprachmelodie jüdischer Mädchenchöre, der andere durch die Feinheit psychologischer Charakterisierungskunst in schöpferischem Sinne bereichert habe. H. L. Leo Baeck: Sicherheit und Gewissheit- In einer Ansprache, die Rabbiner Dr. Leo Baeck am 10. Januar in Karlsruhe gehalten hat. führte er u.a. aus: Dem Menschen, dem das Religiöse fernsteht, ist das Entscheidende seines Lebens di? Sicherheit Dem Menseben, der in der Religion Frage und Antwort findet, ist das Entscheidende die Gewissheit. Die Sicherheit, das Berechnen und Zählen, bat Sinn nur, wenn die Zeiten ruhig sind. Wenn aber das Unberechenbare eintritt, wenn das Schicksal verdunkelnd seineu Weg geht, g^rät das Gebäude der Sicherheit ins Wanken. Die nur um die Sicherheit gewusst haben, sind zu Boden gedrückt Die jüdische Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens ist:* Nicht Sicherheit ist das Entscheidende, soudern die Gewissheit Gewissheit bedeutet: gewiss in dessen, was die Hand nicht greifen, der Verstand nicht berechnen kann. Sie bedeutet: gewiss sein des Unsichtbaren und Unfassbaren. Diese Gewissheit wächst aus dem Sinn für das Geheime und Verborgene. Dies ist das Geheimnis des Menschen: Er arbeitet im Tage für den Tag und für bestimmte Sicherheiten. Aber das alles ist eingebettet in Etwas, das über allem ist und in dem er alle Tage lebt so dass er in der Stunde die Ewigkeit zu eigen hat. Jüdische Frömmigkeit hat immer in dieser Welt der Gewissheit gelebt St. Max Eschelbacher: Arbeiter und Arbeit im Judentum. Im Rahmen der Lebrkurse der Franz- Rosenzweig - Gedächtnis -Stiftung H a in b u r g widmete sich Rabbiner Dr. Max Eschelbacher (Düsseldorf) in einer mehrere Abende umfassenden Arbeitsgemeinschaft dem Arbeiter und dem Arbeitsvertrag im Rechte der Halacha. An Hand zahlreicher Quellenstellen bewies der Referent die dem Judentum zugrunde liegende ethisch hohe Auffassung von der Arbeit die Anschauung, dass der Arbeiter kein Sklave, sondern ein freier Mann ist und die religiöse Grundidee, dass er als der Schwächere im besonderen zu schützen sei und über die besseren Rechtsmittel zu verfügen habe. Vergleiche mit Gesetzen anderer alter Völker zeigten die Verschiedenheit ihrer Auffassung, ihrer Idee, die durch ihre Gesetzgebung gekennzeichnet wird Das Recht im Judentum,, das Recht der Halacha ist auf Grundsätzen höchster Moral aufgebaut In eingehendster Erörterung befasste sich der Referent mit den Grenzen des"Verlagsrecht, der Arbeitszeit, dem Abschluss des Arbeitsvertrags, den Rechten und Pflichten des Arbeiters u. a. Die Betrachtungen der Unterschiede zwischen dem Arbeitsrecht der Halacha und dem modernen Arbeitsrecht sowie die Bedeutung des altjüdischen Arbeitsrechts für^ die Gegenwart bildeten den Abschluss des bedeutsamen und lehrreichen Inhalts dieser Arbeitsgemeinschaft S.E. Joachim Prinz: Grundfragen jüdi* scher Kulturgeschichte In der Montaareihe der Berliner Lohrbausvorträge über „Jüdische Kulturgeschichte" sprach am IL Januar Joachim Prinz über „Grundirasen jüdischer Kulturgeschichte**« Jüdische Kulturgeschichte, so führte Prinz aus, ist nicht jüdische" Kultusgeschichte und auch nicht- Geschichte des Juden..tums" als eines in sich geschlossenen Gedankensystems. Ein derartiges umfassendes, für