Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1922-06-22 · 8 (22.6.1922) · p. Seite 97

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1 (1922)
Issue
8 (22.6.1922)
Date
1922-06-22
Page
Seite 97 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277380-2277388--00106-2279203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Einzelnummer 1 M. Serlin, 22. Juni 1922 I. Jahrgang ❖ Nr. $ Mütter sürKeulsctttmn unS Judentum Postscheckkonto: 30472 vryan ves LatnüVerems öeutickrer StmttsdüryeriüöMken vlauvens'?« des Oiidenrums Verlag und Schriftleitung: D erlin SW öS, Linöenstraße 13 Fernsprecher: flmt Moritzplatz 11595, ItzZIS, 7877 Die Zeitschrift ist nur durch die zuständige Post anstatt zum Preise von vierteljährlich M. 7,50 zu beziehen Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreis: M. 12,— für die 6gespaltene, Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins mit 50°/o Nachlaß. Die 90 mm breite Reklamezerle M. 60,— Im deutschen Gbersthlesien. Heimatstreue -er jüöisihen Deutschen. — Die Judengegner rüsten. — Gefährdung der deutschen Einheit. A. Sch. Oppeln. 16. Juni 1922. Die jüdischen Einwohner Oberschlesiens haben auch in s ch w e r st e rn L e i d t r e u z u i h r e r Heimat gehalten. Als nach dem Zusammenbruch der erste Entwurf des Pariser Diktats . ganz Oberschlesien den Polen ausliesern wollte, stellten sich die besten Köpfe unter den oberschtesischen Juden entschlossen in den Dienst der ungeheuer schwierigen Arbeit, durch Aufklärung der gesamten Kuliurwelt über die tatsächlichen Verhältnisse das Unglück für'Oberschlesien zu mildern. Die Abstimmung hat jedem, der es sehen wollte, gezeigt, daß die oberschtesischen Juden im ganzen Reiche in seltener Treue an ihrer Heimat hingen. In vielen Orten haben sämtliche jüdischen Abstimmungsberechtigten ihren Stimmzettel sür Deutschland — selbstverständlich für Deutschland! — abgegeben. Vielfach trafen sich aus diesem Anlaß ein halbes Dutzend und mehr Mitglieder einer einzigen Familie, die sich lange nicht gesehen, in ihrer^Heimatstadt, und die Begeisterung für die deutsche Sache war bei den jüdischen Deutschen wahrlich nicht geringer als bei ihren christlichen Schicksalsgenossen. Das Machtwort der Sieger sprach Polen fast die Hälfte des oberschlesischen Gebietes zu. 45 Prozent der Einwohnerschaft Oberschlesiens füllt in diesen Tagen unter die Herrschaft Polens. Ungefähr der gleiche Prozentsatz der jüdischen Einwohner (im Verhältnis zu der Gesamtzahl der in Oberschlesien wohnenden Juden) hätte nunmehr ihr Domizil innerhalb der polnischen Grenzpfähle haben müssen, wenn nicht etwa ein Drittel der Juden, die in dem an Polen abzutretenden Gebiet seßhaft waren, nach Deutschland übersiedelt wären. Von der Einsicht der Polen wird es abhängen, ob sich der Rest unserer Glaubensgenossen, der den guten Willen hat, auch unter der polnischen Oberhoheit als loyale Bürger des neuen Staates ihr Tagewerk zu verrichten, in Polen behaupten können wird. Verloren gehen dem deutschen Judentume die großen Gemeinden in Kattowitz mit zirka 3000 Seelen und Königshütte mit etwa 1500 Seelen, ferner M y s l o w i tz , P l e ß, Rybuik, Nikolai, Sohrau, L o s l a u, Lubkinitz und T a r - nowitz, die zum Teil schon Den starken polnischen Einschlag der Grenzorte zeigten, in denen auf den Wochenmärkten jüdische Kleinhändler Gemüse, Eier und Obst verkaufen, um sich, in ihren Heimatort zurückgekehrt, dem T a l m u d st u d i u m hinzugeben. Die kleineren Städte fassen insgesamt ungefähr 4500 Seelen, so daß die Zahl der jüdischen Bewohner, um das Drittel der bereits nach Deutschland Uebersiedelten vermindert, in Polnisch-Oberfchlefien rund 6000 betrag e n dürfte. Von diesen deutschen Staatsbürgern muß nun auch der Eentral-Verein, dem sie in ihrer übergroßen