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Central-Verein-Zeitung · 1924-03-20 · 12 (20.3.1924) · p. Seite 126

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
12 (20.3.1924)
Date
1924-03-20
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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Schule und Antisemitismus. Eine richtunggebende Aussprache. Von allen natürlichen und unnatürlichen Verbindungen, die der Antisemitismus eingegangen ist, ist das Bündnis mit der Schule sicherlich das betrübendste. Hunderten, wenn nicht Tausenden jüdischer Kinder und Jugendlicher wird der Lebenssrühling zum Winte.r des Mißvergnügens und dadurch werden sie vielleicht um eines der schönsten Güter, die Erinnerung an eine wolkenlose, glückliche Jugend, betrogen. Aber auch die andere Seite ist zu bemitleiden. wenn es wahr ist. daß Haß und Verachtung in der Frühzeit des Lebens das Gemüt sür alle Zeit verhärtet und vergiftet. In richtiger Erkenntnis dieser Tatsache hat der C. V. darum dem Antisemitismus in der Schule von Anfang an seine größte Aufmerksamkeit gewidmet; galt es doch, der seelischen Vergiftung der jüdischen und nichtchdischen Jugend entgegenzuwirken und unseren wehrlosen Kindern tatkräftigen Beistand zu leisten in einem Kamps, in dem sie als der weitaus schwächere Teil von vornherein zur Niederlage verurteilt waren. Aber auch so war und ist der Kamps immer noch hart, weil es gar nicht oder nur schwer möglich ist, an den eigentlichen Gegner, die Jugendlichen selbst, heranzukommen. Darum war es notwendig, die Verbindung mit denjenigen Faktoren herzustellen, deren Ausgabe es ist, über das Wohl und Wehe der Jugend zu wachen, und von deren Einfluß eine Einwirkung zu erhoffen ist. Von diesem Gedanken geleitet, hatder Central-Verein eine öffentliche Aussprache in Berlin über das Problem — schon die zweite dieser Art — veranstaltet. Um unangenehmen Zwischenfällen, die den ernsten, sachlichen Charakter der Veranstaltung in das Gegenteil verkehrt hätten, vorzubeugen, war der Zutritt nur geladenen Gästen gestattet; aber es waren Vertreter aller Richtungen, vor allem unter den Schulleuten, geladen und erschienen, so daß die Verhandlungen ein wirkliches Bild der Lage ergaben und praktische Erfolge zeitigten. Die ansehnliche Versammlung von Juden und Christen, unter ihnen namhafte Schulleiter, stand vom Anfang an bis zum Schluß unter dem Eindruck eines ernsten Vorhabens. So selbstverständlich bei einer derartig zusammengesetzten Versammlung und Rednerliste Meinungsverschiedenheiten über Ursprung und Wesen der antisemitischen Bewegung in der Schule waren, so einstimmig war die Verurteilung antisemitischer Betätigung seitens der Lehrerschaft und der unterschiedlichen Behandlung jüdischer Schüler von der Linken bis zur äußersten Rechten. Gerade die Vertreter der letzteren Richtung hielten es sür ausgeschlossen, daß ein Lehrer feine politische Gesinnung an seinen jüdischen Schülern auswirken lassen könne, und wo dies doch geschehen sei, muffe dies als Ausnahmesall, der zu keinerlei Verallgemeinerung führen dürfe, betrachtet werden. Schon diese entschiedene Ablehnung vor aller Oeffentlichkeit war ein positiver Erfolg. Jntereffant war dabei die Darstellung eines bekannten Leiters einer höheren Schule über die Ausgleichung tiefer Gegensätze zwischen christlichen und jüdischen Schülern, indem er die „feindlichen Parteien" zu einer eingehenden Aussprache über die fie trennenden Fragen ganz unter sich veranlaßte. Zwangsmittel seitens der Schule hielten die rechtsgerichteten Herren im Hinblick aus die Stimmung und Haltung reifer Schüler für ausgeschlossen, und während von dieser Seite gewisse Forderungen an die Judenheit im allgemeinen gerichtet wurden, erwarteten andersgerichtete Pädagogen und dazu auch ein katholischer Geistlicher und ein Nichtfachmann eine Besserung nur von einer geistigen Umstellung in politischer und sittlicher Beziehung. Suchen wir nun die Ergebnisse für unsere Einstellung zum Problem „Schule und Antisemitismus" und seine Behandlung festzustellen. Dabei handelt es sich in erster Linie um die Quellen, aus denen der Antisemitismus der Jugendlichen gespeist wird. Die wichtigste Rolle spielen dabei das Haus und die Straße. Die Schule spiegelt in der Hauptsache das leidenschaftliche politische Getriebe in der Oeffentlichkeit wider; und die Atmosphäre, die in Haus und Familie herrscht, bringen die Schüler mit. In zweiter Linie kommen die zahllosen nationalen Bünde in Betracht, die wiederum als eine Folge der unglückseligen frühzeitigen Politisierung der Jugendlichen — unglückselig, ob sie nun rechts oder links gerichtet ist — anzusprechen sind. Erst in l e tz t e r Linie kommt die Schule selbst als Quelle des Antisemitismus in Betracht. Und hier beginnt wohl