alle Zeiten und Schicht eu dev Judenheit gellendes System hat es auch in der. jüdischen Entwicklung nicht gegeben. Insbeson* dere ist der Versuch einer „Theologisierung'' de? jüdischen Entwicklung abzulehnen. An Stelle def theologisierten Betrachtungsweise jüdischen Werdens setzt Prinz eine ,7vitalistische4< jüdische Auffassung, die es notwendig macht, Typen, auch der biblischen Vergangenheit, „aus der Mapps des Schulmeisters" zu'befreien und ihnen den Platz anzuweisen, der ihnen in der Wirklichkeit zukam. Bei Verzicht auf ein theologisiertes „System** des Judeutums ergibt sich auch eine andere Stel« lung zu Jesus von Nazareth, der sich als Glied der jüdischen Gemeinschaft fühlte, sowie zu Spinoza, obwohl dieser exkommuniziert wurde. Im Gegensatz zu ihnen sind als nichtjüdisch, trotz jüdischer Herkunft, Menschen wie Pfeffer» körn zu betrachten, die sich im Ansatz ihre« Denkens der jüdischen Gemeinschaft gegenüber als aussenstehend, ja sogar als Gegne? empfanden. Charakteristisch und neuartig an den jüdischen Menschen zurzeit der Bibel ist nicht ihr Glaube an Gott, sondern die Tatsache, dass man. diesen Gott nicht darstellte, weil man ihn als nicht darstellbar empfand. Eine Folge diese" abstrakten Betrachtungsweise war aber auch der Mangel an eigener künstlerischer Gestaltungsfähigkeit ausser auf dem Gebiete der Sprache und der Musik. Hier aber sind die Leistungen um so überragender: maii denke nur an die Formulierkraft der Bibel, die in ihrer Prägnanz und Schönheit einzigartig ist Von einer festgesetzten jüdischen Lebensform kann man erst seit Esra sprechen. Diese Form allerdings war zunächst so gefestigt dass die Juden es sich leisten konnten, sich in äusseren Dingen, im „Kostüm", der Umwelt anzugleichen, ohne ihr Judesein aufzugeben. Erst im Zeitalter der Emanzipation wmrde auch ihr Inneres von den Kräften der Umwelt erfasst. Das Wertvolle und Unverzichtbare dieses Vorganges muss jedoch unbedingt anerkannt werden. Auch wo die Angleichung auf Kosten des Judentums ging, blieb stets ein Reservat jüdischer Besonderheit übrig; es äusserte sich in der Haltung zu den Grundfragen des menschlichen Daseins^wie Familie, Tod. sowie in der Eigentümlichkeit jüdischer Denkungs- und Formulierungsart. wie sie im Witz ihren Niederschlag findet. Wieweit sich eine neue tiefgreifende jüdische Geistesauffassung wieder herausschält, ist eine Frage, die sich jetzt nicht beantworten lässt Es gehört hierzu eine -Haltung, die wir oft in unsere? Geschichte unter Beweis stellen mussten, nämlich: Geduld. Obwohl, wie der Referent auch einleitend betont hatte, eine umfassende Systematik nicht gegeben werden sollte, so erwies sich sein Vortrag doch als wichtiger, in sich geschlossener Beitrag Die Geschichte vom „Stillen" Von Mala Laaser Im Hafen von Saloniki lag eine kleine Brigg zur Ausfahrt bereit. "Schaulustige Nichtstuer und eine Anzahl zerlumpter Bettler hatten sich am Fallreep versammelt. Die Nichtstuer waren gekommen, weil sie immer zur Stelle sein mussten, wenn etwas im Hafen vor sich ging, worüber man reden konnte. Die Bettler dagegen wussien, dass Alexaudros. dem die Brigg gehörte, für ihresgleichen eine offene Hand hatte, wenn er in Geschäften ausser Landes fuhr. Das soll nicht