Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 31 (7.12.1922)
- Date
- 1922-12-07
- Page
- Seite 349 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer 3 M. Serlin, 7. dezemberlH22 I. Jahrgang ♦ Nr. 3J Küllersük-eo1scdtumdl unvlluventum Postscheckkonko: 3V47L 'vrymi des LenlralVereins üeulirlrer Staatsvüryer i iwifcken OlnttbensTa Allgemeine Zeitung des Judentums Verlag u. Schriftleitung: Lentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. öerlin SANS, Lindenstr.lZ , Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595, 3596 Die ZeitschrifL ift nur durch die zuständige PostanstalL zum .Preise von vierteljährlich M. 35,— zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 100,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mostes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50«/o Nachlaß. / , , .... Die 90 mm breite Reklamezeile M. 500,— Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. von einem bayerischen Politiker. Fünf Worte'bilden den Namen dieses merkwürdigen Gebildes. 9 Worte und fünf Unwahrheiten: es nennt sich Partei und zugleich alles Partei-, und Parlamentswesen abschasfen und über alle Standes- und Klassenschranken hinweg angeblich das ganze Volt zusammenschweihen. Darum nennt es sich national und stößt doch in blindwütigem Haß wertvolle Helfier am Wiederaufbau des Vaterlandes zurück, nur weil sie Inden sind und deshalb in den beschränkten Volksbegriff der Rafsesanatiker nicht Pasten. Es will eine Vereinigung von Arbeitern sein, scheut sich aber nicht, nach Art der allen standesbewußten Arbeitern verdächtigen „Gelben" Unternehmergelder anzunehmen. Sozialistisch nennen sich die Herren und verfolgen doch jeden Sozialisten mit wütendem Haß. Deutsch geben sie vor zu sein, nehmen aber ihre Ideale und Methoden von den italienischen Fascisten, den bittersten Verfolgern des Deutschtums in Südtirol, und scheuen sich auch nicht von Ideenverbindungen mit Franzosen und anderen Feinden Deutschlands, sofern nur der gemeinsame Haß gegen alles Jüdische sie zusammenführt. Wie konnte dieses Gebilde einen so gewaltigen Aufschwung nehmen, daß -es heute alten gefestigten Parteien gefährlich wird und daß selbst Minister jenes Landes, das die Revolutionsstürme am erfolgreichsten überwunden zu haben glaubt, nur in einem aus Besorgnis und Hochachtung gemischten Ton über die Nationalsozialifteri zu 'sprechen wagen? Das erklärt sich nur durch den Krieg und den im Krieg' genährten Glauben an die Gewalt. Verhandlungen, kleberredung, Berücksichtigung der Rechte anderer — das ist alles Unsinn, Geist ist undeutsche Schwächlichkeit, Gewalt allein ist das Allheilmittel. Darum hält man Versammlungen nicht ab, um öffentliche Angelegenheiten mit Andersgesinnten zu erörtern, um Gegner zu überzeugen. sondern man schließt die Juden, die verachteten und wegen ihrer geistigen Ueberlegenheit doch gefürchteten Gegner davon aus; Widerspruch anderer .hält man durch ein Heer knüppelbewehrter Ordnungswänner nieder. Mit unleugbarem Geschick nutzt ihr Führer, Adolf Hitler, genau wie - sein Vorbild Mussolini, die kriegerische Gemütsisrimmung der jungen Leute, besonders Feldzugteilnehmer, aus. Ausmarsch in Reih und Glied, mit Fahnen und Abzeichen, mit Klang und Sang/neuerdings auch Uniformierung mit Mützen, Leibgurt und Tornister, schmeichelt ihrer Lust an össentlichem Auftreten und ihrer Eitelkeit. Geländeübungen und Fahrten kommen ihrem Betätigungsdrang entgegen. Aus kleinen Ausflügen in die Umgebung erwuchsen die großen Expeditionen nach Kobnrg usw. Freifahrt, Freibier, freie Verpflegung lockten, so daß auch weniger Fügsame sich willig in die stramme Unterordnuüg einpatzten, die hier herrscht. Die Anordnungen Hitlers an seine Leute klingen nicht wie Mitteilungen eines Vereinsvorstandes, sondern wie militärische Befehle. So konnte er sich eine Gefolgschaft sichern, mit der er im August die großen Kundgebungen unter freiem Himmel gegen die Gesetze zum Schutz der Republik ansagen