Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 46 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- Seite 698 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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698 Ausschreitungen geringfügig aus: daß man Juden da und dort an der freien Bewegung hinderte, in ihren Häusern zu bleiben zwang, durch Besetzung des Bahnhofes an der Abreise hinderte u. dgl. Solche Ausschreitungen ereigneten sich im Norden Bayerns besonders in den Tagen nach dem Hitler-Putsch, als man mancherorts wohl die Nachrichten von der Ausrufung der Regier ung Hitler-Ludend o r s f willig glaubte, die ihr auf dem Fuße folgende Nachricht von dem Zusammenbruch des Unternehmens aber nicht für wahr halten wollte. Doch wir eilen mit dieser Darstellung den Ereignissen in München voraus. Die Vorgänge im Bürgerbräukeller sind ja bekannt. Aber es darf doch an einige Begleiterscheinungen erinnert werden, die in der Berichterstattung und sogar bei den gerichtlichen Verhandlungen etwas zu kurz gekommen sind, nämlich die Gewalttaten, die noch in der N a ch t v o m 8. N o v e m b e r und a m f o l g e n d e n Vormittag gegen Münchener Juden verübt worden sind. Der Hochverrat Hitlers wurde vom Volksgericht München verurteilt, wenn auch mit weitgehender Milde; die Sturmtruppanhänger, die die „Münchener Post" und die Wohnung des Abgeordneten Auer verwüsteten, die Banknoten aus der Druckerei raubten, die die Minister und die sozialistischen Stadträte verhafteten und unter Drohungen und Mißhandlungen verschleppten, wurden bestraft; wenn ihre Strafen ebenso wie die der nordbayerischen Raubgesellen sehr gelinde ausfielen, wollen wir darüber nicht rechten; es mag ihnen zugute gerechnet worden sein, daß sie die Verführten waren, und daß die Verführer anscheinend nicht gefaßt werden tonnten. Die moralische Verurteilung ihrer Taten bleibt bestehen. Aber ungesühnt blieben fast durchweg die Festnahmen von etwa zwei Dutzend unschuldigen jüdischen Bürgern Münchens, die in den Bürgerbräukeller gebracht und gefangen gehalten wurden, bis die Polizei sie nach der Niederwerfung des völkischen Putsches befreite. Nur einige Hitlerleute, die bei solcher Gelegenheit auch Plünderungen versuchten, wurden bestraft. So blieb auch der eigentliche Zweck der Verhaftung ungeklärt: ob man dadurch nur den eigenen Anhängern den starken Arm Zeigen, die Juden einschüchtern oder sich Geiseln zum eigenen Schutz verschaffen, oder ob man gar vielleicht Lösegelder erlangen wollte, hierüber kann man nur Vermutungen äußern. So äußerte sich der „Sieg des Hakenkreuzes". Mit diesen stolzen Worten hatte an der Spitze seines Leitartikels vom 9. November der „Völkische Beobachter" den Bürgerbräuputsch gefeiert. Inzwischen ist dieses edle Blatt verschwunden und andere kleinere mit ihm. Statt mit Sturmtrupps und Waffen hatten die Völkischen unter dem ihnen vielfach günstigen Eindruck des Hitler-Prozesses mit Stimmzetteln und parlamentarischen Anträgen Deutschland erobern wollen. Aber hier haben sie völlig versagt, hier enthüllte sich erbarmungslos die Unzulänglichkeit, über die vorher klangvolle Phrasen hinweggetäuscht hatten. Ludendorffs geistlose und verrannte Führung, die nacheinander die berechtigte Empörung der Katholiken, dann der Anhänger des Hauses Wittelsbach, ja der Monarchie überhaupt herausforderte, und dann die Uneinigkeit der kleineren Führer, die sich gegenseitig die Abgeordnetensitze mißgönnten und mit „Enthüllungen" gegeneinander vorgingen, haben der völkischen Bewegung schweren Abbruch getan; und manch einer, der noch vor Jahresfrist „Heil Hakenkreuz" rief, ist ernüchtert, und vielleicht schämt sich sogar manch einer feiner völkischen Betätigung von einst. Die Gefahr für Leib und Leben ist manchem von uns bayerischen Juden schon ganz aus dem Gedächtnis entschwunden, obzwar sie nur ein Jahr zurückliegt. Aber die anderen Gefahren sind keineswegs beseitigt. Haß und Mißtrauen, die jahrelang ungehemmte Hetze besonders in die Gemüter der Jugend gesät hat, gesellschaftliche Zurücksetzung und Abschließung, all diese „Errungenschaften der Hitler-Zeit" wirken fort, und es wird noch langer unausgesetzter Bemühungen bedürfen, um sie wieder zu beseitigen. Es wäre sträflicher Leichtsinn, die Dinge sich selbst zu überlassen, im Vertrauen darauf, daß., all die Gegner, die sich die Völkischen geschaffen haben, für uns eintreten würden; die kämpfen gegen die Völkischen und für ihre eigenen, bedrohten Güter, aber nicht für uns. Niemand kann dies auch ernsthaft von ihnen erwarten. Unsere Verteidigung müssen wir immer selbst übernehmen. Dieser Erkenntnis soll die Rückerinnerung an die traurigen Vorgänge des vorigen Jahres dienen. Wilhelm Levinger. Deutschnationale unü völkische. Eine Wahlvetrachtrrrrg von Otto Nuschle, M. d. 8. Je schwächer die Wahlposition der Deutschnationalen wird, je weniger ihre unaufrichtige, widerspruchsvolle und u n e h r l i ch e Politik sich vor