Mannheim
Compact Memory

Wissen und Waffen · 1924-04-24 · 5 (24.4.1924) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wissen und Waffen
Volume
[1. Folge] (1924)
Issue
5 (24.4.1924)
Date
1924-04-24
Page
Seite 17 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9054153-9548759-9548790--24-2280312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wissen und Waffen Tatsachen für den Wahlkampf. * Die „klajsischen" Antisemiten. 1. Goethe. Nach Th. Fritsch „Handbuch der Judenfrage" zitiert: „Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Borsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker." — Hier hört Fritsch aus, aber Goethe sagt weiter: „aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn alles das nicht gilt, an Zäheit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volt der Erde, es war, cs ist, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es aber als Musterbild ausgestellt, als Hauptbild, dem die anderen nur zum Rohmen dienen." („Wilhelm Meisters Wanderjahre" I, 2.) — Genau so verfährt Fritsch mit der bekannten Stelle aus dem Jahrmarktssest zu Plundersweilern. Hamans Anklagerede (die natürlich nicht juderrfreundlich sein wird) wird im Zusauuneuhang mitgeteilt, darin die Verse: „Der Jude liebt das Geld mtb fürchtet die Gefahr, Er weiß mit leichter Müh' und ohne viel zu wagen. Durch Handel und durch Zins Geld aus dem Land zu trogen ..." — (usw.) Die Antwort des Königs: „Ich weiß das nur zu gilt, mein Symtub, ich bin nicht blind. Doch das tun andere mehr, die uubeschnstteu sind." ist natürlich sortgelasseu. lieber Lessings „Nathan" urteilt Goethe: „Möge doch die b e k a u n t e Erzähl u n g , g l ü ck l ich d a r g e st e l l t, das deutsche P ubli k u m aus e w i g e ' Z e i t e n e r i n n e r u , daß es n i ch t n u r b e r u f e n tv i r d, u m zu s ch a neu, f o n d e r n a u dy, u nt z it h ö r c n u u d z u v e r u e h m e n! M ö ge Zugleich da s dari u a u s g e s p r o ch e n e-göttliche Duld u n g s - at n d Schon u n g s g t s ü h I d c r 91 atio u heilig it n d \x> e v t b leib en." Aus der Schrift „Meine Reli.gion": „Aber ich hasse die Juden nicht. Was sich in meiner früheren Jugend -als Abscheu;gegen die Juden in nur regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. E r st s P ä t e r , a l s i ch viele g e i st - begabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennenlernte, gesellte sich Achtung zu der Be- -wii n b c r u n g, di e ich sü r d as b ib el s chö Pfe ri sch e Volk .h ege u n d f ür d e n D t ch t er, d e r d a s H o h e Liebeslied gesungen." ' Auch davon ist bei Fritsch und Genossen nichts zu scheu und zu Horen. 2. Fichte. Fritsch zitiert aus einer Schrift des lungeren Fichte („Beiträge zur Berechtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution") aus denr Jahre 1798, hier in kurzen Auszügen wiedergogeben: „Fast durch alle Länder von Europa verbreitet sich ein mächtiger, .feindselig gesinnter Staat- . . . Dieser Staat ist ans den Haß des ganzen menschlichen Geschlechts aufgebaut. Würde man ihnen das Bürgerrecht geben, würden sie alle übrigen Bürger unter die Füße treten. Wollte man es doch tun, sollte man in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abschneiden und andere anssetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee steckt". Dazu der Zusatz von Fichte (aber nicht bei Fritsch): „Fern sei von diesen Blättern der Gifthauch der Intoleranz, wie er es von meinem Herzen ist! Derjenige Jude, der sich über dir festen, man möchte sagen, unübersteigbaren Berschanzungen, die vor ihm liegen, zur allgemeinen Gerechtrgkeits-,eMenscheu- und Wahrheitsliebe hrudurchringt, ist ein Held und ein Heiliger." 1799 nennt Fichte die oben genannte Schrift „die eines jungen Menschen", der „in seinem Unwillen über die ge setzlose/Willkür der Mächtigen übertrieben habe", und halt es für unbillig «und ungerecht, daß man dem reifen Manne jenen „jugendlichen und unvollendeten Versuch des Jünglings" Vorhalte. : Im selben Jahre schreibt er an seine Frau, daß die „Veitin" (Dorothea Veit, Tochter Moses Ntendelssohns) ihm ,',den Glauben, daß aus dieser (der jüdischen) Nation nichts Gutes kommen könne, benommen habe". ‘ 3. Bismarck, bekannt durch seine emanzipationsstindljche.Rede im. Vereinigten Landtage von 1847. Die Antisemiten (Fritsch) zitieren sie, dazu allerlei Klatsch aus Bismarks späterer Zeit, die ihm als ausgesprochenen Antisemiten erscheinen lassen; dagegen keine politische Tatsache, nicht das Verhältnis Bismarcks zu Bleichroeder, Bambergen, Urteil über Simson („als einen der ausgezeichnetsten, von der reinsten Vaterlandsliebe getragenen Vertreter des nationalen Gedankens". Zu Reichensberger 1881. Poschinger). Der Staatsmann