Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 36 (4.9.1924)
- Date
- 1924-09-04
- Page
- Seite 540 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Gegen völkischen Wahn. Von Lic. theol. Ernst M o e r i n g. Der gleichnamigen, soeben im Philo-Verlag erschienenen Schrift, die der Verfasser eine „Rede an Menschen guten Willens" nennt, entnehmen wir die nachstehenden Ausführungen: Mm läßt sich aber nicht leugnen, daß dennoch von jüdischer Seite viele zersetzende Aenßerungen getan sind, und daß der Einfluß mancher Preßorgane nicht günstig war und ist. Wie kommt das? Ich führe diese Erscheinungen, die ich mit dom Schlagwort Zersetzung bezeichnen will, aus die Einwirkung der Großstadt zurück. Zwar akzentuiert ^Schiller in seinein „Spaziergang" mit Recht den Augenblick, in welchem der Wanderer die sich austürmende Stadt erblickt, denn die Großstadt ist die Stätte spezialisierten, damit intensiven, rasch sich aus tauschenden geistigen Lebens, für jede Erscheinung ist es eine Existenzfrage, oft sie die Stadt gewonnen hat. Aber es stimmt doch nachdenklich, wenn Friedrich Nietzsche im Zarathustra den Narren sagen läßt: „Spei? auf die große Stadt der eingedrückten Seelen und schmalen Brüste, der spitzen Augen, .der klebrigen Finger, auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschämten, der Schreib¬ und Schreihälse, der überheizten Ehrgeizigen: wo alles Anbrüchige, Anrüchige, Lüsterne, Ueftermürbe, Geschwürige, Verschwörerische zus-ammenfchwärt. Spesi auf die große Stadt und kehre um!" Wie Friedrich Nietzsche, so hat auch Rainer Maria Rilke in seinem „Stundenbuch" die Furchtbarkeit der Großstadt erkannt: „— und brauchen viele Völker brennend aus". Spengler nun 'gar begründet feine These vom bevorstehenden Untergänge des Abendlandes im wesentlichen mit der Tatsache, daß wir in die Periode der Verstadtlichung gekommen sind. Es ist hier nicht der Ort, diese Meinungen zu begründen. Nur einiges Wenige fei andeutend gesagt. Die Groß-; stadt bricht die Sitte, macht die Mienscheu anonym, und da nur wenige ihr L-eftengestalten können aus eigener Einsicht, ist eine Verwüstung der Lebensführung die Folge, verstärkt durch enge Wohnungen, mechanische Arbeit usw. Gesteigert wird -der "Lebensrhythmus -durch größere Anforderungen, vor allem aber durch eine sich überrasende Fülle divergierender Eindrücke. Ihre Menge hindert die Seele, sie in der Tiefe zu erleben, immer stärkere Sensationen müssen kommen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu finden. Daher die Abgebrühtheit des Großstädters, feine Blasiertheit, sein Vorbeigehen am Schlichten und Einfachen-, seine mangelnde Distanz zu allen: Großen. Und dies wieder hängt zusammen mit feiner Naturferne. Zwischen Stein und Maschine ist der Mensch unumschränkter Gebieter, in der Natur muß er warten, ist er abhängig, spürt er geheimnisvolle, große, belebende, -tötende Kräste. „Rund um mich ist alles Allmacht und Wunder alles. Mit tiefer Ehrfurcht schau ich die Schöpfung an, denn du, Namenloser, du schufest sie." Wie soll der Großstädter das sagen? Wo ist, irr einer alten, engen Gasse oder in einer Straße entseelter *) „Gegen völkischen Wahn, Rede an Menschen guten Willens", von Lie. theol. Ernst Moerrng. Philo Verlag und Buchhandlnug, Berlin SW 68. Preis: M. 1,10. Häuser „alles Allmacht und Wunder alles"? Nimmt man hinzu noch den Gang des europäischen Denkens im 19. Jahrhundert, Bibelkritik, Naturwissenschaft, Hinwe-nduug zur äußeren Welt (Naturalismus, Impressionismus, Diesseitigkeit), so begreift man, daß eine ungeheure und ungernein folgenschwere Entwurzelung des Groß-; ftädters stattgesunden -hat. Er ist heimatlos in jeder Hinsicht. Nochmals: Die Giftspritze. Eine Erklärung Karl Röttgers. Irr der „Deutschen Zeitung" vom 30. Juli 1924 schrieb Herr Alfred Mühr: „Junge völkische Werte regen