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Central-Verein-Zeitung · 1922-11-09 · 27 (9.11.1922) · p. Seite 313

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
27 (9.11.1922)
Date
1922-11-09
Page
Seite 313 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer A M. Serlin, -.November 1-22 l. Jahrgang 4> Nr. 27 vlükter sürSeutscNtllm^ un07u0enwm ' -vostscheckkonko: 30472 vryail des fmtrol-Vmins üeutsclrer Staatsvüryer i üöiscden OlmtbensTt). Allgemeine Zeitung des Oudemums Verlag und Schrfftleitung: öerlin SW ö8, Linüenstraße 13 Zernsprecher: slmt Dönhoff ZS-4, 3595, 3594 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po staust alt zum Preise von vierteljährlich M. 35,— zu beziehen Alleinige. Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf A-osfe, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 60,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Normalzeilenmesser Nr. 4, JaniUienanzeit-;eu und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereüis mit 50% Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezeile 9)1'. 800,— Hegen Rassenhaß, Rlassenhaß und Massenhaß. Unser vortragsabenö am 1. November I. Schopenhauer sagt in seinem Werke „Die beiden Grund- Probleme der Ethik": „Indem man sucht, menschliche Erkennt-, ms und Einsicht zu fördern, wird man stets den Widerstand des Zeitalters empfinden . . . dann muß man sich trösten mit der Gewißheit, zwar die Vorurteile gegen sich, aber die Wahrheit für sich zu haben, welche, sobald nur ihr Bundesgenosse, die Zeit, zu ihr gestoßen sein wird, des Sieges vollkommen gewiß ist, mithin wenn auch nicht hellte, "doch morgen." Mit diesen Worten Schopenhauers sind Arbeit und Schicksal unseres Vererns vortrefflich gezeichnet. Ob der Central-Verein Gerichte oder Verwaltungsbehörden gegen antisemitische Rechtsverletzungen anruft, ob er gegenüber Boykott- oder Pogromgefahren Verbindung mit Jugend imb Alter, mit Nührstand und Wehrstand, ' mit Kopf- und Handarbeitern jeder Geistesrichtung sucht, ob er sorgsam Erfahrungen sammelt und den interessierten Stellen zuleitet, ob er sich an Glauüe'nsbrüder oder Angehörige anderer Bekenntnisse wendet, stets ist Inhalt und Ziel seiner Betätigung: die Förderung -menschlicher Einsicht und Erkenntnis. Diesem Streben diente auch die Veranstaltung vom 1. November d. I. In den beiden bis aus den letzten Platz gefüllten Sälen des Brüdervereins und der Loge hielten die Herren Privatdozent Dr. D ü r r (Bonn), Professor Tr. G o l d st e i n (Darmstadt), Professor Tr. N i e b e r g a l l (Marburg) und Dr. Steiger, der bekannte katholische Publizist, Vorträge, in welchen die Stellung der Wissenschaft, der Ethik, der Religion und des Staatsgedankens zum Rassen-, Klassen- und -Massenhaß dargelegt winde. Der Wert dieser Veranstaltung lag nicht zum geringsten darin, daß Vertreter verschiedener Bekenntnisse zum Wort kamen: Professor Goldstein sprach als Jude, die Herren Dr. Dürr und Dr. Steiger als Katholiken und Professor Niebergall als protestantischer Theologe, sie alle sprachen als Gelehrte und als Männer des Lebens. Es herrschte vollkommene Uebereinstimmung unter ihnen dahin, daß jeder Haß, ganz besonders aber der gegen eine ganze Nasse oder Klasse-gerichtete, eine Sünde gegen den Geist, gegen das Sittengesetz, gegen, die Gebote der Religion ist. Mit dem scharf geschliffenen Messer eines Anatomen präparierte und demonstrierte Professor Niebcrgall den „Haß". Als dessen richtunggebenden Ahnherrn sprach er die „Dummheit" an, ohne hierbei zu verkennen, daß die Betätigung des Hasses insbesondere einer geschlossenen Rasse oder Klasse