Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 44 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- Seite 661 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277507--01556-2280806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 10 Hol-pfenntg SerU«, 31* Oktober 1024 III. Jahrgang <• Nr. 44 VIAter färDeulfditutn^ ] und Judentum Monatsabonnement 40 Goldpsennig vryan des ILntralVerems drulscker StaatsvüryeriüdiicKen vlauvens-w. I^lt^srwrSirrS Lsilllrr^ cäss 0iacchSm.dvi.rm.s Verlag und SchriftleiLung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595. .*. Bankkonto : Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin 9W 68, Lindenstr.7 Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen «Expedition Rudolf Mosse. Berlin 9W19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0/75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Eenlral-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark Ein Srief an den Hochmeister -es Jungöo. Sehr geehrter Herr MahraunI In Nr. 43 der Zeitschrift „Der Jungdeutsche" haben Sie meinen Artikel „Politik nach den Arterscheinungen der deutschen Rasse" („C. V.-Zeitung", 3. Jahrgang, Nr. 27) zum Gegenstand einer BetWchtung gemacht, die jeden seltsam anmuten muß, der meine Ausführungen gelesen hat. Ich versuchte, Ihnen zu zeigen — was eigentlich jedem Sachkenner dieser Fragen selbstverständlich ist —, daß es unzulässig sei, von der deutschen Rasse als von etwas fest Umschriebenem, genau Angebbarem zu sprechen, daß Rasse ein naturwissenschaftlicher, deutsche Rasse ein historischer Begriff sei, und daß es deshalb irreführend sei, von „Arterscheinungen der deutschen Rasse" zu sprechen. . Ich wollte Sie damit nicht überzeugen, ich wollte nur eine wissenschaftliche Unzulänglichkeit rlchtrgstellen. Ich habe dabei nichts werter getan, als das Ergebnis der heutigen anthropologischen Wissenschaft, aus einige kurze Sätze gebracht. Es hat nichts gefruchtet. Sie reden ruhig weiter von den Arterscheinungen der deutschen Rasse. Es mag ja sein, daß meine Darlegungen mangelhaft waren; es mag aber auch sein, — doch ich habe keine Veranlassung, Ihrer Selbsterkenntnis nachzühelsen. Wie dem auch sei: Sie dursten aus meinen Ausführungen nicht entnehmen, daß, weil es keine „Arterscheinungen der deutschen Rasse" gibt, ich der Meinung wäre, es gäbe keine seelischen Besonderheiten der verschiedenen Völker, also auch nicht solche der Deutschen. Schon die Ideologie des Jungdv ist nur möglich aus der psychologischen Eigenart gewisser -deutscher Schichten, die wilhelminisches Preußentum geformt hat, und die — wiederum eigentümlich deutsch — Erinnerungen für Hoffnungen halten. Mit der Rasse hat diese Ideologie nichts zu tun, denn es gibt zahllose „Deutschblütige", deren Deutschtum wesentlich andere Inhalte als die des Jungdo aufhieist. Selbstverständlich muß jede Politik auf den Volkscharakter Rücksicht nehmen — Herriot auf den französischen, M a c D o n a l d auf den englischen, Reichskanzler Marx auf den deutschen. Aber dieser Volkscharakter ist etwas Wandelbares, Rasse ist etwas Unwandelbares. Die Schweden, Dänen und Holländer waren einst kriegerische Völker, jetzt sind sie pazifistisch, ohne daß man von einer, Rassenänderung bei ihnen etwas spüren kann. Der Volkscharakter der Deutschen, wenigstens in einigen ihrer Schichten, hat sich in den letzten 150 Jahren von der Ausprägung, dir er in Herder, Hölderlin und Goethe gefunden hat, zu der Ausprägung gewandelt, die die Namen Dinter, Ludenoorff und Hitler umschreiben. Wer die auffallenden Eigenschaften dieser