Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 21 (28.9.1922)
- Date
- 1922-09-28
- Page
- Seite 269 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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269 Verlauf unserer Ausführungen darlegen, daß diese Lage nur eine Folge des verfehlten^ Ganges der Kolonisation ist. Mein, nicht nur die Ansiedlung von besitzlosen Arbeitern, sondern auch die von Bodenbesitzern geht aus denselben Ursachen in die Irre. Anfang 1919 hat A u st r i a c u s in einer ausführlichen, auf umfassenden Quellenstudien beruhenden Abhandlung: „Der Zionismus und die Besiedlung Palästinas mit jüdischen Landwirten" (K.-C.-Blütter, März—Juni 1919) auf die falschen Methoden und kümmerlichen Ergebnisse der zionistischen „Kolomalpolitik" hingewiesen. Die zionistische Presse fiel damals über den Verfasser her und nannte ihn einen Feind und Verräter des jüdischen Volkes. Hören wir, was die Verfasser des Sammelwerkes „Die Erez-Jsrael-Arbeit" sagen: „Die elementarsten Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung werden von den nichtjüdischen Nachbarn und Zugewanderten befriedigt. Der Markt von Pethash Thibwah hat dasselbe Aussehen und Denselben wirtschaftlichen Charakter wie der Markt in einer Kleinstadt von Polen oder Litauen. Geflügel, Vieh, Grünzeug, Milch, Käse, Butter, Eier, Weizen, Kohl, Zement, Baumaterialien, Heu, Stroh, Honig, Wachs, alles führt der Araber in die jüdische Kolonie aus den entfernten Dörfern ein... Chedera, das aus 55 jüdischen Familien besteht, besitzt genau dieselbe Zahl von arabischen Familien, die beständig in den Kolonistenhöfen wohnen — alles neu eingewandert'e Fellachen, die früher nie in der Kolo nie gewohnt haben —, und außer diesen ständigen arabischen Bewohnern, die die Felder von Chedera bearbeiten, ist die Kolonie von einer Kette von mehr als hundert Häuschen umgeben, in welchen vyn auswärts hevgekommene Beduinen mit ihren Weibern und Kindern wohnen, die auf die Saisonzeit, wenn die Kolonie neue Arbeiter brauchen wird, warten; inzwischen entwickeln sie eine Hauswirtschaft, lassen, die Herden weiden, ziehen Geflügel auf und befriedigen den Konsum der jüdischen Kolonie. Die Rechnung ist klar: das Geld des Barons Rothschild und die Anstrengungen der Kolonisten haben den jüdischen Jischuw in Chedera auf fünfzig jüdische Familien gebracht, aber ihn gleichzeitig dreifach verkleinert-, indem sie hundertfünfzig nichtjüdische Familien hineingebracht haben. Im Namen des Zionismus wird der Zionismus systematisch untergraben und mit Anwendung von großer Mühe und Renaissancephrasen wird in Palästina eine Situation geschafsen, welche die jüdische Exterritorialität mit allen ihren verhängnisvollen Folgen befestigt und verewigt." (Nach dem bereits genannten Buch von Rubaschow: „Kolonisation in Palästina", Berlin 1922, Oster tag.) lind nun kommt die deutsche Keren Ha; e s s o t - Broschüre und rechnet uns haarklein vor, daß wir nur nötig haben, dieser Institution recht viel Geld zur Verfügung zu stellen und uns auf die zionistische Organisation zu verlassen, damit Palästina nach dreißig Jahren eine jüdische Vevölkerung von mehr als zwei, Millionen bekomme. Vier Spezialartikel: Dr. Lahmanns Gesundheitsstiefel für gesunde und kranke Füsse Orthopädische Stiefel für Damen und Herren Sorar» Stiefel für Damen und Herren für empfindliche und extra starke Füsse von Weite 5 bis 14 Petto «Jugendstiefel der unübertroffene Qualitätsstiefel Alleinverkauf Stiller um so mehr, als mit einer arabischen Einwanderung aus vielen Gründen nicht zu rechnen ist." Sobald nur erst die Kapitalfrage gelöst ist, werden im ersten Jahrzehnt in einer Großkolonisation 20000 Familien mit 100000 Seelen angesiedelt werden können; das geht so automatisch fort, „sehr bald werden es die Juden zu einer Mehrheit bringen können", usw. Das Beispiel einer großartigen „nationalen" Kolonisation der letzten Jahrzehnte, deren Ergebnisse für unseren Fall überaus lehrreich sind, zeigt leider etwas ganz anderes. Die preußi s che A n - s i e d l u n g s k o m m i ssion f it r d i e O st m arte n wurde 1886 mit dem Sitz in Posen gegründet, zu dem Zweck, in der Provinz Posen und Westpreußen eine deutsche Mehrheit gegenüber den Polen zu schassen. Hinter dieser Kommission stand der preußische Staat mit seiner ganzen unermeßlichen Macht, in einem gewissen Sinne sogar das ganze Deutsche Reich; sie brauchte nicht erst, wie wir Juden, Städter, Melamd.im, Jeschiba-Bachnrim, Kleinträmer, „Lustmenschen" und Hausierer in langsamer Arbeit zu Landwirten zu erziehen, sie hatte deutsche Bauern aus allen Gauen, die besten Bauern der Welt, zur Verfügung, die an körperlicher Tüchtigkeit, sachlicher Ausbildung und allgemeinen^ Kenntnissen turmhoch über den polnischen standen; die deutschen! Siedler brauchten auch nicht in einen anderen Weltteil auszuwandern und einen verwahrlosten Boden erst urbar zu macheu. Die Anstedlungskommission stellte bekanntlich 1914 ihre Tätigkeit ein, aber wir besitzen ihre Rechen- - scha stöbe richte aus dem Jahre 1910. In diesen viernndzwanzig Jahren verausgabte sie übe r eine Dt i l l i a r d e G o l d m ar 6, zweimal so viel wie der gauza Keren Hajessod betragen wird, wenn er vollständig realisiert ist, und angesiedelt sind 17 051 Familien^ mit rund 103 300 Seelen! Der Keren Hajessod verspricht uns in dreißig Jahren ungefähr das Z w a n z i g s a ch e! Wir sind überzeugt, daß diese Herren in ihren Privatgeschäften viel weniger sanguinisch, kalkulieren und viel vorsichtiger in ihren Versprechungen sind. Man soll sich eben über solche Dinge nicht beim Büdecker erkundigen, auch wenn er Hebräisch geschrieben ist, auch nicht bei Weltenbummleru, Die alle drei Monate einen neuen Erdteil entdecken und erforschen. — Nun könnte man meinen, die Juden eignen sich nicht zum Landbau und überhaupt zu schwerer körperlicher Arbeit, oder Palästina eigne sich nicht zur Kolonisation. Nichts wäre ivriger als das. Dafür haben wi-r sprechende Beweise, freilich ganz andere als die der Keren-Hajessod-Broschüre. Doch davon im nächsten Artikel. Verax. ■'£ä\