Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 41 (11.10.1923)
- Date
- 1923-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 2 Millionen M. SerUn, 11. Oktober i-sr II. Jahrgang ♦ Nr. 41 ♦l,*a Wöttrr süröeutscKlmnW! undluvenlum vryml des lLutrol^reins öeuücker. StmUsvüryeriEcKenVlouvens^v. Lsinrri^ Uss Judentums verlas u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüöifchen Glaubens e.v. öerlin SV)SS, Lindenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 .♦. Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 3V472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube o., Berlin 8W 88, Lindenstr. 7 Die Zeitschrift ist nur durch die zu ständige P oft ansta lk zum Preise vo» vierteljährlich 25 Millionen M. zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigen-Grundpreise: M. 200,— für die 7 gespalten Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für- Mitglieder des Central-Vereins M. 100.—, die 90 mm breite Reklamezeile M. 900,—. Alle Grundpreise mal Schlüsselzahl des Vereins Deutscher Zeitungsverleger, gültig am Tage des Erscheinens. Lehren politischer Prozesse. von Lu-wig Hollänöer. Nicht nur in deutschvölkischen, sondern bis tief in deutschnationale Kreise sind in den letzten Jahren Behauptungen verbreitet worden, die deutschen Juden seien Landesverräter, sie seien es, welche an der Rhein- und Ruhrbesetzung schuld seien, ihnen fehle nicht nur jede deuZche Gesinnung, sondern in -ihnen verkörpere'sich sogar alles Deutschfeindliche. Herrn pritsch war es Vorbehalten, Walter Rathenau einen gewissenlosen Heuchler Zu nennen. In einer vielfach rechtlich nicht faßbaren Weife — das Reichsgericht versagt uns den Schutz des Gesetzes, wenn wir. in unserer Gesamtheit als Juden angegriffen werden — wird nach wohl-durchdachtem Plane die Jugend durch das „völkische Material" in einen Zustand tiefsten Hasses versetzt. Wir haben es an den furchtbaren. pogromartigen Vorkommnissen in B e u t h e n, wir haben es in SüdostPreuße n, in U n t e r s r a n k e n erlebt, wohin diese Dinge führen. Darum haben wir uns entschlossen, gegen alle jene klagend vorzugehen, welche den 'Centralverein als undentsch oder deutschfeindlich verdächtigen. Jene Leute sollen immer wieder zum Beweise gezwungen werden, damit die Haltlosigkeit und Unwahrhastigkeit ihrer Bchauptungen ans Tageslicht gezerrt werden kann. Denn Rede und Antwort in Verfammlungeu zu stehen und den üblichen Boden zur Austragung politischer Meinungsverschiedenheiten zu wählen, liegt unseren Hassern nicht. Nur in ganz seltenen Fällen, die Jahre zirrückliegen, haben sie in ihren Versammlungen Redefreiheit gewährt. Sie gehen nach Hitlerschem Muster so weit, daß sie Juoen den Eintritt versagen und Besuchern Auszeichnungen verbieten. Warum? Damit der Unsinn nicht entlarvt werden kann, den sie sprechen, und die Unwahrhastigkei!ten nicht widerlegt, werden können, die sie verbreiten. I ch m a ch e m, i ch wiederholt a n h e i s ch i g, vor einer Schar Sachverständiger alle r P o litis ch e n R i ch t u n g e n H e r r n H i t l e r n a ch z u w e i s e n, d a ß i h m je de Vorbildung f e h l t, u m ü b e r h a u p t i n , vd l k s w i r t s ch a s t l i ch e n Fragen mitzu - fPr e ä};en. Wer das Volk über den „Marxismus" belehren will, muß, gleichviel wie der einzelne zur Weltanschauung des '.Sozialismus steht,- seine Theorie kennen; wer unsere WirtsschW retten will, muß wissen, welche Grundgesetze