Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 34 (21.8.1924)
- Date
- 1924-08-21
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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511 Die Pssener Iuöenschaft unter preußischer Herrschaft. Am 12. Februar 1793 zog General v. Möllendorf in Posen ein und nahm die Stadt Pofen und die dazu gehörige Provinz in preußischen Besitz. Man muß es der preußischen Regierung zugestehen, daß sie damals im Gegensatz zu dem schwachen polnischen Staate bemüht war, Ordnung in die trübe Lage der Posener jüdischen Bevölkerung zu bringen, ja, den Posener Juden ließ sie eine bessere Behandlung angedeihen, als ihren Glaubensgenossen in den älteren Provinzen. Die wirtschaftliche Lage der Posener Juden wurde wesentlich gehoben, jüdische Schulen wurden unter großen Opfern eingerichtet und damit der Grund zu geistiger Förderung gelegt. Aber mit dem Jahre 1806 nahm die preußische Herrschaft schnell ein Ende. Am 3. November wurde die Stadt Posen von den Franzosen besetzt, und die Provinz Posen wurde dem neugegründeten Groß Herzogtum Warschau zugcteilt, dessen Oberhaupt KönigFriedrich August von Sachsen sein sollte. Anfangs wurden die Juden von den neuen Machthabern milde behandelt, aber bittere Enttäuschungen sollten bald folgen, denn das polnische Willkürregiment setzte wie früher bald ein, und unter ihm litt die Posener Judenschaft sehr. Deshalb kann es kein Wunder nehmen, daß die preußischen Truppen nach Niederwerfung der Napoleonischen Zwangsherrschaft bei ihrer Wiederkehr von den Posener Juden mit Begeisterung empfangen wurden. . Bis in die vierziger Jahre war die Lage der Posener Juden durchaus zufriedenstellend; am 1. Juni 1833 erging die vorläufige Verordnung „wegen des Judenwesens" im Großherzogtum Posen. Die Juden paßten sich den neuen Verhältnissen gut an und zeichneten flch durch Fleiß und Opferstnn aus, so daß sie bald ein gutes Bindeglied zwischen den Deutschen und der eingesessenen Bevölkerung, den Polen, bildeten. Aber mit den revolutionären Bewegungen in den vierziger Jahren im 19. Jahrhundert brachen polnische Erhebungen aus, und die Juden, die vollkommen der deutschen Sache ergeben waren zu einer Zeit, wo das Deutschtum selbst von den Behörden aufgegeben wurde, zogen sich dadurch den Haß der polnischen Bevölkerung, die vom Adel und der Geistlichkeit aufgehetzt wurde, zu. Aber großen Dank ernteten die Posener Juden für ihre deutsche Gesinnung nicht; ihre opferwillige Hingabe während der Unruhen zur; Zeit der Kosziniere (Sensenmänner) und 1848 geriet nach dem siegreichen Kriege von 1870/71 vollständig in Vergessenheit. Mt der planmäßigen Kolonisierung Posens durch . Deutsche setzte auch bald der Antisemitismus ein. Die . Juden wurden aus allen Verwaltungen und Körperschaften verdrängt I und gesellschaftlich von Deutschen' und Polen' gemiedeü. Noch bet* schärst wurde dieser Zustand, als das Ansiedlungsgesetz für. die östlichen Provinzen in Wirksamkeit trat und die königliche Anfledlungskommisston für Posen und Westpreußen mit dem Sitz in Posen begründet wurde. Damit setzte in den achtziger Jahren der Kampf zwischen Deutschtum und Polentum imtmetj stärker ein, und der leidtragende Teil war die» Judenschaft Posens; von den Polen als deutschfreundlich gehaßt und von den Deutschen gesellschaftlich getrennt, sahen sich viele in ihrer Existenz geschädigt, die sie außerhalb wieder auszubauen versuchten. Neben anderen Gründen ist mich dieser Umstand maßgebend für das Eingehen so vieler einst blühender jüdischer Gemeinden gewesen.*) Tie Abwanderung der Juden aus der Provinz hielt bis zum Weltkrieg an. Als dieser ausbrach, war alles Leid bei den Posener Juden vergessen, und opferwillig gaben sie ihre Söhne her, um gegen den Erbfeind zu kämpfen. Aber als der W e l t k r i e g zum Niederbruch des Deutschen Reiches führte und Posen an die Polen siel, hatten die Posener Juden die Neige des Kelches zu leeren. Da die Juden immer zum Deutschtum hielten, ließen jetzt die Polen ihre ganze Wut an ihnen aus. Schon bevor der Machtspruch der Entente erging, war fast die ganze Provinz Posen von Polen besetzt. Haussuchungen, Internierungen und die Schikanen der Polen konnten christliche und jüdische Deutsche nicht ertragen. Sie mußten den Wanderstab ergreifen und wurden von dem niedergedrückten Vaterlande ausgenommen. Viele, viele jüdische Familien haben ihr ganzes Hab und Gut ihres Patriotismus und ihres Deutschtums wegen verloren, und es ist höchst bedauerlich, daß diese Opfer des Weltkrieges in den neuen Wohnorten unter der antisemitischen Hetze leiden müssen. Die Trennung Posens von Preußen bedauern die deutschen Juden um so mehr, als gerade diese Provinz eine Reihe von Männern hervorgebracht hat, auf die das ganze Deutschtum stolz sein kann. Wir nennen nur Lasker, Senator, Jasfe, G r ä tz und viele andere. Sie trifft uns um so schmerzlicher, al8 mit ihr blühende jüdische Gemeinden dem Untergang anheimfielen, die im Interesse des deutschen Judentums Hütten bestehen bleiben sollen. Die Posener Juden geben ein typisches Beispiel dafür^ wie der nationale Gedanke von dem zur Rotglut angefachten Nationalismus überrannt wird. Die Polen aber, nicht angekränkelt von des Gedankens Blasse und nicht beschwert von den historischen Erkenntnissen, werden im Laufe der Zeit es noch schwer zu bereuen haben, daß sie durch ihren Fanatismus die Deutschen und damit auch die deutschen Juden zur Auswanderung gezwungen haben, den Bevölkerungsteil, der durch seine Kultur und seinen Unternehmungsgeist Posens Blüte herbeigeführt hat. N. •) Man lese Zustizrat Bernhard Breslauer» Wichtige M>hair>dlungen darüber. Bei Herzkrankheiten und Erkrankungen öer Vasomotoren (Gefäßnerven, welche die Blutbewegung und BLutverteilung beeinflussen) verordnen die Aerzie seit Jahren Kohlensäurebäder als Spezifikum. Tausende besuchen alljährlich die natürlichen Quellbäder Nauheim, Kisfingen usw., aber nicht jeder kann sich diese Ausgabe leisten, auch sind häufig Nachkuren zu Hause erforderlich. 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