Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 17 (24.4.1924)
- Date
- 1924-04-24
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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die eine gesunde und den deutschen Interessen dienliche Fort- , sührung der Regierungsgeschäfte so gut wie ganz ausschließen würde. 4§m ( unmittelbares Hinüberführen der völkischen Theorie in die Praxis würde auch eine starke Rückwirkung aus die in den verschiedensten Ländern zerstreuten deutschen Minoritäten ausüben. Bei jeder Verletzüng deutscher Interessen im Ausland und bei jeder drohenden Beeinträchtigung der Zum Schutze der Minoritäten geschlossenen Verträge zuckt die deutsche össentliche Meinung mit Recht schmerzhaft aus. Wie würden esdie deutschen Volksteile im fremden Land empfinden müssen, wenn eine offensichtliche Vergewaltigung eines (nicht einmal fremden) Volksteiles in Deutschland vor den Augen der Welt sich abspielte? Aber um die deutschen Juden aufs schwerste 31t treffen, ist es auch gar nicht erforderliche daß die Rückwärtsrevidierung. der Verfassung sich in so klarer, unzweideutiger, aus dem Papier niedergelegten Weise vollzieht. Diese Dinge würden klüger an gefangen werden. Wo das Gesetz schweigt handelt die Verwaltung, herrscht die Bureaukratie. Es würden die an. sich nicht sehr zahlreichen" Juden, die in den Verwaltungen Zu finden find, ausgemerzt werden. Gründe dafür sind immer zu finden. Jüdische Richter.und Staatsanwälte würden bei der Beförderung übergangen und an Orte versetzt werden, an denen eine förderliche Wirksamkeit für sie unmöglich wäre. Der wirtschaftliche Boykott jüdischer Händler und Kausleute würde wohlwollend geduldet, wenn nicht offen ermuntert werden. Die . großen jüdischen Organisationen, die der Verteidigung der Juden gelten, waren allerlei' Schikanenausgesetzt. Das russische Vorbild würde anreizen, den Juden den Zrftritt zu den Universitäten und höheren Lehranstalten mag-. lichst zu erschweren. Kein Jude könnte eine führende Rolle' im'Wirtschafts- oder politischen Leben bekleiden; kurzum, ohne wörtliche Aendernng der Verfassung würde eine antisemitische ..Regierung oder eine solche, in weicher die Antisemiten auch mit einen maßgebenden Einfluß hätten, tausend Wege finden, um für die deutschen Juden mühsam Errungenes zu.zerstören, vvtz langer Hand Ansgebautes zu zertrümmern. Wen nnur nicht wollen, daß dem jfo geschieht, und daß derx Berwaltungsweg beginnt, was die Gesetzgeber spater gutheißen sollen, so gibt es jetzt nur ein. Mittet: alle Aufmerks a m feit, alle Energie m u ß da r a u s k 0 n z e n - tr-iert werden, daß die antisemitischen Parte i e n bei den W ahle n möglich st nn günftt g aü - sch neide n. Es ist.selbstverständlich, daß k ei n e j it d is ch e S t i m m ever l 0 r e n g e h e n d a r ß Männer, und Frauen müssen ihr Wahlrecht gleichermaßen ausüben. Denn auch die im entferntesten mnd. aussichtslosesten Wahlkreis abgegebene stimme konunt den Reichswahllisten, die auf das Endergebnis stark mit eimvirken, zugute. Es müssen aber auch alle deutschen Juden und Jüdinnen der Umgebung, in der sie arbeiten nitb leben, all denen, die ihnen erreichbar und ihrem Zuspruch zugänglich sind, die Bedeutung, der Wahlen -auch vom jüdischen Standpunkt aus klarmachen und sie darauf Hinweisen, w e l ch e s V e r b rech e n am d e u t s che n V 01 k e es bedeutet, einer nebelhaften Romantik zu folgen, um damit die Parteien zu stärken, welche uns die Entrechtung