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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-14 · 33 (14.8.1924) · p. Seite 497

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
33 (14.8.1924)
Date
1924-08-14
Page
Seite 497 (sequence 9)
Language
German
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497 Gottfried Keller und die Jirdensrage. Die in Nr. 27 der „C. V.-Zeitung" mitgeteilte Antwort G o t t - ri ed Kellers an Theodor Storm:die Kunstanschaunng Georg bers^ habe mit seinem Judentum nichtszu tun, seine (Kellers) Er- Bungen und Beobachtungen gingen dahrn, daß er auf jeiden voren und schreienden Juden zwei dergleichen Christen, seien es Franzosen oder Deutsche, Schweizer inbegriffen, rechnen könne, — ist allerdings echt Kellerisch. Aus der Tatsache, daß Keller, der einmal von s-einer „ganz seltsamen pathologischen Arbeitsscheu Ln puneto litteris" spricht, Iden Brief Stör ms vom 14. August 1881 sofort am 16. August beantwortet hat, möchte man den Schluß ziehen, daß es Keller keine Ruhe ließ, bis er der Aeußerung Stormsi entgegengetreten war. Am besten und schönsten wird aber die konfessionelle Duldsamkeit und die schöne Menschlichkeit Kellers durch ein Bettagsmandat bezeugt, das er, eben zum Staatsschreiber in Zürich gewählt, im Jahre 1862 für die Regierung in Zürich entworfen hat. Betitagsmandate waren K u n >dgeLungen der Regierung, die wie Gebete von Der Kanzel aus verlesen wurden. „Sie enthalten den Dank für die Ernte des Sommers und Herbstes und rufen das Volk auf, vor Gott und dein Vaterlande Rechenschaft abzulegen über sein Handeln und Wandeln im vergangenen Jahre. Sie weisen hin, auf Taten der - Vergangenheit und Aufgaben der Zukunft, auf bedeutungsvolle Ereignisse im In- und Ausland; sie ermahnen die Bürger zu emsiger Arbeit und treuer Pflichterfüllung im kleinen wie im großen und M Liebe und Vertrauen auf Gott und Vaterland. Der Stil ist einfach/aber gehoben." (Kriesi, Gottfried Keller als Politiker, Seite 160.) In Kellers! Entwurf für das Vettagsmandat von 1862 findet sich nun folgende, bei Aböls Frey (Erinnerungen an Gottfried Keller) unter den Tisch gefallene bei Kriesi Seite 305 abgedruckte Stelle: „Was unsere kantonale Gesetzgebung betrifft, so dürfte es hier dev Ort sein, eines kurzen, aber vielleicht folgennahen Gesetzes zu erwähnen, welches seit dem letzten Bettage geschaffen wurde. Der von euch erwählte Große Rat, liebe Mitbürger, hat mit einigen wenigen Paragraphen das seit I a h r t a u senden g e ä chtete Volk der Juden für unseren Kanton seiner alten Schranken entbunden, u n d w i r haben keine Stimmen v e rmo m me n, >d ie sich au s eurer Mitte dagegen erhoben hätten. Ihr habt euch dadurch selbst geehrt, u n o i h r dürft mit diesem Gesetze, das ebensosehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äußeren Politik endlich geboten war, am kommenden Be t tage ge t r o st v o r den Gott der Liebe und der Versöhnung treten. An euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden, lebendigen Wahrheit zu machen, indem ihr den Entfremdeten und Versolgten auch im gesellschaftlichen Verkehr freundlich entgegengehet und ihrem g u t e n W i 'l l e n , wo sie solchen zeigen:, b ehilflich seid, einne ues bürger liche s Le be n zu be - g i n n e n. Was der verjährten Verfolgung und Verachtung nicht gelang, wird der Liebe gelingen; die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird sich lösen, seine Schwächen werden sich in nützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in Tugenden verwandeln, und ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Verfolgungsgeist es wähnt." Der Entwurf des Mandates ist zwar vom Regierungsrate nicht gebilligt worden, weil er, wie Kriesi meint, allzu markant aus dem Rahmen des Gewöhnlichen, Gewohnten he raus trat, auch weil er zu lang war und zu vielerlei Fragen und Probleme berührte. Auch steche die Persönlichkeit des Schreibers zu sehr hervor. „Aber", so fügt Kriesi hinzu, „gerade diese Momente machen es für uns> zum wertvollsten aller seiner Bettagsmandate." Und in der Tat gibt es kaum ein schöneres Denkmal für die freie Menschlichkeit und die wahre Gesinnung