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Wissen und Waffen · 1924-04-24 · 5 (24.4.1924) · p. Seite 20

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Journal
Wissen und Waffen
Volume
[1. Folge] (1924)
Issue
5 (24.4.1924)
Date
1924-04-24
Page
Seite 20 (sequence 11)
Language
German
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Lieber den Mißbrauch von Zitaten. Ein Zitat ist das wörtlich w i ede r ge geb en e Urteil eirres anderen, dem eine gewisse Autorität Zugeschrieben wird. Die antisemitischen Zitate sollen beweisen, daß das Urteil über die Inden zu allen Zeiten das gleiche war. Es solleine Art a n t i s e m i L i s ch e öffentliche Meinung geschaffen werden. Das Zeugnis der Toten wird angerufen: Der Judenhaß feiert seine literarische Auferstehung. Die deutschvölkische Politik kann um fo leichter mit dem ZitÄ arbeiten, je urehr sie die a n t i s e m i t i s ch e Vor e i tt - genommen heit in den Geistern weckt. Sie verfährt dabei mit der gleichen Technik wie die Preßpropaganda der Entente: Stete Verbindung von abwertenden Ausdrücken mit dem Worte „deutsch", systematisch wiederholte Verachtung und Stigmatisierung alles dessen, was „Deutschtum" bisher bedeutete (men denke an das Wort „Kultur", das in den Entenkeläudern zum Schwähwort geworden ist), — dann genügt ein Wort, ein Wink, eine leise Anspielung, um die deutschfeindlichen Assoziationen im Geiste des Lesers sofort auszulösen. Dann kann man jedes Zitat gegen die Deutschen wirksam spielen lassen. Aehnlich, wenn auch noch skrupelloser, verfährt der Antisemitismus. Seine Zeitungen und Zeitschriften sammeln jahraus, jahreinall es, was in der weiten Welt irgendwie und irgendwann von Juden U-ebles getan wird; wo irgendeine Schandtat geschehen ist, wird angedeutet, sie könne wohl Juden wenigstens zu ihren i n t e l l e k t u e l l e n Urhebern haben. Hat man gegen den Juden nun feindliche Freindheitsgefühle geweckt, dann kann man es wagen, wie es ein Flugblatt des Schutz- und Trutz'bundes Lut, Clemenceau als Juden hinzustellen, „die Weisen von Zion" als Dokument jüdischer WelLverschworung e i n st zu nehmen, dann ist die Zeit der Zitate gekommen. Alle Kritik gegen judenseindliche Behauptung ist verstummt — die literarischen Krastzentralen des Antisemitismus können ihre Leistungen weiter und weiter steigern. Eigene neue Gedanken braucht mau nicht mehr; Zitate genügen. Daßsie oft weit aus der Vergangenheit geholt, scheinbar das gleiche behaupten, was der gegenwärtige Antisemitismus vertritt, gibt ihnen den Charakter Zeitloser Gültigkeit. Wie sind die judenfeindlichen Zitate zu bewerten, die der, Antisemitismus ans den Schriften unserer Klassiker Zusammengesucht hat und als Sammlungen unter dem Titel „Goethe und die Juden", „Fichte und die Juden" usw. herausgibt und verbreitet? Diese Zitatensammlungen sagen uns bestenfalls, wie die Klassiker über Juden und Judentum gedacht haben. Urteile von Männern wie Kant, Fichte, Goethe haben aber auch einen sachlichen Wert. Die Autorität ihrer Namen ist nicht Leichtzunehmen. ' Wenn die Deutschvölkischen judenseindliche Zitatensammlungen aus den Schriften der Klassiker zusammenstellen, so wollen sie die Vorstellung erwecken: Seht, auch Goethe, Kant und Fichte gehören zu uns- Wir sind die wahren Vertreter des deutschen Geistes! Mit dem Namen Fichte zieren sich ja oftmals deutschvölkische Literaturvertriebe. Was möchte wohl Fichte gesagt haben, hätte man ihn als Wortführer einer Auffassung angesprochen, die das Wesen des Deutschtums im Blute sieht? Er hat mit klaren Worten in seinen „Reden an die Deutsche Nation" verkündet, daß Deutschtum ihm nichts Ethnisches bedeutet. Fast noch wichtiger ist es für den Antisemitismus geworden, Zitate von jüdischen Schriftstellern für seine Zwecke" zu, verwenden. Diese