Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (8.3.1923)
- Date
- 1923-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer^-SM SerUn, S. Närz 1423 H. Jahrgang 4- Nr. 14 J±-s Blätter uni) Tutten tum vryan des LeutealVerems dcutseker StmttsvüryeriüEcden oiavvens'^v. Z^Il^Srr-xSir^S des Oudenrums Verlag u. Schriftleitung: Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. Gerlin SWb8, Lindeystr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Postscheckkonto: Berlin 30472 Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Die Zeitschrift ist nur durch die Zuständige Postanstalt zum Preise von vierteljährlich M. 609,- zu beziehe» Alleinige Anzeigenannahme: Anuoncen-Expedition Rudolf Moffe, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 650,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosfes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50al(; Stachlast. Die 90 mm breite Reklamezeile Al. 2400.— / Treue öem In diesen Tagen, wo der Pariser Mab sich wieder einmal vor Wut heiser schre.it gegen die „Boches", diese „inferiore Nasse", die „das siegreiche, edle Frankreich um die Früchte der Nuhrbesetzung zu bringen trachtet", und wo anderseits die gezwilngenermaßen in Feindesland sich aufhaltenden deutschen Landsleute ihres Lebens nicht mehr sicher sind, schweift der Blick in der Erinnerung unwillkürlich 'zurück auf die Vorgänge bei Ansbruch des Krieges 1870, der die große Mehrzahl der damals in der Hauptstadt Frankreichs weilenden Deutschen peinlich überraschte. Wer nicht rechtzeitig noch über die Grenze gekommen war, mußte .ein Einsiedlerleben führen Sich öffentlich in der deutschen Muttersprache zu unterhalten, war geradezu lebensgefährlich. Es gab aber doch noch einige mutige Männer, die dieses'gefährliche Unternehmen -wagten und sich ihren deutschen Mund nicht, verbieten ließen. I u l i n s S t e t t e n h e d tu, der bekannte spätere Herausgeber der „Berliner Wespen" und geistige Urheber des genialen Kriegsberichterswtters Wippchen, erzählt in seinen „Heiteren Erinnerungen", wie er damals in Paris in eine Gesellschaft gekommen sei, die sich amtet keiner Bedingung zwingen lassen wollte^'auf das Deutschsprechen zu verzichten. „Allen voran der geniale Offen d a ch, der sich in ferner ganzen Länge vom Tisch im Cafe liehe erhob und rief: „Dazu bin ich zu erwachsen." Albert Wo ls f, der Redakteur des „Figaro", -der .Stettenheim-mit Offenbach bekannt gemacht hatte, und -der gleichfalls anwesende Direktor Franz W a l l n e r, der Begründer des bekannten Theaters in Berlin, stimmten dem berühmten Komponisten durchaus zu. Nassenschnüffler und Anhänger der „Prozent norm" mögen ausrechnen, wie hoch der Prozentsatz der Juden unter diesen aufrechten deutschen Patrioten war, von denen übrigens Muri seit, langer Zeit schon naturalisierte Franzosen waren. Moritz Hartmaun, der bekannte, wegen seiner Beteiligung an der 1848er Bewegung verfolgte und nach Paris geflüchtete württembergische Demokrat, auch ein Jude, erzählt in seinem jetzt '.leider wieder doppelt aktuell gewordenen Werk: „Die Rheingvenze" . einen ähnlichen Vorgang aus dem damaligen gesellschaftlichen Leben - von Paris. Das von Alfred de Müsset als Antwort auf Beckers Kampflied gedichtete Nheinlied, „ein Lied voller Schimpf und Schande aus Deutschland", wie Hartmann es mit Recht bezeichnet, . war in aller Munde. Besonders einer der Elegants aus dem Cafe Tortom schmetterte es oft zur Klavierbegleitung in den Saal, bis eines Abends ein Deutscher, Oswald, als die erste Strophe noch nicht ausgesungm war, in der Tür erschien und mit kräftiger, wenn auch vor Aufregung zitternder Stimme in die Gesellschaft hineinrief: „Me ine Herren, es i st c in Deuts che r u n t e r Jh wen!" — ums dem chauvinistischen