das eigentliche Problem. Es ist nicht vorhanden fm nicht judengegnerisch eingestellten Lehrern, wohl aber bei irgendwie völkisch gerichteten, auch wenn fie sich bemühen, der Persönlichkeit anders eingestellter Schüler, un!d besonders der jüdischen, gerecht zu werden. Wir schalten also von vornherein die Fälle aus, in denen sich Gehässigkeit, ja Roheit austobt. Jenen Lehrern gegenüber wird man kurzerhand die Forderung aufftellen, daß sie die Politik aus ihrem Unterricht verbannen sollen. Aber wo fängt die Politik an, und wo hört sie auf? Gibt es heute irgendeine Kultursrage, die nicht politisch ausgeschlachtet wird? Und ist auch die Judenfrage nicht ebenso sehr ein Kultur- Problem wie ein politisches? Ein völkischer Lehrer wie der Vertreter dieser Richtung in unserer Versammlung wird es glattweg ablehnen, seine Ueberzeugung, die sein ganzes Denken beherrscht, sein ganzes Wesen erfüllt, im Unterricht auszuschalten. Und welcher aufrechte Mensch, der sich selbst einer klaren, starken Ueberzeugung rühmt, könnte ihn darob schelten? — Was können und müssen wir nun trotzdem von ihm verlangen? Zum ersten: Takt! Auch die schärfste Gegensätzlichkeit läßt sich ohne Verwundung des Andersdenkenden und Andersseienden behaupten — wenn man will. Zum zweiten: Objektivität, wenigstens den Willen dazu. Soweit geht das Recht der Persönlichkeit im Dienste der Allgemeinheit nämlich nicht, daß man seinem Selbst die Zügel schießen kaffen dürfte ohne Rücksicht auf die Interessen und die Gerechtsame der Allgemeinheit, der zu dienen man berufen ist. Wer das nicht kann, soll dahin gehen, wo er nur sich selbst Rücksicht schuldig ist. Solchen Persönlichkeiten gegenüber werden wir unser Recht auf Rücksichtnahme recht nachdrücklich zur Geltung bringen müssen. Dabei sollten wir nicht vergeffen, die Dienste jener pflichtbewußten Lehrer und Schulleiter in Anspruch zu nehmen, die — wie wir gesehen haben — mit ihrer rechtsgerichteten oder sogar völkischen Einstellung denjenigen Erziehergeist zu vereinigen wissen, den wir bei jedem echten Lehrer als selbstverständlich voraussetzen müssen. Letzten Endes hängt es von der Gesamtlehrerschaft ah, welcher Geist in der Schule herrscht: die Luft, die im Lehrerzimmer weht, dringt in die letzten Winkel der Schulstuben. Daß die unentwegte Bekämpfung des Antisemitismus an sich auch im Hinblick auf die Schule eine Hauptaufgabe bleibt, ergibt sich aus seiner Bedeutung für unser Problem. Wenn dann noch eins zu tun wäre, was'den Antisemitismus in der Schule zu bekämpfen imstande ist, d a n n ist e s d i e A u s - rüstung unserer Söhne und Töchter mit dem geistigen und sittlichen Rüstzeug, das jeder I ud e h eut e z u r V er te i di g un g s e i n er jüdis ch e n Ehre und seiner staatsbürgerlichen Stellung braucht. Und da dies eine Aufgabe ist, deren Erfüllung einzig und allein von uns selbst abhängt, so sollte es daran nicht fehlen. Hier eröffnet sich vor allem den Jugendvereinen ein Feld, das noch lange nicht ausreichend bearbeitet wird. H. S t e r n. Ernste Mahnungen. Der Fasten Hirtenbrief des Kardinals Bertram. In seinem Fastenhirtenbrief richtet der Breslauer Fürstbischof, Kardinal Bertram, folgende ernste Worts an feine Diözefanen, die besondere Aufmerksamkeit und Beachtung verdienen: Wir leben in einem Grenzlande, wo Diözefanen verschiedener Nationalitäten und verschiedener Sprachen sich gegenüberstehen und gemischt untereinander leben. Wenn ihr zurückblickt, müßt ihr eingestchen: Unheil Wer Unheil hat ein fanatischer Nationalismus angerichtet: jene fanatische Richtung, die Achtung und Duldung und Liebe nur für die Angehörigen der eigenen Nationalität und Sprache kennt. Das ist ein Zerrbild der wahren Vaterlandsliebe und Stammesliebe. Ein Bischof in einer benachbarten tschechischen Diözese hat das Wort geprägt: Das ist die schlimmste Häresie unserer Tage. Vielfach ist etwas davon nach den Katastrophen der letzten Jahre noch zurückgeblieben. Nun gibt es gewiß viele, die mir erwidern: Das ist richtig: aber das gilt nicht von uns, sondern den anderen. Nun, ich rufe allen ohne Unterschied zu: Fort mit diesem Giftes Werdet wieder vernünftig in gegenseitiger Achtung und Verträglichkeit, in christlichen Umgangssormen und in Werken liebevollen Entgegenkommens. Auch wenn das aus der anderen Seite nicht erwidert wird, übe es doch. Es wird nicht fruchtlos bleiben, mag auch dein Auge die Frucht nicht sogleich sehen. Wird hier „geaeuseitige Achtung" vor anderen Nationalitäten, bei allem Stolze aus sein Volk, gefordert, um wieviel mehr sollte sie bei Deutschen, welcher Religion und Abstammung auch immer, herrschen! Leider fleht es dank der völkischen Arbeit gegen „Rom und Juda* in dieser Beziehung noch recht trübe aus.

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