Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 46 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- Seite 697 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 10 Golüpfennig Serlm, 14. November 1024 HI. Jahrgang Nr. 40 MAter fürSruLscktNM unOlllwentu S^li^SmnSirrs LsilrinQ ctss Orict.srvkum.s Monats avonnement 40 Verlag und SchristleitzmW Der' KLeinlge Ali Rudolf Most enm , LindeustrW. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 8o95. Bankkonto: Dresdner Ban!, Wechselstube Berlin SW 68, Lindenstr. 7 NLeinlge An-eigeyannahmexk Annoncen-Expeditio^Mndolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach eK-RbrmahHtzlHtzesser Nr. 4, FamiWWzeigen und Stellengesuche für Mitglieder dsS Cemral-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Reklannzeile. 4 Goldmark v 2 ’Q> ”' ffi i: »V mm Erinnerungen an öie bayerischen Novembertage 1923. Es ist eine glückliche Veranlagung des Menschen, überstandene Nöte und Uebel bald vergessen zu können. Nur dadurch gewinnt er die Krast, sich ungebrochen vom Leid in neue Kämpfe zu wagen. Wir Juden 'rühmen uns besonders dieses lebensbejahenden Optimismus, * der uns trotz aller Leiden und Verfolgungen immer wieder'mit frischem Lebensmut und Vertrauen an die Arbeit gehen läßt. Damit aber dieser Optimismus nicht zur Gedankenlosigkeit und sträflichen .Sorglosigkeit ausarte, damit uns die Lehren aus'bitteren Erfahrungen nicht verloren gehen, ist es nützlich, zuweilen die Erinnerung an die allzurasch vergessene Vergangenheit aufzufrischen. Deshalb wollen wir einen Rückblick aus den 8. November 192 3 werfen, den Tag, an dem sich der jahrelang in München Und allmählich in ganz Bayern gegen die Juden gepredigte Haß in schrankenloser Gewaltherrschaft zu entfalten drohte, der aber durch eine günstige Fügung des Geschickes den äußeren und in der Folge auch den inneren Zusammenbruch unserer grimmigsten Feinde brachte. Schon Wochen vorher drückte uns bayerische Juden bange Sorge. Neben der kaum erträglichen Wirtschaftslage, den Wirkungen des rasenden Markversalles, unter dem damals ganz Deutschland litt, lastete auf uns immer wachsende Recht - und Wehrlosigkeit. Hitler und sein Anhang hatten sich in Wehrverbänden, Sturmabteilungen und Kampfbünden eine Macht geschaffen, mit der die Träger der gesetzlichen Gewalt nahezu wie mit einem ebenbürtigen Gegner rechnen mußten. Solange es Zeit war, diese Macht niederzuhalten, hatten ja die zum Schutz des Staates und der öffentlichen Sicherheit berufenen Stellen alle Warnungen und Vorstellungen als sinnlose Schwarzseherei verlacht. Leicht erklärlich — haben doch die späteren Prozesse enthüllt, Daß bis weit hinauf dieseBehörden mit Parteigängern derHochverräter durchsetzt waren. Als das Ministerium K n i l l i n g endlich die von Hitler drohende Gefahr erkannte und die Erfolglosigkeit ihrer früheren Bestrebungen einsah, ihn durch Entgegenkommen nach, dem Willen der Staatsregierung zu lenken und für ihre Pläne zu-gebrauchen, da wußte'es keinen anderen Rat, als durch eine Diktatur des Generalstaat sko mmi s iar§: v. K ah r die drohende Empörung niederzuhalten. " Aber dieser vermeintlich so starke Mann scheute auch davor zurück, seine schier unbegrenzte Machtfülle gegen den vergötterten völkischen Führer anzuwenden, er wollte lieber versuchen, feind Anhänger zu sich herüberzuziehen, und hierzu schien ihm kein Mittel tauglicher, als den großen Judenhasser in Judenverfolgung zu übertrumpfen. _ So verfügte er im Oktober 1923 wahllos seine Ausweisungen gegen Juden, gegen ausländische zumeist, in einzelnen Fällen aber auch gegen reichsdeutsche, gegen solche, die sich geringere oder schwerere wirtschaftliche Verfehlungen hatten zuschulden kommen lassen, überwiegend aber gegen ganz harmlose und redliche Menschen. Rechtsschutz gegen diese Maßnahmen war nicht gegeben, nur Bitten und Vorstellungen konnten Milderungen und Aufschub bringen. Die öffentliche Meinung anznrusen, versprach wenig Erfolg. Denn die ganze sozialistische Presse war verboten, die Einfuhr auswärtiger Zeitungen gesperrt, die bürgerliche Presse Bayerns, soweit sie überhaupt geneigt war, für Juden einzutreten, durch drohende Unterdrückung eingeschüchtert. Zu diesen wenigstens in den Schein Rechtens, in die .äußere Form behördlicher Maßnahmen gekleideten Verfolgungen kamen offene Gewalttaten. Die hier in ihren Ursachen nicht weiter zu erörternden Gegensätze zwischen Bayerns Regierung einerseits, der Reichsregiernng und den Nachbarstaaten Sachsen und Thüringen anderseits veranlaßten jene für jeden Freund der deutschen Einheit tief beklagenswerten Aufmarsch von regulären und irregulärenPolizeitruppen an der bayerischen Nordgrenze. Dieser „Grenzschutz" war gebildet ans Angehörigen der ehemaligen Brigade Ehrhardt und ähnlichen völkischen Verbänden, zum Teil aus sehr unzuverlässigen jungen Burschen, die Raustust und Aussicht auf reichliche Löhnung angelockt hatte. Alle waren sie von wildem Judenhaß erfüllt, hatten ihre Vorgesetzten ihnen doch immer die Juden als die Urheber und Nutznießer von Deutschlands Unglück hingestellt. Im Uebermut des untätigen Soldaten, gehoben durch das Machtgesühl des Bewaffneten gegenüber dem wehrlosen Bürger, waren sie zur Ausschreitungen überhaupt leicht geneigt. So bedurfte es nur noch eines srevlerischen und unbedachten Wortes eines „Vorgesetzten", der aus Klagen über fehlendes Schnhwerk oder ungenügende Verpflegung mit einem Hinweis antwortete, man könne sich das Fehlende ja bei den Juden holen, und an mehreren Orten an der thüringischen Grenze drangen bewaffnete Haufen in die Häuser von Juden ein und holten sich unter wilden Mißhandlungen und Drohungen, was sie fanden. .'So stark war der Terror dieser als „Hilfspolizei" aufgebotenen .Leute, daß kein Nachbar dem Ueberfallenen zu Hilfe zw eilen wagte. Neben diesen schweren Ueberfällen nehmen sich andere nt Landesverbands und -3? J.F1JIS*! A BO «• Anm WalMeilrag senden soll. Grotz^Barlinsr mch Bemchenbukger Miglisdex %/ # MfMz Ms p0f:ja>yQ%odös luretnö SirUr, 113501 Verton fr), m Dresdner .ÄsM, Wechselsluös CL Berlin SW 68, Lmbsnsiraße 7/ Lose an das Bureau Berlin SW 68, LmbsMraßs 15*