Männer als Arterscheinungen der deutschen Rasse anspricht, fälscht Charaktergebilde, die als Ergebnisse eines historischen Prozesses vorübergehend hypnotisierend wirken können, zu einem Fatum des deutschen Volkes um. Und dagegen müssen sich diejenigen zur Wehr setzen, die aus nationalen Gründen dem deutschen Volkscharakter die Weite und Helle, die liebende Aufgeschlossenheit und die geistige Freiheit des vorwilhelminischen Deutschtums zurückgewinnen wollen. — Ich habe ferner zu zeigen vevsucht, wie wenig für die konkreten Entscheidungen der Politik mit dem Begriff „Deutsch" anzufangen ist. Ich gab als Beweis dafür eine ganze Reihe sich selbst widersprechender Beispiele von dem. was die verschiedenen deutschen Geister als deutsch bezeichneten. Sie lassen alle diese Beispiele auf sich beruhen und greifen zwei Zitate heraus, die Sie als Beweis für die von Ihnen verfochtenen Arterscheinungen der deutschen Rasse ansehen: eines von Schlegel und eines von Nietzsche. Das Wort Schlegels, das Sie bejahen, lautet: „Des Deutschen wahre Verfassung ist die Anarchie." Sie erkennen in diesem „bändesprechenden Wort den unbändigen Freiheitswillen und Eigenwillen der deutschen Rasse, und dieser Artevscheinung muß in der Anordnung des deutschen Staates Rechnung getragen werden". Wenn das aber der Fall sein soll, dann hätten sie damit das schärfste Urteil über den wilhelminischen Staat gefällt, in dem eine kleine Gruppe satisfaktionsfähiger Menschen Millionen von satisfaktionsunsähigen Menschen zu politischer Unselbständigkeit verurteilte. Wenn Sie wirklich nach dem Worte Schlegels „Freiheitswillen und Eigenwillen" als Arterscheinung der Deutschen ansehen, dann ziehen Sie, bitte, auch die Konsequenz, die Carl v. Clausewitz, der für die Deutschen seiner Zeit Schlegels Charakteristik richtig fand, in seinem Aufsatz „Die Deutschen und die Franzosen" daraus gezogen hat: „Dieser Geist der Deutschen, so schrieb Clausewitz, „eignet sie sehr wenig zu Bürgern einer großen einsörmigen Monarchie. Wenn es eine Negierungsform gibt, welcher er am wenigsten en,tgegen i st, f o i st e s d i e republikanische, wo sein Geist der Kritik sich an der richtigen Stelle befinden und ein gesetzmäßiger Anteil an der Regierung sein Interesse mehr an das Vaterland knüpfen würden." („Das Leben des Generals Carl v. Clausewitz und der Frau Maria v. Clausewitz" von Karl Schwarz, Bd. I, Seite 83.) Es ist möglich, daß Sie in dem Buch, das Sie alsbald erscheinend ankündigen, mit Clausewitz diese republikanische Folgerung aus den Arterscheinungen der deutschen Rasse ziehen werden. Sie nehmen auch das von mir zitierte Wort Nietzsches, daß der Deutsche unberechenbarer fei als alle anderen Völker und deshalb der Definition entschlüpfe, als Beispiel einer Arterscheinung der deutschen Nasse. Und Sie paraphrasieren dieses Nietzsche-Zitat mit folgenden Worten: „Tritt hier nicht das typische Merkmal unseres Deutschtums klar zutage? In dieser meisterhaften Darstellung der unbändigen deutschen Geistesart, die ein vielen unverständliches Produkt aus himmelstürmender Sehnsucht in die Ferne wallender Gefühle und eiserner Willenskraft ist." Sie könnten diese Worte nicht schreiben, wenn Sie sich die Mühe gegeben hätten,' das Zitat bei Nietzsche selbst nachgulefen. Hätten Sie es getan. Sie hätten das „typische Merkmal unseres Deutschtums" wesentlich anders auffassen müssen. Ihre Erläuterung ist aber ein wunderhübsches Beispiel dafür, wie leicht jeder jedes hineinstopfen kann in den Begriff „Deutsch". Und gerade das wollte Nietzsche mit seiner Charakteristik des