Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 31 (7.12.1922)
- Date
- 1922-12-07
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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350 zusallen wußte, ciuf ettintal auch diejenigen aug,reift, die heute noch Wilhelni II. oder Wittelsbach Hurra rufen? Es sollen eben keine anderen Götter mehr angebetet werden neben dem Befreier Deutschlands, dem Diktator Hitler. Dieser Hochmut mag -diejenigen beruhigen, die Hitlers glanzvoller Ausstieg allzu ängstlich gemacht hat. Denn auch dieser Hochmut kommt vor dem Fall. ( 2y Der Prozeß Ataurenbrecher. Vor der neunten Strafkammer des Landgerichts I Berlin-Mitte fand am 1. Dezember die Hauptverhandlung in dem Anklageversahren gegen den Pastor a. D. Dr. Maurenbrecher, Leiter der „Deutschen Zeitung", wegen Ausreizung zu Gewalttätigkeit (§ 130 StGB.) statt. Der Angeklagte wurde s r e i g e sp r ochen , nachdem der Staatsanwalt drei Monate Gefängnis beantragt hatte. Das sreisprechende Urteil wird u. a. damit begründet, daß aus dem Wortlaut des Aufsatzes „D re jüdische F äl sch u n g" eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten nicht zwingend geschlossen werden könne, und daß-dem-Angeklagten -der V or s atz,- zu Gew alttüti gleiten - auszureizen, nicht hat uachgewiesen werden können. - Wenn das Urteil in seinem Ergebnis uns auch nicht befriedigt, so müssen wir doch die objektive Prozeßführung' und die Tatsache anerkennen, daß das Gericht bemüht war, auf der Grundlage der bestehenden Gesetzgebung das Recht zu finden. Das Urteil hat dem Antrag des Staatsanwalts nicht zugestimmt lediglich aus der Erwägung heraus, daß jedem Angeklagten die Schuld nachgewiesen werden muß. Dem Pastor Maurenbrecher, den der Staatsanwalt als einen außerordentlich geschickten S t i l i st e n gekennzeichnet hat, ist es eben gelungen, s e i n e Worte so zu f a sfen , daß der Na ch - weis einer.strafrechtlichen Verantwortung nicht möglich war. Unabhängig von dieser strafrechtlichen Verantwortung hat das Vor- ' fahren^doch das Gute gehabt, daß die politische Verantwortung des Pastors a. D. Maurenbrecher in das rechte Licht gerückt., worden ist. Interessant ist sein rückhalkloses B e k e n n t n i s z u r D e m a g o g i ei In seiner Verteidigung führt er wörtlich aus: „Ich stehe"'aus dem Standpunkt, und ich betone ausdrücklich, gleichgültig ^welche Folgen das für mich haben mag, daß es mein gutes Recht ist, Leidenschaft u n d E m p 5 r u n g in den mirn ah est e h e n d e n K r e i s e n z u erregen, wenn die Talsachen wahr sind, durch die diese Erregung entsteht, und wenn das Ziel, zu dem ich diese Erregung leiten will, ein gesetzlich berechtigtes ist." Welche Folgen die' Erregung der Leidenschaften hat, Haben wir an dem fluchwürdigen Morde an Rathenau gesehen. Der intriminierte Artikel ist am 1. Juni 1922 erschienen, vier Wochen später ist Rathenau von seiger Mörderhand gefallen. Wo sind also die intellektuellen Urheber dieser Tat zu suchen? s NL3N..,.r Der LehrkurA des Central-Vereins in Groß-Berlin wurde bei andauernd guter Bete-iliguna beendet. Am 16. November sprach Dr. Verlock über:. „Die Juden im Heer." In -der Diskussion wurde wiederholt von Frontsoldaten entrüstet