Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 1 (7.1.1937)
- Date
- 1937-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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f 6f XVI. Jahrgang 7 Nr I Berlin, 7. Januar 19 7^ Preis 10 Pfennf %t ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Centralglauben, Berlin. Postscheckkonto: ßerEfl JO ::44. ng erfolgt durch die Post, die die Gebühren durchden fsst- ......_____________________________r..........„..... ...........„ .......,........„ _,____________-orechnet in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Eir-elnumnvr 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Reträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 5 güitig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20^^/., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanr.eigen 16 Rpf., weitere ermässigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbmdliehteit. Schicksal des Buches Wir Juden werden das Volk des Buches genannt und nennen uns gern selbst so — womit zunächst auf das Buch des Volkes gezielt ist: die Bibel als Geschichtsbuch der Juden und zugleich ihr Gesetzbuch.; .Für--den konservativen Juden umfängt und enthält „das" Buch alles, was überhaupt gedacht^ geschrieben, erlebt werden kann; es gibt keine Möglichkeit des Geschehens, die nicht bereits in der Tora vorgesehen und vorausgesehen ist, infolgedessen wird eigentlich jedes andere Buch überflüssig: es könnte nur Variationen von Motiven „des" Buches geben. Wie dann aber doch im Judentum -andere Bücher Gestalt wurden, wie von aussen her ins Judentum andere Bücher ■ eindrangen, als Schriftrolle, als auswendig Gewusstes, als geschriebenes, schliesslich als gedrucktes Buch, wie endlich die-'ganze ."Welt der Literatur, die ganze WeltKteratnrr-äen in alle Welt zerstreuten, aller-Stachen der Welt mächti- •gen. Juden offen y,or Auge und Bewusstsem lag, da Übertrag sich die altererbte Liebe zum Buch, die Liebe zu diesem besonderen Buch, auf das Buch im allgemeinen. Und wo in der Welt Juden wohnen, da steht der Belesene, der Mann des Buches, der Gelehrte und Lernende, hoch in Achtung, ob im abgeschlossenen Ghetto des Ostens oder im rapiden Aufwuchs des amerikanischen Judentums, ob im intellektuellen und wirtschaftlichen Trubel europäischer Weltstädte oder in jeder kleinen, stillen Gemeinde. Jetzt sind Rufe laut geworden, Notrufe von jüdischen Verlegern und Schriftstellern, Rufe: dass jüdische Männer des Buches gefährdet seien; das Volk des Buches lese und kaufe zu wenig jüdische Bücher, als dass die Männer des Buches, Schriftsteller und Verleger noch existieren könnten. Und gleichzeitig ruft der grosse französische Dichter-Philosoph Georges Duhamel, Verfasser der berühmten Bücher „Confession de minuit", „La Nuit d'orage", „Les sept dernieres plaies", „Possession du monde", in der altangesehenen Zeitschrift „Mercure de France": Das Buch ist in Gefahr! Er stellt in seinem Artikel diesen Satz auf: „Das Buch ist bedroht in seinem Bereich. Es ist durchaus möglich, dass in einem halben Jahrhundert das Buch für die Menge nichts mehr bedeutet, sondern nur noch für den Gebrauch einer kleinen literarischen Elite übrig ist." Während noch vor kurzem Volkserzieher warnend rufen konnten: „Bildung und kein Ende", wird jetzt, und nicht nur innerhalb des Judentums, das Gegenteil befürchtet: aw; Probleme des östlichen M.ittelmeere § Um die Königliche Koiumission In dieser 20seitigen Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Uruguay von Dr. Bruno Weil. Menschen in Weiss im Berliner Kulturbund von Dr. Hugo Lachmanski. WeltwirtschaftlicherUeberblick zum Jahresbeginn von H. W—i. Das Palästinensische Bodenrechi von Dr. Hans Kaiisch. Das jüdische Museum in Nikolsburg von Stefan Kayser. Die Beilagen: Wirtschaft der Woche. Palästina-Umschau. — Sportblatt. Tel-Aviv, Ende Dezember. Wenn die Königliche Kommission nach einer Abwesenheit von zweieinhalb Monaten im Laufe des Januar nach England zurückkehrt, findet sie eine gegenüber dem Tag ihrer Abreise völlig veränderte politische Konstellation vor. Zwar hatten infolge des Thronwechsels aussenpolitische Fragen vorübergehend an Interesse verloren; die Kontinuität der englischen Aussenpolitik hat aber die Weiteriührnng der politischen Arbeit nicht unterbrechen lassen. Das gentlemen-agreement