Mannheim
Compact Memory

Bar Kochba · 1920-11-01 · Heft 9-10 (November 1920) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 9-10 (November 1920)
Date
1920-11-01
Page
Seite 136 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2276426-2276451-2276460--552-2277104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der Jude holen!" Da bekam das Tischchen Angst; denn es wollte nicht zu Juden, weil das doch „eine schlimme Sorte Menschen" war. Aber dann Kam ein alter Mann und kaufte es. und sagte dabei: „Ein schönes Stück! Vas wäre etwas für die Frau Tante in der Villa!" Und dorthin brachte er es auch. Aber das Tischchen hätte keine Angst zu haben brauchen. Es kam in ein hohes, stilles Zimmer, das fast immer däMmrig war. Doch erhielt es den besten Platz, nahe am Fenster. Und wenn morgens die grünen Läden aufgestotzen wurden, dann sah es ein Stück von dem grünen, sonnenbeglänzlen Nasen, spürte den Duft von den Nosenstöckchen, und hörte die Vögel in den hohen Väumen zwitschern. Tine Dienerin setzte ein Tablett darauf hin, mit einer großen geblümten Teeschale, Milch und Weißbrot; und dann kam ..die alte Gnädige" Sie trug immer ein schwarzes Spitzen- Häubchen auf dem weißen Scheitel, und das schöne Gesicht war streng und stolz Eigentlich lächelte sie nur, wenn ihr Sohn ins Zimmer trat. Aber es war Kein frohes Lächeln: denn der Sohn war gelähmt und bewegte sich nur mühsam vorwärts.. Aber trotz seines Leidens kam er jeden Morgen und jeden Abend, um seiner alten Mutter die Hand zu Küssen und nach ihrem vefinden zu fragen. Und es war eine so rührende Liebe zwischen den beiden, daß dem Tischchen doch ernste Zweifel Kamen. Vieser-Sohn, der sein Leiden mit Geduld, ja mit Heiterkeit trug, und die treue, alte Frau, der ihr hohes Alter keine Vürde war, — („der liebe Gott läßt mich so lange leben, weil mein ltind mich noch braucht", hörte das Tischchen sie einmal sagen,) — diese beiden waren doch offenbar keine „schlimme Sorte Menschen"? Und das Tischchen wurde in ihrem Hause alt; bis eines Nachts ein großes Stöhnen in dem Zimmer war, und hastiges Hin- und Herlaufen, und das Klirren von Schüsseln, die man eilig auf das Tischchen stellte. Gegen morgen aber wurde es totenstill. Und am dritten Tag stellte man ein Gefäß mit Gl auf das Tischchen, und dann kam der Sohn herein, um für seine Mutter das Neschomot-Licht*) anzuzünden. Und nur das Tischchen hörte, wie er dabei zu Gott betete, er möge ihn bald wieder mit seiner guten Mutter vereinigen. Und das sollte auch geschehen. Eine Kurze, traurige Zeit noch stand das kleine Tischchen am Veite des Kranken, wo es nur Flaschen und Glaser mit pulvern und Medizinen trug. Dann gab er wieder eines Nachts ein Türenschlagen in dem sonst so stillen tjauje, und das unheimliche, gedämpfte flüstern und Wispern Am Morgen aber war alles zu Ende. — Später zerrte man das Tischchen in das große Zimmer, legte eine grüne Decke darüber und stellte ein großes Tintenfaß darauf. Dann kam der Herr Aktuar und las etwas vor. und dann gab es einen großen Lärm: Das waren die Erben, Licht dar wahrend der ganzen Trauerjahres brennt 136

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.