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Bar Kochba · 1920-11-01 · Heft 9-10 (November 1920) · p. Seite 135

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bar Kochba
Volume
2 (1920-1921)
Issue
Heft 9-10 (November 1920)
Date
1920-11-01
Page
Seite 135 (sequence 7)
Language
German
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w a § das Tis chchen erlebte von Anette toewenthal. Ls war ein vornehmes Tischchen: seine ovale Platte war von braunem Mahagoni, die Füße Kunstvoll geschweift. Und es stand auch an einem vornehmen.Platze: zwar war es nur im Vorzimmer eines Landschlößchens, aber immerhin, es gehörte doch der Kaiserin, die freilich selten genug in diese entlegene Gegend kam. Eigentlich bekam das Tischchen sie nur ein. mal richtig zu. Gesicht. Sie sah sehr schön, aber auch sehr traurig aus. und es mußte wohl ein großer Kummer sein, der sie bedrückte, daß sie aus ihrer prächtigen Hofburg hierher in diese stillen Zimmer sich geflüchtet hatte. Es kam auch fast kein Mensch zu ihr, ausgenommen ein stiller, blasser Mann, den man ihren Vorleser nannte. Der kam und ging immer mit Büchern in der Hand, und als er einmal schnell abgerufen wurde, ließ er eines davon auf dem Tischchen liegen. Gleich stürzte ein neugieriges Hoffraulein darauf zu, und „Heinrich Heine" las sie naserümpfend auf dem Titel. „Fi Vonc, von dem Juden!", entfuhr es ihr. und schleunigst klappte sie den Deckel wieder zu; denn der Vorleser war zurückgekommen. - (D, dachte das Tischchen, das muß aber eine schlimme Sorte Menschen sein, wenn man sie Mit solchem Abscheu nennt. Aber warum läßt sich dann die Kaiserin aus einem solchen Buche vorlesen? - - Indessen kam das Tischchen vorerst nicht dazu, dies Rätsel zu lösen. Venn am Nächsten Tag war die traurige Frau abgereist, und bald hieß es, das Schlößchen und alle Möbel würden verkauft; denn die Kaiserin bezöge ein viel schöneres Schloß, ganz aus Marmor, das weit unten im Süden, am blauen Meere lag. Richtig wurde auch das Tischchen fortgebracht; aber es kam zu sehr netten Leuten. Freilich, so steif und vornehm ging es bei ihnen nicht zu, dafür war es aber auch nicht so langweilig. Im Gegenteil, es war sogar ungemein lustig. Vas Tischchen wurde vor den Spiegel gerückt, und man setzte eine schöne Schale von Alabaster darauf, die stets mit den feinsten Früchten und Kuchen gefüllt war. Immer, wenn Besuch kam, wurde daraus angeboten, und es Kam sehr oft Besuch: reizende Damen in lächerlich gebauschten Röcken drehten sich vor dem Spiegel und streiften das Tischchen mit ihren Rüschen und Spitzen; und schöne Kavaliere legten Bonbonnieren und zierliche Almanachr auf das Tischchen hin, wenn sie kamen, um die jungen Fräuleins zum Ball oder zum Theater abzuholen. Es war ein ständiger Trubel im Haus; aber eines schönen Tages hatte die ganze Herrlichkeit ein Ende. „Sie find zu leichtsinnig gewesen", sagte die alte Wirtschafterin, die jeden Tag auf dem Tischchen Staub wischte, „nun wird alles 135

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