heissen, dass dieser Alexandras, Gewürzhändler seines Zeichens, nicht 'auch sonst geneigt war, Mildtätigkeit zu üben, nein, er war viel zu klug, um ein Geizhals zu sein. Wer, wie er, zu deu reichsten und angesehensten Kaufherren der Stadt zählte, war auf Schritt und Tritt von jenen fragwürdigen Gestalten umringt, die unter Brückenbögen zur Welt kamen, die in den Gassen und den Elendsspelunken der Hafenstädte ihr Leben verbringen, und die solange in der Gosse zur Ruhe gehen, bis einmal der Tod an Stelle des Schlafs über sie herfällt. Ausserdem war Alexaudros ein Jude, und er gab nicht nur, weil er als Reicher auf der Hut vor allerhand gehässigem Gesindel sein musste, sondern auch besonders um der Lehre willen, der er diente, einer Lehre, die dem reichen Mann befiehlt, Barmherzigkeit an den Besitzlosen zuüben. Nicht weit von der Brigg, am Rand der Kaimauer, sass ein Stower auf einer alten, halb zerbrochenen Frachtkiste und verzehrte, gemächlich kauend, sein Mittagsmahl, das aus einer rohen Gurke und einer Handvoll Zwiebeln bestand. Der Mann war gross, plump und kräftig, und man musste, wenn man ihn ansah, unversehens an einen Bären denken. Er trug eine alte blaue Leinenhose und ein grobes Hemd, das eine rötlich behaarte Brust bis zum Gürtel sehen liess. Sein Gesicht war derb und ungewöhnlich breitknochig und mit einer kinderglai'ten, rosigen Haut überzogeu. Die Augen, strahlend blau und gutmütig, lagen tief unter der wulstigen Stirn versteckt, die ganz mit einem rötlich-blonden Haarschopf bedeckt war. Nur. die starke Nase in ihrer fleischigen Krümmung zeigte an, dass ihr Träger, genau wie der grösste Teil aller Stow-er und Kohlentrimmer im Hafen von Saloniki, eiu Jude war. Der Stower schien sich nicht darum zu kümmern, wras um ihn her vor sich ging. Er hielt den Kopf eiu weuig gesenkt, wie es Menschen tun. die nach Innen leben. Er sah auch nicht auf, als Alexaudros, mit seiuem Söll neben an der Hand, begleitet von der Wärterin des Kindes und einem Malaien, der Gepäck auf der Schulter trug, über den Kai zur Brigg gegangen kam. Es sah aber aus, als wäre der Knabe gut Freund mit dem Riesen, denn er riss sieh, als er den Mann auf seiner Kiste bemerkte, heftig von der Hand seines Vaters los und lief an den Bettlern vorüber auf den Grossen zu, um ihn zu begrüsseu. Der Stower zeigte die Zähue vor Freude, legte die Reste seiner Mahlzeit auf die Kiste und hob das Kind mit grosser Herzlichkeit in seinen Armen empor. So ging er zur Brigg hinüber und begrüsste den Kaufherrn wortlos, in vertraulicher Ehrerbietung. Er war ein Taubstummer, jedermann im Hafen kannte ihn, jedermann wusste, dass er seit vielen Jahren im Dienst des Gewürzhändlers stand, uud jedermann nannte ihn, wie Alexandros selber, den „Stillen". Der Kaufherr fertigte die Bettler ab und suchte lächelnd ihr Dankesgeschrei zu beschwichtigen. Er winkte dem Steuermann auf der Brigg einen Gruss, liess den Malaien das Gepäck an Bord schaffen und wandte sich dann, um Abschied zu nehmen, an sein Söhnchen. Der Stille hatte das Kind inzwischen wieder auf deu Boden gesetzt. Alexaudros beugte sich zärtlich über den Kleinen, küsste ihn und legte je eine seiner runden Fäuste der Kinderfrau und dem grossen Stillen in die Hand. Die Alte