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Central-Verein-Zeitung · 1923-01-25 · 4 (25.1.1923) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
2 (1923)
Issue
4 (25.1.1923)
Date
1923-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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26 Oscar Tietz Oscar Tietz ist nicht mehr! Das bedeutet für den Eentral-Verein und für die durch rhn vertretenen jüdischen Deutschen einen denkbar schweren Verlust. Denn Tietz war ein Förderer unserer Gedanken mehr noch durch die Tat als durch das Wort. „ . Weil er ein Mann der Tal war, ist er des höchsten Lobes würdig. Er half uns, wo er konnte. Er, der unermüdlich arbeiten mußte, der mit Ehrenämtern überhäuft war, hatte stets Zeit für den Central- Verein. Wenn unser großer Verband heute noch bestehen kann, so ist das ein Verdienst der Tatkraft unseres Oscar Tietz. Wir werden seine Arbeit in diesen Blättern noch ausführlich würdigen. Wir nehmen von ihm Abschied und geloben seinem Andenken, am Werke des Central-Vereins, der ihm so sehr am Herzen lag, unermüdlich weiterzubauen. In rastlosem Wirten sür Deutschtum und Judentum liegt der höchste Dank, den wir unseren! Heimgegangenen Areunde zollen können. Der Vorstand des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Der gegenwärtige Stand Ker Ostjuöenfrage. Von Dr. B e r t h o l d H a a s e. Die Ostjudensrage steht in letzter Zeit wieder im Vordergrund der öffentlichen Erörterung. Wenn man nach den Gründen forscht, so ist für den Kenner der Verhältnisse zunächst die Tatsache bemerkenswert, daß dies zu einem Zeitpunkt geschieht, zu dem eine wesentliche Entspannung der durch den Zustrom von Ostjuden geschaffenen Schwierigkeiten feststellbar ist. Die Zuwanderung war während des ganzen Jahres 1922 zahlenmäßig gering, die Abwanderung dagegen beträchtlich. Wenn trotzdem die deutsche Oefsentlichkeit, insbesondere auch ein erheblicher Teil unserer jüdischen Glaubensgenossen, von der Vorstellung beherrscht wird, die Ostjudenfrage sei in ein akutes Stadium getreten, die Ostjudensrage. sei eine Ostjudengesahr geworden, so ist der äußere Anlaß hierzu offensichtlich die Debatte des preußischen Landtages in der Sitzung vom 29. November 1922, die fast vollkommen mit der Erörterung der großen deutschnationaleu Anfrage Kühler über die Einwanderung der Ostjuden in Deutschland ausgefüllt war und in der Presse aller Parteien einen lebhaften Widerhall gefunden hat. Die inneren Ursachen dafür, daß die Betonung emer Ostjudengefahr — trotz der Verminderung der Zahl der Ostjuden —• einen günstigen Resonanzbotzen in der öffentlichen Meinung gefunden hat, liegen in dem gLsützlsmüßigen Widerstande gegen die ueberschwemmung Deutschlands mit A u s l ü n d e r n und gegen das Eindringen ausländischer Kreise in die deutsche Volkswirtschaft. Erst wenn man sich über diese Gründe klar geworden ist. wird man die richtige Einstellung zu der O st j u d e n f r a g e i n i h r e r gegenwärtigen Gestalt gewinnen. Die Ostjudensrage ist ein Teil der allgemeinen Ausländersrage. Sie ist nur in dem R-ahmen der allgemeinen Ausländersrage zu begreifen und politisch zu behandeln. Wogegen sich jeder gerechtdenkende und politisch verantwortliche Deutsche aber wenden muß, ist eine Betrachtungsweise, nach der die Ostjuden anders behandelt werden sollen als andere Ausländer, nur weil sie Juden sind. Für uns Deutsche jüdischen Glaubens und Stammes entspricht dies einer grundsätzlichen Auffassung, die keine Ausnahme verträgt. Jede andere Stellungnahme wäre würdelos. .Sie wäre auch unklug. Die O st j u d e n s o l l e n behandelt w e r d e n wie alle A u stände r, n i ch t Hesse r, aber auch nicht schlechter. Das ist der Standpunkt, an dem der Central-Verein seit dem ersten Tage, an dem er sich mit der