Zitate sind scheinbar unangreiflich — die Juden selbst sagen in ihnen ja das, was der Antisemitismus behauptet. Wiederum hat die Entente in vorbildlicher Weise dieser- Technik vorgearbeitet. Zitate von alldeutschen Schriftstellern wurden mehr oder minder genau registriert und gesarnmelt und dann als Gesinnung des ganzen deutschen Volkes bärgest eilt. Voraussetzung war immer: Die Deutschen sind eine unterschiedslose Masse von Menschen, die alle gleich denken. Wer die antisemitische Literatur kennt, dem werden ähnliche Methoden in der Verwendung des Zitats oft begegnet sein. Was beweist aber schließlich das Zitat irgendeines Juden f ü r die Gesinnung der Iudenheit? Als zufällige individuelle Aeußerung hat das Zitat ja faum Bedeutung. Soll es Wirkung haben, so muß der Leser glauben: Was in diesem Zitat > steht, das ist die Auffassung aller Juden. Die anderen sagen es mix nicht. Hier hot einer einmal verraten, wie und was alle denken. Was z. V. T a l m u d z i t a t e für den heut i g"d n A n t i * semitism u s bedeuten, das haben im Emanzipativuskamps der Katholiken die Zitate aus der Literatur der MOralkasuistit für die Protestanten einmal bedeutet. Es gibt ein Werk des großen katholischen Denkers Kardinals Newman, das in der deutschen liebersetzung den Titel führt: „Vorträge Liber die gegenwärtige Stellung der Katholiken in England" (Regensöurg 1853). Dieses Werk könnte Katholiken und Protestanten, die sich durch die verleumderischen Talmudzitate eines Ecker und Rohling noch heute betören 'lassen, zur Besinnung bringen. Schon die Eingangsworte zeigen die -englischen Katholiken der damaligen Zeit in einer'Stellung, die heute den deutschen Juden Vorbehalten ist: „Ich gehe daran, zu untersuchen, woher es kommt, daß in dieser einsichtsvollen Nation und in diesem aufgeklärten neunzehnten Jahrhundert wiV Katholiken von unseren eigenen Landsleuten, mit denen wir vom Jugend aus zusammengelebt haben, so verachtet und gehaßt werden, daß sie geneigt sind, jede noch so abenteuerliche Geschichte zu glauben, die zu unserem Nachteile erzählt wirdals wären wir, einer wieder andere, ganz unbedenklich, entweder bis zum Stumpfsinne betört, oder die unbegreiflichsten Heuchler: sie selbst dagegen im Vergleiche mit uns vollendete Muster von Scharfblick, Weisheit, Recht, lichkeit, männlicher Tugend und erleuchteter Christlichkeit." Deutschvölkische über Deutschvölkische. Wilhelm S ch w a n e r, Herausgeber des „Volkserzieher", wegen einer sachlichen Beurteilung von Rathenaus Steuerpläneu angegriffen; Antwort im „Offenen Brief in Sachen Juda" voll Ernst Hanitz im „Volkserzieher" (November 1918): . . Sozialismus -- das wirkt auf £>ie Pfaffen der Blutheiligkeit wie das, bekannte rote Tuch aus den Stier, obwohl sie sich sonst als Hüter von Thron itnb Altar aus geben. Denn sie verehren neben dem eigenen Blut auch den eigenen Geldbeutel . . . Natürlich können sie nicht aufstehen und zetern: der Geist Rathenaus muß mit Schwefel und Pech ausgetrieben werden, weil er die Erfüllung des Christentums will. Da rissen sie ja ihre Fahnen selber in Fetzen..." Paul W e y l a n d, Herausgeber der „DeutschvMischen Morn natsblätter" über A. Dinier („Die Sünde wider den gesunden Menschenverstand"): „Wir haben genug Waschweiber und defaitistisches Gesindel unter uns. Was Deutschland braucht, sind Männer. Die aber bringt uns keine Dmtersche Lehre! Darum heraus mit der Broschüre, welche gegen das Verbrecher! vour Leder zieht, welches Dinier gegen alles, was Charakter ist, beging." — „Es ist selten in der Geschichte der deutschen Literatur ein Roman („Die Sünde wider das Blut". D. Vers.) mit derartigem Erfolg geschrieben worden, aber selten schrieb auch ein Dichter ein Buch mit so oberflächlicher, ja schiefer Begründung aller