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Central-Verein-Zeitung · 1924-05-08 · 19 (8.5.1924) · p. Seite 265

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
19 (8.5.1924)
Date
1924-05-08
Page
Seite 265 (sequence 1)
Language
German
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'Einzelnummer 10 Gol-pfenn!g ±1« vlüller Mr-eulsclUmnW Serlin, S. Mai ly24 III. Jahrgang ❖ Nr. ly vryan des lLntralVerems üLutsclrer SümtsdürveriWIickenAauvens ^v. 2Ul££emein@ ZeUun^j des Judentums Verlag ir. Schriftleitung: Lentral-Verein -eutfcher Staatsbürger jü-ifchen Glaubens e.v. Serlin Swö§, Lin-enftr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 ♦*. Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 0, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonnemenl (ein viertellähr lk ches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedrtion. Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Rorwalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark. AliWmi» uni Mt patfticn Oft itjMutn p«. Aach -er Reichstagswahl Wenn der Central-Verein auch keine Parteipolitik und keine 'Fraktionspolitik treiben will und treiben kann, so ist er doch berufen, eine Politik im Interesse Deutschlands zu vertreten, wobei wir freilich der Ueberzeugung sind, daß eine moderne deutsche Politik eine antisemitische Politik nicht 'sein kann. Solch eine prinzipielle Erklärung ist vorauszuschicken, bevor aus das Ergebnis der Wahlen zum Reichstag an dieser Melle eingegangen werden kann. Das Geschick Deutschlands ist natürlicherweise von aller entscheidendster, von ungeheurer Bedeutung für die deutschen Inden, die sich, unbeschadet der antisemitischen Deklamationen, unlöslich an Deutschland gekettet fühlen. Die sogenannte Judenfrage in den Mittelpunkt einer Wahl Betrachtung zu rücken, ist eine ausge- >sp r o ch e n e Absurdität, wie nur antisemitische Redner umd antisemitische Zeitungen sie verüben können. Diese Behauptung ist nicht erst zu beweisen durch Armeen von Zahlen .und durch den Abdruck von ein paar Dutzend Programmen und Erklärungen, sondern durch die Gegenüberstellung von zwei Tatsachen, deren Gewicht auch antisemitische Rabulistik nicht ausheben kann. Diese zwei Feststellungen machen eine Aussage Liber die Anzahl der Deutschen, die heute noch das deutsche Reichs- Gebiet bewohnen und über die Anzahl der Juden, die gleichfalls in den deutschen Grenzen ihren bleibenden Wohnsitz haben. Deutschland wird heute bewohnt von rund 60 Missionen Bürgern, und unter ihnen befinden sich rund 6OO OOO Juden, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger Juden, gewiß aber nicht mehr als 700 000 Juden. Es muß immer erneut betont werden, daß es keine ärgeren Verkleinerer und 'Herabsetzer der deutschen Volksindividualität ciibt als die Antisemiten, die zwar sowohl für die Genesung Deutschlands Me zugleich der Welt sorgen wollen, und die doch den Standpunkt vertreten, daß 60 Millionen Deutsche von 6OO OOO Juden wirtschaftlich, geistig, sittlich bedroht seien,' mit anderen Worten, daß 100 Deutsche von einem Juden derst Untergang entgegengeführt werden können; eine Behauptung, die nur Verächter „germanischer" ,Charakterstärke sollten auszustellen wagen. Die Absurdität solcher, Behauptung ist so groß, daß sie allein genügen müßte, das antisemitische Programm in seinen X von Dr. Paul Nathan. Grundfesten zu erschüttern. Aber da die deutsche politische Entwicklung recht jung ist, so haben auch die lächerlichsten Behauptungen immer noch Aussicht aus Erfolg, aus einen leider viel zu großen Erfolg in Deutschland. Man muß der Tatsache kühl ins Auge schallen, daß die reinen Antisemiten und die antisemitischen Konservativen zrisammen einen Erfolg errungen haben bei diesen Wahlen, der relativ groß ist, und der als Symptom die allerernsteste Beachtung verdient. Die Deutschnatinälen rücken mit 96 Parlamentariern in den nächsten Reichstag ein. Die Deutschvölkischen mit 32 Mandaten und dazu kommen noch einige Vertreter der Splitterparteien, an deren Antisemitismus gleichfalls nicht zu zweifeln ist. Es sind in runder Summe 135 bis 140 antisemitische Volksvertreter, die wenigstens während der Wahlbewegung den Antisemitismus nicht als einen untergeordneten Programmpunkt betrachtet haben, sondern die ihren Antisemitismus vor allem betonten, und die mit ihrem Antisemitismus in erster Reihe Wahlgeschäste zu erzielen hofften. Nicht die Zahl der antisemitischen Volksvertreter ist das Bedenkliche. Das Bedenkliche ist, wie groß die Zahl jener Bewerber um einen Parlamentssitz ist, die da meinen, mit dem Antisemitismlls gute politische Wahlgeschäfte machen zu können; die die antisemitische Fahne aufgezogen haben, weil sie annehmen — und nicht mit Unrecht, wie das Ergebnis zeigt —, daß um sie immer noch eine sehr erhebliche Anzahl deutscher Wahlberechtigter sich sammeln wird. Und besonders ist zu beachten, daß diese Erscheinung in einer Zeit an das Tageslicht tritt, wo Fragen von ungeheuerster politischer Tragweite, von Leben und Tod für Deutschland unmittelbar vor der Entscheidung stehen. Daß 600 000 Juden keine Gefahr für 60 Millionen Deutsche sind, werden selbst Blödsinnige einsehen. Daß aber die Liquidierung des unglücklichen Krieges, daß die endgültige Auseinandersetzung mit den früher Deutschland feindlichen Staaten d a s Problem der deutschen Zukunft heute, morgen, übermorgen bleibt, — dies ist zweifellos Millionen von Bürgern des Deutschen Reiches nicht klar gewesen. Diese Tatsache wird auf das deutlichste durch erneu Umstand erhärtet. Die Deutschnationalen, die es auf 96 Mandate gebracht haben, und die damit die zweitstärkste Partei des Deutschen Reichstags sein werden, sie beginnen von dem

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