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Wissen und Waffen · 1924-04-24 · 5 (24.4.1924) · p. Seite 19

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Journal
Wissen und Waffen
Volume
[1. Folge] (1924)
Issue
5 (24.4.1924)
Date
1924-04-24
Page
Seite 19 (sequence 10)
Language
German
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Die „menschliche" Hehanölung -er russischen Juden. Immer wieder hört man aus den Reihen der Antisemiten und Richtantisemiten: Die Juden sind die Führer der Boll ch e w i st e n, die Juden sind die Begründer des Bolschewismus, in den russischen Sowjets sitzen sast nur Juden. Diese Urteile sitzen so fest in den Kopsen der Gebildeten, Halbgebildeten und Massen, daß sie als unumstößliche Wahrheit gelten. Fast niemand aber unterzieht sich der Mühe,^diese „Wahrheit" zu prüfen. Gewißlich aber hat noch niemand die Frage geprüft: Wie kommt es, daß die Juden im Ln g er der Radikal e n zu finden sind? z Nehmen wir einmal an, die russischen Juden wären alle im Lager der Radikalen zu finden. Wäre das so sehr zu verwundern? Man muß nur einmal die einschlägige Literatur über die Judenpogrome'in Rußland, die russische, europäische und amerikanische Presse aus den Jahren 1903 bis 1906, die verschiedenen Ukase des Zaren und die Verfügungen der russischen Regierung durchlesen. Welche Qualen und Leiden hatten die russischen Juden zu erdulden! Im Anschluß an einen Pogrom schreibt Andrejewsky, ein bekannter nichtjüdischer Rechtsanwalt, in der Kiewer Zeitung „Sarja": „Was ich heute sah und hörte, spottet jeder Beschreibung. Ich bin nicht fähig, mit d^r Feder den schweren, niederschmetternden Eindruck wiederzugeben, den der Anblick Tausender uahrungs- und obdachloser, gedemütigter, beleidigter, beschimpfter und geschlagener Leute aus mich ausgeübt hat. . . . Diese Zahl (1800 Personen) nimmt durch die von allen Seiteil herbeiströmenden Märtyrer von Minute zu Minute zu. Irgendwo in den Winkeln Zähneknirschen, Klappern vor Kälte und Hunger, und dumpfes «Ltöhnen. Der tiefe Schmutz und der Regen trieb alle in die Scheune, wo sie in entsetzlicher Lage dis ganze Nacht zubrachten. Daselbst gebar auf nackter Erde, vor den Augen einer zweitausendköpfigen Menge, eine Märtyrerin ihr Kind, und noch einige Frauen haben dasselbe zu gewärtigen. „Zwei Brüder von mir sind heute nacht getötet worden, ihre Leichen hat man schon gefunden." „Meine Mutter wollte man in der Scheune aushängen, mit dem Strick um den Hals ist sie entkommen." „Alles, alles bis aus den letzten Fetzen hat man uns fortgenommen, wir sind splitternackt." Solcher Art waren die Begebenheiten, die mir diese Aermften erzählten." Aus den Berichten über die Pogrome in Kischiuew „Tie Judenpogrome in Rußland": „An diesem Tage geschah es auch, daß sich Arbeiter auf eine schöne jüdische Frau stürzten, um sie zu vergewaltigen. Ihr Sohn, ein junger Gymnasiast, hat sie heldenhaft verteidigt. Die Ehre seiner Mutter hat er gerettet. Aber die Mordgesellen stachen ihr die Augen aus. Ihn selbst haben sie erschlagen." — „Von Montag drei Uhr morgens bis ackst Uhr nachmittags rasten Horden inmitten von Trümmern und Schutt, die sie selbst gehäuft' hatten, plünderten, raubten, zerstörten sie jüdisches Eigentum, stahlen, brandschatzten und vernichteten, und sie jagten, erschlugen, schändeten und marterten Juden. Und Vertreter aus allen Bevölkerungsschichten nahmen an diesem Hexensabbat Anteil: Soldaten und Polizei, Beamte und Priester, Kinder und Frauen, Bauern, Arbeiter ^nd Strolche." — „Gegen Mittag erreichte der Wahnsinn der Banditen eine solche Höhe, daß sie die unbeschreiblichsten Qualen für ihre Opfer ersannen. Frauen wurden, nachdem sie vergewaltigt