das Wirtschaftsleben beherrschen. Ist er von der Wahrheit seiner Auffassung überzeugt,' so muß er die Macht seiner Gedanken mit geistigen Mitteln verteidigen können. Jetzt macht man es l'-anders. Jugendliche, urteilslose Menschen werden fanatisiert chnd schützen die Wahrheit der Gedanken ihrer Ver—sichrer mit Gummiknütteln. U: Im Gerichtssaal gelingt das nicht so. Da muffen Be- - w' e i s e erbracht werden. Als Herr Fritsch vor dem Staats- 'Gerichtshof seine Behauptungen über Rathenau beweisen sollte, stützte er sich auf einen Aussatz Rathenaus, den wir in der vorigen Nummer wörtlich ab gedruckt haben. Man lese ihn nach. Niemand wird auch nur eine Zeile finden, welche/ mit rem Gedanken in entferntste Beziehung georacht werden kann, der von den Deutschvölkischen hineinge—«dichtet wurde: daß hier das Bekenntnis, .des JrryMMsS^M: Stfwp'fff' der Weltherrschaft niedergelegt sei. Tausende und aber Tausende können diesen Fälschertrick nicht nachprüsen. Sie müssen ihm erliegen. Am Montag erlebten wir folgendes: Der Centralverein hatte einen Berliner Hauswirt verklagt, weil er in einer für deutschnationale Hauswirte bestimmten Fachzeitung d en Centra-lverein als eine Vereinigung bezeichnet hatte, die i m s chwer st e n Kampfe stehe g egen alle s, was d e u t s ch fühl e. Was brachte der Angeklagte, der als Apotheker zu den gebildeten Schichten zu rechnen ist, vor? Vom Centralverein sprach er zunächst kein Wort, sondern legte dem Gerichte dar, wie jeder Jude alles Nichtjüdische glühend hasse und alles fanatisch bekämpfe, was deutsch sei. Der Jude Stern aus Frankfurt a. M., der sich nachher Lord Northclisfe genannt habe, trage an Deutschlands Unglück schuld. Der Bankier Marburg in Hamburg hahe einen Bruder in Paris, der mit bei den Friedensverhandlungen beteiligt gewesen sei und ebenfalls Deutschlands Unglück -mit herbeigeführt habe. Der R i«t u a l - mord sei eine altbekannte jüdische Einrichtung: das Kol- Nidre-Gebet heilige den Meineid, der Nichtjuden gegenüber geleistet werde; in den Passah-Vorabendgebeten würden die schwersten Flüche gegen alles, was deutsch und christlich sei, ausgestoßen. Den Beweis für diese Behauptungen könne er führen, und er las wirklich aus einer Reihe von antisemitischen Schriften Belegstellen über Belegstellen vor. Damit, meinte er, könne er sein Gewissen beruhigen. Der Vertreter bes Centralvereins., unser Freund Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil, versuchte es, den offenbar irregeleiteten,, fanatischen Mann in wahrhaft ritterlicher und vornehmer Weise auf seine Jrrtümer aufmerksam zu machen, ihm darzulegen, wie seine sämtlichen Behauptungen auf völliger Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse, beruhten, wie alles,.was er ausgesprochen habe, erweislich unrichtig sei. Zwei evangelische Geistliche, einer der positiv-kirchlichen Richtung und der Deutschnationälen Volkspartei, ein anderer der liberalen Richtung angehörig, sagten unter ihrem Eide aus, daß die Behauptungen des Ängeklagten über die jüdische Religion erfunden seien und daß er in religiösen Dingen bei weitem nicht das normale Wissen eines Konfirmanden habe; beide bekundeten übereinstimmend, daß sie die Tätigkeit des Centralvereins als eine durchaus vaterländische erkannt hätten. Ein Mitglied d e s P r e u ß i s ch e n L a n d tags erklärte, seit Jahren die Tätigkeit des Centralvereins zu kennen und bestätigen zu können, daß dem Verein alles, was