Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 16 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Menschlicher Kampf und göttliche Hilfe. 3«m Peffachfeste. Vpn Rabbiner Dr. M. Esche!bacher (Düffeldors), Aus den gewaltigen Quadern der Pyramiden redet Zn uns das mächtige alte Aegypten, jene Epoche, in der die israelitischen Stämme am Nil litten und kämpften, bis die Stunde der Befreiung für sie schlug und Mose sie Zusannnenschmiedete Zn einem Volke. Das jüdische Denkmal jener großen« Zeit ist kein Monument aus totem Stein, keine Sphinx und kein Grab eines Pharao, sondern die wunderbare Schöpfung des Pessachfestes, der Zauber der Sedernacht, ein ewiges Gesetz, eingeschrieben in lebendige Memchjenher-en, uralt, nicht jung, aber ewig verjüngt. Die Befreiung aus Mizrajim war die lange vergeblich ersehnte Krönung der beharrlichen Anstrengung von Generationen, der endliche Sieg nach einem, langen, langen weltgeschicbt'lichea Kampfe. Das Wesen und die innerste Natur dieses großartigen, n?eltgeschichtlichen Ringens wird in dem Worte der Thora ausgesprochen: „Hat je ein Gott versucht. Zu kommen und sich ein Volk aus der Mitte eines anderen Volkes Zu holen unter Versuchungen, Zeichen und Wundern, durch Krieg, durch seine starke Hand und seinen ansgestreckten Arm. unter furchtbaren Erscheinungen, wie es der Ewige, euer Gott, in Mizrajim vor euren Augen getan hat?" Die Heilige Schrift erzählt uns viel von den Leiden und nichts von den Taten unserer Väter in jener schweren, bangssn Zeit, sie zeigt uns nur den einen großen Vorkämpfer, unseren Lehrer Mose. Sie schweigt auch von den früheren Siegen, und Niederlagen, von Angriff und Abwehr in den vierhundertdreißig Jahren des Aufenthalts in Mizrajim seit dem Tage, da ein neuer Pharao kam, der den Joses nicht mehr kannte und seinen Kindern das Recht nahm, das sich die Väter erworben hatten. Die Entscheidung siel zuletzt nicht durch die Kraft der zwölf Stämme, sondern sie kam durch Zeichen und Wunder, nicht allein durch die Anstrengung der Menschen, sondern mehr noch durch die Hilfe und das Eingreifen Gottes. Vom Wunder sprechen wir im täglichen Leben nicht, und bei 'unseren Entwürfen und Voranschlägen hüten wir uns, daraus zu bauen. In dieser Haltung, waren sich alle Zeiten einige von der gläubigen Vergangenheit bis zu der skeptischen Gegenwart. „Nicht jeden Tag ereignet sich ein Wunder", sagt einmal der. Talmud, und er empfiehlt dringend, sich nicht auf Wunder zu v e r - l a s s e n. Dieser Gedanke beherrscht den modernen Menschen in seinem Privatleben, er lenkt das verschlungene Getriebe der Politik und die Beziehungen der Völker. Wir inöchten im Gegenteil lieber alles vorher berechnen und planmäßig allem Uebel Vorbeugen. Damit wir aus Wunder verzichten können, versichern wir uns gegen alle Schäden, deren Abwehr nicht in unserer Macht liegt, gegen die Folgen von Tod und Unfall, von Krankheit und Feuersbrunst. Wir berechnen die Chancen und schätzen die Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit künftiger Ereignisse. Die Völker verzeichnen ihre Kräfte, sie zählen die Ziffern ihrer Soldaten, die Summen ihres Vermögens an Gold und Silber, an Grund und Boden, mit dem Blick auf diese Zahlen treffen die Staatsmänner ihre Entscheidungen. Krieg und Frieden wird manchem zu einem Reche nexemp et. Und innerhalb der Staaten wird der Kampf um die Macht für die Parteien zu einem Problem politischer und organisatorischer Technik. Ueberall werden die Aussichten, die mutmaßlichen Entwicklungen abgewogen, und nach dem Ergebnis dieser Kalkulation