Mehrheit treulich Gefolgschaft geleistet haben, bewegten Abschied nehmen. Sie bleiben unserm Herzen nahe, auch wenn uns nicht mehr die gleiche S t a a t s z ü g e h ö r i g k e i t verbindet. Mit Liebevollster Anteilnahme werden wir ihr Schicksal verfolgen und uns freuen, wenn sie uns und unsere Bestrebungen, insbesondere u n s e r e n Abwehrkampf gegen den Judenhaß, auch künftighin nach Kräften fördern. Eine Rundfa h r L durch den deutschbleibenden Teil Oberschlesiens läßt auch den flüchtigen Beschauer erkennen, daß der jüdische Kauswannsstand in Oberschlesien sich auch bei den christlichen Mitbürgern hohen Ansehens erfreut, und daß in allen Städten vor allem auch die akademisch Gebildeten ein tief empsimdenes Interesse für das jüdische Leben zeigen. Deshalb darf man hoffen, daß, sollte der Judenhaß nach bayerisch-preußischem Muster in Oberschlesien einen Vorstoß wagen, er einem organisierten, auch dem größten Ansturm gewachsenen Widerstand begegnen wird. Zwei Jahre lang hat in Oberschlesien die interalliierte Kommission regiert. Die Vereins- und VersammlungstütigkeiL war völlig unterbunden, und die Politischen Parteien mußten ihre Parteiprogramme unter Verschluß halten. Im Vordergrund des politischen Interesses wie jeder aktiven politischen Betätigung standen der Abstimmungskampf und die Sorge!: um die T e i l u n g O b e r - schlesiens. Mitte Juli wird die interalliierte Kommission das Feld geräumt haben, die Abstimnmngspolizei (Apo) wird aufgelöst fein, und unter dem Schutze von Reichswehr und Schupo wird sich dann fehr bald, zumal eine große Reihe von Wahlen vorzunehmen sind, das Vereins- und V e r s a m m l u n g s le b e n in parteipolitischem Sinne wieder lebhaft regen. Für den bayerischen und norddeutschen Judenhaß in Reinkultur wird Oberschlesien Neuland sein, für die Herren Kunze, Wulle, Roth, Dinter das Land der Sehnsucht werden, das sie längst mit der Seele suchen, um das vielgeplagte, unglückliche Oberschlesien auch noch der Heilsbotschaft wahnwitzigen Hasses gegen das Judentum teilhaftig werden zu lassen. Diese Herrschaften werden hier auf Granit beißen. Die zielbewußten Mitglieder der oberschlesischen Judenheit, die sich ihren Widersachern kampferprobt und entschlossen entgegenstellen werden, das dem Judenhaß traditionsgemäß abgeneigte Zentrum, Hand in Hand mit vorurteilslosen Politikern aller Richtungen, und schließlich der ge sundeSi ander f r e i g e w e r k s ch a f t l i ch e n Arbeiter dürften judenfeindlichen Umtrieben sehr bald ein Ende bereiten. Hinter den K u I i ff c n a r b e itet der o b e r s ch l e s i s ch e Antifemite n b u n d b e -, r e i t s fieberhaft. Ich kann den vereinigten Mannen, die das Hakenkreuz und den Knüppel im Wappen tragen, verraten, daß sie die deutsche Judenheit in Oberschlesien w o h l v o r b e r e i t e t finden werden. Wer es gut mit Oberschlesien meiut, der wird warnend feine Stimme erheben, nicht neue Unruhe und neuen Bruderzwist in das unglückliche Land zu tragen. Mit Recht schrieb der „O b e r s ch l e s t s ch e Wa n d e r e r" in Glei lv i tz in seiner Ausgabe vom 11. Juni 1922: „Die Gesinnungsschnüffelei ist aufs tiefste zu beklagen und zu verwerfen, besonders, wenn sie obendrein noch mit ko n sei sio reell er Hetze verbunden wird. Sv werden j üd ifche -Geschäftsleute als Polenfreunde gebrandmnrkt und einzelne Kaufleute mit Drohbriefen bedacht. Wer aber wollte bestreiten, daß im Abstinunungskampf auch unsere jüdischen K a u f l e u t e und M i t b ü r g e r z u g u n st e n d e s D e u t s ch - t u m s ihren M a n n. g e st a n d e n ha b e n? Wir ideutsch-- gebliebenen Oberschlesier haben wahrlich Besseres zu tun, als durch solche Unduldsamkeiten und Ungerechtigkeiten der Erregung neue

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.