Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 45-46 (23.11.1923)
- Date
- 1923-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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350 Israel unö Haöplon. Ms vor etwa 15 Jahren« mit marktschreierischer Reklame in sntisemitischer Stimmungsnrache die. Ansicht verfochten! wurde, daß die Religion der jüdischen Bibel ihre Wesenszüge aus der Gesamtkültnv des Morgenlandes entlehnt habe, gemahnten vorsichtige Eorschev Zur ernsten, gründlichen, leidenschaftslosen Prüfung und ergleichung der Tatbestände. ^Inzwischen ist. dre Durchforschung und Erläuterung der babylonischen Religiousurkunden und ihre Gegennberstellung mit» den ähnlichen, biblischen! Erscheinungen, rüstig fortgeschritten. Und die. Folge? Eine v ö l l i g e A n d e r s wert \v n g der Dinge, als sie dir jndenhetzerische, bibelseindliche TendenZwissenfchaft gewünscht und -erwartet hat. Bezeichnend für den gründlichen Umschwung, der sich nunmehr vollzogen hat, ist das gediegene Bekenntnisbuch des Tübinger Licentiaten Seger, dev unter, dem Titel „Die Triebkräfte! des religiösen Lebens in Israel und Babylon" eine wissenschaftliche Erweisung liefert, daß erstens die Religion des Alten Testaments eine völlig urwüchsige und selbständige. Geistesschöpsung ist, daß zweitens diese biblische Religion in ihren literarischen Aeußerungen eine Höhenlage bekundet, die in Babel nach Zeugnis der Inschriften niemals erreicht wurde. Während die Bibelreligion ein wirkliches B e r t r a u e n s - v e x h ält n i s z w i s ch e n Gott und Seele schuf,- die in der Lehre -Gottes ihre Leuchte, in seinem Gesetz ihr Licht sah, tappte der babylonische Fromme' wie int Finstern und kanr aus Angst und Unsicherheit seinem Gotte gegenüber, dessen Willen er nicht kannte, nicht heraus. So lesen wir im Gebete des babylonischen Königs Tabintul-Bel: /wüßte ich nur, was -bei Gott anaenchm. Doch iver kennt den Sinn der.Himmolsgötter, V Unverständlich ist ihr Wille. unbcareislich, ' i Und wünschen blöde erschaum nicht feinen Pfad." Ganz begreiflich, sind doch die babylonischen Götter Wesen, die launenhaft ihren Leidenschaften folgen, bei denen man nicht ein Handeln aus sittlichen Grundsätzen voraussetzen darf. Wie die Elemente, so bricht ihr Wille unmotiviert hervor und vernichtet wahllos Gute und Böse. Anders in Israel, wo man wußte, daß Gott n a ch d e n s i t t l i che n M a ß st üben von Liebe u n d G e r e ch t i g k e 11 seine Welt l e n k t. Ncoch deutlicher tritt dieser Fundainentalunterschied hüben wie drüben im religiösen Stimmüngsgehalt hervor, wenn wir sehen, wie man sich stier und dort zur Frage der Gottesgerechtigkeit gestellt hat. In beiden Kreisen empfindet man das dunkle Rätsel vom M\b und Hebel. In Babel aber ist keine Spur zu finden, daß man zur Klarheit kommen wollte über das Verhältnis der göttlichen Gerechtigkeit zum tatsächlichen Weltlauf. In Israel - müht inan sich, dieser ch w t e r t gleite n g c i ft i g H e r r z u werde n. Des sind neben dem Buche Hiob viele Stellen der Schrift ergreifende Zeugen. Ja, hier hat mau sich zu positiver Wertung des Leids erhoben. Hier spricht man sogar von der veredelnden und erlösenden Wirkung, die geduldig ertragene Leiden üben. (Jes. 53). Hier sieht man im' Leide des duldenden Gottesknechtes eine gottgegebene Berufsaufgabe. .Alles--steht'-in--Israels - Religion unter einem großen sittlichen Obergedanken. Darum ist D a n k b a r k eit, nicht Furcht Hauptkraft der. Frömmigkeit. Eine ungeheure Dankesschuld lastet auf Israel. Al l e s, w a s e s lv a r \v u d w a s e s h