Beschwerde darüber echobien-, daß deutsche Staatsbürger, die Gut und Blut dem Vaterland geopfert haben, immer noch Verleumdungen und Ehrverletzungen erdulden, müssen. Am 26. November referierte Dr. Ist K m» h n über: „W i r t s ch a s t l i che n A ntis e m i t i s m u § n n t e r besonderer B e r ü ck si ch-1 i a u n a der O stj u d e n fr a a e." Der Redner wies nach, daß die Ostjude u in Deutschlands nicht nur kulturhemmend. sondern auch -fördernd wirken, und daß viele als Arbeiter und Handwerker Deutschland beim. Wiederaufbau helfen. Das Thema: „W t ssens ch östlicher Anti s t m i t i s m u s" behandelte in sachlicher und gründlicher Weise am 23. November Lehrer Stern. Ha>uptvorstandsmitalied unseres Vereins. Eine anaerogte Aussprache folgte den Ausführungen des Redners. — Die Wirkung des Lehrkursus war recht befriedigend. Den Zuhörern wurde gezeigt, -wie haltlos die Angriffe unserer Gegner sind, und was wir auf sie, zu erwidern haben. Und wenn Herr Dr. L o e w e n st e i n in seinen an den Central-Verein gerichteten T-ankesworten betonte, daß es Pflicht jedes Juden sei. sich für den Kampf mit unseren Gegnern gründlich zu schulen, so darf man hoffen, daß diese ALahnung auch in Zukunft von recht vielen beherzigt wird. Im Anschluß an diesen beendeten Lehrkurs wird im Januar ein Seminar über antisemitische Angriffe u <n d i h r e W i d e r l e a u ng (an Hand des Lehrbuches von Italiener: „Waffen im Abweb-rkamps") abgehalten. Anm-eldungen. auch solcher Teilnehmer, die den Lehrkurs nicht besuchten, sind bis spätestens zum 20. Dezember an das Bureau des Central- Dereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V.. Abteilung Groß- Berlin. einznsenden. Diese Semina-rvorträM finden nur für C. V. - Mitglieder und deren Angehörige statt. Der Zutritt ist unentgeltlich. Ortsgruppe „Neuer Westen". Diese Ortsgruppe, welche diesenigen Berliner Mitglieder des Central-Dereins umfaßt, für die die Postämter W 15, W 30 und W. 50 Zuständig sind, veranstaltet am Montag, 11. Dezember, 8 Uhr abends, -im Werner-Siemens-Realghrnnasium, W 80, Hohenstaufenstraße 47/48. eine Mitgliederversammlung mit folgendem Programm: 1. „Die politische Lage und wir Juden." Referent Rechtsanwalt Dr. Bruno W e i l. 2. Vorstands Wahlen. 3. Aussprache. ' Eintritt nur gegen Vorweisung der Mitgliedskarte! Verurteilung Pretzls. Der bekannte Hetzantisemit Werkzeugschlosser Wvlfgang Preß l.in Nürnberg wurde-kürzlich vom dortigenSchöffengericht wegen Beleidigung unseres Magd-e'bnrger Stzndikus Kurt Sab atzttz zu 2W Mark Geldstrafe verurteilt. uö von Eindringen des natioualeu Fascismus in Sachsen. Die bahernchen Nationalfozialisten haben nun auch in Sachsen eine große Anhängerlchaft gesunden, die eine lebhafte AgitaLion für die Gründung einer sächsischen nakionalsozmlistischen Partei entfaltet. Die demokratische Presse Sachsens weist auf die Gefahr des - lieber gr ei sens der nationalsozialiMchen Bewegung auf Sachsen hin und ermahnt die sächsische Negierung, gegen die neue Organisation rechtzeitig einznareifeu, und weist darauf bin, daß me nationalsoz'M'listischen. Organisationen in Preußen. Thüringen und Baden bereits verboten worden sind. Für-die Art der Propaganda, der sächsischen Natjvnal-sozialisten