Wissen und Waffen
- Journal
- Wissen und Waffen
- Volume
- [2. Folge] (1924)
- Issue
- 2 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9054153-9548827-9548833--37-2280860- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
Leilage der ,C.V.-Ze11ung" Tatsachen für den Wahlkampf 2. Folge Nr. 2 14. November 1924 was steht in -er „M-isthen Heheimlehre"! Da es auf jedem Gebiet der Wissenschaft einen Fortschritt gibt und geben muß — warum nicht auch in der antisemitischen „Wissenschaft"? Anfänglich pflegten alle Judenfeinde den Talmud anzuführen, in dem angeblich so viel Schlimmes, so viel Ungeheuerliches stehen soll. Da wird gelehrt, Jesum und das Christentum zu lästern, die „Gosim" zu hassen, zu betrügen — ja zu morden. Die Phantasie hatte freien Lauf und konnte ungezügelt walten, da man voraussetzen durfte, daß kein Christ den Talmud lesen könnte — also frisch drauf los verleumden; es wird schon seine Wirkung tun. Seit R e u ch l i n aber, seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts, gab und gibt es christliche Gelehrte, die den Talmud recht gut lasen und lesen, und jedes falsche talmudische Zitat wird mit wissenschaftlicher Genauigkeit nachgeprüft und als das hingestellt, was es in Wivllichkeit ist, als eine grobe, schamlose und v olksver gift end e Fälschung. Es gibt eine ganze Fälschungsliteratur, aber ebenso eine gründliche Widerlegung, die noch den Vorzug hat, daß sie von Männern der Wissenschaft unternommen wurde, von Männern in Amt und Würden, die ihre Aussagen und gutachtlichen Ausführungen vor deutschen Gerichten mit ihrem Eide bekräftigten. Was nun tun? Sollten die berufs- und gewerbsmäßigen Antisemiten den Kainpf ausgeben, d. h. sich selbst und ihre wirtschaftliche Existenz? Sollen sie der Wahrheit die Ehre geben? Nein, dies kann man von ihnen nicht verlangen, denn g»- wäre wider ihre verlogene Natur. Also hilft man sich mit einer neuen Erfindung, die man geradezu als eine teuflische bezeichnen darf. Nicht im Talmud stehen alle diese schlimmen Dinge, die man den Juden nachsagt, sondern in ihrer Gehe i m l e h r e. Was ist das für eine Geheimlehre? Wo steckt sie? Wie heißen die Bücher, die man als Geheimlehre bezeichnet? Die Juden sind außerstande, das Gegenteil zu beweisen. Denn wie soll man beweisen, daß etwas nicht vorhanden ist? Jeder vernünftige und rechtlich denkende Mensch wird an die Antisemiten die Forderung stellen, daß sie zeigen mögen, wo diese angebliche Geheimlehre vorhanden sei. Ist sie da, so kann man sie doch in die Oeffentlichkeit zerren, zumal die Lügenbolde fest behaupten, sie hätten Kenntnis von ihr. Also heraus damit! Aber die berufs- und gewerbsmäßigen Hetzer und moralischen Brunnenvergifter wenden sich mit ihren Verleumdungen nicht an vernünftige und rechtlich denkende Menschen, sondern an die Dummen und an die Bösartigen. Deshalb ist ein ehrlicher Kampf mit diesen Leuten unmöglich. Allen vernünftigen und rechtlich denkenden Menschen aber, welchen Glaubens sie auch sein mögen, geben wir hier aus den talmudisch-rabbinischen Schriften eine Reihe von Lehren und Ermahnungen, wie sich der Jude zum Nichtjuden in allen Lagen des Lebens zu stellen hat, und wie das talmudischrabbinische Schrifttum über alle Menschen denkt, gleichviel ob Jude oder Nichtjude. Es lassen sich hier Stimmen vernehmen von der ältesten bis auf die jüngste Zeit. * Alls MWsn W gleich! Die Ethik des Judentums kennt in ihren Forderungen und Vorschriften keinen Unterschied zwischen Inden und Nichtjuden. Was sie befiehlt, gilt schlechthin; die Scheidung der Menschen nach