Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-11-21 · 47 (21.11.1924) · p. Seite 720

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
47 (21.11.1924)
Date
1924-11-21
Page
Seite 720 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277510--01618-2280879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ueber das Wesen des Judentums und den Begriff des »LotteSvolks" sich mit Fritsch zu einigen, scheint aussichtslos. Während aber hier auch der Unersahrenste und Gleichgültigste erkennt, daß dem hysterisch anmutenden Geschrei und Geschimpf jede sachliche Grundlage fehlt, herrscht über die inneren Zusamnienhänge jüdischer und christlicher Denkweise doch erhebliche Unkenntnis. Daß gewaltige Unterschiede zwischen Christentum und Judentum bestehen, soll und darf keineswegs verwischt werden. Sie liegen auf dem Gebiet der reinen Dogmatik, also des Gotiesbegrifss, des Verhältnisses der Menschenrede zu Gott, der Erlösung oder der Versöhnung, sie liegen ferner in der Einstellung zur Verwirklichung, indem das Judentum den Weg des Gesetzes geht, den das Christentum verwirft. Auch auf dem weiten Felde der Ethik gibt es weitgehende ' Abweichungen. Die Wertungen des Lebens, der Familie, des Eigentums und der Ehre find in beiden Religionen durchaus andere, soweit sie das Individuum selber und seine eigenen Güter betreffen. Absolute Uebereinstimmung herrscht aber darüber, daß die eigentliche Ethik, die das Verhältnis - der Menschen zueinander regelt, die die Menschheitskultur schafft, die die Grundlage für den alle Bürger — ohne Unterschied des Glaubens, der Abftainmung und der politischen f Richtung — umfassenden Staat abgibt, nicht nur gemeinsam, j ist, so ndern daß diese Gleichheit daraus z u r ü ck g e h t, daß das Christentum die Tusch au n n g e n des Judentums in diesen grundlegenden Punkten restlos ü b e r n o m m e n h a t. So verschieden auch nach der endgültigen Trennung sich Judentum und Christentum entwickelt haben, in ihren kulturschöpserischen, staatenbildenden und staatserhaltendsn ethischen Tendenzen sind sie einig geblieben. Und das ist eigentlich insofern selbstverständlich, als ja der Stifter des Christentums ebenso wie sein großer Jünger PaulnS jüdischer Herkunft waren. Ob es heute noch irgendeinen ernst zu nehmenden Forscher gibt, der unter Mißachtung der Selbstzeugnisse des Neuen Testaments Luthers Feststellung verwirft, daß Jesus ein geborener Jude gewesen sei, muß bezweifelt werden. Und wenn es eine wissenschaftliche Uebereinstimmung über die Authentizität der Worte Jesu gibt, so gilt sie gewiß von jenen Aussprüchen, die den Grundsatz jüdischen Glaubens: „Höre Israel" und den Grundsatz jüdischer Ethik: .Mebe deinen Nächsten wie dich selbst" in den Mittelpunkt seiner Lehre stellen. Wenn nun Fritsch mit jener auskreischenden Uebertreibung, die sich selber um ihre Wirkung aus verständige Menschen bringt, sagt: „Dre Kirche hat sich schützend vor das jüdische Verbrechertum gestellt und dadurch erst dessen teuf-! i s ch e n Triumph ermöglicht", so leuchtet aus diesem Unsinn ein ganz kleiner Strahl einer Wahrheit, die nachdenklich rnachen sollte. Die Kirche würde ihre eigenen Fundamente untergraben, wenn sie es zuließe, daß die Ethik des Judentums — in ihren wesentlichen Punkten auch ihre Grundlage — aus dem Staats- und Kulturleben a u s g e s ch a l t e t w ü r d e. Wenn ein Fritsch aus seinem ungezügelten Haß gegen das Judentum heraus auch dem Christentum die Fehde ansagt, weil es auf dem Judentum beruht, so mag das gleichgültig sein.. Wenn er aber dem Christentum die jüdischen Grundideen zu rauben versucht, so beginnt er einen Kulturkampf im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie sind Grundlage aller Kultur geworden, und eine menschliche Gesellschaft, ■ deren Zusammenleben sich nicht nach den zehn Geboten vom Sinai regelte, ist undenkbar. Fritsch kämpft besinnungslos. Er entfesielt einen Kampf gegen das Judentum, der in seinem Endziel sich gegen die deutsche Kultur und den Aufstieg des deutschen Volkes selber richtet. Und der einzige Trost ist nur, daß der gesunde Sinn des deutschen Christen instinktiv erkennen wird und muß, ein wie schlechter Berater aus dem Weg zur neuen Größe ihm