n t t e , v e r - dankt es seinem Gotte. In der babylonischen Literatur ist mit keinem Worte davoll die Rede, daß Babel oder Assur seine Größe als Gottesgeschenk empfangen habe. Hier spielt" im Gebete Bas eigene Verdienst und die eigene Leistung eine weit größere Rolle, als man bisher zugab. Wichtiger noch ist, daß sich in Israel Beter und Propheten^dnrüber klar sind: Gottes Gnade verpflichtet m einem Leben im Snnn der sittlichen Forderungem Aus Babel haben wir keine Zeugnisse darüber, daß wirtlich die Sittlichkeit die treibende Kraft des religiösen Lebens geworden wäre — wenn auch nur bei einzelnen Persönlichkeiten, wie etwa bei den biblischen Gottesmännern und Propheten. Ja, die babylonische Religion' kennt überhaupt nicht den Begriff der religiösen Persönlichkeit,"weiß nichts voll Männern, die, lvie die biblischen Seher, nicht so sehr nur äußeren Ergehen und Schicksale ihrer Volksgenossen, fonbcxn an dessen sittlicher Umkehr imb Neugeburt ein Interesse haben und dieser Bekehrungsarbeit sich hingeben mit Leidenswilligkeit und wenn nötig, mit Todesbereitschast. Tatsächlich liegt hier das tiefste Geheimnis der biblischen Religion, die Gott als eine den- Menschen ergreifende und ganz hinnehmende, aus ihren seitherigen Lebensgleisen sie herauswerfenide und seine Wege führende Machst erlebt. I n Babe l ergreift die Gottheit -den Menschen n i c i m K e r n s et net Persö n l i ch k e i t. Da gibt es kein Wort, das ähnlich wäre dem deuteronomischeir Rufen „Ganz sollst tut feilt mit dem Ewigen, deinem Gotte!" .-..Äus dieser völligen -Hingabe, an Gott wird auch die Kraft des Eoitvertrauens und die stärke des unbeirrten Börse hu n gsgt a ubeus beareistich, welche den biblischen Frommen eignet. Man'lese etwa 11/ Sam. 27,14. Tech Prophet God stellt dem sündigen Könige die Wahl zwischen drei strafen. Ter -König spricht: „Laß uns nt des Ewigen Hände fallen, denn sein Erbarmen ist groß, aber in- Menschenhand wollen -wir nicht geraten." Gott f ü h r t: -d a s i st d i e z n m K r a f t q u e l l g e lv o r d e n e- U e b e r z e n a. u n g. Und Babel: Seine Götter sind selbst nicht Herren ihrer Entschlüsse: Laut klagt! die Gvtwrberrin, die -schönstilmnlae: - e Böses gebot ich» der Götterverfaaunlllua. Und meine Laute stimmte ich zu Verderben. Wo den Göttern-Methische Weihe fehlt, kann es auch nicht zur rechten Buhstimmung kommen. Iaftrow und Hehn/ tüchtige Kenner auf diesem Gebiete, gestehen denn auch, daß Buße im Sinne von sittlichem Streben und-Selbstheili.gnng hier fehlt. Nirgends kommt zum Allsdruck, daß das Sittlich-Gute des Lebens höchster Wert ist. Ost hat man aber ausgesprochen-, man solle die Gottheit ehren, um sich ihres Lohnes git sichern. Gottes Sache ohne Selbstsucht zu fördern, ist hier unfaßbar und daher ein Gebetswort hier undenkbar wie das des 51. Psalms: „Ein reines Herz schasst in mir, o Gott, und einen festen Geist neure in meinem Innern!" Weil, Gott die sittliche Weltordnnng! ist, darum ist sein Offenbarungsseld in Israel vor allem die Geschichte. Der Jude betrachtet die Geschichte seines Volkes als eine Go ttes tat, über die er immer wieder staunen mu ß; dem Babylonier ist es nichts Wunderbares, daß Marduks Volk siegreich ist. Der Jude sieht in.der S e lb sie rfchlie ßnn g s e i n e s G o t t e s d u r^ ch P r o p h e t i e und Weissagung die höchste Gnade; dem Babylonier ist sein Orakelwesen die gewohnte Weise, den Göttern ihr Geheimnis zu entreißen. Darum ist auch die Zuknnftshofsnung hier und dort so verschieden. Babel, sittlich gleichgültig, ersehnt eigene Al acht, Weltherrschast und