Ostjudensrage zu befassen hatte, unverrückbar sesthält. Eine erhebliche Zahl der in Deutschland befindlichen Ostjuden ist während des Krieges infolge der von der deutschen Heeresleitung zwangsweise durchgesührten — in der Landtagsdebatte von allen Parteien zugegebeuen — Deportation hierher gelangt; sie sind zum Teil durch den staatlichen Wirrwarr im Osten staatenlos geworden und werden von keinem der vielen Oftstaaten wieder ausgenommen werden. Ein großer Teil ist nach dem Kriege als Opfer von Pogromen, Hunger und Verfolgungen über die ungeöffnete Grenze hinübergeflutet? Die Menge dieser ^Ausländer hat zweifellos sür Deutschland ernste volkZwirtschaftLiche Schwierigkeiten geschaffen. An der Lösung dieser Schwierigkeiten mitzuwirken, hat das deutsche Judentum als feine Ehrenpflicht angesehen. Zur den Central-Verem, hat dabei die Wahrung der Juteresscn des deutschen Vaterlandes den entscheidenden Gesichtspunkt gebildet, sowohl bci der grundsätzlichen^ Betrachtung als auch bei denjenigen Maßnahmen, die zwecks praktischer Beseitigung der Unzuträglichkeitcn zu treffen waren. Der Central-Verein weis; sich in dieser Äusfasstmg eins mit der erdrückenden Mehrheit der deutschen Juden, die sich, unabhängig von ihrer Partetridjtmig, zur Bewältigung der Ausgabe in dem .Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands zusamnreugeschlossen haben. Es mnh in der O e s s-e n t l i ch ke i t ausdrücklich f e st g c st e l l t werden, daß hä it t e t b cm Arbei ter für sorgeam t dieGesa mt h eit verdeutschen Juden steht. Auch derjenige verschwindend kleine Teil, der im Verband der nationaldeutschen Inden 'organisiert ist, muß trotz der übertriebenen chauvinistischen Erklärungen seiner Wortführer die segensreiche . Tätigkeit des Arbeiterfürjorgeamtes anerkennen. Die hauptsächlichsten Ausgaben des Arbeitersürsorgeaintes bestehen neben der Behebung der Wohnungsnot durch großzügige Herbergsorganisationen und charitaftve un!d soziale Fürsorge sür Kranke, Arbeitsunfähige. Frauen und Kinder, im wesentlichen darin," daß das Amt den Flüchtlingen bei der Auswanderung aus Deutschland und der Rückwanderung m die Heimat behilflich ist und diejenigen, die aus Deutschland nicht hinauskönnen, der deutschen Volkswirtschaft nutzbar macht, in dem es ihnen die Möglichkeit schafft, als Arbeiter in der Industrie, im Handwerk und der Landwirtschaft ehrlich ihr Brot zu. verdienen. Diese mühevolle, nunmehr dreijährige Arbeit ist erfolgreich gewesen. Sie hat dazu geführt, die Zahl der Ostjuden ständig zu vermindern und einen erheblichen Teil der Zurückgebliebenen anständiger Arbeit zuzusühren. lieber die Zahl der Ostjuden geben die folgenden Ausführungen Ausschluß, die der preußische Minister des Innern in der Landtagssitzung vom 29. November 1922 gemacht hat: „Nach dem Stande vom 3. Juni 1922 waren in Berlin Osta -u s l ä -n d e r als anwesend gemeldet: Finnländer.. . 1140 Lettländer.3125 Littauer .. 2 563 Polen . . . .. 26 305 Russen . 16 663 Ukrainer.P . . . . 3631 Estländer.. 1759 Georgier . , . . 297 Zusammen 55 488 Insgesamt sind von der Statistik des Berliner Potizeiprästden-ten am 31. Mai 1922 141222 Ausländer überhaupt erfaßt worden. Wenn man mm der Meinung ist, daß diese Ziffer zu, niedrig gegriffen sei, und sich flirr berechtigt hält, 10 bis 15 Prozent hinzu» zusehen-, so bleibt diese Ziffer wesentlich hinterdm Angaben zurück, die geflissentlich in der Presse wiederkchren und die die Stimmung oder Verstimimung erregen, von der mein Herr Vorredner («dev ansragende Professor Dr. Kähiler) wiederholt gesprochen hat." Dabei darf nicht übersehen werden, daß'es sich bei den 55 488 O sta'ii vländern uicht etwa um Ostjuden handelt, die nur einen V ru ch t eit der Ost au sl ä n d e v barstellen. Von den Gesamt-auslände-rin wären hiernach nur