der Haß eines Fritsch und seiner GesinWNgsgenosserz ist, * . fim dem Wafyltampf! Gegen Üie Selbstzerfieifchung -es -eutschen Volkes. Kardinal F a u l h a b e r auf der C a r i t a s - Wo ch e. In Münch e n fand kürzlich die gut besuchte katholische Caritas-Woche statt, deren Höhepunkt die Feier des 25jährigen Bestehens der Caritas, der segensreichen katholischen Liebesarbeit auf vielen Gebieten der Not, bildete. Bei der Festveranstaltung, der unter anderem die bayerischen Staatsminister Matt und Stützet, die beiden Bürgermeister von München, der päpstliche Nuntius Pacelli beiwohnten, hielt Kardinal Faul Hab er eine längere Rede („Germanin" Nr. 600 vorn 15. November), in der sich die folgende, besonders beachtenswerte Stelle befindet: „Und jene Aufgabe, die in den Augen des Bischofs von München die Krone der Aufgaben (der Caritas) bildet, das ist die volksversöhnende Aufgabe! Hier in diesem Saal sind Fanfaren des Kampfes geblasen worden. Wir sprechen heute vorn Frieden und von der Versöhnung. Wir wollen schauen, daß die Selb st - z e r f l e i s ch u n g des deutschen Volkes a u f f) ö r t Wir wollen schauen, daß Ai ü n ch e n n i ch t m ehr e i n H v l l e n - t r i ch t e r v o n Haß und R o h h eit und A u f r e i z u n g bleibt, die eines zivilisiertes! Volkes und seiner-Vergangenheit nicht würdig sind. Wir wollen hoffen, daß unser Volt gerade aus dem Bodeu von München wieder den Weg zu sich selbst findet und Hand in Hand gemeinsam arbeitet." Hoch öie,Deutsche" Einigkeit. Die völkische Bruder sch lacht tobt werter. Wir haben in den Letzten Nummern dieser Zeitung eingehend berichtet, zu welch unüberbrückbaren Zerwürfnissen es im völkischen Lager gekommen ist. Selbst Ludendorfss Person, der für die Völkischen jeder Färbung bisher ein Kräutlein Rührmichnichtan war, wird nun, wie wir meldeten, von Dinier mit Vorwürfen und Beschuldigungen überhäuft, wenn man ihm auch als dem verführten Ahnungslosen — nicht gerade zu seiner Ehre — mildernde Umstände bewilligt. Es ist unmöglich, hier genau zu verzeichnen, welche Kübel von Schmutz die Völkischen jetzt täglich übereinander losgießen. Und man bekommt allmählich den Eindruck, daß von diesen Beschmutzungen durch Verleumdungen und Verdächtigungen nur noch wenige Führer frei sind. Der „Völkische Kurie x" gege n D i n t e r. (Folge 238, 13. November 1924.) „Auf diese Ausbrüche eines offenkundigen Verfolgungswahns (um uns milde auszudrücken) lohnt es sich nicht näher einzugehen. Solche Pöbeleien richten sich in den Augen aller Nationalsozialisten von selbst. Aber auf einige durch Herrn Dinter verbreitete konkrete Lügen rrnd Verlenrrrdnngen, mit deren Hilfe er Gutgläubige irreführt, muß Loch geantwortet werden, im Interesse der Zuhörer . . „Die Unterstellung . . . ist eine so niedrige Anpöbelung, daß es genügt, auf sie hinzuweisen, um diese ans Pathologische grenzende Kampfesweise %\t kennzeichnen." (Von uns fett gesetzt. Die SchrisLleitttng.) Dinter gegen Ludendorff. („Völkischer Kurier", Folge 238.) „Roch vor wenigen Monaten feierte dieser Herr (Dinter) General Ludendorff in Weinrar als einen der größten Männer der Weltgeschichte und schwor ihm Treue bis zum Tode. Jetzt erklärt er, Lnderrdorff müsse als Führer bekämpft werden, er habe schon früher „wie ein rotes Tuch" gewirkt; er sei vor? Kerrien umgeben, die von Jesuiten, Juden und Freimaurern tzeanftragt (!) seien, Hitler zu erledigen .,. (Von uns fett gesetzt. D. Schriftl.) W i e d e r H e r r, s o ' s G e s ch e r r. („Deutsches Tageblatt", Nr. 265.) In einer von der Berliner Großdeutschen Gemeinschaft (Dinter) veranstalteten Hitler-Ehrung, bei der es drunter und drüber zugiug, sagte der Nationalsozialist LandtagskandidaL Helfen st ein den Rednern Dr. Schlange (weitbekannt) und May folgende Schmeicheleien: „Bei der Beurteilung der Vergangenheit der hier ausgetretenen politischen Kopffechter gebe es nur die Annahme, daß aus ihnen entweder verletzter Ehrgeiz spreche, dem es nicht gelungen war, bei der letzten Wahl eine Kandidatur Zu erlangen, oder bewntzte Arbeit für die Todfeinde unserer Sache, . Inden, Jesuiten und Freimaurer»" (Von uns fett gesetzt.. (Die Schriftkeitung.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.