Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 1 (4.1.1923)
- Date
- 1923-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer 1 -M. ’±i« USller für i)cu»frhtum^] und Judentum , ' Dostschesronrv: 30473 Serlin, 4. Januar 1423 H. Jahrgang -»> Nr. 1 fUryau des tenlralVerems deutfclrer tSIaatsvüryer iüdlfcden SUmvens ^.U^srinSii^s LSiturxjZ clss Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Serlin SN HK, Lindenste. 13 Fernsprecher: Amt DSnhoff 3594, 3598, 3596 " Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Postanstalt zum Preise von vierteljährlich M. 35,- zu beziehe« Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Frlialen. Anzeigenpreis: M. 180,— für die 7 gespaltene Zölle nach Rudolf Mosses Normalzeilenmefser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit SO«/» Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 800,— Die oftpreußische Reaktion. stntisemitifthe verbände. — partikulariftische Bestrebungen. Während bislang Bayern den Zweifelhaften Ruhm genoß, inner- ' halb des deutschen Reiches den Zufluchtsort und Stützpunkt des Antisemitismus zu bilden-, rnachen ihm neuerdings andere Gegenden Deutschlands mit Erfolg diesen Rang streitig, vor -allem Oberschlesien und Ostpreußen. War es in Bayern die Räterepublik mit /ihren unerfreulichen politischen Erscheinungen, in Oberschlesten der polnische Terror, der Wasser'auf die Mühle der Deutschn-aLionalen und Nationalsozialisten leitete, .so fehlte es in Ostpreußen wahrlich " nicht an Gründen, welche die Stärkung der nationalistischen Fronde erklären. Von jeher als Agrarland ein Hord des „Ostelbiertums", erlebte Ostpreußen zu Beginn des Krieges, zur Zeit der Nussenemsülle nationale Not und nationale Erhebung, lernte in Hindenburg und Ludendorfs' die Befreier Ostpreußens' verehren. Der Friedensvertrag, der Ostpreußen vom Reiche trennte, machte es zu einer von Polnischen Gelüsten unrbrandeten Insel. Die Abstimmung in Masuren unter der Leitung des Freiherrn v. Gayl., des jetzigen Borsitzenden der Volkisch-antisemitischen '„Staatsbürgerlichen Arbeitsgelneinschaft" und Vertreters Ostpreußens im Reichs rat, ergab eine -überwMtigende Mehrheit zuglmsten TeuLichlands. Damals gab es keinen Unterschied znuschen christlichen und jüdischen Ostpreußen, ihre Stimmen wogen gleich viel, als sie zugunsten der Zugehörigkeit zu .Deutschland in die Waaschale geworfen wurden. Dann 'kameri einzelne, für ostprmßische VerhäLtnisse charakteristische Ereignisse: die Ernennung Ludendorfss zum Ehrendoktor der Königsberger medizinischen Fakultät (Dekan: der Schwiegersohn Kapps), weil er unzähligen Deutschen das Leben erhalten habe (i); der von der „Staatsbürgerlichen Arbeitsgemeinschaft" in Szene gesetzte Triumphzug Hindenburgs durch Ostpreußen, der in Königsberg mit blutigen Zusammenstößen znuschen Kommunisten und der vor Hiudenburg paradierenden Keichs-wehr endete. . . Der ^chetzgebüng zum Schrrtz der Republik fiel dann zwar der in Ostpreußen m vollster Blüte stehende Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund zmn Opfer sowie der „Bund der Aufrechten", geleitet von Herrn v. BergMarkien-en, de.m ehemaligen Landeshauptmann Ostpreußens und Int onus Wi lhelms II. Aber bestehen blieb die „Staatsbürgerliche Arbeitsgeinemschast", obgleich ihre Auflösung von republikanischer Seite wiederholt gefordert wurde; bestehen blieb der .„Alldeutsche Verband", der gerade in Ostpreußen bemüht war, den aufgelösten Delltschvölkischen Schutz- und , Trutzbund nach Kräften zu ersetzen, fomeit ihm nicht diese Arbeit von Kunzes Deukschsozi.