knickste unaufhörlich, und der Stille stand wie ein Baum neben dem Kind seines Dienstherrn. Seine Augen sagten: „Jawohl, Herr, es ist, wie jedesmal, wenn du auf dieser Brigg davonfährst. Du legst die Hand deines kleinen Knaben in meine PI and, und ich weiss, dass ich dann sein Wächter geworden bin. Gute Fahrt, Herr, uud keine Sorge! Auf mich ist jederzeit Veiiassl*' Der Landungssteg wurde eingeholt, der Anker gehoben. Die Brigg ging leise, mit windgefüllten Segeln, ins^Meer hinaus. Die Bettler und die Nichtstuer zerstreuten sich. Geduldig wartete der Stille, bis der Knabe es müde wurde, dem Segler nachzuwinken. Endlich, als nur "noch das Takelzeug in der Ferne aus den Wellen ragte, zeigte sich der Kleine bereit, den Heimweg anzutreten. Er ging zwischen seiner Wärterin und dem . Stower, schwatzte unaufhörlich nach Kinderart und machte Zeichen mit Händen uud Gesicht, um sich dem Stilleu verständlich zu machen. Der lachte und nickte dem Kinde zu, und die Alte freute sich insgeheim, dass dieser Riese in des Herren Abwesenheit, wie jedesmal, als Wächter im Hause sein w7ürde. Um Mitternacht des gleichen Tages, an welchem Alexandros Saloniki verlassen hatte, erwachte der Stille plötzlich auf sonderbare Weise. Er spürte, kraft jener Empfindbarkeit des ganzen Leibes, mit der die hohe Weisheit der Natur die Tauben ausrüstet, dass irgend jemand' in der Dunkelheit an seiner Pritsche stand* Ein anderer hätte vielleicht versucht, zu überlegen, zu lauschen und zu lauern, aber det Riese war sicherer, voll wilder, ganz bedenkenloser Bereitschaft des Tieres, dessen Art es ist, zum Angreifer zu werden, wenn es die Gefahr erwittert hat. Er schnellte in gewaltigem Sprung von seinem Lager, in der Diele des grossen Hauses empor und warf sich lautlos dorthin in die Durdielherf^ wo sein Instinkt den Feind erkannt hatte.; Da war ihm, als bräche er mit seinem Leib über einer Flamme zusammen, einem Feuer, das anders brannte als die Feue*, der irdischen Welt, in einer Glut, die ihn rein und ohne Schmerzen berührte, so, als flössen Brennendes und Eisigkaltes übe£ ihn hin. Er brach zusammen und lag sekundenlang besinnungslos auf den! Boden. Als er, zu sich kommend, die Auges aufschlug, sah er im milehweisseu Schein eines niegeschauten Lichtes ein Wesen vot sich stehen, das frei vom Makel dieses? Erde, weder aus Fleisch noch Fassbarenu wie aus dem Reich der ewigsten Verklarung gekommen schien. Eiu leuchtendes Gewand umhüllte die -Erscheinung. Ein Antlitz, jenseits des Geschlechts, getaucht in eine Klarheit die dem Menschenblicke u.nertragbar ist! War es nicht das gleiche Antlitz, das im Dornenbusch den Mose blendete? Oder war es nur der Widerschein der höchsten Glorie, die den hohen Abgesandten so ähnlich seinem nicht zu nennenden Ursprung machte? Zwei Feuerhände, erhoben und gespreizt, in jener heiligen Gebärde, mit der die Priester und Propheten als Mittler zwischen der Allmacht und den Sicb-Beugenden den Segen empfangen und weitergeben, wuchsen aus dem Kreis des Lichts und sanken, wie flammende Zweige, über das Gesicht des Zusammengesunkenen. Der Stille schloss die Augen. Schauernd litt er den Segen, und das Wunderbare geschah ihm3 das? er

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