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Central-Verein-Zeitung · 1924-04-17 · 16 (17.4.1924) · p. Seite 202

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
16 (17.4.1924)
Date
1924-04-17
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 Bewußtsein der Bindung der Allgemeinheit und der Pflichtsich in diese Bindung einzugliedern. So habe der kategorische Imperativ fast eine Umkehrung erfahren. Die große Gefahrbestehe in der hemmungslosen Selbstsucht der Gemeinschaft, die im Weltkrieg am schärfsten zutage getreten ist. Es ist die wahre Aufgabe des Judentums, das Recht der einzelnen Persönlichkeit zu währen undim Hinblick aus die Gemeinschaft zur Entfaltung zu bringen. Die Propheten Israels haben die öffentliche politische Moral mit allem Nachdruck gefordert. Wie wenige Menschen kennen ihre Pflicht der Allgemeinheit gegenüber. Die große Masse ist an sich nicht gewalttätig, aber leichtgläubig. Erst durch Verleumdung -wird bei ihr der Boden für die Gewalttat bereitet, und ungeheure Verantwortung vor der Geschichte und vor dem deutschen Volke laden die auf sich, die seht das deutsche Volk betören. Aber sie haben es leicht, weil man sich auch schon früher nicht gescheut hat, die Moral aus der Politik auszuschalten. Dr. Vogelstein zeigte an geschichtlichen Beispielen, wie die Verleumdungen sich fast stets gegen die Minderheit richten und daß das deutsche Volk unter denselben Verleumdungen durch die früheren Feinde zu leiden habe, wie jetzt die Juden durch die Deutschen. „Die Lüge wirkt verderblich nicht nur für den, gegen den sie sich richtet, sondern auch für den, der sie vorbringt und verbreitet, und für diejenigen, an die sie sich wendet." So heißt es schon im Talmud. Nicht die augenblickliche Zerstörung von Menschen ist das Unheil, sondern daß die Seelen vergiftet, die Menschen herabgezogen und der Sinn des Volkes für ganze Generationen in ein sittliches Chaos gestürzt wird, und deshalb ist unser Kamps gegen die Lüge ein Kampf für unser deutsches Volk und wird einen Kultursortschritt bringen, wie schon vor 400 Jahren Reuchbns Eintreten für die Juden der Ausgangspunkt für den Kampf um die allgemeine Kultur gewesen ist. Dr. Vogelstein charakterisierte dann die verschiedenen Methoden der Lüge, die die Gegner anzuwenden pflegen, und forderte die deutschen Juden auf, gegen all diese Lügen und Fälschungen ohne Gehässigkeit den Kamps der Wahrheit zu führen und sich den Glauben an das deutsche Volk, die Liebe zu ihrer deutschen Heimat und den Glauben an den Gott der Wahrheit nicht rauben zu lassen. Justizrat Sonne ns eld (Berlin) knüpfte an einen Allsspruch aus Luthers Tischgesprächen an: „Wenn ich mich an meinen Feinden rächen könnte, wie ich wollte, möchte ich ihnen gar nicht antworten." Aehnlich habe Hitler (man soll von seinen Feinden lernen) im Prozeß erklärt, es sei ihm der Ekel angekommen ob der vielen Verlogenheit, so daß er sich am liebsten überhaupt nicht verteidigt hätte, aber er habe es dann als Pflicht empfunden, sich zu verteidigen. Und so sei es auch den deutschen Juden von ihren Führern -Horwitz und Fuchs gelehrt worden, es sei unsere Pflicht, uns zu verteidigen: Die Gefährdung des Vaterlandes ruft uns auf den Plan; denn als solche sehen wir deutschen Juden den Antisemitismus an. Justizrat Sonnenseld untersuchte dann die verschiedenen Kampfmittel der Gegner, die sich aus die Gebiete der Religion, der Wirtschaft, Rasse und Kultur richten. In den Angriffen gegen die Kultur der Juden stehe Spengler an der Spitze, der behauptet, die Juden seien 30 Generationen älter als die Deutschen und deshalb überkultiviert; sie setzten statt Kultur Zivilisation. Die Energie der Zivilisation aber gehe nach außen, die der Kultur nach innen, das würde also heißen, daß die Juden nur eine äußerliche Zivilisation ohne Gemüt Hütten. Die Frage, ob die Kultur an die Rasse gebunden ist, werde von den Völkischen bejaht, von der Wissenschaft aber verneint, und unter dem Begriff der nationalen Zusammengehörigkeit verstehen die Völkischen etwas anderes als die Wissenschaftler, die längst festgestellt haben, daß die Nation aus Menschen besteht, die auf Grund ihrer historischen Zusammengehörigkeit die gleiche Einstellung zum Staate haben, nicht aber aus Grund von Rassenzugehörigkeit. Eine arische und eine semitische Rasse gibt es nicht, sondern