Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 16 (19.4.1923)
- Date
- 1923-04-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer ISO M. SerU«, -lprll 1-23 II. Jahrgang ♦ Nr.1- J&m Blätter ' Vr-m> des lLnlralVerems üeutscker Slaatsdürseriiwisrkrn Mauvens^v. Z^U^si^Sir^S cjss CJudentums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SMbS, Linöensir. IS Fernsprecher: Amt Dönh»ff 3594, 3595 .».P»stscheckkvnto: Berlin 30472 Telegrammadresse: Lentralvereln Ltndenstr. 13. Berlin. Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po st an ft alt zuin Preise von vierteljährlich M. 1200,— 5« beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin 8N 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 1200,—> für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosse» Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50% diachlasz. Die 90 mm breite Rektainezeile M. 5000,— Die jüöischnationale Bewegung in Oesterreich. von Sirgfrie- Jlerschrr Men). Die Intensität und Ausbreitung der jüdischnationalen Bewegung in Oesterreich kann dem reichsdeutschen Verständnisse mir nähergebracht werden, wenn man auf die Eigenart der nationalen Verhältnisse im ehemaligen österreichischen Kaiserstaate, zurückgreift. Siebzehn verschiedene. ■ .JiabionalMten rangen in jenem Staatswesen teils um die Vorherrschaft, teils rum die Gleichberechtigung. In diese Zeit des verschärften NAtionalitätenhaders und des von Taufe proklamierten Systems des „Fortwurstelns" siet das Auftreten eines jungen Mannes, namens Dr. Nappa Port, der die Forderung erhob, daß auch die Juden in Oesterreichs als eine achtzehnte Nation gesetzlich anerkannt werden müßten. Dr. Nappaport, ein reicher Erbe, gründete das „Jüdische Polksblatt" und den „Jüdischen Volksverein" und scharte eine kleine Zahl rühriger Agitatoren, darunter auch Nathan Birnbaum, um sich. Diese Agitation vollzog sich jedoch nicht nur abseits, sondern sogar im. direkten Widerstreit gegen den offiziellen Zionismus. Wien war damals der "Brennpunkt der jungen zionistischen Partei, an deren Spitze Theodor Herzl stand, und welche eine Anzahl ideal denkender Männer, wie Johann Kx e m enetzk y, Dr. Schn irer, Dr. K a h n, Oskar M a r - mvrek usw°, in ihrer Leitung vereinigt hatte. Diese Männer wiederstrebLen direkt einem jüdischnationalen Bekenntnisse und lehnten die „Gegenwartsarbeit", wie die Jüdischnationalen ihre innere Propaganda..nannten, ah, arm ihre gesammelte Kraft aus die Pa'lüstinaärbeit zrr konzentrieren. Erst als nach dem Tode Herzl s die zionistische Welt- Leitung von Wien nach Berlin, und später nach dem Haag übersiedelte und Ingenieur Stricker, der aus Mähren, dem klassischen Lande der Nationalitätenkämpfe, kam, an die Spitze der österreichischen Landesorganisation trat, änderte sich dieses bisher feindselige Verhältnis zwischen Zionismus und jüdischem Nationalismus. Ingenieur Stricker, ein überaus wirksamer Agitator, griff das Programm des seither ins Dunkel zurückgetretenen Dr. Rappap.ort auf und trug es in die studentische Jugend, welche durch den deutschnat'ionalen Annsemitismus auf das Härteste bedrängt war und nunmehr den deutlchnationalen Teufel durch den jüdischnationalen Beelzebub auszutreiben hoffte. Schon diese Parallele zeigt, wie sehr die jüdischnationale Bewegung ein Produkt rein äußerlicher Nachahmung war und wie wenig sie dem innersten Wesen des Judentums entsprach. Mit der Verschmelzung von Zionismus und Nationalismus trat denn auch eine'Verwässerung des ersteren ein, und die Anhänger der neuen Richtung wendeten ihre Gedanken und Bemühungen mehr und mehr den inneren österreichischen .Kämpfen und der Sorge um die „Eroberung der Kultusgemeinde" zu, welche zu sogenannten „Volksgemeinden" ausgestaltet werden sollte, ohne daß man sich hinter diesem Schlagworte etwas Greifbares zu denken vermochte. Der Verlauf dieser nationalen Kämpfe im alten Oesterreich wurde durch den Krieg unterbrochen. Es .kam der Zusammenbruch und der Zerfall des Kaiserstaates in eine Reihe selbstständiger Nationalstaaten. Ein großer Teil der Juden in der Tschechoslowakei, der sich früher zum Deutschtum bekannt hatte und nun vor der Gefahr der Tschechisierung stand, drängte zum Notausgang des jüdischen Nationalismus. Die garizischen Juden, welche sich-ihren schlimmsten Feinden, den Polen ausgeliefert sahen, verpflanzten die jüdischnatiouale Idee auch nach Kongreßpolen und erlangten, wie die letzten Wahlen bewiesen, eine imposante parlamentarische Vertretung. Im neuen Oesterreich aber, welches'nunmehr ein rein deutscher Kleinstaat geworden war und dessen jüdische Bewohner sich mit verschwindenden Ausnahmen von jeher als Deutsche gefühlt, hätten, hatte die jüdischnationale Bewegung jede Existenzberechtigung verloren. Wohl gelang es bei den ersten Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung, für welche die einfache Staatsbürgererklärung aller Kriegsftüchtlinge noch zur Ausübung des Wahlrechtes genügte, dem Ingenieur Stricker, mit Hilfe dieser neuen Wähler m einem vorwiegend jüdischen Wahlkreis ein Mandat zu erringen, und in derselben Weise erlangten einige seiner Freunde Sitze im Wiener Gemeinderate. Aber schon bei der zweiten Wahl in den Nationalrat, für welche jene einfachen Staatsbürgerrechtserktärungen nicht mehr galten, ging dieses einzige jüdischnationale Mandat verloren, und die Neuwahlen in den Wiener Kultus-Vorstand bewiesen, daß die Wiener Hudenschast -in richtiger Erkenntnis der geänderten staatsrechtlichen Verhältnisse und der deutschen Struktur des Staates vom jüdischen Nationalismus in ihrer überwiegenden Mehrheit nichts wissen wollte. , Allerdings hat Herr Ingenieur Stricker in der kurzen Zeit seiner Abgeordnetentätigkeit einen ungeheuren Schaden gestiftet durch den Antrag, die Juden als besondere Nation in Oesterreich anzuerkennen. Die prompte Wirkung dieses Antrages war die Erklärung der Wortführer der christlichsozial- und deutschnational-antisemitischerr Majorität, daß sie mit Vergnügen bereit seien, diesen Antrag zum Gesetze zu erheben, daß aber dann auch als einzig richtige Folgerung aus Dieser rechtlichen Sonderstellung der Inden die Pro z e n t - norm eingeführt werden müsse, d. h., daß die Zulassung der Juden zu Volks-, Mittel- und Hochschulen, zu den öffentlichen Aemtern, zu gewerblichen .Konzessionen, zum Hans- und Grundbesitz, zur Ausübung der Advokatur,. der ärztlichen Praxis und der technischen "Berufe nur nach Maßgabe ihres Verhältnisses zur Gesamtzahl der nichtjüdischen Bevölkerung erfolgen dürfe. Zur Beschlußfassung über den Antrag Stricker ist esglücklichea'weise nicht mehr gekommen, aber die Diskussion über diesen hat denZKassenhaß in Oesterreich in außerordentlichem Maße verschärft.