gegenüber uns die Gefahr bringen kann, an der Grundgüte des Menschengeschlechts zu verzweifeln. Die Darlegung, daß zu den Quellen des Hasses vielfach die Erkenntnis der eigenen Schwächen und der hieraus entspringende Neid gehören, führte den geistvollen Redner zu dem mit lautem Beifalls aufgenommenen Ausruf, daß es um den Wiederaufbau unseres Vaterlandes besser stände, wenn die antisemitischen Studenten ihre Energie weniger dem Haß gegen als dem Wettbewerb mir Juden widmen würden. Mit Genugtuung sei auch verbucht/.daß Professor Niebergall sein Erscheinen in. einer. Versammlung unseres Vereins einleitend mit der aus unserer Zeitschrift geschöpften Erkenntnis rechtfertige, daß wir Selbstkritik üben! Der Universitätsprosessor der protestanti- . scheu Theologie versagt sein belehrendes, ausklürendes Wort dem Kreise nicht, der frei von Selbstgefälligkeit nach Selbsterkenntnis ringt! Daß wir die Selbstkritik weiter Pflegen wollen, und worin sie sich insbesondere betätigen soll, das liegt mir so sehr am Herzen, daß ich hier aus zweierlei Hinweisen muß: Wir leben in ernsten, in harten Zeiten, aber wir stehen an der Schwelle noch schlimmerer Tage und Atonale. Viele, sehr viele unserer Volksgenossen stehen dicht vor der Arbeitslosigkeit, vor dem Hunger; sie werden von den Stürmen des Winterwetters ersaßt werden, weil sie keine auskömmliche Ernährung, keine wärmende Kleidung, leine Kohle haben werden! Den Wöhltätigteitssinn der Inden brauche ich nicht zu wecken. Aber es mag niemand glauben, er hätte dem Gebot der Not genüge getan, wenn er große, sehr große Summen Wohltätigkeitseinrichtungen 3inoenfcet und gleichzeitig in Kleidung und Lebensführung den Neid der Aermsten heraussordert! - Wo uns Verzweiflung begegnet, wollen wir auch in der Jagd und Hast der Tagesarbeit Zeit finden, das herrliche Goethe-Wort 311 betätigen: ,,Wenn der schwer Gedrückte klagt, Hilfe, Hoffnung sei versagt. Bleibet'heilsam fort und fort Immer noch ein freundlich Wort." Das zweite ist die Unterstreichung einer Mahnung, die nur . Herrn Dr. Steiger danken. Er wies daraus hin, daß Einrichtungen der katholischen Kirche von Schriftstellern, von der Presse, die zum Teil als „jüdisch" gelte, mitunter in einer Art behandelt werden, welche, wie z. B. die „Pfarrhauskomödie", tiefe Empörung anslöse. Er empfahl uns klarzustellen, ob die hierfür Verantwortlichen dem Judentum angehören oder sich von ihm losgelöst haben. Wir aber wollen tnehr tun; wir wollen jedem unsere materielle oder ideelle Förderung vertagen, der sich * sei es im Schrifttum, in der Kunst, im. . Theater oder im.Fi.lm.nicht entblödeh das zu verunglimpfen, was anderen heilig ist! Wie der von reichem Wissen und tiefer Menschenliebe getragene Vortrag des Herrn Dr. Steiger hervorhob, hat die katholische Kirche (coipus stnüs canonici) in wiederholten Konzilien Achtung vor den mosaischen Büchern, vor der Feier des Sabbats und anderer Feste, vor den Shnago- , gen.und Friedhöfen geboten, und der ftrenggläubtgc katholische Justizminister Preußens habe in einem Erlaß an die Staatsanwaltschaften von Kiesen gefordert, gegen antisemitische Roheiten streng vorzngehen. Der Zweck dieser Auslassungen geht nicht dahin, eine Inhaltsangabe der prachtvollen Vorträge zu bringen. Immerhin sei noch mitgeteilt, daß Herr Privatdozent Dürr die Arbeit des Professor Delitzsch „Die große Täuschung" als „große Täuschung" kennzeichnete. Sein Hinweis, daß es den Juden wesent- ' lich deshalb gelang/ den Glauben an den einig einzigen Gott durch alle Stürme der Jahrhunderte hindurch zu erhalten und.

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