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Central-Verein-Zeitung · 1923-04-05 · 14 (5.4.1923) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
14 (5.4.1923)
Date
1923-04-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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< u tlUi'on Die Iuöenhelt in Ziffern. Von Binj amin Segel. (Schluß.) Ans welche Ursache n ist die geringere St erb licht ei t^) der Juden zurückznführen. und welche Schlüsse sind daraus abzuleiten? Eshat nicht viel zu bedeuten, daß die Juden im großen ganzen erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum regelmäßigen Militärdienst herangezogen wurden und somit dem Kriegsmoloch viel später Opfer darzubringen gezwungen rvaren, als ihre nichtjüdischen Mitbürger: der Krieg gehört ja immerhin nicht zu den alltäglichen Erscheinungen des Völkerlebens nnd kam strr die Sterblichkeitszisser nicht allzuviel in Betracht. Ungleich schwerer fällt ins Gewicht, daß von den beiden schrecklichsten Geißeln der europäischen Menschheit, der Trunksucht und der Syphilis, die Juden in einem sehr hohen Maße v e r s ch o n t g e b l i e b e n sin d. Das verdanken die Juden in erster Reihe der Erziehung durch ihr Religionsgesetz, Also einem sehr konkreten, handgreiflichen, in voller Tageshelle durch Die Jahrhunderte wirkenden Faktor, nicht etwa einem nrystischen. undefinierbaren „Rassengeist". Das Religionsgesetz hat die Juden zur Mäßigkeit erzogen, und ohne Antialkoholvereine die Völlerei und die Trunksucht unmöglich'gemacht,'die nicht nur das Leben verkürzte und die Sterblichkeit förderte, sondern außerdem die Ouelle zahlloser Verbrechen war. Das Symbol der Angehörigkeit znm Bunde Abrahams, mögen die Historiker und Ethnologen über seinen Ursprung lehren wa^ sie wollen, hat sich, wie hervorragende Physiologen anerkannt haben, als eines der wirksamsten Schutzmittel gegen die Ausbreitung venerischer Krankheiten bewährt. Die strengen Vorschriften der Karenz haben das Eheleben nicht nur morali sch wie physisch sauber und gesund erhalten, sondern haben den natürlichen Trieb ge-- bändigt und veredelt, ohne ihn zu ertöten. Es kommt noch dazu, daß das RÄigionsgefetz die Reinlichkeit mit aller Strenge zur Pflicht machte. Wenn man bedenkt, daß noch am Hofe Ludwigs XIV. das Baden *) Vgl. den Aufsatz in Nr. IS vom 27. März. - und Waschen unbekannt war —.der Sonnenkönig in eigener Person tauchte die Finger einmal am Tag in Alkohol und ein einziges Mal im Leben nahm er ein Bad, und zwar auf Anraten der Aerzte, was unter den Höflingen beiderlei Geschlechtes ungeheure Aufregung verursachte — daß alle die hocheleganten Damen und Herren der oberster Kreise hinter der Atmosphäre kostbarer, wohlriechender Essenzen von Schmutz starrten und sich nie die Mundhöhle spülten, so wird man zu würdigen wissen, was es bedeutete, daß seit zweitausend Jahren jede auch die kleinste und ärmste jüdische Gemeinde ein öffentliches Bad unterhielt, daß jede jüdische Frau mindestens einmal im Monat, jeder Mann einmal in der Woche, am Freitag, ein Neinigungsbad zu nehmen, jeden Morgen Gesicht,'Mundhöhle und Hände, vor jeder Mahlzeit die Hände und nach jeder Mahlzeit die Finger zu waschen „von Gesetzes wegen" religiös verpflichtet war. Es ist gar nicht auszurechnen, wievielen ansteckenden Krankheiten dadurch ol)iie polizeilichen Zwang vorgebeugt wurde. Der Verfasser weist mit Recht auf eine andere grundlegende Tatsache hin, die viel zur Verkleinerung der Sterblichkeit unter den Juden im Vergleich zu den Nichtjuden beitrug. Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Großstadt, die gewaltige Massen aus dem flachen Lande an sich zieht und sie in Fabriken, Werkstätten unö Schreibstuben pfercht. Die mchtjüdische Bevölkerung kommt in neun von zehn Fällen vom Lande nach der Stadt, es dauert zwei oder drei Generationen, bis der Organismus sich der städtischen Lebens- und Arbeitsweise, den engen Raumen und der drückenden Luft anpaßk: bis dahin werden sie viel schneller hingerafft, als an ihren früheren Wohnorten. Die Juden dagegen, die seit vielen Jahrhunderten Städter sind, und innerhalb der Städte im Ghetto zusammengepfercht waren, sind gegen die verheerenden Wirkungen des Großstadtlebens immun, der Organismus paßt sich der neuen Lebensbedingung rascher an. Der Jude ist im allgemeinen Physisch schwächer als der Nichtjude, aber innerhalb der Großstadtbevölkerung ist er widerstandsfähiger. Daher die geringere Sterblichkeit. Die früheren Generationen haben die Opfer gebracht, die dm nachfolgenden erspart blieben. Vor dem Kriege war der ju-denreichste Staat der Welt Rußland, wo die Zählung von 1897, hinter der Wirklichkeit erheblich zurückbleibend, die Zahl von 5110 548 Juden ergab. Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß trotz der fortwährenden Auswanderung die Zahl der Juden im russischen Reich bis 1914 auf etwa sechs Millionen angewachsen war, wovon ungefähr die Hälfte aus Russisch-Polen entfiel. (Jetzt schätzt man die Zahl der Juden tm neuen Polen aus ungefähr 5 Millionen.) 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