ist eine Werbeschrift bezeichnend, welche den deutschen Michel Zeigt, der ein Mutiges Messer und ein abgeschnittenes Haupt über zwei Zeitungen hält, die deutlich als „Berliner Tageblatt" und „Frankfurter Zeitung" .erkennbar sind. Strafverfahren gegen Roßbach wegen Desertion. Gegen den ehemaligen Freitorpsführer Oberleutnant Roßbach,, der sich als Organisator und Führer der irationaffozialistisch-antisemitischeil Stoßtrupps bekauut gemacht hat. wird jetzt ein Strafverfahren wegen F a h n e n f l u ch t eröffnet. Dem Verfahren liegt die Tatsache des im Oktober 1919 ohne höheren Befehl erfolgten Auswarsches. dev Sturmabteilung Roßbach aus Kulmsee in Westpreußen zugrunde Die jüdische Braut -es Dr. Wirth? Die rechtsstehende deutsche Presse richtet setzt höhnische Angriffe auf den eben Mrückgetretenen Reichskanzler Dr. Josef Wirth. weil er sich vor einigen Tagen mit einer jüdischen Dame verlobt habe. Die Braut des Dr. Wirth sott nach einer Mitteilung der Wochenschrift „Deutsche Republik". Frau Guttmann geborene Auerbach, die Stieftochter und Erbin des bekannten Bankiers- Hugo I. Herzfeld sein. Elf jüdische Abgeordnete im englischen Unterhanse. Bei den letzten Wahlen in England kamen elf Abgeordnete jüdischen Glaubens ins Unterhaus. Ihre-Namen-sind: Sir Philip Safsoon (Hhthe)/ Major-BruneÜ Cohen (Liverpool), Oberst Sir Walter de Frec-e (Ashtvn), Perep A. H a r r-i s (Bethnael Green). Alfred M o n d (Swansea). Artbur Len e r (Hackneh)-. A. C. Strauß' (South-wark).. A. M. S g m u"e l '(Sidnetz). Samu-el Samuel (Putnetz), Lionel de Rothschild (der Präsident der Londoner jüdischen Gemeinde. Bncks). Emanuel Sbrnwell (Linl-ithgow). Ein altbiblischer Notensnnd. Französische Blätter melden,, daß ein russisch-jüdischer Musiker namens Raoul Gins bürg in einer der Synagoge zu Kowno gehörenden Bibelhandschr-ilk die Noten der U rm-elo d i-e z u Sa>lomos ,.H ob em Li ed" entdeckt habe. Diese Entdeckung soll eine Frucht eifrigen. Studiums sein, zu dem Ginsburg durch eine ori-entalische Melodie veranlaßt-.worden ist. nach der er den Kantor der Spnagivge zu Kvwnv einige Abschmite aus dem „Hohen Lied" singen hörte. Seit jenem Zeitpunkt hat er jahrelang dem Ursprung dieser sremdartigen Melodie zu dem glühenden Gedicht desköniglichen Dichters nachgegrübelt. Dieselbe Melodie ist übrigens bereits R-imskp- Kors-akoff und Musforgskh aufgesallen. die sie beide in Kownv gehört haben. Der erstere hat c-mes der Motive zu einem hindostanischen Gesang! in seiner „Sadko" verwandt. Sonderbarer jedoch ist es noch, daß dasselbe Motiv, in Supp es bekanntem Lied „Wenn ich nur deine Liebe hätte", vorkommt. Nun behauptet Ginsb-urg. dem Geheimnis dev Melodie auf die Spur,gekommen zu fein. Er will nämlich in der Kownoer Bibelbandfchrift sestgestellt haben, daß im Text zum Hohen Lied stellenweise über den Zeilen Zeichen stehen, die ihrer Form nach den? Vokalen der lZöbräischen Schrift entsprechen. Diese Vokalzeichen .