Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 49 (4.12.1924)
- Date
- 1924-12-04
- Page
- Seite 772 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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-Gegen Iu-enun- ZranZosen» herrsihast/ Massenversammlungen im Serliner Osten. Einmütiger schärfster Protest gegen die deutschnationale Parole. — Der Vertreter der oberschlestscherr Jrrdenheit voll Eurpörung. — Lebhafte Aussprache. — Die Entschließung ttürd einstimmig angLnomnreu. — Wieder sind beide Säle überfüllt und polizeilich abgesperrt. In gewaMgen Schaven waren &ie freuen) Anhänger des Central- Vereins im Berliner Osten genau jo wie vor wenigen.' Tagen im Westen unseren: Ruse gefolgt. Die zweite große össen-tbiche Bers0!lnm!lu'N!g -des C. V., die am 27. November in: Schweizer garten, an: Friodrichsha-m, stabt fand, war wiederum so übersüllp daß sie polizeilich geschlossen werden mußte. Die nach den Umons-Festsälen geführten Massen füllten auch di-esen weliten Raurn sehr schnell, so daß nach Verhaus einer Viertelstunde eben falls poligei-liche Absperrung notwendig war. Troß der nicht sehr angenehmen Tenrperatur im Schweizergartel: blieben die Massen mehr als drei: Stunden zusammen und folgkit mit gestolgerlen: Interesse den Referaten und der Aussprache. Bersamurlungsberichi. Durch lebhaften Beifall begrüßt, erscheint, nachdem der Vorsitze u>de der Ortsgruppe Norden, Herr. Dr. London, die Bersanm:- lung eröffnet hat, der Direktor des C.-V., Dr. Holländer, am Rednerpirlp um, von Beifall häufig unterbrochen, etwa folgendes auszuführen: Der Wahlaufruf der Deutschnaiionalen: „Gegen Juden- und Franzosenherrschaft" bedeutet in dieser Zusammenstellung eine Ungeheuerlichkeit und verlangt energischsten Einspruch. Seit Jahrhunderten haben die Franzosen versucht, eine unheilvolle Willtürherrschast in Deutschland auszuüben, so daß der Hinweis hierauf eine Auspeitschung des Volksgemüts hervorruft. Der Vergleich der Franzosen mit den Inden beweist, datz die Deutsch nationalen in beschämender Weise jeden Anstand und jedes Ehrgefühl vergessen haben. Von einer Juden Herrschaft kann schon deshalb keine Rede sein, weil in der Vorkriegszeit höchstens einige wenige Renommierjuden in verantwortlichen Staatsstellungen gefesten haben. Trotz der gesetzlichen Gleichberechtigung sind die Juden immer Bürger Zweiter Klasse gewesen. Sie können daher weder die Urheber des Krieges, noch die Schuldtragenden am Verlust des Kvieges sein. Wenn beim KviegZende auch einige Juden die gewiß nicht dankbare Ausgabe auf sich nahmen, das Volk aus den: Zusammenbruch zu retten, nachdem es von seinen früheren Führern in Not und Zerrissenheit verlassen worden war, so sind diese wenigen Juden nicht von Juden, sondern von ihren christlichen Kameraden und Freunden zur Führung berufen worden. Schon lange sind sie wieder aus ihren Aemtern ausgeschieden. Wenn die Reaktionäre die Juden als Führer des Fortschritts und Vorkämpfer für Freiheit und neue Verhältnisse beschimpfen, so tun sie <§ nur, um ihre alten angeblichen Rechte wiederzuerlangen. Darum müssen wir lauten Protest gegen die Ungeheuerlichkeit des Vorwurfs erheben und alle unsere Freunde dazu veranlassen, durch ihre Stimmenabgabe für die verfassungstreuen Parteien die Rechtsparteien endgültig unschädlich zu machen. Wir müssen Mann für Mann eintreten für unsere geachtete Stellung als Juden und als Deutsche. Als nächster Referent sprach Rabbiner Dr. Brauuschweiger LOppeln) unter lautloser Stille der Zuhörerschaft Als Vertreter der deutschen Judenheit Oberschlesiens, die während der Besetzungszeit mit am energischsten gegen die Franzosenherrschaft ausgetreten war, brandmarkte er die deutschnationale Wahlparole. Gerade die Juden haben offen ihr Deutschtum bekannt und dafür gelitten und me aus Angst um persönliche Vorteile, wie einige Großmagnaten und Schlotbarone, eine schwankende und unaufrichtige Stellung eingenommen. Jetzt sind diese noch kurz vorher recht vorsichtigen Deutschen die Wchter des Deutschtums und die Hauptjudensrefser. Jeder aufrichtige Deutsche Oberschlesteus betrachtet «ach dem gemeinsamen Kampf der christlichen und jüdischen Deutschen gegen die Fremdherrschaft den Wahlaufruf der Dentschnationalen als eine schmachvolle Ungerechtigkeit nnd eine Schädigung des deutschen Ansehens im Ausland. Wie in Oberschlesien, so müßten alle Deutschen "ohne Unterschied den Kampf aufnehmen für den Wiederaufbau DeutMlanPsA ‘ Der Syndikus des EenLralvereins, Dr. Alfred Wiener, streifte kurz die alten Verleumdungen auf Grund der als Fälschung längst bekannten „Protokolle der Weisen von Zion" und forderte sodann im Namer: der 12 000 jüdischen Gefallenen, deren Ehre immer wieder wissentlich besudelt würde, zum energischen Kampf für die Gleichberechtigung auf. Dr. Paul Nathan führte dann unter großem Beifall der Versammlung aus: Ich bemitleide die De-nbschnafronale Partei, die seit mehr als hundert Jahren keine andere volkstümliche Parole hatte als „gegen -die Ju-den". Man behandle nns als gleichberechtigte Staatsbürger; alles andere ist ein Verbrechen gegen das deutsche Vaterland. 