und auch gegen polizeiliches Verbot durchführen konnte. Damals zeigte er den Vertretern der Staatsgewalt, wie sehr er seine Anhänger in der Hand hat, indem er i sie zunächst in brennende Erregung gegen die „volksverräterische" Regierung versetzte und dann — ruhig heimschickte, mit dem Be- / deuten, heute sei nur Generalprobe gewesen, noch sei „der Tag" 'nicht gekommen. Zwei Dinge haben jetzt den Mut Hitlers und seiner Leute mächtig gehoben: der leichte Sieg Mussolinis und die Zuversicht, daß ihnen.int Ernstfall die bewaffnete Macht ebenso wenig entgegentreten würde, wie den Fascisten. Der Glaube, daß Polizeitruppe und Reichswehr sich niemals entschließen werden, aus sie zu schießen, macht sie unüberwindlich. Ob dieser Glaube begründet ist, läßt sich schwer sagen. Der Minister des Innern rühmt sich, durchaus Herr der Lage zu sein und seine Truppen fest in der Hand zu haben. -Hoffentlich hat er recht.. Aber wenn man weiß, daß Reichswehrsoldaten' und Polizeibeamte nicht nur der untersten Rangstufe innicht geringer Zahl Mitglieder der nationalistischen oder befreundeter Organisationen sind oder wenigstens an ihren. Veranstaltungen teilnehmen, ja sogar als Lehrmeister bei ihren sportlichen Uiebungen tätig sind, kann man nicht alle Zweifel bannen. Dieses stolze Selbstgefühl, mit den -Hundertschaften seiner militärisch^ geschloffenen und geschulten Sturmabteilungen der fast nnbestrittene He r r Bah e r ns zu sein, hat Hitler übermütig gemacht. So soll er, als ihn kürzlich der Minister empfing, diesen gegen alle Etikette stundenlang haben warten lassen. Jedenfalls gab er durch eines seiner Blätter — außer dem „Völkischen Beobachter" stehen ihm jetzt noch das ehemalige Einwohnerwehrblatt „Heimatland", der „Miesbacher Anzeiger" und der „Nürnberger Bolkswille" zur Verfügung — dem Minister, der im Landtag äußerte, er habe Hitler „zu sich kommen lassen", deutlich zuverstehen, daß er selbst .zu einem Minister nur gehe, wenn dieser ihn darum bitten lasse. Daß ihn die Mahnungen und Beschwörungen von Parteiführern der Bayerischen Volkspartei und gar d-er Demokraten, die nur über Stimmen, aber nicht über Fäuste, verfügen, völlig kalt lassen, ist leicht erklärlich. An ihnen rächt sich, daß sie, verblendet durch die zur Schau getragene „nationale" Gesinnung, die Nationalsozialisten viel zu lange gewähren liehen, ebenso wie heute noch, viele unpolitische und nur , durch die Sorge vor wirklichen oder vermeintlichen kommunistischen Anschlägen zusamanengeführte Ordnungsblockanhänger die Nationalsozialisten für Stützen des Staates halten, weil sie sich rühmen, so viele ehemalige Kommunisten gewonnen zu haben. Ob sie sie aber damit auch innerlich gewandelt haben? Ob nicht viele Kommunisten nur deshalb zu den Nationalsozialisten übergegangen sind, weil sie bei dieser umsturzsüchtigen Gruppe schneller zu den erwünschten Kämpfen und Plundernngsgelegenhei ten zu gelangen denken? /Trotz seines Glaubens an die Gewalt hätte Hitler seine heutige Macht nicht erreicht ohne die Duldsamkeit und mehr oder minder verhüllte Unterstützung dieser, bürgerlichen Kreise, vor allem der ehemaligen Mitglieder der aufgelösten Einwohnerwehren, die den Mitgliederstamm des'Bundes „Bayern und Reich" bilden. An dessen Spitze steht Dr. Pittinger, einst wegen gewisser Verbindung mit den Erzberger-Mördern in, Untersuchung gezogen, der Mittelpunkt aller föderalistisch-monarchistischen Bestrebungen- Er. stellt Wohl auch die -Verbindung Zwischen Hitler- und.den geistig und gesellschaftlich hochstehenden Leuten her, die sich seiner zwar bedienen, aber sich doch nicht offen mit ihm zeigen'möchten. Der Verantwortung, die sie mit der Förderung Hitlers und der nachsichtigen Duldung seiner rüden Judenhetze aus. sich laden, scheinen sich leider viele dieser sonst ehrenwerten Leute nicht bewußt zu sein. Ob sie nicht stutzig darüber werden, deß der „Völkische Beobachter", der sonst nicht genug über die Weimarer Verfassung und den Reichspräsidenten her-