Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 15 (12.4.1923)
- Date
- 1923-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277415-2277430--00548-2279685- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer T W M. Serlin, 12. stpril 1-23 II. Jahrgang ♦ Nr. IS vryrm des tealralVerems öeutkcker StmttsvüryerjüWcden Klouvens;Äli^emeine Zeiiun^ des Judentums Verlag ». Schriftleitung : Eentral-Verein -eutscher Staatsbürger jüöjschen Dtaübens e. v. öerlin SV öS, Linüenftr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594,3595 Postscheckkonto: Berlin 30472 .v Telegrammadresse: Centralveretn Lindenstr. 13. Berlin» Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po flaust alt zum Preise von vierteljährlich M. 1200,— zu de ziehe» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedirion Rudolf Blosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 1200,— für die 7 gespaltene ZLtle nach Rudolf Blosses' Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mil 50^ Nachlaß. Die 90 min breite Reklamezeile M. 5000,— S waldersee, Hismarck unö öle Juden. von Ministerialrat Dr. Otto Jöhiinger (Verlinl. Einen sehr lehrreichen Beitrag zu der jetzt besonders zeitgemäßen Frage, wie sich B i s m a r ck zu der Judenfrage und dem Antisemitismus gestellt hat, liesern die „Denkwürdigkeiten" des Generalfeld marschalls Alfred G r a s v o n Wa ld e r se e, die der preußische Staat sarchivar Heinrich Otto Meißner herausgegeben hat. Was Liesen Denkwürdigkeiten einen besonderen Wert verleiht, ist die Tatsache, daß es sich um tagebuchartige Eintragungen handelt, die unter dem Eindruck der Tagesereignisse flüchtig niedergeschrieben sind und der nachträglichen Retusche, die man sonst an den heutigen Biographien findet, zum großen Teil entbehren. Gewiß, hie und da scheinen Stellen ausgelassen zu fein, sind einige Kraftworte unterdrückt: aber im großen und ganzen geben die „Denkwürdigkeiten" ein verhältnismäßig ungeschminktes Bild der Zustände der wilhelminischen Epoche. Sie ergänzen die „Gedanken und Erinnerungen" deshalb in sehr wesentlichen Punkten, weil der Verfasser in der Zeit, als Bismarck am Ruder war, zu den größten Gegnern des Kanzlers gehörte und bewußt ans dessen Sturz hingeavbeitet hat. Später hat er sich freilich zu einer anderen Auffassung durchgerungen, und er gibt zu, daß die Entlassung Bismarcks ein schwerer Fehler gewesen sei. Im Hinblick ans den Standpunkt Waldersees im Jahre 1:890 ist es nun doppelt lehrreich, zu sehen, wie ein Mann, der zur Stöcker-Clique gehörte, die Verhältnisse beurteilte. Die Eintragungen bestätigen fast auf jeder Seite das, was ich in meinem Buche: „Bismarck und die Inden" auseinandergesetzt habe: Bismarck warStöcker feindlich gesinnt, und er hat ihn politisch zu vernichten gesucht. Der Kanzler hat sein Ziel aber nicht erreicht, weil hinter Stöcker allzu einflußreiche Kreise standen, und in welcher Weise Waldersee in diesem Kreise gearbeitet hat, geht aus seinem Buch deutlich hervor. Der General hat mit Wse seiner Beziehungen zum Hofe alle Maßregeln Bismarcks, die ans Entfernung Stöckers hinauslaufen sollten, zu verhindern gesucht, wobei es bemerkenswert ist, in welch' antisemitischem Fahrwasser Waldersee segelte, ganz im Gegensatz zu Bismarck. Im September, 1888 übt Waldersee Kritik an dem berüchtigten Herrn ' v. H a m merstein, dem damaligen Chefredakteur der „Kreuz-Zeitung", betont aber dabei, daß er an sich gegen den ungewöhnlichen Kampf gegen die Juden nichts einznwenden