äler Partei, die aus dem deutschnational regierten Freistaat Danzig, und aus Westpreußen vordrang, abgenommen lourde. Zu derselben Zeit, als in München Lerchenseld stürzte und Hitler immer unverhohlener seine Macht zu Zeigen begann, setzte im südlichen Teile der Provinz Ostpreußen eine planmäßige -Hetze gegen die Juden ein. Die Städte Bialla, Johannisburg, Ortelsburg, Neidenburg waren?tüsgnngspunkte dieser Bewegung, die von den im Geheimen sortbestehenden deutschvölkischen Kenventikeln geleitet und von einem deutschnationalen Parteisekretür unterstützt wurde. Gleichzeitig bereiste im Uirstrage des Alldeutschen Verbandes Alfred Höher aus Graz die Provinz und hetzte in Lötzen, Neidenbllrg, Gum- Binnen und anderen Plätzen gegen die Regierung und gegen die Inden, die nach der österreichischen Krone jetzt die deutsche Mark planmäßig ruinierten und die Teuerung verursachten. In Stuhm und anderen Orten des westlichen Teiles der Provinz fanden zur selben Zeit Versammlungen der Kunze-Partei statt. Die reaktionarantisemikische Presse begleitete diesen allgemeinenVorstoß unter der. Führung des „Oberländer Volksblatts" (Pr.-Holland), einem dem Freiherrn v. MinnGerode nahestehenden Provinzblättchen-, das sich in seinen „E. M." gezeichneten Leitartikel eifrig beinüht, den Ton des „Miesbacher Anzeigers" zu erreichen und daher mehrfach verboten werden mußte. Charakteristisch für die Zusaunnenhänge zwischen Partikularismus und Antisemitismus ist es'/ daß das „Oberländer Volksblatt" auch den traurigen Rum für sich in Anspruch nehmen kann, die Frage der Loislöftrng Ostpreußens von Prerrhen, wenigstens in der Presse, zuerst aufs Tapet gebracht zu haben. Den äußeren Anlaß zu diesen bereits 1919 ausgeiauch-ten Bestrebungen bot bekanntlich die Absetzung der beiden rechtsradi'kälen Landräte v. Anwers (Stuhm) und v. Braun (Gerdauen), an sich ein Vorfall, der weder besonders seltsanr noch besonders neu genannt werden kann, hier aber zum Ausgangspunkt einer „Los-von-Berlin"-Bewegung nach bayerischenr und Dortenschein Master genonnnen wurde. Der „Bundesstaat Ostpreußen" sollte die Berücksichtigung uder besonderen ostpreußischen „Eigenart" bringen. „Die Führer der Delltschnationalen sind die Führer Ostpreußens", erklärte in der Königsberger Stadtverordnetenversammlnug Herr Dr. Krollmann, der aus seiner, antisemitischen Gesinnung noch nie ein Hehl gemacht hat. Und diese „Führer" spielen heute nicht die Rolle, die ihnen zukommt, sondern ein Demokrat ist Oberpräsiden-t, ein Sozialdemokrat Regierungspräsident und vor allem: ein Sozialdemokrat,, Lübbring, ist Königsberger Polizeipräsident, der seit der Revolution der bestgehaßte Mann bei den Antisemiten ist. Mit anderen Worten-, die ostpreußischen Reaktionäre erklären: dä die Politik der preußischen Regierung uns nicht paßt, so kann uns der ganze preußische Staat gestohlen werden. Die Nationalisten mußten es sich gefallen lassen, daß in der Königs- Berger Stadtverordnetenversammlnng vom 20. Dezember 1922 die Führer der „Judenparteien" ihnen das Unnationale ihres an Landesverrat grenzenden Treibens vorhielten, das geeignet sei, Ostpreußen den Polen in die Hände zu spielen. Lediglich die Deutsche Volkspartei schlug auch .in diesem Falle sich auf die Seite der Rechtsradikalen und stimmte zum Teil (viele ihrer Anhänger verließen vor der Abstimmung den Saal) gegen den mit großer Mehrheit angenommenen demokratischen Antrag, der in kräftigen Worten die Autonomiebestrebungen geißelt. So wäre denn dieser Vorstoß im Augenblick abgeschlagen, -ohne daß deshalb Blätter vom Schlage des „Oberländer Volksblatts", der „Heiligenbeiler Zeitung" und „Elbinger Zeitung" aufhören, ihre wüste Regierungs- und Judenhetze fortzusetzen. Erst in diesen Tagen haben sich die rechtsgerichteten Agrarverbände Ostpreußens: der Land- und Forstwirtschasttiche Verband, der Landbund,.