wird dann der Weg gesucht, den der einzelne in seinem Privatleben, den die Gruppen und Parteien im Staate, den schließlich das ganze Volk in seiner Politik erwählt. Nichts scheint dem modernen Menschen so fern zu liegen,, als das Vertrauen! auf das Wunder. So scheint es zu sein. Aber u n a u s r o t t b a r , u n v e r - tilgbar und nie besiegt, lebt auf dem Grunde der Seele bei den Menschen und Völkern von hen te fo st a r k wie nur je der Glaube an das Wunde r und die S ehn s uch t, daraus zu bauen. Gerade die stärkste Anspannung unserer Kraft führt uns bald zum Glauben an das Wunder. Je mehr wir uns bemühen, desto mehr erkennen wir die Schranken, die unserer Einsicht, unserem Willen, unserer Macht unübersteigbar gesetzt sind. Gerade unsere Gegenwart hat in ihrem Vertrauen auf sich selbst eine furchtbare Demütigung erfahren. Wir hatten uns gegen alle denkbaren Uebel versichert, aber alle Versicherungen sind wertlos geworden, und alles, was wir fürchteten, ist in verstärktem Maße über uns hereingebrochen. Auch die Völker gaben die Blüte ihrer Jugend hin um Sicherungen, aber jede Sicherung versagte, und die, um die sie jetzt mit oder ohne Waffen Krieg führen, werden sich als ebenso nutzlos erweisen. Am Ende jeder stolzen Anstrengung steht doch nur zu oft jener Verzicht, den unser tägliches Morgengebet ausspricht: „Was sind wir, was ist unser Leben, was ist unsere Kraft und was die Hilfe, die wir bringen können? Alle Helden sind wie nichts vor Dir, die berühmtesten Männer, als wären sie nie gewesen, die Weisen wie ohne Einsicht und die Klugen wie ohne Verstand." Die Blüte -des tiefen Gefühls für die Schwäche der eigenen Kraft aber ist bei dem nüchternen, rechnenden Menschen von heute — die Hoffnung auf das Wunder. Als Fachmann auf dem Felde der Strategie hat Friedrich der Große mit tiefer Ueberzeugung darüber gespottet, daß Gott immer bei den stärksten Bataillonen sei. Trotzdem war'seine Hoffnung in schweren, verzweifelten Abschnitten des endlosen Siebenjährigen Krieges, in trostlosen., dunklen Stunden „ko miracle de Ja maison Brandenbourg“. Darauf hat er gewartet, aus das Unberechen-bare hat er gebaut, und seine Hoffnung hat ihn nicht betrogen. Dieser mächt'ige Mann in' allen: seinen Unglauben hätte schwerlich sich dagegen gesträubt, in seinem Siege ein Wunder Gottes zu sehen und zu verehren. .. .^m^*^*'*»** - Noch mehr als für irgend jemanden sonst gilt dieses Verhältnis z w i s ch e n mens ich l i ch er Euer g i e u n d d e m Vertrauen auf die HilseGottes, die sich in einem W u n -> der offenbart, für den I u d e n. - Wir sind heute noch wie zu Moses Zeiten, „das klermste aller Völker". Wir kämpfen heute schwer um unseren Bestand, um unser nacktes Dasein, um unsere Herrn a t aus de u t s chtm B o d e n und im d e u t sichen Volk e. Dafür setzen wir alles, was wir sind und was wir haben, mit aller unserer Energie ein, mit Verwertung aller technischen Erfahrung des politischen Kampfes!, aller Mittel moderner OrgKnisation, noch wehr, mit der bewunderungswürdigen .Hingabe vieler von. unseren Besten. Aber wir wissen es trotzdem genau, unsere Kräfte wären immer noch zu gering, und wenn sie vielmals so stark wären, als sie >m Wirklichkeit find. Auch wir hätten oft ein Recht zu jener Verzweiflung, die den Propheten überfiel, und die nachher keinem jüdischen Geschlecht erspart geblieben ist, zu jener furchtbaren Ahnung von der Nutzlosigkeit aller Mühe: „Wie kann Jakob bestehen, da es so klein ist!" Aber vor diesem Zusammenbruch bewahrt uns der Glaube an das Wunder und das Vertrauen auf den