6(MM)00 Inden gibt es in Deutschland; sollte das deutsche SechzigmillLouenvolk von diesen 600 000 sich unter die Füße treten lassen? Man behauptet, die Juden sollen Helfer haben, und zwar auf der Linken des Parlaments. Das kann schon sein, denn dort sitzen fortschrittliche und moderne Menschen,. Eine reaktionäre Regierung in Deutschland würde unter dem Mißtrauen des Auslandes Zusammenbrechen. Schon der Versuch einer solchen wäre eine Gefahr und müßte mit schwerer Schädigung Deutschlands enden. Wir deutschen Juden wollen zusammen mit den anderen deutschen Staatsbürgern geschlossen gegen die Reaktionäre eintreten zum Segen Deutschlands. Frau Margarete Fried forderte unter Bezugnahme auf ihren Aufruf in der „C. V.-Zeitung" vom 20. November die jüdischen Frauen auf, geschlossen ihre Stimme am 7. Dezember abzugeben und so schützend vor ihre Männer und Kinder zu treten. Als letzter Redner beleuchtete Rabbiner Dr. Wehl (.Berlin) in geistvoller Weise die deutschnaLiouale Parole. Auch er erstrebe die Räumung in: besetzten Gebiete, auch er sei gegen die angebliche „Vorherrschaft der Juden" in irgendeinem Berufe. Dies sei aber nur durch Gleichstellung der "Juden in allen Berufen zu vermeiden. Hierfür kämpften alle guten EVer. Dr. Wehl schilderte dann, ohne in diesen Tagen eine Richtung angreifen zu wollen, die außerhalb des CeutvaLvereins stehenden Gruppen deutscher Juden in ihrem Verhältnis zu Deutschland nnd zum Centralverein und ermahnte zum Schluß alle deutschen Juden, am 7. Dezember ihre Stimme den Parteien zu geben, die für den ruhigen Aufbau der deutschen Heinrat, für die Verfassung und für die Gleichberechiiignng der deutschen Inden eintreten. In der Aussprache begrüßte der Gauleiter des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Küter, mit Freude die einmütige Einstellung aller Redner in: Kampfe gegen den republifteindlichen Judenhaß. In der weiteren Diskussion, die teilweise erfreulich lebhaft verlief, ging die Rede schilacht zu einem großen Telle um die Haltung zur Deutschen Volks Partei. Während von einer Seile darauf hingewiesen wurde, daß der CentratvereM von sich aus der Deutschen Volts-Partei den schärfsten Kamps hätte anfa.gen müssen, weil sie mit den völkischen DeutschrmLionailen zuifmmnengehen wolle, und weil sie Antisemitismus fördere, wurde von anderer Seile erwidert, daß der Centralverein als überparteiliche Organisation dazu nicht berufen sei. Niemand werde leugnen können, daß die Führung der Deutschen Volkspartei den Judenhaß weder fördere, noch unterstütze. Wenn große Kreise des Judentums sich der Deutschen Volkspartei gegenüber ablehnend verhalten, weil ihre politische Haltung sich mit der Anschauung der Volkspartei nicht decke, so sei das vom Standpunkt dieser politischen Erwägungen aus verständlich. Der C. V. habe aber kein Recht, einen deutschen Juden, der Mitglied der Deutschen Volkspartei ist oder aus seiner politischen und wirtschaftlichen Einstellung heraus zur Deutschen Volkspartei sich zählt, zu verhindern, dieser seiner Partei die Stimme zu geben, zumal, wenn er für eine Liste stimme, auf der nach seiner sorgfältigen Feststellung, Judengegner nicht vorhanden wärem In seinem Schlußwort faßte Dr. Paul Nathan zusammen, daß der Centvalverein nicht die Absicht und das Recht habe, feinen Freunden eine Partei auszud rängen oder sie von einer Parte.ii abzuwenden. Jeder Kandidat, mit Ausnahme der Judengegner der Rechten, und wo sie sonst stecken, könne gewählt werden. Folgende Entschließung wurde sodann ei nstimmi g angenommen: Tausende Deutscher, zu öffentlichen, vom Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einbernfenen Kundgebungen in zwei überfüllten Sälen vereint, legen gegen die Befchirrrpfrrrig der Juden durch den Wahlaufruf der Deutschnatioualen schärfsten Protest ein. Die deutschen Juden, die ihre Vaterlandsliebe nicht zur Schau tragen, lassen sich in der unbeirrten Pflege vaterländischer Gesinnung von niemandem übertreffen, vor allem aber nicht von einer Partes die verhetzt und zerstört, anstatt zu einigen und auf- Lubauen. Die Versammlung fordert die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in Stadt und Land ans, mit aller Kraft dazu beizutragen, das; am 7. Dezember 1024 eine Mehrhert in den Reichstag einzieht, die, auf dem Goden der Verfassung stelzend, auch für die Gleichberechtigung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens eiutritt^ - v