zwischen England.und Italien über den Status quo im Mittelmeer ist in den letzten Tagen unterzeichnet worden. Hierdurch haben sich die Spannungen wesentlich verringert, die im Zusammenhang mit dem abessinischen Krieg zwischen diesen beiden grossen Mittelmeermächten vorübergehend sogar einem ernsteren Konflikt zuzutreiben schienen. Eine Verständigung zwischen England und Italien über die beiderseitigen Interessen am Roten Meer dürfte, nunmehr auch möglich sein, die indirekt auch die arabische Frage beeinflussen. Während der Unruhen in Palästina sind wiederholt Vermutungen aufgetaucht und im Unterhaus auch besprochen worden, dass italienische Einflüsse bei den Führern der grossarabischen Bewegung sich geltend machten. Es eröffnet sich für Italien nun die Möglichkeit der direkten Verhandlung über diese Fragen, so dass, selbst falls die früheren Vermutungen richtig gewesen sein sollten, ein akutes Bedürfnis in die spannungsreiche panarabische Frage, vor allem auch in Palästina, unmittelbar einzugreifen, zurücktreten dürfte. Das englisch-italienische Abkommen ist ein begrüssenswertes Anzeichen für eine beginnende Beruhigung der vorübergehend bedrohlichen politischen Situation im östlichen Mittelmeer und wird deshalb auch auf Palästina nicht ohne Rückwirkung bleiben. Zeitlich fast zusammenfallend mit dem Verschwinden des bis dabin letzten unabhängigen Staates in Afrika durch die Niederlage des „Löwen von Juda" und die Gründung des neuen Römischen Imperiums trat durch Abschluss und Ratifizierung des Freundschaftsvertrages zwischen England und Aegypten ein politisch unabhängiges Aegypten in Erscheinung. Dieser Vertrag hat neben seiner grossen politischen Bedeutung auch wesentliche militärische Veränderungen zur Folge gehabt. Die englischen Garnisonen von Kairo und Alexandrien sind zurückgezogen; eine relativ kleine Truppe bleibt noch im Gebiet des Suez-Kanals, der Strasse nach Indien. Das Hauptquartier des Militäroberbefehlskabers in Jerusalem hat seinen Namen erweitert und heisst jetzt „Militär-Oberkommando der Truppen in Palästina und im Gebiet des Suez-Kanals"; die unmittelbare militärisch-strategische Bedeutung, die hierdurch das südliche Palästina in verstärktem Aiismasse erhalten, hat, ergibt sich von selbst. Diesen entscheidenden Punkt der Verteidigungsorganisation des Empire nicht zu einem dauernden Unruheherd werdenzu lassen, erscheint einleuchtend. In diesem Zusammenhang kann auch an die grosse Mittelmeer-Reise des Ersten Lords der Admiralität und früheren englischen Aussemninisters, Sir Samuel Hoare, erinnert werden, unter dessen Vorsitz eine grosse Besprechung der Militärkommandeure des Vorderen Orients in Haifa im Spätsommer stattgefunden hat. Die neuen Nachbarstaaten Palästinas, die aus dem früheren französischen Mandatsgebiet entstanden sind, sind noch keineswegs konsolidiert. Die vorübergehende Unruhe in der dem neuen türkischen Staat angrenzenden Gegend von Alexandrette hat wieder aufgehört, und der die Welt überraschende völlige Umsturz im Königreich Irak zeigt, wie sehr auch heute noch in diesem neuen Wetterwinkel der Weltpolitik alles im Fluss ist. Die Kommission hat es also nicht ganz leicht, die gegeneinander stehenden Forderungen der Juden und Araber miteinander und mit den englischen Bedürfnissen in Palästina in Einklang zu bringen^ un es heisst gewiss nicht ihre Objektivität Anzweifeln, wrenn man Weder einen pro-a:abischen noch einen pro-jüdischen Bericht erwarten darf. Ueberdies ist die entset eidende Instanz gar nicht die Kommissim, sondern die englische Regierung, der lie politische Auswertung des Kommissic-^>- berichts möglich ist, wiewohl sie an die Ergebnisse und Stellungnahme des ■Berichtsin keiner Weise gebunden ist. Es würde überdies durchaus der Praxis der englischen Politik widersprechen, wenn sie für Palästina, für das sie überdies noch 1er Mandatskommission ' des Völkerbundes Rechenschaft zu geben hat, Entscheidungen auf lange Sicht träfe. Eine solche, unausweichbare Entscheidungen erfordernde Situation dürfte nach englischer Meinung in Palästina noch nicht vorhanden sein. Deshalb scheinen sowohl weitgehende Hoffnungen wie grosse Befürchtungen kaum berechtigt. Die mühevolle Arbeit der jüdischen poetischen Führung für Palästina wird weitergehen müssen; ihre Zielsetzung i .nd ihr Tempo kann und wird der