waren, die Brüste äbgeschnitten, dann wurden sie aus das schändlichste in einer nicht zu schildernden Art verunstaltet. — „Eine Jüdin bekam Schläge aus den Kopf, indem man ihr einjähriges Kind als Werkzeug benutzte." — „Mit besonderer Wut wurden die Synagogen gestürmt und geplündert." — „Die Szenen der Barbarei waren so erschütternd, daß nicht weniger als dreizehn von den Juden i r r s i n n i g wurden." — „So weit war in der Kischinewer Bevölkerung jedes menschliche Gefühl erstickt, daß man nicht einmal zuließ, die Schwerverwundeten vom Platze weg und in ein Spital zu führen." — „Christliche Kutscher nahmen um keinen Preis einen Juden auf. An den Bahnhöfen verweigerte das Personal bei den Schaltern Juden die Billetts." Stabsarzt Eduard Müller bekundet: „In der Puschkinskaja plünderten etwa fünfundzwanzig Personen in Gegenwart von drei Polizisten und fünfundzwanzig Soldaten." Fürst Urussow schreibt in seinen Memoiren: „Tie Verfolgung der Juden wurde durch Ustrugow (Vizegouverneur 'von Beßarabien) als wahre Kunst betrieben." Aus einem Briefe Tolstois: „So augenscheinlich ist dies, daß sich in der Beamtenwelt bereits eine Formel herausgebildet hat. Der Gouverneur, der in einer der ihm unterstellten Städte keinen Pogrom wünscht, sagt dem Polizeimeister der betreffenden Stadt: „Die Ordnung der S'tadtD leibt uns Ich r e r V e r a n t w o r t u n g." Der Polizeichef versteht ihn, und es wird in dieser Stadt kein Pogrom stattfinden. In derselben Weise spricht der Minister mit dem Gouverneur. Man muß nur die offizielle Sprache verstehen können. Die Grausamkeit dieser heuchlerischen Sprache tritt besonders kraß in der Formel hervor, in der ein Pogrom bestellt wird. Da wird nur telegraphiert: „Stört n ich t d e n Ausdruck der N a t i o n a l g e s ü h l e . . ." Dieses der Leidensweg der russischen Juden, der über Kischinew, Homel, Tschitomir, Trojanowo, Bialvstok, Kertsch, Odessa, Nikolasew, Kiew, durch das gesamte Geoiet des Ansiedelungsrayons führt. Tausende von Toten, Schwerverwundeten, Vertriebenen, Gequälten, säumen diese furchtbare Straße. Brennende Häuser, zerstörte Ansiedelungen überschatteten diese Straße des Jammers und Elends in einen: Zeitraum von drei Dezennien. Abertausende verlassen nackt und bloß, ihrer Habe, ihres Lebensmutes beraubt, von Weib und Kindern gewaltsam getrennt, dieses Land des Schreckens. - - Millionen aber bleiben zurück, jeden Tag neuer Verfolgungen gewärtig, leben unter den entehrendsten Ausnahmebestimmungen. 18 82. Durch Verfügung des Finanzministeriums vom 30. Januar wird stipuliert, daß jüdische Handwerker außerhalb des Ansiedlungsrayons nicht wohnen dürfen. Durch Militärversügnng vom 10. April wird für die im Heer angestellten jüdischen Aerzte eine M a x i m a l n o r m von 5 Prozent festgesetzt. Gesetz vom 3. Mai auf Grund eines Allerhöchsten Befehls: Als zeitweilige Maßregel und bis zur allgemeinen Revision der Gesetze bezüglich der Juden wird diesen untersagt, sich von neuem außerhalb der Dörfer und Flecken anzusiedeln. Aus der Senatserläuterung vom 22. Dezember: Erbt der Jude ein Haas, so darf er darin den Schankbetrieb nur dann ausüben, wenn er das Wohnrecht au: Ort besitzt. 1 885. Durch Erläuterung des Ministeriums des Innern vom 18. Dezember wird festgesetzt, 'daß Hebauunen nur für ihre Person das allgemeine Wohnrecht erworben haben. Falls der Mann das Wohnrecht nicht besitzt, ist es ihr versagt, ihre Kinder außerhalb des Ansiedlungsrahons bei sich zu behalten. 1 88 8. Gemäß den Satzungen vom 21. August wird die Aufnahme von Juden in die Theaterschulen von Petersburg und Moskau untersagt. 