eines nicht unerheblichen Volksteils hinausgehen, und die damit Deutschland kulturell aus einen selbst hinter dem letzten europäischen Volk bleibenden Stand zurückschrauben wollen. Alles, was an Begeisterungssähigkeit vorhanden ist, was an materiellen Mitteln ausgeboten werden kann, alles, was all Ueberredungskunst und Fähigkeit in den jüdischen Männern und Frauen lebt, muß mobil gemacht werden, damit ein Ueberfluten der völkischen und antisemitischen Welle verhindert wird. Das Judentum hat im Laufeseiner langen Leidensgeschichte unendlich viel Angriffe, Verfolgungen und Peinigungen über sich, ergehen lassen müssen: es ist an ihnen nichts zugrunde gegangen, sondern als eines, der größten Wunder der Menschheitsgeschichte, durch die Jahrtausende hindurch gerettet und erhalten worden. Auch die antisemitischen Tiraden der Herren Hitler und Ludendorff werden es in seinem Bestände nicht erschüttern können! Aber wir können eine Politik nicht Mein mit Rücksicht auf die Jahrtausende, die auf uns herabschauen, machen. Wir leben im deutschen Volke und sind ein Teil von ihm, und der.einzelne Mensch zimmert sein Schicksal nicht allein nach den Ewigkeitsausblicken, die von seinem Volke und für seine Gemeinschaft aus- - gehen. Die G e g en w ar t s arb ei t erheischt atterschärsste Abwehr, verdoppelte Aufmerksamkeit, größte Opserbereitschaft mit dem Ziele, unseren Glaubensgenossen in Deutschland trotz und wegen der bevorstehenden Wahlen ein erträgliches Maß von Bewegungssreiheit und die vollkommene staatsbürgerliche Gleichheit zu sichern und zu erhalten. Das 0rst öes Elenös. Betrachtung zu den letzten Pessachtagem Nach einem Ausspruche der alten Talmudlehrer gibt es zwei Prüfungen für den einzelnen sowohl wie für die Gesamtheit, die, Prüfung des Glücks und die des Leids.' Sie lassen es dahingestellt,, welches die schwerereust. Jedenfalls kann man aus ihrem Verhalten im Leid und in der Erinnerung an widerfahrenes Leid unb' Unrecht die seelische Eigenart einer Gemeinschaft erkennen. Sich nicht zu rachen und nicht nachzutragen ist eine der höchsten 'sittlichen,Forderungen. Wie wenig aber haben die Völker der Welt dem Rechnung getragen, wenn auch ihre Weltanschauung angeblich von dem Grundsatz der Feindesliebe beherrscht war. Auge umtzluge? Zahn um Zahn im wörtlichsten Sinne war der Grundsatz im Kriege. Rache, Vergeltung, baldige Revanche ist die stille Losung aller derer,- die sich für die Edelsten des Volkes, für die Auslese der Nation, halten. Das Unglück hat keinerlei, sittliche Wirkung ausgelöst. Kann man dem starken Gegner nichts anhaben, so sucht man sich einen schwächeren zum ^ündeubock und läßt an diesem all den an gesammelten Umnut und Ingrimm aus. Die Geschichte des Auszuges aus Aegypten sowie ihre Wertung in dem sittlich religiösen Geistesleben des jüdischen Volkes gibt uns einen Fingerzeig dafür, wie diese gerade so vielfach als gehässig und rachsüchtig verlästerte Gemeinschaft die Probe des Leids bestanden hat. Gar mancher Emporkömmling will nicht an seinen niederen Ursprung erinnert werden. Gar mancher Hochstehende scheut kein Mittel, um vergessen zu machen, daß er einmal den Kittel des Knechtes oder die Bluse des Arbeiters getragen hat, Israel erinnert sich täglich im Gebete daran, daß es einst Sklave gewesen im Aegypterlanb, bafc seine Ahnen das Brot des Elends gegessen haben. -Hat je ein Volk schwereres Leid getragen, ist je einer Nativu härtere Unbillwiderfahren als Israel in