diese Unterscheidung beruht auf der Verwechselung mit den Sprachgebieten. Alles diesist wissenschaftlich längst festgestellt. Trotzdem haben diese Jrrtümer ein so merkwürdig zähes Leben, ja" eine Kraft zum Wiederauferstehen, wie nichts in der Welt,: daß sie geradezu, wie Binding einmal sagt, durch Verjährung zur Wahrheit werden. Den Vortvurf, die ■ Juden hätten keinen Idealismus, beantwortete Sonnenseld damit, daß die Juden insofern allerdings nicht Idealisten seien, als sie die leidenden Menschen nicht nur mit dem Trost aus ein besseres Jenseits verweisen. Aber wir dürften stolz darauf sein, daß die modernste Sozialpolitik in der jüdischen Gesetzgebung ihr Vorbild habe, so in der Sabbatruhe, in dem Befehl, die Kranken zu pflegen, auch wenn sie Fremde feien, in den Bestimmungen über die Schulpflicht und Lehrpflicht u. a. m. Am stärksten aber zeige sich der Idealismus in dem Festhalten an der jüdischen Religion trotz der vielen Schwierigkeiten, die leicht durch Taufe umgangen werden konnten. Die Treue zur Gemeinschaft, die innere Treue, die den Juden wichtiger ist als die äußere Ehre, ist das beste Zeichen ihres Idealismus. Den Vorwurf, daß die deutschen Juden sich nach Palästina als dem Ziel ihrer Gemeinschaft zurücksehnen und deshalb, nicht wahre Deutsche'sein könnten, entkräftet der Redner durch den Hinweis daraus, daß die Juden nicht einen Trauertag ansetzten, als sie das Land oder als sie die Stadt verloren, wohl aber, als ihnen der Tempel abbrannte. Es sei schon eine prophetische Vorschrift, daß wir das Land lieben, wo wir wohnen und daß das Schicksal des Vaterlandes unser Schicksal ist, mit dem wir unlösbar verbunden sind. Dürfen wir uns mit dem Vaterlande assimilieren? fragte Sonnenfeld. Das Judentum sagt, die Assimilation ist nur dann ein Verlust, wenn sie sich auf die Religion erstreckt. Die Assimilation im übrigen hängt gar nicht von dem Willen des einzelnen ab. Das Aeußere und die Sinnesweise gestalten sich nach dem Lande, in dem wir leben, und es liegt kein Grund vor, dagegen anzustreben; aber es zum Sport zu machen, den anderen Konzessionen zu machen, verletzt unsere Würde. Justizrat Sonnenseld erörterte dann noch die Ostjudeyfrage, verteidigte die deutschen Juden gegen den: Vorwurf des Internationalismus und der mangelnden Vaterlandsliebe, wie gegen den der Untreue gegen die Monarchie, und beantwortete sie dahin, daß es für den deutschen Juden nicht die Frage Republik oder Monarchie, sondern nur die Verfassungstreue oder Verfassuugsuntreue geben könne. Schließlich unterzog er noch die Gegner selbst einer genaueren Betrachtung und stellte fest, daß die antisemitische Bewegung keineswegs nur eine Bewegung gegen die Juden, sondern gegen die Religion schlechthin sei, denn sie sage von sich selbst, daß sie eine völkische Religion werde. Justizrat Sonnenseld schloß mit dem Appell im SinNe der jüdischen Religion, deren Grundsätze der protestantische Professor Bousset einmal genannt hat: Gerechtigkeit, gemildert durch Güte, Billigkeit in dem Sinne, Jedem das Seine, still und tapfer weiter zu arbeiten, leidenschaftslos, aber energisch weiter zu kämpfen, zum Wohle des deutschen Volkes. Die Versammlung nahm einstimmig die Entschließung an: „Die aus allen Teile« Deutschlands anläßlich der .Hauptversammlung des Central-Bereins deutscher Staatsbürger jüdische« Glaubens zu einer Kundgebung im HerreuhaNse versammelte« deutschen Juden fordern alle vaterländisch Gesinnten aus, den Wahlkampf im Siune des gleiche« Rechtes für alle Staatsbürger «uv nicht mit den vergiftete« Waffen des Hasses, der Unduldsamkeit und der Lüge M führe». Vertrete jeder frei und offen seiue Meinungaber in dem Bewußtsein, daß es für jeden Deutschen ei« höchstes Gebot gibt: Einheit des Reiches und Wiederaufbau des Vaterlandes." In seinem Schlußwort betonte Justizrät Brvdnitz unter anderem, daß die deutschen Juden unlösbar mit der deutschen Heimat verbunden seien, „nicht deshalb, weil ihre Wiege dort gestanden habe, sondern weil wir deutsche« Jude« seit Jahrhuuderte« unlösbar mit der deutscheu Scholle verbunden sind, und wir werden sie nicht verlassen, zumal wenn es Deutschland schlecht geht. Dieses Bekenntnis der unlösbaren Verbundenheit mit dem deutschen Vaterlande verlangen wir bon jedem, der zu uns kommt".

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