Hexeysabhath mit einem Schlage ein Ende machtet Die „Stimme des Blutes" hätte hver mit unwiderstehlicher Gewalt gesprochen., wie ja.auch -Karl M a r x' trotz aller Gastfremrdschyft,'- die er . Flüchtling im fremden. Lande genoß, die . h^rmlich.en^M^Ächge.lüstedes „Tigers" Frankreich u ie M als ve r kan nt hat. Mit bitterem Spott höhnte er einmal, daß die französiHen Machthaber die ZerriMnheit'M deutschen / Volkes für om Mchi/der'ßranzöWhen NätronMWm'' Und war nicht ' diese Zerrissenheit Deutschlands 1870 noch wenige Tage, vor, der Vaterland. Kriegserklärung tatsächlich vorhanden? Zwar Bähe r n s König hatte den Bündnisfall mit Preußen als gegeben anerkannt, aber ein großer Teil der „patriotischen", d. h.in Wahrheit partikularist-ischon Partei in der Kammer lehnte den Bündnissall ab und wollte Geld nur bewilligen „zur Ausrechterhaltuug bewafstreter Neutralität gegenüber den Kriegsereignissen zwischen Preußen und Frankreich". Da erhob sich ein Abgeordneter , aüs der Pfalz und zwang in Worten feuriger Empörung die Widerstrebenden in seinen Bann: - „Wir wollen unter allen Umständen mit Deutschland gehen, mit Deutschland, was auch daraus werde. Die Pfalz ist einmütig bereit, im Notfälle lieber unterzugehen, als schmachvoll zu bestehen unter dem Schutze Frankreichs." Daß der Abgeordnete, der mit. diesem 'kernhaften Protest alle Bedenken und feigen Ausflüchte siegreich. mi§ dem -Felde schlug, ein . Jude aus Landau war, dev gewärtigen-' mußte, im Falle einer Ueberrumpelung der Pfalz durch einen militärischen Einbruch der Franzosen als erster in - die Gefangenschaft geschleppt zu werden, sei nur nebenbei bemerkt. Vielleicht ist aber diese historische Erinnerung gerade jetzt nicht unangebracht, -wo eine andere starke politische Gruppe in. Bayern nach dem Vorbild der italienischen Fascisten unermüdlich den blutigen Krieg gegen den „inneren Feind" predigt, während der äußere schon an den Mauerntobt. 'Und. wie in Bayern, so stand damals auch in Sachsen eine große Partei bzw. deren Hauptorgan, die konservativen „Dresdener N a ch r i ch t e n", zu Anfang dem kriegerischen Konflikt Preußens mit Frankreich mit Eiseskälte gegenüber. Seine eigene Stellungnahme klug verbergend, machte sich das Blatt nur zum Dolmetscher des Tratsches der Dresdener Bliem'chen- Philister: ,dre einen trauen den Sieg den Franzosen, die anderen den Deutschen zu, und doch wissen sie alle, daß das lediglich den Chassepots und den Zünduadeln überlassen werden muß . . Das Blatt bedauert daun die armen Hotels und Wirte in der Sächsischen Schweiz, .denn die Reiselust wird mit der Kampflust zu Boden geschmettert". Die Häuptsorge des Blattes ist, „wie es mit unserer Dresdener Vogelwiese steht." Sonst bleibe nichts übrig, „als in Geduld zu harren auf das, was kommen soll, vorläufig rünnen w i r an der Elbe ruhig, ganz ruhig sein, denn ehe das Kriegsgetümmel bis über die alte Brücke sich zieht, ehe man von der Brühlschen Terrasse die ersten Franzosen sieht, -kann--es -noch einige Z'eit dauern". Das war der patrotische Elan des -damals verbreitetsten Blattes in Sachsen, das 'dann Jahrzehnte -später, bis in die neueste Zeit, zahlreichen Mitbürgern die Vaterlandsliebe absprach! : Greifen wir noch einige Jahre weiter zurück, aus die Entstehung des Norddeutschen Bundes, der'ja nur. durch die kriegerische A u s eina n b e r setz u n g m i t O e sterrei ch möglich geworden war. Die berühmte Ad resse des B r es lau e r M a g i st.ra ts und seiner StadweWdchtenversammlung an die Negierung, in der die Zumutung, eine Zweite „Schmach von Olmütz" über sich ergehen zu lassen, mit Patriotischer Entrüstung abgelehnt h? urde, aüf die^Gefäh r h in„ datz „Schlef ie n i n erste r Linie akletzastettu-nOSeiden„des Krieges auf sich