etwas mehr als. ein Drittel Ostau Ränder, und von diesen wiederum! nur ein Bruchteil Ostjuden. Dies sind die Zahlen für Berlin, wo sich die Hauptmasse der Qstjuden ansa-imnelt. Mit Recht hob der Minister -weiter hervor, daß man von foen- Verhältnissen in Berlin nicht aus ganz Preußen schließen dürfe. Er gab' auch hierjüiber charMteristische Zahlen. Nach der Mel-- .düng des Polizeipräsidenten in Königsberg vom 23. Juni 1922 sind seit dem Kriegsende in «der Stadt Königsberg 368 QWuden und 688 andere Osteuropäer eingewandert. In der ganzen Provinz Ostpreußen hielten« sich im März 1922 19 238 Ausländer, darunter 1791 Qstjuden auf. Nach einend Berichte des Negieru-ngspivästdonten vom 10. Juli 1922 sind indem Regierungsbezirk Breslau außerhalb der Stadt Breslau seit Kriegsende 296 QMuden und 3191 -andere Osteuropäer ein gewandert. In der Stadt Breslau sind 2291 Qstjudsni und 907 andere Osteuropäer gezählt worden. Ostpreußen und Schlesien finb «die Haupteinsallstore für die Zuwanderung. Bei den genannten ZaWsn ist zu bevücksichtigen, daß in der zweiten Hälfte des Jahres 1922 die Zuwanderung der Ostjuden fast vollkommen mHgehört hat, zumal die Grenzsperre nach Osten infolge der endgültigen Grenzziehung, und einer durchaus billigenskwevten straffen Handhabung wirksamer durchgeführt wird, anderseits die Abwanderung- — zum erheblichen Teil unter MitwiaAung des Arbeiterhürforgeamtes — gute Erfolge zu verzeichnen hat. So find z. B. in den Monaten Oktober und November 1922 durch Vermittlung des Arbeiterfürsorgoanckes mehr als 5000 Ostjuden nach Frankreich ausgewandert, wo sie bei den Wioderaufbauarbeiten beschäftigt werden. In vollem Bewußtsein der Verantwortung gegenüber den Staatsbehörden, zu deren- Unterstützung es sich berufen erachtet, hat das Arbeitersürsorgeamt die Regierung stets uns die besondere Art der jüdischen Einwanderung und auf'die Durchbruchsstellen aufmerksam! g,e macht, durch die die illegalen Einwanderer hereinströmen. Es hat kraft der besonderen, Erfahrungen und Sachkunde, die es besitzt, auf geeignete Mittel zur Abhilfe hrngewiesen. Auch hierfür ein Beispiel: Vor einiger Zeit tauchte das, auch irr den Verhandlungen des preußischen- Landtages erwähnte Gerücht auf, daß Taufende von ostjüdischen Familien aus Ungarnsich über Deutschland ergossen hätten. Der wahre Sachverhalt ist der, daß mehrere hundert Personen, ehemalige russisch-jüdrsche'Flüchtlinge, aus Ungarn, das sie auf diese Weise ungesetzlich abschob, mit einem ungarischen Durchreisevisum nach der Ukraine versehen, nach Deutschland befördert wurden. Hier bewährte sich die Äufsangsorganisation 'des Arbeiterfürsorgeamtes, das sofort der preußischen Regierung und «dem Auswärtigen Amt Mitteilung machte und durch Vermittlung «der rumänischen Gesandtschaft die Flüchtlinge nach ihrer Heimat beförderte. Die Schwierigkeiten waren lediglich durch das illegale und völkerrechtswidrige Vorhalten der ungarischen Regierung verursacht, die ungeachtet der Tatsache, daß zwar Rumänien, nicht aber Deutschland au Ungarn grenzt, die rumänischen Staatsangehörigen mrt falschen Pässen nach Deutschland hinüberschmuggelte.. Dieses Beispiel erweist die Berechtigung der Auffassung' des preußischen Ministers des Innern, daß das Ostjudenproblem nur auf i n t e r n a t i o n-a l e m Wege gelöst werden kann. Die preußische Negierung hat diese Auffassung in einer Denkschrift an den Reichsminister des Aeußern niedergelegt, die der amtliche preußische Pressedienst veröffentlich hat. Die Denkschrift, die die Schwierigkeiten ebenso klar darlegt wie ihre Gründe, ist von staatsmännischem Geiste erfüllt und wird die Billigung aller politisch verantwortlichen Kreise finden. Mit Recht weist sie darauf hin, daß die Lasten, die

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