Kellers als die Worte, mit denen er sich in dem Entwürfe über die bürgerliche Gleichstellung der Inden äußert. Adolf Frey., der sich des persönlichen Umganges mit Keller erfreuen durfte, meinte, wenn seine dichterischen Merke vergangen und versunken wären und nur die Bettagsmandate noch beständen, würden sie ganz aklekn ein Helles Licht aus den Hort bürgerlicher und sittlicher Tüchtigkeit werfen, den der seltene Mann in seinem Busen trug. Was Keller in dem Entwürfe seinen Mitbürgern an das Herz gelegt hat, hat er auch selbst im Leben geübt. Mck einer ganzen Reihe von Juden stand der Spröde und Zurückhaltende in nahen persönlichen, zum Teil freundschaftlichen Beziehungen, so mit Emil Kuh, Berthold Auerbach, Rode n b e r g, mit dem Chemiker Viktor Metze r n. a. Und der letzte Brief des Dichters, in dem er schreibt, „er werde nun nicht mehr lange vermeiden können, von einem bestellten Fuhrwerk Gebrauch zu machen'/ ist an Sigmund S ch o t t in Frankfurt am Main gerichtet, mit dem er in langjährigem Briefwechsel stand. Wie würde der unbeirrbare Sinn Kellers das völkische Treiben von heute beurteilend Die Antwort aus diese Frage ist nicht zweifelhaft. O h, so st e l 11 i h n , wo d a s Herz sch lägt, A u f de r M e n schh e i, t frohe Linke, Aus d e s F r ü h l i n g s g r o ß e S e i t e!" Justizrat Dr. Richard M a n n (Frankenthal, Pfalz). prejfeschau. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" vom 30. Juli veröffentlichen einen Aufsatz von Walter v. Molo „Fridericus — Sinn und Unsinn", in dem der Dichter der Fridericns-Trilogie sich — wie die Schriftleitung sagt — „ü bet den Unfug äußert, der heute in Wort und Bild mit dem Namen und mißverstandenen Begriff Fridericus getrieben wird". Der Verfasser stellt zunächst fest, daß jedes Volk einen Helden und Heldenverehrung braucht, und daß Friedrich der Große „ein wahrhaftiger und richtiger Held für sein Land, für Preußen und Deutschland, für alle Menschen ist". Ebenso aber, wie es Pflicht eines jeden Deutschen sei, Friedrich den Großen zu verehren und niemals zu vergessen, „ebenso wäre es Pflicht, den Charakter des genialsten deutschen Fürsten nicht zu mißbrauchen, ihn nicht zu umlügen, nicht den Versuch zu machen, ihn umzulügen für parteiische und daher kleinliche und häßliche Zwecke". Er wendet sich dann gegen den Vorwurf amerikanischer Zeitungen, daß sein Fridericus „geradezu einen Feteschisnms mit dem Namen Friedrichs in Deutschland veranlaßt hätte, einen lächerlichen Kult" und stellt fest, daß diese „insofern leider recht hätten, als sich nun Geschäftsmacherei, die Blickblindheit und Verzweiflung in der Art der Gestalt Friedrichs bemächtigten, als es nun zur These wurde, es müsse Friedrichs zeitgebundenes Handeln, ohne daß dessen Geist erfaßt wurde, in der heutigen furchtbaren Zeit kopiert werden". Später heißt es dann: „Er (Friedrich) wäre heute wieder ein schlichter Mann, ohne jede Voreingenommenheit, aber ein Mann. Das ist nämlich das Bleibende, das Vorbildliche an ihm. . . Ihn aber neuerlich zur leeren Hurrasigur, zum Filmhelden mit Tendenz zu machen, zur Operettenfigur, zur Götzenfigur, die man anbetet, statt in der eigenen Brust den Fridericus in uns zu suchen, nach den wahrhaft menschlichen Qualitäten zu graben, die in jedem Menschen mehr oder weniger schlummern, die er bloß in höchster einzigartiger Konzentration besaß, ist Verbrechen. Wir sind so weit, baß viele das Vergängliche an ihm verewigen wollen und das Ewige übersehen. Friedrich der Große hat auch gesagt, daß es gleich sei, ob man einem Monarchen oder einer Republik diene, beide Regierungsformen seien Menschenwerke und als solche fehlerhaft. Es handle sich nur darum, daß' man wahrhaft diene. Die parteiische und aus Unbildung fußende Verzerrung des Fridericus-Bildes, wie sie leider der Ausgang des Krieges und dessen Folgen, die jahrelange Unversöhnlichkert unserer grimmen Feinde und auch der Erfolg meines Buches, dieser aus gemeinen Geschäftsgründen, zur Folge hatten, hat nichts als weiteren gegenseitigen unnötigen Haß der Politischen Gegner gezeitigt. FQBIBN DIE DEUTSCHE WERT-ZIGARETTE

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