Abstammung und Glauben ist für sie bedeutungslos. Es hieße die jüdische Sittenlehre nicht nur herabwürdigen, sondern völlig verkennen, wollte man annehmen, sie lege den Geboten der Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe eine größere Verbindlichkeit bei, wo es sich um Juden untereinander handelt, als wo die Ansprüche Andersgläubiger Berücksichtigung verlangen. Wie bei der sittlichen Verpflichtung, so macht das Judentum auch hinsichtlich i>er Eignung zur Sittlichkeit keinerlei Unterschied zwischen Menschen und Menschen. Der Mensch als solcher ist sowohl Objekt als Subjekt der Sittlichkeit. Alle Erdenkin der sind zugleich Gotteskinder, fähig undberufen.das Gutezuverwirklichen und seine Herrs chast in der Welt immer mehr zu befestigen. Das Judentum ist fo entfernt davon, die sittliche Würdigkeit von der Hebung seiner zeremoniellen Gebote abhängig zu machen, daß es den Frommen, d. h. den sittlich Guten aller Völker. Anteil an der ewigen Seligkeit verheißt. So sagt der Prophet: „Nicht spreche der Fremde, der sich dem Ewigen anschließt: Absondern wird mich der Ewige von seinem Volke" (Jesaja 56, 3). Und Philo, der jüdischalexandrinische Philosoph, ein Zeitgenosse Christi, äußert sich: „Jeder Mensch ist seinem Geiste nach der göttlichen Vernunft verwandt, da er ein Abbild, ein Teilchen, ein Abglanz ihres seligen Wesens ist." Zahlreich sind die Stellen im talmudischen Schrifttum, die sich mit diesem Thema befassen. So heißt es (Tosesta Sanhedrin 13,2): „Die Frommen der Völker der Welt haben Anteil am Jenseits." Den Ausspruch der Bibel (2. Buch MoseS 12,49): „Eine Lehre soll für den Einheimischen sein und für den Fremdling" erklärt die Mechilta folgendermaßen: „Hinsichtlich aller Gebote der Thora stellt die Schrift den Fremdling dem Einheimischen gleich." Rabbi M eir, der berühmte Üehrer ans dem 2. nachchristlichen Jahrhundert, lehrte: „Woher ist zu entnehmen, daß selbst ein Heide, der sich mit der Thora besaßt, dem Hohen Priester gleich zu achten sei? ES heißt (3. Buch Moses 18, 5): .Und thr sollte wahren meine Gesetze und meine Rechte, die 'der Mensch üben soll, daß er in ihnen lebe/ Es wird da nicht gesagt, Priester, Leviten oder Israeliten, sondern der Men s ch. Daraus kannst du lernen, daß selbst ein Heide, der sich mit der Thora besaßt, dem Hohen Priester gleicht" (Traktat Hboda Sara 3a). In dem jüngeren midraschischen Werk Tana debe Elijahu (Kap. 13) finden wir den Ausspruch: „Ob Israelit oder Heide — wer eine fromme Tat vollbracht hat, Gott wird sie ihm lohnen." Besonders wichtig sind aber folgende Aussprüche: „Himmel und Erde rufe ich zu Zeugen an, es sei Nichtjude oder Jude, Mann oder Weib, Knecht oder Magd, nach dem Wirken jedes Menschen ruht der heilige Geist aus ihm" (Jalkut § 42), und „Die Nichtjuden außerhalb des Landes Palästina gelten nicht als Götzendiener" (Traktat Cholin 13b). Ans der mittelalterlichen Literatur sei nur der eine Ausspruch aus dem Regionskodex des lairao* nides angeführt: „Alle Israeliten haben Anteil an dem ewigen Sein und ebenso die Frommen der anderen Völker" (Mischne Thora Hilschot Tischuba III, 5). Daß diese Ansichten auch in der neuesten Zeit ihre Geltung im Judentum nicht verloren haben, beweisen folgende Aussprüche: „Nach den Begriffen des wahren Judentums sind alle Bewohner der Erde zur Glückseligkeit berufen" (Moses Mendelsohn: .Jerusalem", Seite 170). Zm dringenden Beachtung! Wissen und Waffen, 1. Folge Ar. Ibis s, erscheinen in neuer, durchgesehener Auslage. Betzellungen werden enigegengenommen im philo-Verlag, Berlin SW 65, Lindenflr. 13.