sich. Dichter wie Hanns Johst, Helmnth Anger, Hans Franck, Karl Röttger, Paul Gurk scharen sich als Sturmtrupp eines neuen völkischen Geistes." Gegen diese Eingruppierung in die Reihen der Völkischen und gegen die Unterstellung völkischer Gesinnung wehrt sich Karl Röttger. Karl Röttger hat sich durch eine große Reihe von Gedichten, Novellen und Essays und auch durch einige Theaterstücke besonders im Westen Deutschlands einen guten Namen gemacht. Seine Erzählungen wie „Die Allee", seine Essays „Die Flamme", sein Kammerspiel „Gespaltene Seelen" (Verlag Georg Müller) und vieles andere haben ihm einen großen Kreis von Freunden geschaffen. Seine vier Akte „Haß oder das versunkene Bild des Christ" sind bereits in Düffel-, dorf mit Erfolg gespielt worden und noch in diesem Winter wird voraussichtlich ein Drama von Röttger auch über eine Berliner Bühne gehen. Karl Röttger berechtigt durch seine Werke niemanden zu der Annahme, daß er völkisch gesinnt sei. Seine begreifliche Entrüstung über diese ihn: von Herrn Mühr angedichtete Gesinnung hat er unserem Mitglied Herrn Dr. rne'b. Reichmann gegenüber iu einem Briefe ausgesprochen, und wir geben diesem zur Rechtfertigung des Dichters in folgendem gern das Wort: „In der „C. V.-Zeitung", Nr. 34, vom 21. August 1924, bringen Sie einen Artikel von Julius Bab: „Die Giftspritze", der anschließt an einen gleichnamigen Artikel in der „Deutschen Zeitung" vom 30. Juli, in den: znm Schluß als Vertreter „junger völkischer Werte im deutschen Schrifttum u. ö;. Karl Röttger angeführt wird. Ich habe nach auf Grund Ihres Artikels an den mir befreundeten Schriftsteller und Dramatiker Karl Röttger gewandt und um seine Stellungnahme zu diesem Artikel gebeten. Zufällig weilte Herr Röttger heute in Berlin und besuchte mich. Ich habe namens Karl Röttgers zu erklären, daß er sich aus das Entschiedenste dagegen wenden müßte, mit deutschvölkischem Wesen und deutschvölkischer Art in irgendeinen Zusammenhang gebracht zu werden. Es sei ihm unverständlich, wie es Herr Alfred Mühr, den er auch gav nicht kennt, wagen könnte, ihm. eine völkische Gesinnung anzudichten. Wer seine Schriften und Werke kenne, dem müsse ohne weiteres klar sein, daß er mit völkischer Gesinnung nichts gemein haben könne. Herr Alfred Mühr habe ganz gewiß nichts von ihm gelesen. Er müsse es dankbar anerkennen, daß gerade demokratische Blätter, wie das ^Berliner Tageblatt', seine Werke objektiv kritisiert und rezensiert Hütten. Er verbitte sich die Inanspruchnahme für deutschvölkifcl)e Gesinnung. Herr Karl Röttger bittet mich, der „C. V.-Zeitung" seine Auffassung über die Deutschvölkischen bekanntzugeben. Was ich hiertue* Dr. Reichmann." WSm Gilt Konzertbureau Ludwig Loewenson. | Blü tlmersaalr Dienstag, 9., 16. und SS. September, 8 Uhr: Vortragszyklus Professor Dr. Erik Nölting „Das Problem einer nationalen Kultur" 1. Abend: Was heisst nationale Kultur? %, Abend: Weiche Gefahren bedrohen unsere nationale Kultur? 8. Abend: Wie wahren und erhöhen wir unsere nationale Kultur? Karten: 1, 2, S H. Bote & Bock, A. Wertheim, Abendkasse. MekaNvelken Stahlmatratzen, Kinderbetten, direkt an Private. Katalog 89 z frei. Sisenmöbelfabrik, Suhl (Thür.). Klavier- und englrfckerr Unterricht erteilt München, Telephon 50464. LÄ Inserent schrieb aas nacli Smalißer Aufnahme seiner Anzeige: „ .... Ich kann Ihnen, ja ganz offen sagen, dass ich mit den Inseraten in Ihrer Zeitung mehr Erfolg gehabt habe, als mit allen anderen Zeitungen und Zeitschriften zusammen i“ deJt tDxind^ivxMc. VER.DINGEN A FLH r#*i WWW Alleinige Anzeigen-Annabme Rudolf Messe, Anzeien-Annahme für s&mtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands JBetiin SW 19, Jerusalemer Straße 46-49 / Breslau / Chemnitz / Dresden / Düsseldorf / Erfurt / Franksnrt a. M. 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