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Central-Verein-Zeitung · 1922-11-23 · 29 (23.11.1922) · p. Seite 333

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
29 (23.11.1922)
Date
1922-11-23
Page
Seite 333 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 3 M. Serlin, 23. November 1922 I, Jahrgang ♦ Nr. 29 vläller fürDculfch undludenMm Dvsts»«N»n<»! 30172 oryan des datfral-Vereins denllther Süuttsvüruer jüWeken Haobens Tn 2Ul{$emeine Z-eirun^ des Oudenrums Verlag und Schriftleitung: öerlin SM öS, Lin-enstraße 13 : Fernsprecher: slmt Dönhoff 3594, 3595, 3594 Die Zeirschrift ist nur durch die zuständige Po ft an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 35,— zu beziehe^ Alleinige ArHeigerrarmahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin8^19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 60,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50% Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile M. 300,— Nach den Wahlen in Gberschlesien. Uunzes Mißerfolg. — Ein fünftel der Stimmen juöenfeinölich. — Lehre und Warnung. /■ In Oberschlesien ging am vergangenen Sonntag ein Wahlkampf zu Ende, dessen Verlauf und dessen Ergebnisse gerade von uns, unabhängig von ihrer örtlichen oder allgemeinen politischen Bedeutung, betrachtet zu werden verdienen. Zwei Tatsachen geben den Anlaß dazu: Richard Kunzes Deutschsoziale Partei beteiligte sich erstmalig tot einer Reichstagswahl und vereinigte sofort über 22 000 Stimmen stuf ihre Listen, und die Deutsch nationale Volkspartei konnte — verglichen mit ihren Erfolgen gelegentlich der Wahlen zur Nationalversammlung von 1919, den letzten Wahlen in diesem Gebiete — eine starke Verdoppelung ihrer Wähler feststellen. Das besagt mit anderen Worten, daß die beiden ausgesprochen antisemitischen Parteien — der gradmäßige Unterschied sei vorerst unberücksichtigt — fast den fünften Teil der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt haben.' Optimisten in unseren Reihen mögen sagen, daß dies in einem demokratischen Staatswesen noch keine große, jedenfalls aber keine akute Gefahr bedeute. Wir meinen, ohne jede unbegründete -Schwarzseherei-, das einzig Erfreuliche dieses Vorganges in der Tatsache zu sehen, daß er sich dem nachdenklichen Betrachter noch rechtzeitig genug darbietet, um ihm als Lehre und Warnung dienen zu können. Wir denken in diesem Zusammenhang weniger daran, ein wie trübes Zeichen für den Stand des deutschen innerpolitischen Lebens sich in der bloßen Möglichkeit einer Reichstagskandidatur Richard Kunzes ausdrückt, wenngleich viele der Ansicht sein werden, daß Kunze auf der Tribüne des Reichstages die beste Bekätnpsung seiner eigenen Partei darstellen würde, und daß die tötende Wirkung der Lächerlichkeit ihn auf diesem Forum rascher erreichen müßte als in der weniger beachteten Berliner Stadtverordnetenversammlung. Denn auch dort bedeutete sein Auftreten stets ein schmunzelnd begrüßtes Zwischenspiel, auch -lange bevor er, wie neulich nach der Heimkehr von den schlesischen Wahlvorbereitungen mit verbundenem Kopfe auftauchte und den Märtyrer seiner „Ideen" posierte. Ein anderer Umstand gibt uns mehr Anlaß zum Nachdenken: Die' Bevölkerung Oberschlesiens vermag in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung der antisemitischen Hetztreibereien bedauerlich geringen Widerstand entgegenzusetzen. Eine Arbeiterschaft, die, ganz abgesehen von der Zerklüftung in« sich, an Bildung tief unter dem Durchschnitt des deutschen Gewerkschaftlers steht, die zudem in ihrer Parteiorganisation Jahrzehnte hinter dem übrigen Deutschland zurückgeblieben ist. Dann ein Bürgertum, dessen nationale Regungen, durch die jahrelange Fremdherrschaft gewaltsam niedergehalten, nach der Befreiung von diesem Drucke mit