Bismarck ist scharf zu trennen vom „Junker" Bismarck. Der Staatsmann ibt den Juden die Gleichberechtigtung, die der Junker verweigert atte. Rede am 30. Januar 1872 im Abgeordnetenhaus: „Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden, an dem jede Konfession ihren verhältnismäßigen Anteil haben muß, so kommt auch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich durch besondere Fähigkeit und Intelligenz für die Staatsgeschäfte anszeichnet." Gespräch mit Behrend, Begründer der Barziner Papierfabrik, November 1880: „Ich mißbillige ganz entschieden diesen Kampf gegen die Juden, sei es, daß er sich auf konfessioneller oder gar auf der Grundlage der Abstammung bewege. Mit gleichem Recht könnte man eines Tages über Deutsche von polnischer oder französischer Abstammung herfallen trollen und sagen, es seien keine Deutsche . . . Ich werde niemals darauf entgehen, daß den Inden die ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte in irgendeiner Weise verkümmert werden." Auch nach seiner Entlassung gegen den Antisemitismus: praktisch wertlos, nur Kritik; Grnndmot'iv: Neid, wirtschaftliche Angst. — Wertvolle Seiten der Inden: wirtschaftlicher Wagerttut, Beweglichkeit, Sparsamkeit. U e b e r j ü d i s ch e u n d konservative K a m p f e s w e i s e: „Die Juden sind in ihrer Politik gegen mich nie so gemein gewesen als meine christlichen Gegner in der Fortschrittspartei und in der konservativen während der Zeit der Reichsglocke." ‘ (Busch.) Darum war Bismarck bei den Antisemiten direkt verhaßt. Verlcnmdungen von konservativer Seite wegen unsauberer Fi nmizge schäfte mit Bleichroeder entspringen diesem Gefühle. — Karl Paasch (angesehener Kansmaml in Peking): „Sollte es möglich sein, daß Bismarck ein geheimer Jude ist, daß der iat ihm wuchernde Keim des Talmud die fern:*): deutsche Natur überwuchert hat?" Treitschke über Bismarck 1863: „Höre ich einen so flachen Junker wie diesen Bismarck von dem „Eisen und Blut" prahlen, weil er Deutschland unterjochen ioill, so scheint mir die Gemeinheit nur durch die Lächerlichkeit überbotcu." (Nach Jöhlinger, „Bismarck und die Inden".) 4. Moltke hat als Lentuaut nach einer Reise durch Polen eine Schrift über die inneren Verhältnisse des Landes verfaßt, darin Angriffe aus die dortigen Inden betreffs Eid, internationate Organisation unter unsichtbaren Führern usw. Bei Fritsch eingehend dargestellt. Später von Moltke bei Nenabdruck gestrichen, da er sich von-der Unhaltbarkeit der aus jremden Quellen übernommener: Angaben überzeugt habe. Davon bei Fritsch nichts. —- 1890 äußerte er im Reichstag gegen einen antisenntischeu 'Antrag: „Das Gewissen predigt die Moral in der Brust von Christen und Juden, Heiden und Wilden." ^Gesammelte Werke" 1.) 5. Treitschke ist nach allgemeiner Auffassung -einer der Väter des neuzeitlichen Antisemitismus. Hauptschrift: „Ein Wort über unser Judentum": antisemitische Aeußerungen finden sich ferner in seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert" und anderen Werken nicht selten.' In allen antisemitischen Schriften zitiert, gipfeln'sie in dem Ausspruch: „Die Juden sind unser Unglück!" Trotzdem war Treitschke kein Antisemit im landläufigen- Sinne wie, Stöcker (siehe Jöhtinger). Scharfe Worte über den Antisemitismus sind'nicht selten, wie z. B.: „Wenn wir ein unsauberes Antisemitentum cmporkommen sehen, so tragen die gemüßigten Parteien die Schuld." (Vorlesungen über „Politik".) Treitschke war eine sehr temperamentvolle Persönlichkeit und in seinen Urteilen sehr schroff (siehe Bismarck). — Hier zeigt sich, daß Aussprüche nur in Beziehung auf die Persönlichkeit des Urhebers richtig zu werten sind. (Das gilt auch von Schopenhauer, Dühring u. a.) 6. Mommserr ist bei Autisemiteu beliebt wegen des Satzes: „Auch, in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und der nation-alen Dekomposition." („Römische Geschichte" III.) So hart das klingt, war Mommsen doch das Gegenteil eines Antisemiten. Er loar Mitglieds des „Vereins zur Abtvehr des Antisemitismus" und Verfasser einer Gegenschrift „Auch ein Wort über tmser Judentum" gegen Treitschke. Scharf war auch seine Stellung gegen die Stöcker- Bewegung gerichtet: „Ein gewisses Abschleifen der Stämme aneinander, die Herstellung einer deutschen Nationalität, welche keiner bestimmten Landsmannschaft entspricht, äst durch die Verhältnisse unbedingt geboten, und die großen Städte, Berlin voran, deren natürliche Träger. Daß die Juden in dieser Richtung seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich keineswegs für ein Unglück, und bin der Ansicht, daß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker begriffen hat, warum dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.