Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1923-09-06 · 36 (6.9.1923) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
36 (6.9.1923)
Date
1923-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277415-2277451--00741-2279900
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Linzelnmnmer 75000 M. Serlin, 6. September 1923 II. Jahrgang ♦ Nr. 36 Witter sürAeutsedt unöluoentum IHM '0ryau des lLntralVerems -erttsrker ötmUsvüryeriüEcden Vloubens Lk S^H^Sr^Sii^s cZss Oudenrums Verlag u. Schriftleitung: Central-Verein -eutfcher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SA)bS, Lindenftr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadreffe: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G., Berlin SW 68, Lindenstr. 7 O i e Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po ft an ft alt zum Preise von vierteljährlich M. 50000,— z u bezi ehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, and deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 200000,—- für die 7 gespalten« Zeile nach -Rudolf Mosses Normalzeileumesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Bereins mit 50°/0 Nachlaß ' Die 90 min breite Neklamezeile M. 875O00.— Die Religion -er Tat. Schlichte Jeiertagsgeöanken vsn Dr. Alfreü Wiener In jedem jüdischen Geschichtsbuche stößt man auf die Erzählung ' vön' jenem Heiden?, der spöttelnd dem sanftmütigen HiLlct den- W es e n s i n ha lt d er jüdischen Religion, so schnell bestimmt, wie er ans einem Beine stehen könnte, abverlangte. „Liebe weinen Nächsten wie dich 1 e i b st" war die unvergängliche Antwort. Ein! guter Freund, der Judentum und Gotteshaus nicht erst an den Feiertagen erlebte, .wählte der jüdischen Religion als Leitspruch den „Spruch der Väter": 91 i ch t W i s s e n , s o nd er n Wirken ist die Hauptsache-. Ihn zwang immer und immer des unerhört gewaltigen Iesaia den Versöhnungstag dnrchhallende Worte vom „w a h r t n F a st e n" in den Bann: Brich den Hungrigen dein Brot, bringe die umherirrenden Armen in dein Haus und so dir einen Nackten siehst, bedecke ihn und entziehe dich nicht deinem Fleische. Stolz und spielend leicht konnte unser Freund dem Zweifler aus den Gebeten des Alltags die Vorschriften vorweisen, die die-B et ät i g u n g des Ueberlieferten und Geglaubten zu Nutz und Frommen seelisch und körperlich bedürftiger Dcitmenschen heischten. Oder er führte die überreiche Fülle von Bestimmungen, zum Teil schon biblisch-chrsürchtigon Alters, auf, die jeden Juden von Besitz und Einkommen zu kalendarisch abgesteckten Opfern ihres Namens wert für religiöse und soziale Fürsorge verpflichteten. Manchmal ließ er auch an der Hand von Oppenheims Familienbildern die schlichte Zeit „unserer Großmütter" Lebendig werden. Er wurde ein wenig weich, wenn er Täubchen, die „J'ennc Senn e""voll blumiger Geschichtlein und beispielbelegter Mahnungen zu tätiger Menschlichkeit laut lesend im Fensterstuhle malte, umringt von der lauschenden Enkelschar. Und er feierte Großmütter Täubchen mit blecht als die Wohltäterin des Städtchens, die der Wöchnerin ihre- Suppe...schickte,, deren sanfte Hand die Kranken betreute, deren Rat und Zuspruch so mancher Jude und Christ einholte. Ob die Befreiung von den Geschäften, die Stille des Gotteshauses in den Feiertagen nicht manchen antreibt, mrchzudenken, warum es anders geworden? In der großen Stadt und in der Kleinstadt. Viele wissen nichts mehr von diesem Sinn der jüdischen Religion. Schlimmer die, die ihn kennen, der Worte und Gebote Heiligkeit aber auf dem Papier verkommen lassen. Mußte das deutsche Judentum Lehrer und Rabbiner durch seine klägliche Opferbereitschaft aus ihren Berufen jagen, religiöse Unterweisung, gottesdienstliche Feier sich selbst zerstörend? Hat ein jeder Gemeindevorsteher in die tägliche Not und Qual der jüdischen , Beamtenhäuser hineingeschaut? Daß Bild u n g s - u n d ' W o h l s a h r t s a n st a l t e n oft nicht wissen, wie sich morgen durchlbringen, leuchtet jedem nun ein. Gewiß, Wohltäter ehrten im stillen ihren Namen und halfen. Wie viele aber, die „es können", und einen an sie selbst gerichteten Almosen als schwere Kränkung verweigern, schmunzeln über die einkömmenden „fremden Werte" und spüren gar nicht das für das deutsche ^Judentum Niederziehende einer solchen Spende. Und wie hat es den Verein getroffen, der diesen Blättern den Namen schenkt? Zahlreiche Freunde sind für ihn eingetreten. Mehr aber hielten es leichthin nach dem griechischen Dichter mit der „kleinen, aber herzlichen Gabe", deren Kleinheit meist größer als die Herzlichkeit war, und so hat er mm ernste Sorgen, wie er ungefährdet durch diese stürmischen Zeiten kommt. Ihr werdet mir sagen: die andern machen es ebenso schlimm oder noch schlimmer. Mußt du auch stehlen, wenn ein anderer stiehlt? Sollen zum hundertsten Male die besonderen Verpflichtungen des Juden hier ausgebreitet werden? Gut, du hast dich den Anforderungen des Staates, der Stadt, der Wohlfahrt, der Religion nicht abgekehrt. Aber vermagst du deine Gabe ein Opfer nennen, das du wahrhaft s P ü r st? Schneidet es dir nicht ins Herz, wenn du gerade jetzt die abgehärmten Frauen, die gebrechlichen Männer im Greisenhaar wortlos an der Wand gelehnt mit den Allgen Almosen flehen siehst, sie vor dem Verhungern zu schützen? Sollte es etwa in diesen Tagen, da einem das Herz von deutscher Not schwerer ist wie nie, einen deutschen Juden geben, der, statt allein oder im Verein mit anderen deutsche und jüdische Not zu lindern, in Stätten prasserischen Schmauses, henMlungslosen Rausches sich breit macht? Ist es währ, -daß es im deutschen Vaterlande hier'und da auch bei Juden schon als altväterlich gilt, nicht den brutalen Egoismus, die lachende Rücksickstslosigkeit in seinem Berufe, in seinem Geschäfte zur Richtschnur zu nehmen? Das Faustrecht herrscht beim Besteigen der Eisenbahn, der Straßenbahn. Der Frau gesegneten Leibes räumt der Fünfzehnjährige nicht den Platz. Die Greisin muß eine weite Strecke im Wagen stehen. Die „neumodische" Mlltter wehrt ihrem höflicheren Sprößling — er hat ja bezahlt! —, dem älteren Manne den Sitz frei zu machen. Zeig', daß du aus anderem Holze bist! Schweig nicht still zu derlei Niedrigkeit! Weife den, Christen oder Juden, höflich aber deutlich in seine Schranken, der jetzt, wo so viele darben, sich öffentlich mit seinen „guten" Geschäften und Verdiensten bläht! Fort mit all dem erlogenen Schwafel, der über Deutschlands Ende und über „das. was jetzt noch kommt", unser gequältes Volk noch in größere Unruhe stürzt! Hlls wieder Freude am Staat, Vertrauen zürn Staate schaffen! So tust du bescheiden an dem sittlichen Wiederaufbau mit. Der verlästerte Talmud läßt einmal den angesehenen Rabbi Joch an a n ben Sakkr seine Schüler nach dem guten Richtweg fragen, dem der Mensch fest und innig nach-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.