Kommissionsbericht nicht ändern. Fritz Schwarzschild. Der panarabische Kongressplari aufgegeben Der „Frankfurter Zeitung" vom 6. Januar entnehmen wir folgende Nachricht des DNB: Wie aus Jerusalem gemeldet wird, sind die Pläne für die Abhaltung eines panarabischen Kongresses in Aegypten oder im Irak aufgegeben worden. Statt dessen wird ein allgemeiner moslemitischer Kongress während der Pilgerfahrt in Mekka stattfinden. Der Leiter der palästinensischen Araber hat den König Ibn Saud um die Erlaubnis gebeten, diesen Kongress im März abhalten zu dürfen. Man wird versuchen, die Pilgerfahrt zu benutzen, um die Mohammedaner am Schicksal Palästinas zu interessieren. das Ende der Bildung. Freilich könnte sofort der Einwand laut werden: Niemals ist doch so viel gelesen worden wie heute! Aber dies Lesen ist nicht mehr das alte Lesen, ist nicht mehr das Bücherlesen, das ein Wieder- und Wiederlesen bedeutet. Man liest die Zeitung, man liest Fachzeitschriften, man liest zur Zerstreuung und Ablenkung, rasch und flüchtig; man liest ein Kompendium über einen Wissensstoff, um sich den Extrakt einzupauken. Man liest nicht mehr, wie unsere Vorfahren die Bibel lasen, nicht mehr, wie sie um 1800 Mendelssohn oder Jean Paul, wie sie um 1900 Dostojewski oder Wassermann gelesen haben. Man überfliegt ein Buch, indem man es „diagonal", auf den blossen Inhalt hin, liest; man überfliegt auch die Zeitung, indem man nur die Ueberschriften mit den Untertiteln überblickt und dabei Wesentliches übersieht. Man liest nicht, um zu lesen, sondern um zu wissen, „was los'ist". Zudem ist die Zeitung eine Art Universalbibliothek geworden. Sie berichtet nicht nur, was los ist, sie bringt auch Unterhaltungsstoff, Wichtiges aus der Kulturwelt, Romane, Reiseschilderungen, Historisches. Aber die Zeitung bringt auch Bilder . . . und Ueberschrift nebst Bild ersetzen dem Eiligen oft das Lesen des Artikels. Manchem genügt das, muss es genügen, weil er keine Zeit, keine äussere und innere Ruhe hat. Sport und Spiel haben weiterhin das Lesen verdrängt; ein Fussballspiel am Nachmittag, ein Bridgespiel am Abend lassen Welt und Buch, die Welt des Buches vergessen. Zitieren wir noch einmal Duhamel; er meint: „das Gedruckte ist nicht mehr das einzige Beförderungsmittel (vehicule) des Geistes"' — wir können auch übersetzen: nicht mehr das einzige „Förderungsmitter'. —, das es seit Erfindung der Buchdruckerkunst neben der mündlichbelehrenden Mitteilung gibt. Denn wer jetzt wissen' will, was los ist, braucht überhaupt nicht mehr zu lesen; er hört es im Radio, aus den Tagesnachrichten. Und wer sich unterhalten und belehren will, braucht gleichfalls nicht zu lesen, er hört am Radio Musik, ein Hörspiel,. Vorträge. Und wem dies nicht genügt, weil das Auge ausgeschaltet ist, aber der optische Sinn sein Futter haben will, damit das Gemüt besser genährt wird, der geht ins Kino, wo er Geschichten hört und sieht, im Kulturfilm bildlich-anschaulich belehrt wird und überdies in der Wochenschau erlebt, als wäre er dabei gewesen, was los ist. Es gibt Zeitschriften, in denen der Bilderteil weit den Textteil überwiegt. Gerade sie haben die höchsten Auflagen; aber der Text wird meist überhaupt nicht gelesen. Das Geschriebene, Gedruckte und Gelesene zwingt zum langsamen Auffassen, zum Denken, zum Urteilen. Das Bild jedoch erzeugt einen raschen, fertigen Gesamteindruck. Mit dem Kult des Bildes an Stelle des Worts sind wir sozusagen zur Sprache des Kindes zurückgeführt, ins Land unserer frühesten Jugend, als wir Bilderbücher „lasen"; d. h. wir sahen einen Apfel abgebildet und sprachen „Apfel", noch bevor wir das Wort lesen konnten. Die bild- und hörmässigen Formen des Geschehens¬ und Wissensstoffes sind freilich, leider, für den ermüdeten und eiligen-Menschen unserer Zeit einfacher und leichter, aufnehmbar, einverleibbar als die langsamere und schwierigere des eindringenden, eindringlichen Lesens.r: Duhamels .• Aufrufim „Mercure de France" hat in Frankreich und seiner Presse ein lautes Echo gefunden. Eine grosse Zeitung schreibt: „Das Buch, dies aristokratische Instrument der Kultur, wird bald für unsere geistigen Bedürfnisse nichts anderes bedeuten als das Oellämpchen in seiner Beziehung zur Elektrizität." Dies alles will nicht Klage sein, noch weniger Anklage. Und vollends nicht, wenn wir auf dies Problem hin die Juden i