1 89 5. Ein Zirkular des Kriegsministers woist die Behörden der Kosaken im Kaukasus und im Donschen Gebiet an, Juden, die zur Benutzung der Heilquellen kommen, daselbst den Aufenthalt zu untersagen. 1 8 9 7. Laut Gesetz vom 2. Juni sind in das Petersburger medizinische Fraueninstitut Jüdinnen nur iu einem Verhältnis von drei Prozent aufzuuehmen. Wen könnte es nach all den: verwundern, wenn wirklich die Juden in ihrer Gesamtheit im Lager der Bolschewiken zu finden wären? Aber bezeichnenderweise bricht die Revolution nicht im jüdis ch e i: A n s i e d l u n g s g e b i e t aus, sondern in Petersburg und Moskau, wo Juden nur in A u s n a h m esällen das Wohnrecht erhalten hatten. Von zirka 160 Volkskommissaren der Sowjetregierung sind allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz nur sieben Juden. lieber die Zugehörigkeit der Juden zu der Allrussischen Komuumistischen Partei besitzen wir einige zwar spärliche, aber sehr lehrreiche statistische Angaben, die in den zahlreichen amtlichen Sowjetpublikationen verstreut sind. Ende 1918 betrugen in der Petersburger kommunistischen Organisation die Juden 2,6 Prozent gegen 74,2 Prozent Russen, 10,6 Prozent Letten, 6,3 Prozent Polen usw. Bis zum Jahre 1905 zählte die Bolschewistische Partei im ganzen 84 Juden in ihrer Mitte. Im Jahre 1916 traten 112, im Jahre 1917 243 Juden ein, 1918 (seither nennt sie sich, wie erwähnt. Allrussische Kommunistische Partei) wurden 291 Juden in die Partei ausgenommen, 1919 512’ 1920 337, 1921 35. Eine Anfang 1922 vorgenommene Zählung, die sich aus 21, hauptsächlich im ehemaligen Änstedlungsrayon gelegene Gouvernements erstreckte, ergab auf 41 325 Mitglieder 1612 Juden, das heißt 3,9 Prozent I. Selbst diese Ziffer erreicht noch nicht den Prozentsatz der Juden in Rußland. Bedenkt man, daß die Kommunistische Partei über 600 000 Mitglieder zählt, daß sie sich fast ausschließlich aus der städtischen Bevölkerung rekrutiert, daß alle Juden, mit ganz geringen Ausnahmen, zur städtischen Bevölkerung zählen, so wird man zugeben müssen, daß der Anteil' der Juden au der Kommunistischen Partei verschwindend gering ist. In welchem politischen Lager befindet sich aber die Masse des jüdischen Proletariats in Rußland? Der Bolschewist Rases, der eine geräuschvolle Agitationstätigkeit unter den Juden entfaltete, schreibt in dem Aprilheft von 1920 des Moskauer französischen Bolschewistenorgans „LTntema tionai0 Communisto“ in einem Artikel unter der Ueberschrift „Mouvement eommuniste israelite“: „Die Oktoberrevolution von 1917 hat nicht vermocht, die jüdische Arbeiterbewegung mit ihrer autonomen Sonderoraanisation fortzureißen. "Die jüdischen sozialistischen Gruppen setzten ihren hartnäckigen Krieg gegen die „Utopie und die Demagogie" des Bolschewismus fort. Die meiste Schuld daran trägt der „Bund", die älieste revolutionäre Organisation der jüdischen Arbeiter, die allen anderen Organisationen den Ton angibt. Die im „Bund" organisierten j ü d i s ch e n Ä r b e i t e r v e r w a r f e n d e n Inter natio n a l i s m u s, sie forderten die unbedingte nationale Verteidigung seit Anbeginn des Krieges. . Dieser „Defensismus" hatte unter den jüdischen Arbeitern die Oberhand gewonnen und absorbierte die ganze Ideologie des „Bundes". Zusammen mit den Menschewisten unterstützte er die t Koalitionsregierung und ihre Kriegspolitik. Sogar nach dem Mißerfolg der Kerenski scheu Offensive weigerte sich der Bund, dem Bolschewismus Gefolgschaft zu leisten. Er nahm eine neue Taktik au, er verband sich zu einem Block mit dem städtischen und ländlichen Kleinbürgertum und fuhr fort, den Bolschewismus zu bekämpfen. . . ." r) Dirnitri Bulaschow: „Bolschewismus und Judentum", Berlin 1923.

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