Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (22.2.1923)
- Date
- 1923-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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TMMtnummrr 2sr». SerUn, 22. zevruar 192s LI. Jahrgang * Nr. S Blätter (ürHeuHMmuM unvAwentum '0ryan des lLutrat-Vernns Seutscker Staatsvüryer iüdlfcden Vtoudens'?Q S^II^sfr-xsir-xs Lsttui^^ Oss OllctSnmrvts Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Vsrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Gerlin SÄ)H8, Lindenftr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Postscheckkonto: Berlin 30472 Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin^ Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Pvstanstalk zum Preise von vterteliiidrlich M. 300,— zu beziehet» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-bxpedikion Rudolf 9Jioffe, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: Ai SM,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesfer Ä!r. 4, Famitiencmzel^en und Stellenge;uche für Ällitglieder des Central-Berems mit 50a/o t^achlaß. Sie 90 mm breite RekmirrezeUe Ät. 2401,— Das Gebot -er Stunde. vom Geheimen Gberregiemugsrat Dr. Stölzel, Ministerialdirigenten im preußischen Ministerium -es Innern. i Es geht ums Ganze. Wer es noch nicht wußte, der hat es in diesen Tagen aus dem Einbruch dev Franzosen in das Ruhrgebiet ersehen, daß das deutsche Volk bis zur völligen Erschöpfung wirtschaftlich bekämpft Wird. Aber treten wir dem Kampfe mit der gleichen Entschlossenheit mit der nötigen Einsicht in unsere ^age entgegen? Ist weitesten Kreisen unseres Volkes bekannt, wie es mit der deutschen Volkswirtschaft stehtd Vor dem Kriege hielt sich Deutschlands Ausfuhr mit der Ausgabe für die Einfuhr etwa die Wage. Und jetzt? Seitdem wir durch den Krieg verarmt und durch den sogenannten Friedensvertrag betrogen sind, vergeht kein Jahr, in dem wir nicht durch unsere eigene Wirtschaftsführung neue Verschuldung auf uns 'laden, ganz abgesehen--von den Kriegsschulden und den ^.Reparationszahlungen". Einen Hausvater wird jeder als "unverantwortlich leichtsinnig bezeichnen, wenn er unbekümmert um die verhängnisvollen Folgen;ahraus jahrein mehr Ousgibt,- als er einnimmt. Aber daß das deutsche Volk als. Gesamtheit in don Jahren nach dem Kriege 22, 29 und mehr Milliarden Parpiermark, Lm letzten Jahre 1922 aber über zwei Milliarden Goldmark Einfuhrüberschuß zu verzeichnen hat und dadurch immer mehr seinen Kredit, das Vertrauen des Auslandes verliert, das wissen die wenigsten, und wer es nicht weiß, den kümmert es nicht. Fast jeder nimmt die allwöchige P >h a n t a st t s ch e Steigerung des Dolllark u.r s c s und aller Lebenskosten wie eine Naturnotwendigkeit hin, schraubt seine eigenen Geldansprüche entsprechend höher und macht sich keine Gedanken darüber, wie und durch wen die Umkehr vollzogen werden soll. Hier Aufklärung ins Volk zu tragen, hot sich der „Bund der Erneuerung wirtschaftlicher Sitte und Verantwortung"*) zur Ausgabe gemacht. Er will auch jedem, der selbst behufs Besserung der 'Verhältnisse Hand -antegen will, den Weg dazu 'weisen. Zunächst gilt es, den übermäßigen Luxus und insbesondere den Verbrauch ausländischer^-eutbehrlicher Waren zu meiden. Entbehrlich waren die eingeführten (Lachen im Jahre 1920 zu einem weit größeren Anteil als im Jahre 1913, nämlich zu 21 Prozent gegen 6 Prozent vor dein Kriege. In erster Linie steht dabei der Tabak und insbesondere die Zigarette, die bekanntlich'nur aus ausländischem Tabak hergestellt ist. Auch der Alkohol kann und muß bei der jetzigen Lage der'deutschen Volkswirtschaft entbehrt werden. Beide, die Rauch- und 'die Rauschgifte, haben in einem Jahre, 1920, dem deutschen Volke 36. Milliarden Mark gekostet. Es scheint sachlich unbegründet und läßt" sich nur durch ein Hervortreten der Sonderbelange der Schnapsfabriken und der Likörstätten erklären, wenn Menschen u.nd Zeitungen gegen die Bestrebungen der Enthaltfamkeitsvereine und sogar gegen die neueste bloße Einschränkung, des Schankbetriebes Einwendungen erheben. Wollte sich das deutsche Volk'in seiner großen Masse"— mwerbesterliche Trinker und Raucher werden nie ganz verschwinden — m Nikoün