Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 15 (10.4.1924)
- Date
- 1924-04-10
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Teutsch! Eine ^pitfUibcrieii von Dr. I. Stau j e k. Wlad. W. Kaplan-Kogan, dersich in mehreren Arbeiten als trefflicher Kenner und Beurteiler der im Osten lebenden Juden erwiesen hat — stehe Z. B. seine Abhandlung „Die jüdische Sprach- und Kulturgemeinschaft rn Polen" in der „Zeitschrift für Demographie und Statijtrk der Juden" 1915 — schreibt in einem Aufsätze „Die Juden in Polen" den er für die bekannte „Ostjuden"- Nummer der „Süddeutschen Monatshefte" (Februar 1916) beigesteuert hat, auf Seite 690 über die Zeit von 1572 bis 1772: „Es ist hierbei wichtig, sestzustellen, daß schon damals wie auch später nicht etwa die polnische oder die russische, sondern ausschließlich die jüdisch-deutsche Sprache (das „Jiddische", der „Jargon") die Volkssprache gewesen ist . . . Die jüdisch-deutsche Sprache war auch die Sprache des geschäftlichen Verkehrs, der Literatur und Wissenschaft und des Gottesdienstes. In der ersten Bibel, die in Polen gedruckt wurde, waren schwierige Stellen zum besseren Verständnis ins Jüdisch-Deutsche übersetzt. So bekamen auch die Worte „teutsch" und „verdeutschen" die Bedeutung von „Sinn" und „erklären". Noch heute hört man in Polen die Sätze: ,J ch versteh' nicht d'en teutsch (den Sinn) vun d e ait', oder: ,Verteutsch (erkläre) mir auf russis ch'." Der Verfasser befindet sich mit, dieser Erklärung nicht aus dem .richtigen Wege. Da das Jiddische eine deutsche Mundart ist, die die nach dem Osten aus Deutschland gewanderten Inden aus ihrer deutschen Heimat mitgenommen und an der sie mit einer bewundernswerten Treue biszum heutigen Tage festgehalten ha'ben, ist in ihr manches alte Sprachgut aufbewahrt worden, das he«ute längst aus unserer Sprache verschwunden ist. Die deutsche Sprachforschung hat leider bisher dem'Jiddisch viel zu wenig Beachtung geschenkt, auf der anderen Seite darf man die Ergebnisse der deutschen Sprachforschung nicht außer acht lassen, wenn man Ausdrücke der Sprache der Ostiuden erklären will. Die Worte „teuisch" (strack zieht in seinem „Jüdischen Wörterbuch" [1916] die Schreibung „teitsch" vor, die ja auch in der Tat die gebräuchlichste ist) und „verdeutschen" (verteitsclien) haben ihre heutige Bedeutung im Jiddischen nicht deswegen erhalten, weil in der ersten in Polen gedruckten hebräischen Bibel schwierige Stellen ins Jiddisch-Deutsche übersetzt worden sind, sondern sie haben diese Bedeutung aus der altdeutschen Sprache bis heute bewahrt, und sie bilden damit einen sehr wichtigen Beweis für die Erklärung des Wortes „deutsch" aus „deutlich" und des Volksnamens der sD e u it s ch e n als die Deutliche n. Die richtige Erklärung zeigt uns der Vergleich mit dem Mittelhochdeutschen und mit der Sprache Luthers. Im Mittelhochdeutschen bedeutet „26 diute" (s. Klage, „EtymologischesWörterbuch" der deutschen Sprache unter „deuten" sowohl ^deutlich" wie „deutsch" (diute ist der Dativ Sing, zu diute, tiute (weiblich j — Auslegung, Erklärung). Ferner heißt es in Luthers Bibelübersetzung von Pauli 1. Korinter 14,-11: „So ich nun nicht, weiß der Stimme Deutung, werde ich undeutsch sein dem, der da redet" usw. In den heute zum Druck gelangenden Luther-Bibeln findet man an dieser Stelle statt des unserem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr entsprechenden Wortes „undeuftck" den Ausdruck „undeutlich". Eine Reminiszenz an die einstige Bedeutung von deutsch — deutlich, die sich sonst bis heute mit im „Jiddischen" erhalten hat, findet sich nur noch in unserer Umgangssprache, wenn man sagt, man wolle mit jemandem deutsch xeden. Im Jiddischen wird ferner sehr häufig „teitsch?" oder „steitsch“ als Frage in der Bedeutung „was heißt das?" als Aufruf der Verwunderung und der Entrüstunggebraucht. Außer teiten (deuten) kennt das Jiddische noch den teilet, das Stäbchen, mit dem der Lehrer zeigt — Deuter und teiteln mit dem Stäbchen zeigen. Jedenfalls bietet das Jiddische einen wichtigen Beleg dafür, daß das Wort „deutsch" von „deutlich" abzu leiten ist. Die Deutschen nannten sich die Deutlichen, genau in dem Sinne, wie seitens der Griechen die Nichtgriechen als ßapßapoa die Stammler, die Undeutlichen, bezeichnet wurden. Die Schreibung „teutsch" ist oberdeutsch, „deutsch" ist