den Massen rechtfertigen läßt, um so Leichter ist man geneigt, alle die kitzlichen sachlichen Fragen zu umgehen und mit der bequemen antisemitischen Lüge zu operieren. Aber die Gegner der Deutschnationalen tun gut, ihnen nichts von ihren Lügen zu schenken und ihnen das Unsittliche ihres verlogenen Mahlkampfes gerade in der Judenfrage immer wieder vor Augen zu führen. Letzten Endes spricht natürlich bei der Hervorkehrung der völkischen Phrasen auch das Bestreben der Deutschnationalen mit, der völkischen Konkurrenz die Spitze zu biete n. Die Nationalsozialistische Freiheitspartei hat sich in ihrem ersten Wahlaufruf vorwiegend gegen die Deutschnationalen gewandt, denen eine „s ch e i n n a t i o n a l e und charakterlose Taktik" attestiert ward. Die deutschnationalen Urnfallpolitiker werden ihre Zweiseelentheorie von den Völkischen noch oft vorgehälten bekommen. Sie wissen, daß hier ihre empfindliche Stelle ist, und will'man das Abströmen von Wählern ins völkische Lager verhüten, so muß man, wenn man es nicht kraft sachlicher Gründe tun kann, mit der völkischen Phrase versuchen. Leider aber ist es nicht nur bei Worten geblieben. Indem die Pommer s ch e Landesorganifation der D e u t s ch n a t tonalen V o l k s P a r t e i i h r e Mitglieder mit de m Aus - s ch l u ß bedroht, wenn sie mit jüdischen K a u f l e u t e n Geschäfte tätigen, steigt die Deutsch nationale Voltspartei auf die letzten Stufen politischer Terroristen herab, mit denen es keine Koalitionsgemeinschaft geben kann. Auch das geschieht natürlich nur, um den Völkischer: zu zeigen, wie „stramm" man in der Judenfrage sei. Während die Deutschnationalen infolge ihrer Haltung zu der gegenwärtigen deutschen Regierungspolitik mit gebrochenem Rückgrat in.die Wahlschlacht ziehen, haben sich die Völkischen ohne äußeren Grund innerlich entzweit. Wer ihren Charakter kennt, der kann sich darüber nicht wundern. Alle jene schönen Eigenschaften, die sie freigebig den Juden vindizieren, sind die M e r k - m a l e all der Persönlichkeiten, die entweder aus krau kh a f t ein Fanatismus oder raffiniertem Geschäftsk a I! ii I dem Antisemitismus huldigen. Von Klaute bis B r u ß , von Streicher bis Knüppel-Kuntze steigt ein seltsamer Dust aus den völkischen Reihen aus. Auch wenn man einmal diese Erscheimmgen im Antisemitismus als nicht naturnotwendig anfehen wollte, so bleibt doch von der hohlen Demagogie nichts übrig. Die Völkischen hätten nach ihrer Parlamentarischen Ablehnung der Dawes-Gesetze eine ganz leidliche Wahlposttion. Aber die Einheit im Negativen ist nichts, was heute dem deutschen Volke noch imponieren könnte. Zudem haben die Völkischen vor dem 4. Mai Hoffnungen und Erwartungen erweckt, die sie am letzten parlamentarisch realisieren könnten. Was haben eigentlich die V ölkis che n im Reichstage geleistet?,— so wird der Wühler mit Recht fragen. Die Antwort steht zu ihren Wahlreden in einem Gegensatz von geradezu erschütternder Komik. Denn sie muß lauten: nichsts, nichts, nichts! Das einzige, was man von ihnen weiß, ist, daß sie sich mit den Kommunisten in redlichem Eifer zusammenfanden, die verhafteten Führer beider extremen Richtungen frei zu bekommen, und dann hat Herr Ludendorff nach der Annahme der Dawes-Gesetze die klassische Feststellung von sich gegeben: „Das ist ein jüdisches Tannenberg!" Der völkische Wähler wird einigermaßen verwundert sein, zu vernehmen, daß dann eine der vielen jüdischen Untaten vorliegt, wenn 48 Deutschnationale einer Regierungsvorlage zur Annahme verhelfen. Selten ist wohl die Albernheit einer Politischen Strömung so wirksam charakterisiert worden, wie durch diesen lächerlichen Ärrsspruch, den dann die völkische Presse auch noch in einem mangelhaften Deutsch als große Losung in die Lande ergehen ließ. Die völlige parlamentarische Unfruchtbarkeit der nationalsozialistischen Worthelden, ihre Unzulänglichkeit und Kümmerlichkeit werden sicher viele Wähler diesmal bekehren. Die Herrschaften fühlen ihre Schwäche selber, und es ist nicht uninteressant, daß sich die Neigung verstärkt, dem Parlamentarismus wieder zu entsagen. In diesem Wahlkampf müssen sie natürlich „ehrenhalber" kämpfen, und es wäre ganz falsch, wollte man annehmen, daß sie irgend etwas unterlassen werden, was sie bisher in allen Wahlkämpfen geübt haben. Sie werden im Gegenteil versuchen, ihre Demagogie zu überbieten, wenn sie den Wühlerschwund zu spüren bekommen. Gerade darum heißt es, ihnen gegenüber ans dem Posten sein. Der Wahlkampf geht um größere Gesichtspunkte, und es wird gewiß nicht zweckmäßig sein, den Völkischen mehr Beachtung zu schenken, als sie Verdiener:. Aber dennoch darf weder ihnen noch den Deutschnationalen irgend etwas geschenkt werden, wenn sie versuchen, die klare Kamps ft ellung zu trüben und den Wahlkampf mit ihren Unwahrheiten zu vergiften. Noch ist der deutsche Antisemitismus eine beträchtliche Position. Aber das Ziel des Wahlkampfes muß fern, sie sturmreif zu machen.