habe. Er tadelt jedoch die „ungeschickte Kampfesweise und den unwürdigen Ton". Unter dem 11. Oktober stellte Waldersee fest, daß Kaiser Wilhelm II. eine solche Abneigung gegen das Judentum habe, „daß auch B i sm a r ck n ich t s d a g e g e n ’t tut kan n". Hiermit bestätigt Waldersee dasselbe, was auch ans den Erinnerungen von Lucius v. Ballhausen deutlich hervorgeht. Während nun Bismarck bestrebt war, Stöckers Einfluß zu «untergraben, arbeitete Waldersee in aller Stille mit geheimen Mächten zugunsten des Hofpredigers. Gerade irn ersten Biertel- «hr des Jahres 1889 hätte der Kaiser ein scharfes Kabinettsreiben an den Oeberkirchenrat in der Angelegenheit Stöcker gerichtet und in demselben dem Oberkirchenrat ,/SchlaPPheid und Langsamkeit" in der Behandlung der Sache vorgewvrsen. (Vgl. Bismarck und die Juden, Seite 172.) Waldersee notiert unter dem 25. Februar 1889, als» in der gleichen Zeit, daß die Kaiserin ihn gebeten habe, in der Stöcker-Angelegenheit mit dem Kaiser zu sprechen, vor allem, ihm mitzutesten, daß die ganze Agitation nichts sei als eine Hetzerei aus der Wilhvlmstraße! (Gemeint ist die Reichskanzlei.) Waldersee suchte diesen Auftrag der Kaiserin anszuführen, stieß aber zunächst beim Kaiser aus Widerstand, der über den Fall Witte sehr aufgebracht war*). Infolgedessen betonte der Kaiser/ es passe sich nicht für einen Hofprediger, in der Zeitung mit einem anderen Prediger zu polemisieren. Waldersee antwortet, daß Stöckers Fall den Triumph jüdischer und fortschrittlicher Kreise bedienten würde, und daß er weniger im Interesse Stöckers als im Interesse des Kaisers spreche. Waldersee hofft, auf den Kaiser Eindruck gemacht zu haben. Die Kaiserin allerdings, so notiert er, fürchtet, daß rhr Gemahl den Bericht des Oberkirchenrates (abgedruckt in meinem Buche: Bismarck und die Juden, Seite 197) nicht lesen, sondern ihnsich nur von Lucanns vor!ragen lassen würde. Im Anschluß daran schreibt Waldersee wörtlich: „E s i st mir j e tz'i v ölli g klar, daß der ganze Co Np v o n Bis mar ck ausgeh t, der Stöcker zu Fall bringen und dadurch die „Kreuz-Zeitung" mit treffen wi!«l." (Seite 40.) Waldersee hat b-urchcms Recht, und er bestätigt dasselbe, lvas aus den Akten Bismarcks deutlich hervorgÄht, daß Bismarck in der Tat Stöcker zu stürzen die Absicht hatte. -Unter dem 28. Februar wirb der Gedanke von neuem vertreten. Waldersee notiert: „Ich habe nun völligen Einblick in die Agitation gegen Stöcker erhalten, n. a. mach den Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrates, Hermes, gesprochen der genau weiß, daß der Angriff vom Fürsten Bismarck ans geht." Zunächst ist die Stöcker-Angelegenheit in einem Sinne entschieden worden, der Bismarck mißfallen nrußte, weil sich der Oberkirchenrat schützend vor Stöcker gestellt hat. Alis diese Tätigkeit ist Waldersee sehr stolz, und er macht das wertvolle Eingeständnis: „Ich glaube bei dieser Erledigung einiges Verdienst in Anspruch nehmen zu können." Dieses Eingeständnis wird man sich merken können. Endlich am 14. Novencker 1890 wird Stöcker in allerhöchster Ungnade entlassen. Denn unter dem 6. November hatte der Kaiser den Wunsch ausgesprochen, daß das Entlassnngsgesuch rasch zum Abschluß gebracht werde. Die Entlassung Stöckers erfolgte ohne Dank und ohne Orden. Waldersee ist natürlich tieftraurig über die Entwicklung. *) Mit Witte hatte sich nämlich Stöcker in einer Tageszeitung herumgepöbelt. und der betreffende Zeitungsausschnitt war dem Kaiser vorgelegt worden.