Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 16 (17.4.1924)
- Date
- 1924-04-17
- Page
- Seite 201 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 10 GolSpfennlg Serlin, 17. ^pril 1W4 III. Iahrgau- * Nr. 16 VWter fürDerrlscktum^' fvryau-es lLutralVerems -«Ecker. ötrmtsvüryerjüMcken Aauvens'Tv. W WW ,HW UNS MW" cZss Judentums Verlag u. Schristleitung: Eenteal-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SWbS, Linöenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 ♦% Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 . Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW68, Lindenstr. 7 / Monat sabonn ement (ein vierteljährliches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennlg Alleinige Anzeigenannahme: Annvncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für dis 7gespaltene Zeile nach Rudolf MosseS Normalzeilenmesser Nr. 4, FannUenanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereintz # . 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark. RZSÄMMM Im Rumpf für Vaterland und Freiheit. Die Run-gebung zue tzaaptversammlung. Im Saal des ehemaligen Herrenhauses zu Berlin versammelten sich am Vorabend der Hauptversammlung d e s Central-Vereins die Delegierten aus dem Reiche und viele Freunde aus Berlin — unter ihnen Angehörige auch der anderen Religionen — zu einer machtvollen Kundgebung sür den Kamps gegen den Antisemitismus zum Wohle nicht nur der deutschen Juden, sondern des gesamten deutschen Volkes und darüber hinaus der gesamten Menschheit. In bedeutungsvoller Stunde beginnt der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens diese Tagung. Wir haben uns verpflichtet gehalten, diese Tagung mit einer allgemeinen Versammlung zu beginnen, die den Empfindungen Ausdruck verleihen soll, die uns alle heute beherrschen. Es ist ein erfreuliches Bild, daß trotz der Schwere der Zeit Hunderte von Vertretern des C. V. zur Tagung sich Ungesunden haben. Ich kann diesen Abend nicht beginnen, ohne unseren Dank dafür abzustatten, daß Sie dieses Opfer gebracht haben, aus der Fülle Ihrer Arbeit jetzt zu uns zu kommen. Bei der Kompliziertheit der Fragen,' die uns beschäftigen und für viele von. uns eine Lebensnotwendigkeit geworden sind, ist es nicht möglich, alles zu erörtern, was uns deutsche Juden jetzt erfüllt. Aber wir hatten das Bedürfnis, uns, der Tradition getreu am Vorabend Unserer Arbeit einzustellen auf große Gesichtspunkte." Mit diesen Worten begrüßte Justizrat Dr. B r o d u i tz die Versammlung und gab ihr damit den Leitgedanken, unter dem die ganze Hauptversammlung stehen soll. Die beiden'Redner des Abends, Rabbiner Dr. Vögelst ein (Breslau) und Justizrät Dr. Sonnenseld (BeÄin), - sprachen dann über die ,KäMpsmittel' unserer/' Gegner". Rabbiner Dr. Vogelstein führte etwa aus: In den nächsten Tagen feiert das deutsche Volk den 200. Geburtstag des großen Philosophen Kant. Alle Kulturmenschen blicken nach der Pregelstadt, die im Goetheschen Sinne geweiht ist, weil der große Mensch Kant dort geweilt hat. Wir alle, gleichgültig, welcher philosophischen Richtung wir angehören, haben einen Hauch seines Geistes verspürt. Denn auf die Ethik zielt Kant ab und von der Ethik kommt er her. Der kategorische Imperativ, der Dithyrambus auf die Pflicht, und die Behauptung, daß es nichts absolut Gutes gäbe, als den guten Willen, charakterisieren Kants Philosophie. Wenn wir uns dessen am Borabend der Hauptversammlung -erinnern, so ist das nicht nur eine huldigende Geste gegen den -großen Philosophen, sondern es hat tieferen Sinn. Denn diese sittlichen Forderungen Kants müssen die sittlichen Grundlagen sür den Kampf der deutschen Juden in diesen, Tagen sein. -; Zwiefaches ist in diesem Kamps notwendig, wenn die deutschen Juden nicht verzagen sollen angesichts des Anwachsens der Feindseligkeiten. W i r m ü s s e n de n K a m p s auf sittlicher Grundlage mit sittlichen Mitteln zu sittlichen Zielen führen und erkennen, daß dieser Kampf kein selbstsüchtiger ist, sondern -um Probleme geht, die die ganze Menschheit angehen. Zweitens muß aber unsere ganze Arbeit nicht eine negative sein, sondern eine positiv aufbauende. Fassen wir den Kampf so auf und stellen wir ihn hinein in die Gesamtheit der großen Kämpfe der Menschheit, dann gewinnt er die Größe und Würde, die uns die Freudigkeit verleiht, deren wir in diesem Kampfe bedürfen. So hat vor 100 Jahren Gabriel Rießer den Kampf gegen den Antisemitismus in die großen Befreiungskämpfe hineingestellt, so hat unser Eugen Fuchs die sittlichen Kräfte im Abwehrkampf immer wieder in den- Vordergrund gestellt. « Auf die Dauer ist eine kraftvolle Arbeit nur dem möglich, der fest auf dem Boden des Judentums steht, dem das Judentum eine innere Notwendigkeit geworden ist; denn wer das Judentum verteidigen will, muß auch wissen, daß der Preis dieses Kampfes wert ist, der ein Kamps der Wahrheit ist gegen die Lüge. , Dr. Vogelstein erörterte dann die Frage, warum dieser Kampf immer wieder notwendig sei, und beantwortete sie mit Cohen, der die Judenfrage als soziologisches Problem auffaßt. Er schilderte die Entwicklung des Individualismus seit dem Mittelalter und zeigte, daß gegenüber dem Individualismus die Gebundenheit immer mehr hervortrete; an Stelle des Individualismus trete das Nationälbewußtsein, das heißt das