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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-21 · 47 (21.11.1924) · p. Seite 718

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
47 (21.11.1924)
Date
1924-11-21
Page
Seite 718 (sequence 2)
Language
German
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8er Religion als der durchschnittliche protestantische Geistliche", so kann man freilich so sagen: Niemand versteht so wenig vom wahren Wesen der Religion wie der völkische Pastor, ausgenommen Theodor Fritsch, der zwar den Reformator spielen möchte, Deutschland aber nie erneuern kann, weil er gerade das nicht schätzt, was den großen Mann auszeichnet und was süxdie gesamte Menschheit das Bestimmende ist: den Geist. De. thrsl-. §cie-rich Murawskp ln PsöZrbsm schreibt: „Es wäre ein Verhängnis, wollte das deutsche Volk heute in seinen tausend Nöten auch noch einen Streit um seine christlichen Bekenntnisse vorn Zaun brechen." — So klagt der „H a m in e r" (23. Jahrgang, Nummer 557 vom l. November 1924) beweglich; aber aus seinem ganzen Ton geht klar hervor, daß cs ihm auf die Meldung eines Kampfes gar nicht ankommt. Zunächst verkennt er durchaus den Gegensatz der christlichen Konfessionen: cs handelt sich da um den Widerstreit von U e b e r z e u g u n g e n, und die echte lleberzeugung kennt keine Kompromisse. Sodann aber zeigt der „-Hammer" nur allzu deutlich seine Abneigung gegen jed e Form deS Christentums: der protelmntischen Geistlichkeit schreibt er es als ihre angebliche Hauptaufgabe zu, „das scheußliche Judenwesen in Schutz zu nehmen"; aus der anderen Seite wendet er sich gegen die Knechtschaft ,8er Pfaffen und des Buchstaben". Der Kircll? wiro am Schluß ganz offen ein Mißtrauensvotum erteilst Die katholische Stellung dieser Hetzerei gegenll-bcr - denn es ist im Grunds nur Hetze „gepen Rom und J'.D-a" — ergibt sich ohne weiteres aus der katholischen Bewertung des völkischen Momentes. Daß das Empfinden der Menschen durch ihre Raffenzugehörigkeit differenziert wird, trifft zu: falsch aber ist es, nun aus der Differenz der st m p f i n d u n g e n eine Differenz der Seele und des sittliche» Wertes zu machen. Was die Völkischen Überhaupt von der Seele Hallen, erscheint nicht ganz klar; der katholische Glaube sedensalls lehrt, daß der Mensch eine rein geistige Seele besitzt und daß diese Seele bei allen Menschen durchaus gleich ist, mag ihre Betätigung auch nach der verschiedenen Disposition des Körpers verschieden sein. Deshalb ist für alle Menschen ohne jede Ausnahme die Wahrheit und das 1 Recht absolut gleich. Ein „deutscher Glaube, der sich auf die « Mächte des Blutes stützt und der deutschen Seele gerecht i wird", ist deshalb vom katholischen Standpunkt aus ein * Nonsens, Daß die katholische Kirche sich als die einzige betrachtet, baß sie deshalb die Angliederung aller Menschen an sich erstrebt, ist selbstverständlich, wenn diese Kirche ehrlich sein und ein Existenzrecht haben will. Die „Religiosität von einer höheren Warte" nennt der Katholik „Jndifferentismus" und lehnt sie ab, mag das dem „Hammer" lieb oder leid sein. Und ebenso gibt es keinen Unterschied zwischen Katholizismus und Ultramontanismus; der katholische Glaube muß das ganze Leben durchdringen, solange das größte Gebot lautet: „Du sollst Gott lieben aus deinen' ganzen Herzen." Natürlich muß wieder die Stellung des Christentums zum Judentum herhalten. Was die Kirche da auf ihren Konzilien feierlich erklärt hat: daß das Alte Testament wirklich das Wort Gottes ist, daß der Gott des Alten Testamentes auch der Gott des Reuen Testamentes und der Vater Jesu Christi ist — das bleibt unverrückbar bestehen in Ewigkeit. Deshalb steht der Katholik dem gläubigen Juden seelisch n aller als den Völkischen, die das Alte Testament und damit die Grundlage des Neuen, damit schließlich Christus selbst ablehnen. Betrachtet man aber die Juden als Semiten, dann ist wohl zu beachten, daß die Kirche keine Vorliebe für eine Rasse kennt, daß sie nur die Seelen im Auge hat; ob aber der Völkische oder der Jude sittlich höher stehen, das kann im Einzelfall nur Gott beurteilen; ein Allgemeinurteil ist sittlich unerlaubt. — Aus jenem Artikel im „Hammer" geht deutlich hervor, wer den Kulturkampf heute will: es sind nicht die gläubigen Protestanten, sondern die Völkischen aus dem Kreise des „Hammer", die modernen Antichristen — und wenn der Evangelische Bund in dieselbe Trornpete stößt, so geschieht das, weil er selbst nicht mehr christlich ist. Die Judeichetze ist nur das Vorspiel der Christenhetze, wie sich schon an ihrem heidnischen Symbol, dem Hakenkreuz, erweist; wie adM das Alte Testament von dem endlichen Siege des Gottesvolkes erzählt, so wirb auch die Kirche des Neuen Testamentes unversehrt au8 den Stürmen des Kulturkampfes hervorgehen. Wenn der „Hammer" aber die Erfolglosigkeit des Christentums seiner Juidenfreundschaft zuschreibt, so irrt er sich etwas: die Schuld liegt an d e n Menschen, die das Christentum nicht ausnehmen wollen, die sich eine eigene Religion zurechtmachen! und Christus nach ihrem Sinne interpretieren wollen. Kulturkampf? Wenn die Völkischen, die Neuheiden ihn wollen, sollen sie ihn haben. Die Losung aber wird feint Hier der Gott des Alten und Neuen Testamentes — hier Woban! Nicht die Anbeter Gottes sind die Angreifer, weder die Christen noch die Inden, sondern jene, die dem, deutschen Volke (und dazu gehören die deutschen Juden auch) den letzten Halt entreißen wollen: den Gott von Sinai und Golgatha, den Gesetzgeber und Erlöser. Gott aber läßt sich nicht entthronen, und wir wollen ihn bitten, daß er auch seinen Feinden verzeihe, weil sie nicht wisien, was sie tun. Damit dürfte kurz die katholische Stellung zu jenem „Hanuner"-Artikel Umrissen sein. Als Forderung dürste sich ergeben der Zusammenschluß aller Gläubigen gegen die neuheidnischen Umtriebe, vor allem auch praktische Auswirkung der Religion, um den Feinden immer weniger Anlaß zu Vorwürfen zu bieten. Nsbbzrrrr De. f dl** Gvlömarrn in Leipzig schreibt: Der Kulturkampf hat einstmals vor Dezennien große Teile des deutschen Volkes in der Tiefe ihres Denkens wie ihres Empfindens aufgewühlt, und es ist daher an sich Ansdruck einer geschickten Demagogie, wenn Theodor Fritsch den bekannten und üöel :n der Erinnerung wirkenden Ausdruck „K u l L u r k a m p für seine antisermtischen Zwecke auszuwerten und ihn mit der Judenfrage gewaltsam in einen Zusammenhang zu bringen trachtet. Freilich dürfte das Manöver so durchsichtig sein, daß kein überzeugt christlicher Kreis sich durch die Drohung mit dem Kulturkampf von der Erkenntnis wird abbringen lassen, daß Reli^gion und Judenhaß ganz unvereinbare Gegensätze sind! Was gerechte und klarblickende Christen uns nur zu oft versichert haben, ist lautere Wahrheit: Ein echter Christ, ein wahrer Anhänger einer Religion der Liebe, kann kein Antisemit sein! In den Ausführungen von Theodor Fritsch interessiert uns gewiß nichts von dem, was das Verhältnis der beiden christlichen Konfessionen zueinander angeht., Das sind Dinge, in die sich ein Außenstehender nicht zu mischen hat. Ebensowenig soll uns auch die groteske Meinung beschäftigen, daß das Wesen des Christentums dadurch verfälscht sei, daß getaufte Juden in hohen Kirchenamtern Gelegenheit haben, das Christentum zu zerstören. Auch damit mag das Christentum sich selber absinden, wenn Fritsch klipp und klar sagt: „Die christliche Kirche ist eine Einrichtung zur Verherrlichung desJudentu ms. Sie hat nicht das Ziel, die Seelen zu Christus hinzuführen, sondern uns alle zu Juden zu machen/ Wohl aber verdient eine Würdigung auch von unserem Standpunkt aus jene Anschauung, daß der Gründer des Christentums in einem ausgesprochenen Gegensatz zum Judentum seiner Zeit gestanden habe, und daß insbesondere die Ethik der beiden Religionen einen unvereinbaren Widerspruch bedeute. Fritsch drückt das folgendermaßen aus: „Solange die protestantische Geistlichkeit es als ihre Hauptaufgabe erachtet, das scheußliche Judenwesen in S ch u tz z u nehmen, und die Ungeheuerlichkeiten des Alten Testam e n t s h ö h e r z u st e l len a l s d i e lautere Lehre Christi — die Lehre des Mannes, der das ganze Judenwesen und feinen Gott verwarf — solange diese Geistlichkeit in ihrer Verblendung und Irreleitung es fertig bringt, das unsittlich sie und gottesfeindlichste Volk der Welt den übrigen Völkern als Muster anzu preisen und —- in der Verfälschung eines Bibelworts — es als ein „heiligeK Volk" — als das „Volk Gottes" hinzustellen, solange kann sie nicht verlangen, von den», kenden Menschen ernst genommen zu werden,^' (Fortsetzung des Textes Seite 720),

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