Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1 (1922)
- Issue
- 14 (10.8.1922)
- Date
- 1922-08-10
- Page
- Seite 173 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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rknAelnummer l,so M. KMter sürDeulsrktum unö luoentum.^^ Postscheckkonto: Z0472 liw Serlin, 10. fiuguft 1022 I. Jahrgang ♦ Nr. 14 des Oudenrums Verlag unö Schriftleitung: Serlin SW 48, Linöenstraße 13 * Zernsprecher: Kmt Dönhoff 3504, 3505, 3504 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Po st an st alt zum Preise von vierteljährlich M. 15,— zu beziehen Alleinige Anzergenannalme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 18,— für die 6gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mii 50»/g Nachlaß Die 90 inm. breite Neklamezeile Nl. 90,— Selbftwüröe. von Luöwrg hollänöer. ^J„Sovgp 'dafür, daß die Juden besser werden, daß sie sich;nicht auffallend benehmen, nicht protzen, nicht schachern, Bescheidenheit zur Schau tragen, dann 'werden wir unser Urteil berichtigen", sagen und sagten unsere Feinde. Solche, immer wieder den Inden und nur den Juden zugeschobenen Laster bildeten den Ausgangspunkt des Stvckerschen Feldzuges. Damals steckte der Rassenwahn noch im Unterbewußtsein .unserer Gegner. Doch fast noch eifriger wurden und werden diese Bemängelungen m unseren eigenen Reihen aufgegrifsen und dem Eentval-Verein die Pflege einer Gesinnung, eines Verhaltens zur Pflicht gemacht, das Beanstandungen ausschließt. Man nennt dies' „innere Mission"; doch mit Unrecht. Denn „innere Mission" bedeutet in der Kirchensprache, der dieser Begriff entlehnt ist, etwas ganz anderes, nämlich die Gesamtheit aller auf Beseitigung geistiger, und leiblicher Not gerichteten Tätigkeiten. Davon aber ist hier im wesentlichen nicht die Rede. Jeder glaubt zu wissen, was gemeint ist, glaubt es wenigstens in großen Zügen zu ahnen: eine genauere Erklärung aber wird nicht gegeben. Man verlangt Maßnahmen gegen die angeblich tlntugendhasten. Man wünscht ein Einschreiten gegen alles Auffallende und Anstößige und bewegt sich daber in allgemeinen Betrachtungen. Sieht man -aber genauer hin, so erkennt man, daß der Meinungsstreit stets in dem Allgenblicke ein setzt, in dem ans d en allgemeinen Forderung en praktische Folgernn-gen gezogen werden sollen. ( Sollen die Damen keinen Schmuck mehr anlegen, soll alles Modische verbannt sein? Wo liegt die Grenze? Sie liegt natürlich da, wo das Schönheitsgefühl .empfindlich gestört wird. Doch verschiedene Augen sehen verschieden. Gebt also Antwort aus die Frage: „Wo findet der Schmuck, wann findet das Streben nach modern-gefälligem Aussehen seine Grenze?" Doch selbst wenn wir diese Grenze finden, ist es unserer als Juden würdig, jenen Juden Vorhaltungen zu machen? Gewiß sollen die Menschen! sich bessern, alle Kreise, alle Stämme, alle Bekenntnisse. Doch wenn der Central-Verein 'solche Forderungen besonders Juden nachdrücklich ans Herz legte, bewahren wir dann noch unseren berechtigten Stolz? Wir wissen doch, daß im Lager der Nichtjuden' mindestens in gleichem Maße gesündigt wird, nur daß der Ankläger dort weniger sind. Gewiß, auch wir haben unsere schmutzige Wäsche, doch welche anständige Familie nimmt deren Reinigung in der Oeffentlichkeit vor? ' Allein schon vernehmen wir eine andere Stimme: Wenn wir ^en Judenhaß abbauen sollen, so miüssen wir erkennen, daß Stiefkinder doppelt artig sein müssen. Wollen wir kämpfen, so kämpfen wir zuerst gegen den inneren Feind, dann werden wir den äußeren besiegen. Selbstwürde verbietet nicht, sondern gebietet den Kamps gegen den inneren Feind. Ob .man die Judengegner bessert oder nicht — um unserer selbst «willen müssen Schäden beseitigt werden. So die Streitlage. Dann kommt der Zweifler. „Welcher recht hat, weiß ich nicht," spricht er, „doch eines weiß ich: Ihr Predigt tauben Ohren. Man hört euch nicht, spart also Worte und Papier." Vornehme und edle Gesinnung, ein gütiges Herz sind Gaben begnadeter Naturen, sie lassen -sich weder erschaffen noch erzwingen. So wirbeln die Probleme durcheinander, die Fragen häufen sich, man ringt um die Wahrheit, man findet sie nicht. Was lehrt unsere Vergangenheit? Schwer lasten die Klagen der Propheten auf dem Volke der Juden. Kein Buch der Weltgeschichte, das heilig gehalten wird, sagt den seiner Weisheit und Gültigkeit Vertrauenden solch bittere Wahrheiten. Scharfe Urteile, harte Worte waren unseren Propheten geläufig. Aber sie gingen aus von Männern tiefster Wahrheit, edelster Religion. Die Frage, was den Menschen not tut, hat den israelitischen Genius ersaßt und bezwungenh. Der lehrt uns: wer'richtet, hat vorerst sich selbst zu prüfen, ob er zum Richten auch' berufen sei, ob nicht die anderen mit Recht sagen dürfen: Jeder fege vor seiner Tür. Daher die tragikomische Erfahrung, daß' im Tagesgespräch Meyers häufig Cohns dieselben Vorwürfe machen, wie sie Cohns Meyers gegenüber machen zu können glauben. Wünscht man aber eine Besserung vorhandener Uebelstände, dann vergesse man nicht die Fragestellung genau zu prüfen. Denn die Schwierigkeiten des öffentlichen Lebens sind meist deshalb so schwer lösbar, weil schon die Fragestellung falsch ist. Dunkles Empfinden muß greifbaren Vorstellungen Platz machen. Es scheint mir, daß wir Juden durch'S el b stbeobacht u n g zur Selbstachtung und Selbstwürde gelangen müssen. Wird berücksichtigt, daß wir uns vielfach von unseren nichtjüdischen Mitbürgern durch unser Aeußeres rmterscheiden, daß das schwere Los, das uns in der Vergangenheit bereitet wurde, unseren Körpern die Narben des Schmerzes eingrub, daß die an sich segensreiche, jahrhundertlange Schulung des Geistes viele von uns mit nervöser Veranlagung belastet hat, weil die Pflege des Körpers vernachlässigt werden mußte, so folgt daraus, daß die äußere Lebensführung dem äußeren Gebaren angepaßt sein muß. Nur strenge Selbstbeobachtung weist dem einzelnen die Zulässigen Grenzen. Gewiß sind diese Erkenntnisse immer subjektiv, sie entspringen dem Gesichtskreis des Individuums. Allgemeingültiges kann aber unmöglich aufgestellt werden. Doch Selbstbeobachtung schärst den Blick, ist die notwendige, die unerläßliche Vorstufe zur Selbstachtung. Und diese führt zu jener Vor- L) Baeck. „Wesen des Judentums", 2. Ausl.. S. -33.