über den Textzeilen -sollen die Melodie nach einem Notenshstem angeben. das demjenigen! der Griechen und Römer entspr icht. Das Sb stem baut sich so auf. daß die hatben Töne durch Punkte über d-en Zeilen ausgedrückt w-erden. Den Takt geben a-ewiss-e vertikale Striche an. Die Skala setzt sich aus Neben Tönen zu- . fammen und hat drei Kreuze (für sol, la und do). Es kommen nur zwei Taktarten vor: der Zweiviertel- und der Dreivierteltakt. Aus dieser derartig gedeuteten vorbebräischen N-otenschrift ist nunmehr die Originalmusik zu Salomos Hohem Lied in die moderne Notenschrift übertvacien worden. Ginsburg vertritt dätei die'Ansicht-, daß König Salomo nicht nur der Dichter, sondern auch der Komponist des Hohen Liedes gewesen ist. Unruhen und Plünderungen gab es. kürzlich in Forst i. L. Sie ent- Wrangen ursprünglich der Erbitterung, du m ArLerterkreesen gegen den Vorsitzenden des Fabrikantenvereins wegen abgelehntev Lohnforderungen herrschte, aber — wie in ähnlichen Fällen noch, immer — es bemühten sich die Völkischen, den Wind in ihre Segel zu sangen und die Arbeiter zu Plünderungen jüdischer Geschäfte aufzuhetzen. Nachdem einige solche — daneben auch christliche —'Läden ausgeraubt worden waren, stellte die Sicherheitswehr die Ordnung wieder her. Nachahmenswertes Beispiel. Aus M e ser i tz meldet man uns. daß der neu-e Direktor des dortigen Gpmnasinms, Dr. Weid ling, im Hinblick auf verschiedene antisemitische Ausschreitungen unter seinem Vorgänger. die Schüler dringend verwarnte und erklärte, g-e-gen jede antisemitische Betätigung einschreiten zu wollen. Ernennung zum Ehrendoktor. Herr Henry P e l s in Berlin-Westend, .Inhaber d-e-r Berlini-Erfurter Maschinensabrik, wurde von der technischen Hochschule in Karlsruhe zum Dr. ing. h. c. ernannt. Kriegerdenkmäler. In Konstanz wurde kürzlich in Gegenwart der obersten Behörden und der Offiziere des Reichswehrbalaillons in der Synagoge eins Gedenktafel zu Ehren der achtundzwanzig Gefallenen der Konstanzer Gemeinde eingeweiht. Die Bronzetosel ist ein Werk des Frankfurter Bildhauers Benno E I k a n. —■ Ferner wurde in Bad Sassendorf bei Soest ein Kriegerdenkmal enthMt. Bei der Feierlichkeit fiel allgemein eine Rede des katholischen G e i st l i ch e n auf, der den antisemitischen Geist ein« :P e st nannte, die das-deutsche Volk befallen hat und es zugrunde zu richten droht. — In W o l d e n b u r gwurde am 19. 11. eine Feier zur Enthüllung einer Ehrentafel der im Kriege Gefallenen veranstaltet, zu der Herr Rabbiner Dr. S a l o m o n s k y die Festrede hielt. Anwesend waren Behörden, christliche Geistlichkeit, Offiziere a. D., Vertreter der Krieger- und Veteranenvereine und der Verein der Kriegsbeschädigten und Kriegsgefangenen. — In der Tilsiter 'Synagoge hatten sich am 5. 11. die jüdischen Mitbürger und eine größere Anzahl Ehrengäste eingesunden, um der Feier zur Enthüllung der Gedenktafel der im Weltkriege Gefallenen beizuwohnen. Nach einer kurzen Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Rösel folgte die Enthüllung der Tafel, an die sich die Festrede des Herrn Dr. Artur Ehrlich, des Vorsitzenden der Kreissynagoge Tilsit, schloß. In kernigen Worten gedachte der Vorsitzende des „Bundes jüdischer Frontsoldaten", Herr Alterthum, der gefallenen Kameraden. — In Dortmund fand am 19.11. anläßlich einer G e d ä ch t n i s f e r e r f ü r d i e rmWelt - k r i e g e G e;f. a l le neu, der Rabbiner Dr: Jacob durch feine Predigt ein besonderes Gepräge gab, die Enthüllung zweier Gedenktafeln statt.