niederdeutsch, der Mitteldeutsche Luther schrieb gewöhnlich „deudsch". Lange schwankte in der neuhochdeutschen Sprackie der Kampf zwischen „teutsch" und „deutsch", bis ihn Gottsched und Adelung zugunsten des letzteren entschieden. Trotzdem hielt sich die erste Schreibung bis ins 19. Jahrhundert hinein, sie verschwand erst vollständig aus unserer Schriftsprache, nachdem sie Jakob Grimm irrtümlich — wie man heute behaupten darf — als falsch bekämpft hatte. F r i>e d r i ch W i l h e l rn IV. schrieb an den Historiker D >a h l m a n n , den Führer der erbkafterlichen Partei im Frankfurter Parlament: „Im nördlichen und nordöstlichen Deutschland ist, von der Efserveszenz der großen Städte und der Teutschwut der Juden abgerechnet, von Enthusiasmus für die politische Einheit Deutschlands nicht die Rede!" Da der König das zweimal in ein und demselben Satze vorkommende Wort „Deutschland" mit „D" schreibt, mit Bezugnahme aus die Juden aber hier von deren „Teutschwut" spricht, »so hat dies etwas Besonderes zu bedeuten. Offenbar war es dem Könige ausgefallen, daß viele deutsche Juden seinerzeit noch „teutsch" sagten. Aus der Jugendgeschichte Goethes weiß man ja, welches große Interesse dieser dem Frankfurter Judendeutsch entgegenbrachte, das mit dem Idiom der heutigen Sprache der Ostjuden ziemlich identisch war, wenn man von den in dieses eingedrungenen polnischen und russischen Bestandteilen absieht. Wenn das Judendeutsch in Deutschland überraschend schnell verschwunden ist, so ist dies in erster Reihe auf die „Teutschwut" eines Moses Mendelssohn zurückzuführen, der das damalige Judendeutsch für häßlich und minderwertig hielt und auch,'.m Interesse der Emanzipationsbestrebungen feine Beseitigung wünschte. Er selbst sprach ein ganz musterhaftes Deutsch und schrieb jedenfalls ein viel besseres als sein Landesherr, der große Preußenkönig Friedrich II. Eine noch größere „Teutschwut" als Mendelssohn hat schon im 17. Jahrhundert der polnische Rabbi n e r Meyer K a tz an den Tag gelegt, der in seinen „Responsen" schrieb: „Es bürgert sich unter unseren Brüdern in Litauen der Brauch ein, Russisch zu sprechen; wenn der Herrgott gibt, daß die Erde der Erkenntnis voll wird, werden alle eine Sprache, deutsch, sprechen." Bon einer solchen Erkenntnis ist leider auch heute noch die Erde sehr weit entfernt. Der'Ausgang des Weltkrieges hat die Schale zu sehr Zugunsten der englischen Sprache geneigt, wenn auch der Zeitpunkt, an dem alle Menschen englisch sprechen werden, noch in sehr weite Ferne gerückt zu sein 'scheint. Im Weltkrieg hat sich gezeigt, daß das Jiddisch für die deutschen Handelsbeziehungen nach dem Osten eine sehr große Bedeutung erlangen kann; man treibt aber durch die maßlose in Deutschland betriebene Hetze die Ostjuden mit Gewalt England in die Arme. Das Studium des Jiddisch ist in Deutschland durch hervorragende Gelehrte, wie Strack, Heinrich Loewe u. et., kräftig gefördert worden. Neuerdings wurde in der weißrussischen Staatsün'iversität in Kiew ein Lehrstuhl für die jiddische Sprache eingerichtet zur Heranbildung von Wissenschaftlern dem Gebiete der jiddischen Sprachforschung. Auch in Deutschland müßten die Arbeiten auf diesem Gebiet energisch weitergeführt werden. Der hier behandelte Fall des Wortes teutsch (teitsch) im Jiddischen zeigt uns, daß wir aus der Beschäftigung mit dieser deutschen Mundart noch andere wichtige Aufschlüsse hinsichtlich der Erkenntnis der Entwicklung der deutschen Sprache erhalten werden. In wie sträflicher Weise die zünftige deutsche Sprachforschung dieses wichtige Gebiet bisher vernachlässigt hak, wird mtf das treffendste durch die Feststellung Heinrich Loewes in seinem Werke „Die Sprachen der Juden" (Köln 1911) gekennzeichnet, daß Otto Behaghel (Professor der Germanistik an der Universität Gießen) in seiner „Geschichte der deutschen Sprache", 3. Auflage 1911, „nicht einmal die Existenz der jüdisch-deutschen Sprache erwähnt, geschweige denn, daß er ihre große Bedeutung für das Deutsche im Auslande auch nur ahnen läßt". Ser Mm muß hinaus wenn er morgens nüchtern zur Behebung seiner Berdammgsbeschwerden (Verstopfung, Sodbrennen, Fettleibigkeit, Galle, Hämorrhoiden) echtes Bad Homburger Salz nimmt, gewonnen aus dem beriibmien Elisabethbrunnen. Achte stets aus die Origiualsirma „Bad Homburger Heilquellen" G. m. b. H. Hfl (ll jenL S T H