starken Arm, mit dem Gott unsere Väter aus Mizrajim geführt hat. In keiner Epoche der jüdischen Geschichte hat den Juden die Ueberzeugung verlassen, daß sein Leben yut> sein Bestand auf einem dauernden Wunder beruhe. Die bayerischen Juden haben sicher alles getan, um der furchtbar drohenden Katastrophe zu begegnen. Als aber vor kurzem ihr Landesverband in Nürnberg tagte, da sprach der Leiter der Verhandlungen am Eingang es aus, nur einem Wunder hatten sie es zu danken, daß sie den 9. November überstanderr hätten. Wahrlich, mit der Befreiung aus Mizrajim, mit der Zeit von Mordecheü unid Esther, mit den Tagen der Makkabäer ist die Zeit der Wunder noch nicht abgeschlossen. ^Das ist die Lehre, das d e r e r n ft e T r o st, de.n das P e s s a chf e st uns gibt, uns selber und unserer großen ^lbwehrvereinrg.ung, dem Central-Verein. Wir haben: die heilige Pflichtzum. Einsatz unserer letzten Kraft, und wollen uns nicht müßig auf AufaL und Ungefähr verlassen. Das Wunder vollzieht sich nicht im der Sphäre der Dinge, sondern im Ratschluß Gottes. Ten Glauben daran müMn w'ir im tiefsten Grunde unserer Seele hegen und bewahren, er ist der letzte Felsen, aus dem alle unsere Zuversicht entspringt. So halten wir uns denn an das Wort unserer Weisen: „Wir wollen das Unsere tun, u n d G ott wird das Seine t toi" Dann dürfen wir und dürfen unsere Kinder und Kindeskrrvder die Feste Israels mit dem Dank gegen Gott begrüßen, „der uns' am Leben erhalten und uns aufrecht erhalten hat, der uns geführt hat bis zu dieser Zeit". _ Wohnungen für 300000 Was sagt das Berliner WohnungsLMt da zu? Zu den Verdrehnngerr, mit denen.unsere Gegner den WsHKsMtzs bestehen zu können glauben, gehört auch die BehLMpkung, dM Berliner Wohnungsamt habe über 300 000 WohWrnWM am Ostjuden vergeben. Sie ist in Hinterpommern von einem deutsthsozialen Redner ch die Welt gesetzt worden. Wie es sich LatMchlich mit der Vergebung der Wohnungen nicht nur an Qstchden, sondern an Ausländer schlechthin verhält, bewerft ein Schreiben, das der Direktor Wild vom Städtischen Zentralamt für Wohnungswesen uns zugehen ließ. Es heißt darin: Zum Schreiben v. 28. 3. 24 J.-Nr. Ed. 3863/622/A Die Behauptung, das Groß-Berliner WohmmgsaWt habe 300 000 Ostjuden Wohnungen verschafft, müssen wir als UNM- Lresfend bezeichnen. Eine selbständige Wohnung kann orduTM^- gemäß von Ortsfremden mir auf Grund, eines Wohnberechtigungsscheins bezogen werden. WohnberechtigmrMfcheE find aber im Jahre 4922 nur 80, im Jahre 1923 insgef-LMt nur 117 an Exterritoriale und andere AuslLnder verschiedener Nationalität erteilt worden^ DaMgen wurden 1922 an Wohnerlaubnisscheinen, die zum Bezüge nicht selbständigen Wohnraumes, also möblierter Zimmer, berechtigen, 23 427 und im Jahre 1923 4132 Stück erteilt. Direktor Wild fügt hinzu, daß allerdings eine große Anzahl von Ausländern sich noch ohne polizeiliche Meldung in mKNierten Zimmern, Hotels und Pensionen aufhielte, bemerkt aber ausdrücklich, daß auch bei den gemeldeten Ausländern die Konfession sich nicht feststellen lasse, da nach den BestimmungM der Reichs- Verfassung die Frage nach der Konfession bei allen amtlichen Erhebungen, also auch bei den polizeilichen Meldungen, nicht mehr gestellt werden dürste. Nach Feststellung des StatMfchen Amtes der Stadt Berlin beträgt die Zahl der Ausländer auf Grund der polizeilichen Meldungen im letzten Jahre etwas über 30 000. Darin sind aber außer den aus dem Osten Zugewanderten die Ausländer aus allen Weltteilen enthalten. Im Wahlampf kommt es eben um eine Null mehr oder weniger gar nicht an!