Glücksherrlichkeit des eigenen Volkes, di e b i b l i sch e M e s s i a s h off nu n g erwartet das Gottes reich d e r G er e ch t i gke i t, de v Liebe, d e s- Friedens und der wahren sittlichen E r k e n n t n i s f ü r d i e g e s a m t e M e n s ch h eit. - Vr. Bn. Kieme Chronik. Zn: Eisena ch starb betagt Herr Prediger M e 1) e r, eines der ältesten und treuesten Mitglieder des Centralvereins. Die Cifeuacher Ortsgruppe verliert in dem Dahin geschiedeneneinenaufrechten Mann, dessen Leben und Streben eine einzige große Arbeit für -unsere gemeinsame gute Sache gewesen ist. — Jüngst wurde in H e r s f e l d eine G e d e n k t a f e l zu Ehren der im Weltkriege gefallenen jüdischen Söhne der Stadt enthüllt. Vor der gesanitcn- Gemeinde, vor dem Landrat des Kreises, de-m Bürgermeister dev Stadt, dem Vorstand des Kriegervereins hielt Provinzialrabbinev Dr. Kahn (Fulda) die Weiherede. Landrat v. Harnack sprach im Aufträge der Reichsbehörde und dev städtischen Körpevschaften: von Seiten des Staates werde alles geschehen, um die durch die Reichsverfassung verbürgten Rechte den jüdischen Staatsbürgern zu gewährleisten. Iuüenüebatte. . \ Von Peter Scho r. „Tagt was ihr wollt — für mich als Arier ist die Bekämpfung des Judentums eine sittliche Idee. Donnerwetter nochmal — ich würde ihr mein Leben opfern." „Respekt! ' Aber setzen wir den Fall, Du steckst bis zum Hals -im Wasset und ein Jude zieht Dich mit eigener Lebensgefahr heraus. Würdest Du ihn zurückstoßen?" „Erstens zieht mich ein Jude nicht heraus . . ..mit eigener Lebensgefahr schon gar nicht... so etwas müßte erst noch bewiesen lverden; aber lvenn auch: nein, ich stoße ihn nicht zurück." „Warum nicht?" ' „Weil ich mich meiner Idee erhalten muß. Wenn mich der Jude herauszieht,' zieht er. mich — um in seiner Sprache zu reden — aus eigene Rechnung und Gefahr heraus." - „Aber Du bist doch in Gefahr!" „Nur in der, inein Leben zu verlieren . . „und die Blöglichkeit, die Rasse bekämpfen zu können, der Dein Netter angehört." „Ich habe ihn nicht gerufen." „Mit dem Munde wohl nicht. Aber vielleicht hat ihn Deine Not gerufen . . . oder seine sittliche Jedee: die Menschenliebe." „Seine sittliche Idee geht mich nichts an." „Aber Deine ihn um so mehr . . . und trotzdem Zieht er Dich heraus!" „Erstens zieht mich ein Jude nicht Heralls, und zweitens mag er das halten wie er lvill. Ich bin Antisemit. Wenn er mich rettet — ich lviederhote es — so rettet er mich auf eigene Gefahr. Und seine Gefahr ist eben, daß ich ihn auch nach seiner freundlichen Bemühung bekämpfen muß." „Freundliche Bemühung ist gut. Wenn er mm diese Gefahr kennt und Dich trotzdem herausholt — ist das lebensklug, ist das geschäftstüchtig von ihm oder . : „Oder idiotisch meinst Du hoffentlich." „Natürlich. Man könnte es allerdings auch anders nennen. Tüchtig lvüre es jedensfalls in Deinem Sinne nicht." „Also siehst Du ein, daß i ch der Tüchtigere bin." „In diesem Falle'sicher. Hm . . . Und würdest Dir den Juden, wenn er bis zmn Halse im Wasser steckte, auch herausziehen oder lvürdest Du ihil ganz hineiustoßen?" „Erstens steckt ein Jude nie bis zum Hals im Wasser . . . und wenn es schon, so wäre: natürlich würde ich ihm auch heraushelseu. Für was hältst Dll rnich eigentlich? Bin ich ein Christ oder ein Aschanti?" „Aber Meilsch — daun würdest-Du ja Deiner Idee doch abtrünnig werden." . . „Rtein, zum Henker — ich würde ihn ja nur herausholen, um ihn weiter zu bekämpfen . w. das ckst doch--sonnenklar!" Aus dem „Tügehuch" von: 27. Oktober 1923, . heve-usg-eg-eben von - Stefan Großmaun und-'Leopold S'chroarzfchild.-