Behauptungen w i e Dinier . . „Mit keiner Silbe deutet er auch hier den Nachweis seiner Behauptung an, und mit der Frechheit des unentwegten Phantasten behauptet er immer frisch drauf los, ohne sich um die fachlichen völkischen und nationalen Folgen seiner Hanlungsweise im geringsten zu kümmern." Derselbe über den Charakter der d e u t s ch völkischen Bewegung und i h r e r F ü h r e r (siehe oben):' „Unternehmungen mit und ohne geschäftliche Unterlage, Vereine und Orden bildeten sich (nach der Revolution irn antisemitischen Lager) ... So bietet heute das Lager der dcutschvölkischen Bewegung ein trauriges Bild der Zerrissenheit. Ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, daß zurzeit in der Bewegung auch nicht ein Führer ist, de m nicht die s ch w e r st e n Delikte v o r g e w o r s e n w erden . . . Ein Horde heulender Derwische kann nicht widerlicher wirken als das gegenseitige Kotbewersen deutscher Männer . . Die Alldeutschen über die Deut s ch völkis ch e n („Md. Bl." 1922, Nr. 5): „Wir wollen nicht so weit gehen und scheiden „bewußten Neid" und „beabsichtigte Schädigung" dcr völkischen Sache als Beweggründe der Beteiligten (cm den Angriffen auf blaß. D. Vers.) -ganz aus, indem wir ihre feindliche Haltung mit Einseitigkeit. Voreingenommenheit, urteilslos,er Hingabe an ungeprüfte Redereien und krankhaften Verfolgungswahn (Mononranie) zu verstehen suchen." Die völkische Arbeit-wird' geschädigt durch „bas Herabsetzen der Beteiligten in Mnt l eichtb eeinflußbaren Urteisen vieler Leichtg l äit biger tt u d Denk f auler . . ." „Deutsche Ze it u ng" (1924 Nr. 11) zum selben Thema: . . Aus diesern Verhalten (der Leute um Wulle und Gräfe) ergibt sich, wieweit gewisse Kreise in ihrer Auffassung von der Vogelfreiheit fremder Ehre heute gekounnerr sind. Man verleumdet tapfer darauf los, indem man falsche Nachrichten weirergibt, ohne sich über ihre Zuverlässigkeit zu vergewissern., und stellt dann dein Verleumdeten gnädigst anheim, seinerseits den Ilnschuldsbeweis zu führen . . . it n fo b c w c i ft (d a m i t), b i s z u w elche m G r ade politischer Fan ati§ mus und persönliche Gehässigk e i t die alten E h r b e gr i s s e vor w irrt ha b e n." — (Bravo,' soll andere nicht mit Steinen werfen/) Die „R e ich s g-eschüsts stelle der' Vereinigten vaterländischen Verbände Deutschlands" über die „F r eih e i t s p a x t e i" („Flugschrift der Reichsgeschäftsstellc" vom 14. Dezember 1923): „Liest Wan nämlich diejüngsten Verösstntlichunaeu von jener Seite . . . so. erschrickt man geradezu von dem HaffeJider dem Leser aus jenen Tokumeuten (von Dr. v. Brehrner und Wulle. D. Vers.) eutgegensprühL, und der sich so ziemlich gegen alles richtet, was im natiOualen Lager nicht unmittelbar aus -die Fahne der Deutschvölkischen-Freiheitspartei schwört . . . und es wird gegen sie mit einer Gehässigkeit und Skrupellosigkeit in der Wahl'der Mittel vorgegangeu . . . nachdem die P! n n m ä ß i g e Absicht jenes Kreises Dsfen zutage getreten ist, alles zu spalten und zu zerschlagen, was im vaterländischen Interesse in laugen Jahren stiller Arbeit an nationalen Verbänden und Einrichtungen mühsam aufgebaut wurde . . Richard Kunze über die „Deutsche Freiheits- Partei" (Brief an einen Parteifreund vom 14. September 1923): ' „Wo haben diese Leute die vielen Gelder her, die jetzt solche Reisen verschlingen? Diese Gelder stammen von denselben kapitalistischen Kreisen, die es verhindert haben, daß nur eine einzige große völkische Partei mit unserem Programm gebildet wurde. . . . Ich ersuche daher auf das dringendste, diese Bestrebungen vor vornherein als einen Betrug an dem deutschen arbeitenden Volke zu entlarven und jede Verlandung mit diesen Leuten zu vermeiden. . , . .

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