verstärkter Gewalt Hervorbrechen., und durch tendenziöse Behandlung der Schuldfrage nur zu leicht in gefährliche Richtung gelenkt werden können. Dazu die auf der ganzen Bevölkerung lastenden wirtschaftlichen Nöte, die hier, im „Loch im Osten", zwischen dem valutastarken Tschechien und dem warenhungrigen Polen besonders traurige Erscheinungen zeitigt. Unter Berücksichtigung aller dieser Momente erscheinen Kunzes Erfolge eigentlich überraschend klein, woran er offenbar selbst die Schuld trägt. Denn die maßlose Hetze in seinen Versammlungen, irr deren einer Kunze in,v>extneittt!Notwehr sofort losknallte und O ' einen jungen Menschen lebensgefährlich verletzte, dürste wohl selbst unter seinen Anhängern mehr als einen abgeschreckt und zur Besinnung gebracht haben. Und nicht nur die jüdischen Oberschlesier werden den johlenden, skandalsüchtigen Banden, die Kunzes ständige Begleitung bilden, ein übles Gedenken bewahren. Deshalb mag mancher, der ursprünglich vielleich zu Kunzes Fahne schwur, angewidert, doch lieber deutschnational gewählt haben- Aber .so merkwürdig es, auch klingen mag, wir begrüßen diese scheinbar erfreuliche Erscheinung mit sehr gemischten Gefühlen. Wohl will die D.N.V.P. nur den jüdischen Einfluß bekämpfen, während Kunzes Ziel klar und eindeutig die Stellung der Juden unter Fremdenrecht ist. Aber „jüdischer Einfluß" ist ein dehnbarer Begriff, und die Gegenwehr muß sich nach der Erscheinungsform der jeweiligen Auslegung richten. Kunze dagegen kämpft mit offenem Visier. Sein Programm ist eine nicht umdeutbare Kampfansage. Wir wissen, woran wir sind. Die Zellenbildung innerhalb der Deutschnationalen Völkspartei aber, die gerade in letzter Zeit so beliebte Schaffung völkischer Arbeitsgemeinschaften wird durch dieses Abschwenken mancher Kunze-Freunde wesentlich gefördert, und Leute, die eigentlich zu Kunze gehören, unterstehen künftig der Führung des Herrn Hergt. Die Deutschsoziale Partei steht sich so der Aufgabe, praktische Arbeit zu leisten, aufs neue entrückt. Die Lehren aber, die uns Oberschlesien gibt, tauten: Wir müssen mit allen Mitteln zu verhindern suchen, daß auch in anderen Teilen Deutschlands ähnliche Verhältnisse entstehen. Aufklärung und dreimal Aufklärung! Ansklärung, die sich schmiegsam den Argumenten des Gegners und der jeweiligen Bevölterungsschicht anzupassen weiß. Der Arbeiter muß sich darüber «klar sein, daß er mit der Beseitigung des Judentums auch den jüdischen Kapitalismus vernichtet, daß er aber dadurch nicht den Kapitalismus trifft, sondern im selben Umfang den nichtjüdischen Kapitalismus stärkt. Er muß wissen, daß er nur e i n W e r k z e u g i n d e r H a n d d e r kaPitalisti s ch e n Reaktion i st, die eine unliebsame Konkurrenz unter dem Mäntelchen nationaler Gesinnung zu beseitigen trachtet. Aufklärung des Bürgers in allen seinen beruflichen und konfessionellen Schichtungen. Hier wird Aufklärung vor allem Klärung der Begriffe bedeuten, müssen, besser gesagt, Zurücksührung der Phrase aus ihren Ursprung. Als dritte Lchre aus den Vorgängen in Oberschlesien ergibt sich die Mahnung: Kein Jude darf die Wirtschastsnöte durch seine Handlungsweise verschärfen. I e d e r m u ß w i s s e n, d a ß n a ch a u ß e n hin einer für alle gilt. Auch ein Lump, der sich Jude nennt, wird uns angehängt, obwohl es nichts Gemeinsames zwischen ihm und uns gibt. Dies sind die Lehren. Und die Warnung? O'berschlesiens Wahlergebnis deutet eine Entwicklung an, die möglich ist, wenn wir uns ihr nicht immer wieder entgegenstemmen. Wohin der Weg führt, kann nur dem Gleichgültigen, Einsichtslosen ungewiß sein. Wer zielbewußt bei Schwierigkeiten nur die Frage ihrer Bewältigung kennt, weiß, daß dieser Weg auswärts führen mutz. rg*

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