Aegypten? Man drückte und knechtete sie mir Strenge. Man verbitterte ihnen das Leben mit harter Fronarbeit. Man rechtere ihnen ihre Lebenskraft als Verbrechen au und tötete ihnen die ^öhne. Das Volk seufzte, stöhnte und schrie unter dem harten Drucke. Hätten sie nicht allen Anlaß gehabt, Haß- und Rachegesühle zu hegen gegen ihre Unterdrücker, die sie für Jahrhunderte in Ketten gehalten hatten? Wie reagierte die jüdische Volksseele auf das Leid und das erlittene Unrecht? Das Leid führte sie zu Gott. Zur Feier der Rettung essen sie seit Jahrtausenden die Mazzoh, bü§ Brot des Elends, jenes Brot, das, wie der Talmud sagt, so mancherlei zu erzählen vermag. Liebe, alte Mazzoh, du treuer Begleiter unseres Stammes durch Zeiten und Länder, du warst bei uns, als wir aus freiem Boden ein freies Volk einst waren. Du lehrtest uns Dankbarkeit gegen den. der uns aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Klemmer zur Freude, aus Trailer zum Feste, aus Dunkelheit zum strahlenden Lichte, aus Druck zur Erlösung geführt hak. Du warst uns kein Symbol mehr, nein, ein Spiegel der Wirklichkeit in der langen, noch immer währenden Leideusnacht des Golus. Do hast uns getröstet. Was einst gewesen, kann immer wieder von neuem werden. Noch wacht der a l t e G 0 t t, d e r H ü t e r I s r a e l s. Gibt es ein tragischeres Schicksal, als daß dieses Symbol des Gottsucheus im Leid den Änlaß bot, uns der widrigsten Rachegelüste, der bestialischsten Verbrechen zu zeihen? Es ist in der Tat das schwerste' 'Debakel der ganzen europäischen Kultur und Gesittung, daß diese häßliche Anklage auch heute noch ihre Vertreter findet. Kann eine solche Anklage ein Volk treffen, das den Festesjubel über die gewonnene Freiheit dampft, weil der Untergang der grim- , men Feinde ihm die Seele beschwert, da doch auch sie Kinder dos gleichen Gottes sind? Dürfte man es wagen, uns dieses Brot des Elends zu besudeln, welches uns aus dem selbsterduldeten Leid Verständnis, lehrt für das Leid der anderen, aller Trauernden, Elenden und Gedrückte u? Wir haben das Brot des Elends gegessen, wir wissen, wie es dem Fremdling, dem Sklaven zumute ist. Wir haben das Schlimmste erdulden müssen, was Menschen je von Menschen widerfahren ist. Und mm rächen wir uns aus unsere Weise. Wir rufen: Jeder Hungrige komme und esse, jeder Dürftige komme u.n d feiere das Fest. Das ist jüdische Rache, jüdischer Haß, die sich wohl sehen lassen dürfen neben dem, was andere ihreLiebe nennen. Denn dieser, Ruf ist nicht bloß ein Wort geblieben, sondern zur Tat geworden. Wo immer es galt, dafür zu sorgen, daß der Hungrige nicht bloß satt wurde, sondern auch ein wenig Anteil bekam an den Feierstunden des Lebens, wie Kunst, Wissenschaft und Religion sie gewähren, wahrlich, da gab es für uns Juden keine Prozentnorm. Wir haben, ohne zu rechnen und zu mäkeln, unfern überreichlichen Teil gegeben. Wir haben uns nie damit begnügt, das Elend in unserer eigenen Mitte zu lindern, obwohl wir da mehr zu leisten hatten als irgendeine andere Gemeinschaft. .Wir haben als echter Gottesknecht das Leid der ganzen Welt mit getragen. So führte uns das Brot des Elends aus dem Leide zu. Gott, zum Mitleids, und zur werktätigen Liebe. Es spornte uns an zum Kampfe mit dem Elend. Noch sind wir Knechte des Elends. Wir werden frei, indem wir es besiegen. Dieser Sieg ist unsere Hoffnung. Das ist die Lehre, die ausgeht von Zion, und das. Wort Gottes von Jerusalem durch das Brot des Elends. Jsch T'ikwoh.