und Alkohol eine merkbare S el b st b e s ch x ä n t u n q auferlegen, so würden sich die dafür vergeudeten Milliarden leicht derart mindern, doch wir keinen Einfuhrüberschuß und somit keine sich alljährlich erneuernde Verschuldung-'zu verzeichnen hätten; unser Kredit, in der Welt wäre wieder hergestellt und das Währungselend behoben. ^Andere Einfuhr aus dem Ausland könnte dadurch beseitigt werden, daß wir statt ausländischer Ware deutsche wählten, die-meist völlig ebensogut, jedenfalls aber doch durchaus erträglich ist. Ich erinnere' *•••*? Geschäftsstelle ..im Berlin \NW'., Unter den Linden 72, IT: Fernruf Zentrum 19 Postscheckkonto Berlin 109 181. - * an den Ersatz von Apfelsinen durch deutsche Aepfel, von fremden Tuchen, Hüten, Garnen, Stahlfedern, Riechwaren durch einheimische. Mag man Zurzeit aus berechtigtem Unmut über den Nuhreinbruch in erster Linie französische und belgische Waren verbannen, für unsere Verschuldungsziffer sind die englischen, amerikanischen, italienischen Waren von gleich verderblichem Einfluß. Aber noch immer erscheint uns, sehr zu Unrecht, als minderwertig, was „nicht weit her ist". Mindestens stellt man sich gleichgültig Zu der Frage, aus welchem Lande die Ware stammt, die man erwirbt. Der Deutsche mutz es von dem Franzosen oder Engländer Lernen, daß die Rücksicht aus die eigene Nation und deren Volkswirtschaft gebieterisch fordert, auch beim Kauf und Verbrauch von Waren national Zu fühlen und Zu denken. Neben die negative Pflicht, schlemmerhaften Luxus und den Verbrauch entbehrlicher Auslandswaren Zu meiden, tritt die positive Pflicht, durch geeignete Auswahl der eigenen Tätigkeit Werte zu schassen, die sich entweder selbst zur Ausfuhr eignen oder wenigstens die Ausfuhr zu heben oder die Einfuhr zu mindern imstande sind. Dem Handwerker, Fabrikarbeiter, Landwirt sind der Beamte und der Händler, was die Bedeutung ihrer Arbeit für die Volkswirtschaft angeht, unterlegen. Dem Volkswirt wird die Zahl jener me.zu groß ersck>)i!ten. während die Zahl der Beamten und der Handelsleute nickst größer sein sollte als unbedingt nötig. Aber leiden wir nicht gerade jetzt, in den Jahren größter wirtschaftlicher Not, an einer lieb erzähl von Beamten, Behörden, Organisationen und Zwischenhändlern? An Gelegenheit zu w ertschafs e n d e r Arbeit fehlt es nicht. Allein in Preußen harren noch drei Millionen Hektar unfruchtbaren Bodens der Ausschließung, ein Zehntel des Staatsgebiets, Gebiete von der Größe einer Provinz können noch durch Moorkultur und durch.sonstiges einmaliges Umarbeiten in ihrem Jahresertrag gewaltig gesteigert.wer? den. Hier können auf Jahre hinaus alle jetzigen und künftigen Erwerbslosen, alle die sich nicht mehr an den Krippen der Beamten, Geschäftsführer und Zigarrenhändler sättigen können, segensreiche, wertschaffende Arbeit finden, wenn sie nur wollen. Wird'nicht-auch die alltägliche oder alljährliche Erholungszeit ergiebiger und mindestens ebensogut mit ländlicher oder gärtnerischer Arbeit, mit der Zucht von Hühnern, Bienen oder Seidenraupen, mit zns-agendev künstlerischer oder handwerksmäßiger Tätigkeit ausgefüllt als mit -dem stundenlangen Verweilen in Bier- und Kaffeehäusern, mit .Karten- oder Tennisspiel und mit sonstigen Feldzügen gegen die Langeweile? Zu Spiel und Tanz mag mau znrückkehren, wenn wir wieder den Wohlstand der letzten Jahrhundertswende erreicht haben; ein Kranker muß bescheidene Diät einhalten, ein Verarmter' seine * Allsgaben beschneiden. -; Solchen und ähnlichen Gesichtspunkten n a t i o rl a l - volkswirtschaftlicher Art Eingang in das tägliche Leben zu verschaffen, ist ein Gebot der Stunde. „Männer machen die Geschichte" nur dann, wenn sie aus einem Volke emporwachsen, das für ihre Taten einen aufnahmefähigen Boden abgibt. Auf Denken und Tun des Volkes kommt eS an. Jeder einzelne Volksgenosse tue seine Pflicht, eingedenk des Fichteschen Wortes: ' 1 *Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben, An deines Volkes Auferstelstn, Laß diesen Glauben dir nicht rauben. Trotz allem, allem, was gescheh'n. s Und°hande(n sollst du so/als hinge Von dir und deinem Tun allein Das Schicksal ab der deutschen Dinge ' . Und die Verantwortung'war' dein.