Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-09-21 · 20 (21.9.1922) · p. Seite 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
20 (21.9.1922)
Date
1922-09-21
Page
Seite 245 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277400--00266-2279375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Einzelnummer 3 M. Serlin, 21. September 1922 l. Jahrgang ♦ Nr. 20 'vrymr des leulralVerems deutscker StaatsvüryerjüEcken VlaubensLv. S^II^SM-rSirrs Lsltrin.^ ctss Ou.ccksrrtrirvrs VMter fürdeutfcktum «nvlsuventum Postscheckkonto: 30472 Verlag un- Schriftleitung: Oerlin SW HS, Lin-enftraße 13 * Fernsprecher: ftmt Dönhoff 3524, 3525, 3524 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po ft an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 15,— zu beziehe» Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 30,— für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf MosseS Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50«/» Nachlaß Die 90 mm breite Reklamezeile M. 1ö0,— Zum Neujahrstage. Eine Laienxreöigt von Ludwig Holländer Ein alter Lehrer des Judentums hat den Ton des Wibderhorns — das Schofar —, der in Israels Gotteshäusern an den hohen Feiertagen ertönt, mit der Mahnung verbunden, sich an Zehn Dinge zu erinnern, welche mit dem Schofar in Beziehung stehen. Drei von ihnen mögen hier behandelt werden: die drohende Gefahr, der Tag des G e u i ch t s u n >d Israels E r l ö s u n g. Diedrohende Gefahr: Immer schwebte sie über uns Juden. Das Schicksal der Minderheiten im Staatsleben hat sich besonders an uns ausgewirkt. Politische, wirtschaftliche und r e l i g i ö se Krisen fanden ihre Rückwirkung besonders gegen uns: wir mußten für alles herhalten. Unser Vaterland steht im schlimmsten politischen und wirtschaftlichen -Kampf. Schweres wirb der Winter bringen. In diesen Blättern wurde unermüdlich gezeigt, wie weite Kreise des deutschen Volkes dahin beeinflußt werden, in der Not der Zeit nicht das Abrollen geschichtlicher Ereignisse zu sehen, sondern im Hadern mit Judentum und Judenheit den Weg der Rettung zu sehen. Viele Tausende der deutschen Juden stehen dieser Entwicklung der Dinge g l e i ch - mütig gegenüber. „Uns wird nichts geschehen! Was geht das mich an?" Hätten unsere Väter so gedacht, kein Jude weilte mchr auf Erden. Die neue Zeit fordert neue Mittel der Bereitschaft. Und der Kern dieser Mittel besteht allein in dem kraftvollen, zielbewußten und verantwortungsvollen Zusammenschluß, der Organisation. Sie soll kämpf- und friedensbereit sein. Kampfbereit gegen alle, die uns verleumden, kampfbereit gegen die Scheinwissenschaft, welche uns Menschen- und Bürgerrechte rauben will, die Gott und die Lehre des Judentums beschimpft, die im Juden das Prinzip des Bösen veÄörPert sieht. Friedensbereit allen gegenüber, welche für Vaterland, Freiheit und wahre Sittlichkeit kämpfen; denn Vaterland und Freiheit stärken Gerechtigkeit und Einigkeit, sie fördern den Staat und seine Bürger. Indem sie die Menschen unter dem Gesichtspunkt ihres wahren Wertes für die Gemeinschaft betrachten, ermöglichen sie uns Juden unsere Weiterentwicklung im Sinne unserer Tradition. Wenn wir wurzelecht bleiben, werden wir gute Juden und gute Deutsche sein. Darum ziehen wir die Lehre: Vereinigen wir uns, arbeiten wir an nnS, bekämpfen wir die Feinde mit allen Waffen, die Ehre und vornehme Gesinnung gestatten. Seien -wir n i ch t g e i z i g und kleinlich. Dann können wir hoffen, die drohende Gefahr zu meistern, aber auch nur dann. . Der Tag des Gerichts: Er bedeutet die Einkehr. Er bedeutet die Erkenntnis, daß an sichtbarer Stelle stehende Menschen — und das ist der DorfjNde genau so wie der Großstadtjude — sich der Verantwortung in höherem Maße bewußt werden müssen, als es meist der Fall ist. Und nicht die an Gütern Armen sind es, die sich an all dies besonders erinnern sollten. Gerade auf denen, welchen die Wirt« schaftliche Entwicklung besondere Güter gewährt hat, lastet eine schwere Verantwortung. Immer wieder wird über Protzerei, auffälliges Verhalten, Rücksichtslosigkeit geklagt. Gewiß, das sind nicht jüdische Eigenschaften, aber sie eignen auch Juden und bei ihnen fallen sie besonders auf. Doppelt, ja dreifach ist bas Maß der Verantwortlichkeit des jüdischen Menschen von jeher gewesen, besonders aber in unseren Tagen. Darum an den Pranger, an den Schandpfahl mit allen, die nicht sehen und hören wollen. Schärfste gesellschaftliche Mißachtung denen,welche Bescheidenheit, vornehme Zurückhaltung, kurz an gesellschaftlichem Verantwortlichkeitsgefühl fehlen lassen. Sagt nicht, die Berliner, die Breslauer, die Frankfurter, die Nürnberger Juden sind an allem - schuld. Ueberall sitzen solche Schädlinge: es ist bequem, sie in bestimmte Gebiete zu verweisen. Wer dazu in der Lage ist, der zeige es durch Opfer für die Gemeinschaft. Es ist ein Schmach, daß reiche Leute keinen Pfifferling für die Ehre der Juden übrig haben, die uns mit Groschen abspeisen und in Ueberstuß und Tand ihr Geld vergeuden. Schärft eure Augen, schärft eure Sinne. Verachtet solche Leute. Sagt nicht, was geht uns das an; mögen andere sich darum kümmern. Ein jeder ist berufen. Hütet dieZungen! Eine Bahnfahrt ist rricht dazu da, Familien- und Geschäftsvertraulichkeiten auszurufen. Seid achtbar in Handel und Wandel. Der größte Teil der Menschen darbt. Wucherer und Schieber in allen Berufen achten solche Not für nichts. Wehe ihnen! Wir Juden kennen Elend, durch Vergangenheit und Gegenwart. Stoßen wir jeden zur Seite, der sich am Volke versündigt. Ihr Handelsleute in kleinen Orten, auf die so viele Augen sehen, glaubt nicht/ nur in den Städten wird gesündigt. Ihr, die ihr so viel Vorzüge habt, die ihr meist treue Söhne unseres Bundes seid, haltet auch in euren Reihen Umschau. Fort mit jedem unlauteren Geschäftsgebaren. Ueberlaßt das andern. Befleckt nicht unser altes Panier Denkt an die Pflicht, den göttlichen Namen in jedem Momente zu heiligen. # Und zum Letzten: Die Erlösung Israels- Zunächst wovon. Nicht allein vom Haß der Stunde und der Zeit. Sondern eine Erlösung von alledem, was unserer Aufgabe -tzntgegensteht: Ihr sollt mir ein erwähltes Volk sein,einReichvonPriestern,einheiligesVolk. Viele wollten sich vom Judentum erlösen. Sie sind abgefallen, haben alles Jüdische verbannt, zeigen Verachtung gegen die rückständigen Väter und spotten ihrer Gemeinschaft. Ab erdige G e m e i n s ch a f t l ä ß t sich nicht a b l e u g n e n: sie kommt hervor, auch wenn man sie nicht will, und Tausende, die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.