Bar Kochba
- Journal
- Bar Kochba
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- Heft 14 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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V e r $ ch u st e r s ch n e i 6 e r Von Walter Lewin In einer deutschen Stadt - wißt Ihr, es war so eine mit alten, grauen Türmen, geheimnisvollen Torbögen und bunten lustigen Häusern - da lebten vor langer seit zwei brave Handwerksleute, ein Schneider und ein Schuster. . Sie vertrugen sich gut, wohnten in derselben Straße einander gegenüber und wenn sie werktags beim lieben Sonnenschein am offenen Fenster arbeiteten, dann flog wohl manch lustiges Wort über die enge Gasse. Sonntags aber zogen Schneider und Schuster mit Frauen und liindern zum Stadttor in die freie Natur Hinaus. Der Schneider verdiente ein gutes Stück Geld und wurde von Tag zu Tag reicher. per Schuster aber, wer weiß warum, konnte nie so recht auf einen grünen Zweig kommen. Ts Kam vielleicht daher, weil ihm sein Handwerk nicht vornehm genug erschien und er seinen Freund, den Schneider, im Inneren ein wenig um das vornehmere Schneiderhandwerk beneidete. Wie der Schuster nun sah, daß sein Freund immer reicher-wurde, beschloß er eines schönen Tages, Schuhe Schuhe sein zu lassen und sich auch auf das Schneiderhandwerk zu verlegen. Da er es aber nicht von Grund auf gelernt und nur ein wenig dem Schneider abgesehen hätte, wurden seine Kleiber nicht so schön wie die des Schneiders. Der, ja der hätte den Schuster ausgelacht, als er ihm erzählte, er wolle fortan ein Schneider sein, Aber bald sollte es anders werden. Als nämlich der Schusterschneider sah. daß die Bürgersleute feine Kleider nicht kauften, kam ihm ein neuer Gedanke. Tr wollte feine Kleider billiger verkaufen als fein Freund und die schlechte Arbeit durch auffallenden Schmuck verdecken. Ja, da kamen mit einem Wale die Bürger und vor allem die Bürgerinnen in seine Werkstatt und kauften bei ihm. Als das der rechte Schneider sah, lachte er nicht mehr. Jetzt saßen beide hinter geschlossenen Fenstern, und sahen lie sich, dann schnitten sie sich Grimassen. Ihre Frauen zankten, und ihre Kinder schlugen sich. Kurzum : die alte Freundschaft war aus. Nach einigen Tagen kamen nun aber die Bürgersleute wieder in des Schusterschneiders Werkftätte herein und klagten, die Kleider hielten nicht und seien schlecht und wollten sie nicht behalten, vä brauste aber unser Schusterschneider auf: Sie hätten die Kleider gekauft und sie müßten sie behalten und damit Punktum. Jetzt gingen die Bürger vor Gericht und verklagten den falschen Schneider: der mußte nun ins dunkle Turmgefängnis wandern, Seine Frau weinte jämmerlich, der echte Schneider aber lachte höhnisch dazu m